Pro und Contra: Sind internet- und mobilbasierte Interventionen sinnvoll bei psychischen Störungen?

Mit fortschreitender Digitalisierung werden zunehmend internet- und mobil­basierte Selbstmanagement-Interventionen (IMI) für psychische Störungen angeboten, vornehmlich bei leichten bis mittelschweren Depressionen oder Angsterkrankungen. Beispiele dafür sind die von diversen Krankenkassen angebotenen Programme Deprexis oder moodgym, Ifightdepression von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, oder auch Apps, die sich jeder herunterladen kann, wie zum Beispiel moodpath. Befürworter und Bedenken­träger solcher Anwendungen halten sich zurzeit die Waage.

Philipp Klein: Auch Selbstmanagement-Interventionen führen zu einer messbaren und andauernden Verbesserung der psychischen Beschwerden.

Das wichtigste Beispiel für IMIs sind Selbstmanagement-Interventionen. Sie vermitteln Kenntnisse aus der Psychotherapie nicht durch einen Therapeuten, sondern durch ein internetbasiertes Computerprogramm. Der Einsatz dieser Interventionen sollte sich nach der Studienlage und der Diagnose richten, die idealerweise vor Nutzung der Intervention gesichert wird.

Jan Philipp Klein, Leitender Oberarzt, Zentrum für Integrative Psychiatrie ZiP gGmbH, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein /Malte Joost, GEO.de

Die Studienlage ist insbesondere bei Depressionen und Angsterkrankungen sehr gut. Die Studien zeigen beispielsweise, dass Selbstmanagement-Interventionen besonders geeignet sind für Menschen mit psychischen Störungen, die gegenwärtig nicht in Behandlung sind. Denn eine fehlende Behandlung bei bestehender psychischer Störung kann verschiedene Gründe haben. Viele Betroffene ziehen es vor, ihre psychische Störung aus eigener Kraft zu überwinden. Für diese Menschen kann eine Selbstmanagement-Intervention eine sinnvolle Alternative zur Psychotherapie im persönlichen Kontakt sein. Denn auch Selbstmanagement-Interventionen führen zu einer messbaren und andauernden Verbesse­rung der psychischen Beschwerden.

Sie eignen sich darüber hinaus als Ergänzung zu einer ambulanten oder stationären Psychotherapie. In diesem Fall können sie die Wirksamkeit der Psychotherapie steigern. Studien geben aber auch Hinweise darauf, in welchen Fällen der Einsatz von Selbstmanagement-Interventionen an seine Grenzen stößt: Beispielsweise sind diese Interventionen weniger wirksam bei Menschen, die einer Psychotherapie im persönlichen Kontakt mehr vertrauen oder bei Menschen, die auf der Warteliste für eine Psychotherapie stehen. Das bedeutet, dass diese Interventionen trotz ihrer nachgewiesenen guten Wirksamkeit keinesfalls immer als Behandlung der ersten Wahl angesehen werden können. Ferner sollten nur Programme zum Einsatz kommen, deren Wirksamkeit in randomisierten Studien gezeigt wurde.

Timo Beeker: Unspezifisch konstruierte Eingangstests suggerieren Usern einen höheren als tatsächlich bestehenden Hilfsbedarf.

IMI für psychische Störungen werden medial und in der Fachwelt oftmals einhellig begrüßt. Dabei gerät allzu leicht aus dem Blick, dass es sich bei ihnen nicht nur um ein Hilfsangebot handelt, sondern auch um ein lukratives Geschäftsmodell, hinter dem Start-Up-Unternehmen und Investorengelder stehen.

Timo Beeker, Assistenzarzt, Hochschulklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Brandenburg /privat

Besondere Skepsis ist gegenüber sogenannten Psycho­therapie-Apps angezeigt, die versprechen, vollautomati­siert eine ähnliche Wirkung wie eine herkömmliche Verhaltenstherapie zu erzielen. Bereits aus dem Aufbau dieser Anwendungen wird der Einfluss expansiver Marktlogik ersichtlich: Unspezifisch konstruierte Eingangs­tests suggerieren Usern einen höheren als tatsächlich bestehenden Hilfs­bedarf. Dadurch werden gezielt Menschen angesprochen, die lediglich unter lebens­bedingungs- oder stressassoziierten Allgemein­beschwerden leiden. Nichtsdestotrotz erfolgt die Interaktion mit den Programmen unter der Hypothese, die subjektiven Beschwerden seien in Wirklichkeit Symptome einer Erkrankung. Diese subtile Umdeutung des eigenen Befindens kann schnell in Selbstpatholo­gisierung umschlagen. Spätestens wenn die Beschwer­den nachlassen, was ohnehin zumeist spontan geschieht, scheint der Beweis erbracht, dass man wohl tatsächlich krank gewesen ist. Diese per self-fulfilling prophecy gewonnene Überzeugung sichert die zukünftige Kundentreue und erhöht zugleich das Risiko, dass User auch im analogen Gesundheitssystem eigentlich inadäquate Diagnosen erhalten.

Angesichts des expandierenden psychiatrischen Versorgungssystems und der inflationären Vergabe psychiatrischer Diagnosen sollte dies Anlass zur Sorge bieten. Ähnlich wie der Antidepressiva-Boom in den 1990er-Jahren könnten IMI für psychische Störungen eine neue Welle der Psychiatrisierung von Gesellschaft und individuellen Lebenswelten auslösen.

Feinabstimmung neuronaler Rhythmen im Schlaf mit steigendem Alter verändert

Bei älteren Menschen gelingt die Konsolidierung von Gedächtnis­inhalten während des Schlafes nicht mehr so gut wie bei jüngeren. Gründe dafür erläutern Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung zusammen mit Forschern der Goethe-Universität Frankfurt und der Universität Fribourg in der Fachzeitschrift Scientific Reports (2019; doi: 10.1038/s41598-018-36557-z).

Der Schlaf ist bekanntlich für die langfristige Speicherung und Vernetzung neuerworbe­nen Wissens und somit für das Lernen unerlässlich. Eine zentrale Hirnstruktur dafür ist der Hippocampus. Er ist wesentlich an der schnellen aber kurzfristigen Speicherung neuer­worbenen Wissens und alltäglicher Erlebnisse beteiligt. Der Schlaf ermöglicht es, dass der Hippokampus Gedächtnisinhalte in die langsamer lernende Großhirnrinde überträgt und dort allmählich fest einschreibt. Dafür ist es den Forschern zufolge nötig, dass die Nervenzellaktivitäten in den beteiligten Gehirnarealen präzise aufeinander abgestimmt sind. 

„Durch die Beobachtung der Gehirnaktivität von Probanden im Schlaf konnten wir zeigen, dass sich Personen, die mehr vergessen, in einem wesentlichen Punkt von anderen Personen unterscheiden: Die Aktivität der Nervenzellen im Hippocampus und in der Großhirnrinde ist bei den vergesslicheren Personen weniger präzise gekoppelt“, erläuterte Beate Muehlroth, Erstautorin der Studie und Doktorandin im Forschungsbereich Entwicklungspsychologie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.

Das Forscherteam hat die Lern- und Merkfähigkeit von 34 jüngeren Probanden im Alter zwischen 19 und 28 Jahren und 41 älteren Probanden im Alter zwischen 63 und 74 Jahren in einem speziell zu diesem Zweck entwickelten Gedächtnistest verglichen. Die Nacht zwischen dem Lernen und dem Gedächtnistest am nächsten Tag verbrachten die Teilnehmer zu Hause. Dort wurde die Nervenzellaktivität im Schlaf mit einem tragbaren Schlaf-EEG-System erfasst. Zusätzlich wurden die Größe und Struktur gedächtnis- und schlafrelevanter Gehirnareale mittels Magnetresonanztomografie (MRT) im Labor gemessen.

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In den Ergebnissen zeigte sich, dass ältere Probanden im Durchschnitt mehr vergaßen als jüngere Teilnehmer. Zusätzlich zeigte sich, dass Probanden mit geringerer Merkfähigkeit nachts während der Tiefschlafphasen eine weniger präzise Kopplung zwischen Schlaf­spindeln und langsamen Wellen aufwiesen, sodass die Konsolidierung der neu erlernten Inhalte weniger erfolgreich war.

„Wir haben festgestellt, dass die Kopplung der beiden Nervenzellrhythmen mit dem Alter tendenziell abnimmt und die Vergesslichkeit gleichzeitig zunimmt. Dies bedeutet zugleich: Diejenigen unter den älteren Probanden, die bei den Gedächtnistests gut abschnitten, zeigten auch ein Kopplungsmuster, das dem der jüngeren Probanden ähnelt“, erläuterte Markus Werkle-Bergner, Seniorautor und Projektleiter am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. 

Therapy conversation with the psychologist

Ärzte sollten Zugang zur Telematik­infrastruktur bestellen

Arzt- und Psychotherapeutenpraxen müssen bis zum 31. März dieses Jahres die Technik für den Anschluss an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) bestellt haben und dies ihrer Kassen­ärztlichen Vereinigung (KV) nachweisen. Bis Ende Juni 2019 muss die Technik installiert sein, ansonsten drohen Sanktionen in Höhe von einem Prozent des Praxisum­satzes. Darauf hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hingewiesen. Sie rät den Ärzten, sich bei der Bestellung einen Installationstermin bis zum 30. Juni schriftlich zusichern zu lassen.

„Ärzte und Psychotherapeuten, die noch nicht an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) ange­schlossen sind, sollten in jedem Fall noch in diesem Monat bestellen und das Ergebnis der Bestellung auch an ihre Kassenärztliche Vereinigung (KV) melden“, unterstrich KBV-Vorstandsmitglied Thomas Kriedel in einem Interview mit KV-on.

Das gelte selbst dann, wenn der Anbieter zurzeit noch nicht in der Lage sei, alle Kompo­nenten zu liefern oder fristgerecht Termine zu benennen. Kriedel betonte: „Nach unserer Auffassung ist in einem solchen Fall der Arzt oder Psychotherapeut definitiv von Sanktio­nen befreit, weil er seine Verpflichtungen aus dem Gesetz erfüllt hat.“

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Der KBV zufolge gelten für die TI besonders hohe Sicherheitsanforderungen. Demnach benötigen Praxen neben Konnektor und E-Health-Kartenterminal einen VPN-Zugangs­dienst, ein Update des Praxisverwaltungssystems (PVS) und einen Praxisausweis.

Für die Bestellung der Technik ist der PVS-Anbieter oder der IT-Betreuer der Praxis der Ansprechpartner. Einige Praxen hätten zudem Anspruch auf weitere Geräte. Hierzu können die KVen Auskunft geben. Sie informieren auch darüber, in welcher Form der Nachweis über die Bestellung der TI-Komponenten erfolgen soll. 

Ärzte sollen Kinder vor sexueller Gewalt im Internet warnen

Ärzte sollen Kinder nach Ansicht von Fachleuten auf die Gefahren sexueller Belästigung in sozialen Netzwerken aufmerksam machen. Eine große Gefahr sei es etwa, wenn Kinder und Jugendliche freizügige Bilder von sich veröffent­lichten, sagte die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Evelyn Heyer im Vorfeld einer Ärztetagung in Kassel. „Es geht darum, Ärzte zu sensibilisieren, Kinder auf Medien­konsum anzusprechen.“

Eine gute Möglichkeit für Mediziner, Jugendliche anzusprechen, sind nach Heyers Ansicht die Jugenduntersuchungen in der Pubertät. Unter sexueller Gewalt verstehen Fachleute nicht nur Übergriffe, sondern auch anzügliche Bemerkungen oder sexuelle Belästigung über das Netz.

Auch der Organisator der Tagung sieht Handlungsbedarf. „Guter Kinderschutz erfordert gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte und deren Zusammenarbeit mit anderen Fach­kräften“, sagte Bernd Herrmann, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung (DGfPI). Das werde in Aus- und Weiterbildung bislang kaum berücksichtigt.

Zu der bundesweiten Ärztetagung in Kassel werden am Freitag und Samstag 172 Medizi­ner erwartet. Veranstalter ist neben der DGfPI die Deutsche Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin (DGKiM), unterstützt von der Techniker Krankenkasse. 

Heuft bleibt Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie

Berlin – Gereon Heuft, Direktor der Klinik für Psycho­somatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Münster, bleibt bis 2023 Vorsitzender des Wissenschaft­lichen Beirats Psychotherapie (WBP). Der Beirat wählte Heuft jetzt in der konstituierenden Sitzung. Heuft hatte zum 1. Juli 2016 erstmals den Vorsitz übernommen.

Zum Stell­ver­treter wurde Bernhard Strauß, Diplom-Psychologe und Psycho­logischer Psychothera­peut des Instituts für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie des Universitätsklini­kums Jena, bestimmt.

Der WBP, dessen fünfte Amtsperiode von 2019 bis 2023 gehen wird, wird gemeinsam von der Bundespsycho­therapeutenkammer und der Bundes­ärzte­kammer gebildet. Aufgabe des Gremiums ist zum einen die gutachterliche Beratung von Behörden bei der wissen­schaftlichen Anerkennung von einzelnen psychothera­peutischen Verfahren und daraus resultierend bei der staatlichen Anerkennung von Ausbildungsstätten.

Zum anderen befasst sich der WBP mit Anfragen psychotherapeutischer Fachverbände hinsichtlich der wissenschaftlichen Anerkennung von Psychotherapieverfahren und -methoden. Darüber hinaus greift der WBP aus eigener Initiative Fragen der Psychothe­rapieforschung auf.

Die Geschäftsführung des WBP wechselt in jeder Amtsperiode und liegt in dieser fünften Amtsperiode bei der Bundes­ärzte­kammer. 

Die Hirnströme vor dem Bungeesprung

Bewegungsbezogene Hirnaktivitäten lassen sich auch in Situationen zuverlässig messen, in denen starke Emotionen eine Rolle spielen, zum Beispiel vor einem Bungeesprung. Das berichten Wissenschaftler um Surjo Soekadar von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. 

Wenn eine Person bei einem Bungeejump kurz vor dem Entschluss steht, von der Brücke herunterzuspringen, konnten sie fast eine Sekunde vor der bewussten Entscheidung zu dem Sprung ein sogenanntes Bereitschaftspotenzial nachweisen. Die Studie ist im Fachjournal Scientific Reports erschienen (2019; doi: 10.1038/s41598-018-38447-w). 

Elektrische Spannungsverschiebung im Gehirn zeigt Bereitschaft an

Das Bereitschaftspotenzial ist eine elektrische Spannungsverschiebung im Gehirn, die über die menschliche Kopfhaut mittels Elektroenzephalografie (EEG) gemessen wird. Es zeigt eine bevorstehende willentliche Handlung – zum Beispiel eine Handbewegung – an und entsteht, noch bevor sich die handelnde Person bewusst wird, dass sie gleich diese Bewegung ausführen wird. Das Phänomen wurde 1964 von Lüder Deecke und Hans-Helmut Kornhuber entdeckt, als beide unter strengen Laborbedingungen die Hirnströme von Probanden bei Fingerbewegungen maßen.

„Die Messung dieser elektrischen Potenziale ist bereits im Labor extrem sensibel, da die Spannungsverschiebung nur wenige Millionstel Volt beträgt. Doch um alltagstaugliche Gehirn-Computer-Schnittstellen zu entwickeln, wollten wir untersuchen, ob das Bereitschaftspotenzial auch unter realen Umständen aufzuzeichnen ist“, berichtet Soekadar.

Höhe der Sprünge ohne Auswirkung

Die Forscher ließen daher 2 Probanden insgesamt 30-mal von der 192 Meter hohen Europabrücke bei Innsbruck springen und nahmen dabei deren Hirnströme auf. So konnten sie in einer realen Umgebung nachweisen, dass bewegungsbezogene Hirnaktivität auch in Situationen zuverlässig gemessen werden kann, in denen starke Emotionen eine Rolle spielen. Zudem fanden sie heraus, dass sich die Hirnaktivität bei den Sprüngen aus 192 Metern Höhe nicht von der Hirnaktivität bei Sprüngen aus nur 1 Meter Höhe unterscheidet. Die 2 Probanden sprangen dafür ebenfalls insgesamt 30-mal aus 1 Meter Höhe. Dieses Ergebnis bedeutet laut den Forschern, dass die Angst vor einer vermeintlich lebensgefährlichen Handlung keinen Einfluss auf die Ausprägung des Bereitschaftspotenzials hat. 

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Die Studie ist laut den Autoren für die Weiterentwicklung von Gehirn-Computer-Schnittstellen wichtig. Diese übersetzen Hirnaktivität in Steuersignale von Robotern oder anderen technischen Geräten. Im Alltag ist es sehr wichtig, dass auch starke Gefühle die Steuerung solcher Neuroprothesen nicht beeinträchtigen. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass wir Gehirn-Computer-Schnittstellen auch unter extremer emotionaler Anspannung zuverlässig einsetzen können“, erklärt Soekadar. 

Studie: Jeder sechste minderjährige Gamer von Sucht bedroht

Etwa jeder sechste minderjährige Computerspieler in Deutschland ist einer Studie zufolge suchtgefährdet. Von den rund drei Millionen Jugendlichen, die regelmäßig an Computer, Smartphone oder der Konsole spielen, zählen Forscher demnach 15,4 Prozent zur Risikogruppe. Das sind rund 465.000 Jugendliche, wie aus einer heute in Berlin vorgestellten Untersuchung der Krankenkasse DAK-Gesundheit und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen hervorgeht.

Beispiele sind aus Sicht der Experten

  • Kein Ende: Die virtuellen Spielewelten verändern sich ständig. Es werden neue Erlebnisse ohne endgültiges Ziel angeboten.
  • Belohnungen: Hohes Spielengagement – sei es in Form von Zeit- oder Geldeinsatz – wird belohnt.
  • „Loot-Boxen“: Diese Kisten mit überraschendem Inhalt gibt es für erzielte Erfolge oder gegen Geld. Das entspricht den suchtgefährdenden Mechanismen des klassischen Glücksspiels.
  • Virtuelle Währung: Bestimmte Extras werden nur gegen Geld freigeschaltet („In-Game-Käufe“). Der Einsatz virtueller Währungen erschwert dabei den Überblick über die Ausgaben.
  • Soziale Zugehörigkeit: Ein Teamverbund ermöglicht schnelle Spielfortschritte und schafft Wertschätzung und Anerkennung, kann aber auch den Druck erzeugen, mithalten zu müssen.
  • Personalisierung: Spiele gehen stark auf Bedürfnisse und Wünsche der Nutzer ein und berücksichtigen persönliche Fähigkeiten.

Mehr Jungen als Mädchen betroffen

Das Spielverhalten der Betroffenen sei riskant oder sogar krankhaft im Sinne einer Abhängigkeit, hieß es. Sie fehlten danach häufiger in der Schule, hätten mehr emotionale Probleme und gäben zudem deutlich mehr Geld für Computerspiele und Extras aus. Zu den sogenannten Risikogamern gehören wesentlich mehr Jungen als Mädchen (79 zu 21 Prozent). 

Die Suchtexperten forderten angesichts der Ergebnisse ein Verbot von Glücksspiel­elementen in Computerspielen. „Durch die Tricks der Industrie finden viele Jugendliche kein Ende und verzocken Zeit und Geld“, warnte DAK-Gesundheit-Chef Andreas Storm. „Aus Spaß kann schnell Sucht werden.“ Deshalb müsse der Glücksspiel­charakter in Computerspielen eingedämmt werden. In Belgien und den Niederlanden existierten bereits entsprechende Verbote. Außerdem sollten für Gamer Warnhinweise eingeblendet werden, wenn bestimmte Spielzeiten überschritten sind, forderte Storm.

72,5 Prozent der Jugendlichen in Deutschland spielen am Computer

Grundlage des DAK-Reports „Geld für Games – wenn Computerspiel zum Glücksspiel wird“ ist eine Untersuchung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und dem Umfrage­institut Forsa. Demnach spielen 72,5 Prozent der Jugendlichen in Deutschland regelmäßig Computerspiele, davon zeigen 15,4 Prozent oder rund 465.000 bedenk­liches Verhalten.

Nach Angaben der UKE-Experten fehlen „Risikogamer“ in der Schule etwa dreimal häufiger als Altersgenossen mit unauffälligem Spielverhalten. Die Risikogruppe war außerdem deutlich öfter bereit, Geld für Spiele auszugeben. Sie investierte dabei etwa doppelt so viel in den Kauf von Extras. Fünf Prozent der Jugendlichen aus dieser Gruppe hatten wegen des Spielens demnach ernsthafte Probleme mit Familie oder Freunden.

Kritisch bewerteten die Fachleute dabei insbesondere Aspekte aktueller Spiel­gestaltung, die nach ihrer Einschätzung mögliche Abhängigkeiten befördern. Neben Lootboxen, die junge Spieler demnach an Mechanismen des Glücksspiels heranführen, bezogen sie sich unter anderem auf den Einsatz virtueller Währungen, etwa zum Kauf hilfreicher Funktionen. Auch die Tatsache, dass Spiele als sich ständig verändernde „Open-End“-Versionen mit immer neuen Erlebnissen angeboten werden, trägt ihrer Auffassung nach dazu bei. Das Agieren im Team gehört ebenfalls dazu. Dies ermögliche schnellere Fortschritte und schaffe Anerkennung, hieß es. 

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Lebensstilfaktoren hinterlassen Spuren im Gehirn

Eine gesunde beziehungsweise eine ungesunde Lebensführung spiegeln sich auch im Gehirn wider. Das berichten Nora Bittner und Svenja Caspers vom Jülicher Institut für Neurowissenschaften und Medizin in der Fachzeitschrift Nature Communications (2019; doi: 10.1038/s41467-019-08500-x). 

Die Forscher analysierten die Daten von 248 Frauen und 301 Männern im Alter von 55 bis 85 Jahren. Hierbei konnten sie auf Kernspinaufnahmen der Gehirne und auf einen umfangreichen Datensatz zu der Lebenssituation der Probanden zurückgreifen. Sie berücksichtigten davon die Faktoren soziales Umfeld, Alkohol- und Tabakkonsum sowie körperliche Aktivität. „Unser Datensatz erlaubt es, alle vier Aspekte gleichzeitig in jedem einzelnen Probanden zu betrachten und dabei auch Effekte aufzudecken, die erst durch das Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren zustande kommen“, erläuterte Caspers.

„Sport, soziale Kontakte und Alkohol wirken sich nach unseren Ergebnissen direkt auf die Gehirnstruktur aus“, so Bittner. Die graue Substanz in bestimmten Regionen des Gehirns sei zum Beispiel bei Menschen, die in einem regen sozialen Umfeld lebten, besser erhalten, als bei Menschen, die wenig soziale Kontakte hätten. Auch sportlich aktive Menschen zeigten im Alter einen geringeren Volumenverlust des Gehirns als inaktive Zeitgenossen. Ein hoher Alkoholkonsum wirke sich hingegen negativ auf die Gehirnstruktur aus, gehe also mit einem Gehirnabbau und dem Verlust von Nerven­zellen einher, führte die Wissenschaftlerin aus.

Rauchen beeinflusse hingegen weniger die Gehirnstruktur, sondern vielmehr die Gehirnfunktion, stellte Bittner fest. „Es zeigte sich, dass die sogenannte funktionelle Konnektivität, also die gezielte Zusammenarbeit von Hirnregionen untereinander, im ruhenden Gehirn bei Rauchern höher ist als bei Nichtrauchern“, hob Bittner hervor. „Wir gehen davon aus, dass dadurch die kognitive Reserve bei Rauchern geringer ist, da die betreffenden Regionen schon im Ruhezustand auf Hochtouren laufen und damit kein Leistungspuffer mehr frei ist“, ordnete sie dieses Ergebnis ein.

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„Unsere Forschungsergebnisse zeigen eindrucksvoll, dass allgemeingültige Aussagen zu einer gesunden Lebensführung sich auch anatomisch und funktionell im Gehirn widerspiegeln“, betonte Caspers. 

Das Forscherteam war nach eigenen Angaben überrascht von der starken Korrelation zwischen sozialer Interaktion und der ausgeprägten Hirnstruktur. „Der positive Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und geistiger Leistungsfähigkeit ist schon länger bekannt und gut belegt“, sagte Caspers. „Dass nun ein intensives oder geringes Sozialleben ebenfalls deutliche Spuren im Gehirn hinterlässt, eröffnet eine Vielzahl von neuen Forschungsfragen“, so ihre Einschätzung.

Concept image of miniature construction workers inspecting a brain. There are small caution cones around the brain. White background.

Koalition verschiebt Neuregelung der Psychotherapie

Die große Koalition hat Pläne zur Neuregelung der Psychotherapie vorerst gestoppt. Gesundheitspolitiker von SPD und Union einigten sich mit Bundesgesund­heitsminister Jens Spahn (CDU) darauf, das Thema zu einem späteren Zeitpunkt anzugehen, wie eine Sprecherin der SPD-Fraktion heute bestätigte. Zuvor hatten die Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland darüber berichtet.

Eigentlich hatte Spahn die Psychotherapie im Rahmen seines geplanten Termin­gesetzes neu regeln wollen. Demnach sollten Versicherte künftig erst mit bestimmten Ärzten oder Psychotherapeuten reden, bevor sie eine Therapie beginnen können. So wollte Spahn die Wartezeiten in der Psychotherapie senken. Aktuell erhalten Patienten im Schnitt erst nach 20 Wochen einen Therapieplatz.

Die SPD, Therapeutenverbände, Ärzte und Patientenvertreter kritisierten Spahns Pläne heftig. Das vorgeschlagene Verfahren sei Patienten nicht zumutbar. „Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht“, hatte Bundes­ärzte­kammerpräsident Frank Ulrich Montgomery das Stufenmodell kommentiert. Der Gesetzgeber beschränke mit dem Vorhaben nicht nur die Wahlfreiheit der Patienten. Eine solche Regelung speziell für Menschen mit psychischen Erkrankungen diskriminiere zudem die betroffenen Patientengruppen. Rund 160.000 Menschen unterschrieben eine Petition gegen die Neuregelung.

Nun will die Koalition die Psychotherapie mit einem eigenständigen Gesetz reformieren, wie die SPD-Fraktion mitteilte. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Maria Klein-Schmeink, begrüßte die Verschiebung. „Jetzt muss es darum gehen, endlich für Patientinnen und Patienten mit komplexem Unter­stützungs­bedarf vor Ort koordinierte und individuell passende Behandlungs- und Unterstützungs­angebote zu ermöglichen“, erklärte sie. 

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Metaanalyse: Früher Cannabiskonsum erhöht Depressions- und Suizidrisiko im Erwachsenenalter

Während immer mehr Länder den Cannabiskonsum legalisieren und die THC-Droge zunehmend zu medizinischen Zwecken eingesetzt wird, warnen Epidemiologen vor den Folgen für die Gehirne jugendlicher Menschen. Eine Metaanalyse in JAMA Psychiatry (2019; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.4500) kommt zu dem Ergebnis, dass ein Cannabiskonsum vor dem 18. Lebensjahr das Risiko auf spätere Depressionen und Suizide erhöht.

Tetrahydrocannabinol (THC) und andere Bestandteile von Cannabis sativa oder indica wirken auf Cannabinoidrezeptoren in Hippocampus, Basalganglien und auch im Cortex. Dies mag für den Moment ein erhebendes Gefühl ergeben, das Sorgen und Schmerzen verdrängt und vielleicht auch kognitive Hemmungen beseitigt. Wie andere Pharmaka hat THC jedoch Risiken und Nebenwirkungen, zu denen möglicherweise Ängste und Depressionen gehören. Und da das Gehirn von Teenagern eine Entwicklungsphase durchläuft, könnten diese Risiken auch von Dauer sein. 

Da es kaum Ergebnisse aus randomisierten klinischen Studien gibt, in denen THC etwa mit anderen Schmerzmitteln verglichen würde, sind die Forscher bei ihrer Bewertung auf die Ergebnisse epidemiologischer Studien angewiesen. Diese sind prinzipiell fehleranfällig, da es natürlich sein kann, dass Menschen mit Depressionen und Ängsten eher dazu neigen könnten, sich durch den einen oder anderen „Joint“ zu entspannen. Eine Assoziation könnten dann Folge einer reversen Kausalität sein. 

Gabriella Gobbi von der McGill Universität in Montreal und Mitarbeiter nehmen jedoch für sich in Anspruch, von den zahlreichen seit 1993 publizierten Studien nur jene 11 ausgewählt zu haben, die den höchsten Qualitätsansprüchen an Metaanalysen genügen. Diese Studien hatten 23.317 Jugendliche im Alter von unter 18 Jahren nach ihrem Cannabiskonsum befragt und die Antworten dann mit späteren psychischen Erkrankungen in Beziehung gesetzt.

Für die Entwicklung einer späteren Depression fanden die Forscher eine Odds Ratio von 1,37, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,16 bis 1,62 signifikant war. Der Heterogenitätsindex I2 betrug 0 %. Das heißt: Die Zusammensetzung der Kohorten und die Messinstrumente waren ähnlich. Es wurden also nicht „Äpfel mit Birnen“ verglichen. Eine Odds Ratio von 1,37 bedeutet, dass das Risiko für den einzelnen Konsumenten relativ gering ist. Da der Cannabiskonsum weit verbreitet ist, kann aber auch ein geringer Anstieg des individuellen Risikos für eine größere Anzahl von Erkrankungen in einer Bevölkerung verantwortlich sein. Für die USA, wo jeder fünfte Jugendliche gelegentlich einen „Joint“ raucht, könnte der Anteil der Depressionen, der durch Cannabis verursacht wurde (attributables Risiko), 7,5 % betragen (für Deutschland wären die Zahlen deutlich niedriger).

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Für Angstzustände ließ sich keine eindeutige Assoziation nachweisen. Die Odds Ratio von 1,18 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,84 bis 1,67 nicht signifikant, was an der hohen Heterogenität (I2 = 42 %) zwischen den Studien gelegen haben könnte.

Eine Folge von Depressionen sind Suizide. Sowohl für Suizidgedanken (Odds Ratio 1,50; 1,11-2,03; I2 = 0 %) als auch für Suizidversuche (Odds Ratio 3,46; 1,53-7,84, I2 = 61,3 %) konnte Gobbi eine signifikante Assoziation nachweisen. Für einige Konsumenten könnte der leichtfertige Umgang mit der Droge deshalb tödliche Folgen haben – was den Ruf von Cannabis als eigentlich harmlose Droge infrage stellt – sofern den Assoziationen denn eine Kausalität zugrunde liegt.

Beweisen kann Gobbi dies nicht. Sie kann allerdings auf zahlreiche Tierversuche hinweisen, in denen die regelmäßige Exposition mit THC zu depressiven Verhaltensweisen geführt hat. Und in jüngster Zeit wurde in bildgebenden Verfahren (in der Regel Magnetresonanztomografie) ein Rückgang der grauen Substanz ausgerechnet in den Regionen (Hippocampus, Amygdala, präfrontaler Cortex) gefunden, in denen sich die meisten Endocannabinoid-Rezeptoren befinden). Ganz sicher können sich Jugendliche Cannabiskonsumenten deshalb nicht sein, dass die von der Forschung aufgetischten Daten für sie nicht relevant sind.