Psychotherapeuten sehen Videobehandlung nicht als „Goldstandard“

Zwei Drittel der Psychotherapeuten schätzen die Wirksamkeit einer Videobe­handlung im Vergleich zum persönlichen Kontakt als schlechter ein. Das ergab eine Blitz­umfrage der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV), die ihre Mitglieder zwi­schen dem 3. und 7. April zur Nutzung von Videosoftware und Telefon während der Coro­napandemie befragt hatte.

4.466 in der ambulanten Versorgung tätige Psychotherapeuten haben demnach geant­wor­tet, davon fast 90 Prozent Vertragspsychotherapeuten in eigener Praxis. „Der Goldstan­dard in der Psychotherapie ist der persönliche Kontakt – und wir hoffen, dass dieser bald wieder problemlos möglich sein wird“, sagte Gebhard Hentschel, Bundesvorsitzender der DPtV.

77 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben dem Berufsverband zufolge an, dass sie die Möglichkeit psychotherapeutischer Videobehandlungen nutzen – 95 Prozent davon erst seit Beginn der Krise. Die Befragten, die Video einsetzten, versorgten auf diesem Wege im Durchschnitt 40 Prozent ihrer Patienten.

In 15 Prozent dieser Praxen werden sogar 90 bis 100 Prozent der Patient per Video be­han­delt. Zwei Drittel der befragten Psychotherapeuten schätzten indes die Wirksamkeit einer Videobehandlung im Vergleich zum persönlichen Kontakt als schlechter ein.

Erhöhter Bedarf therapeutischer Hilfe per Telefon

66 Prozent der Befragten stellten in ihren Praxen einen erhöhten Bedarf an telefonischer Hilfe fest. „Video funktioniert nicht immer reibungslos. Über ein Fünftel der Befragten kri­tisierte schlechte Internetverbindungen. Telefon gibt es aber überall“, erklärte Hentschel.

Bislang steht die telefonische Versorgung nur Patienten offen, die sich bereits in Behand­lung befinden. Gerade in der psychisch belastenden Coronakrise müsse auch neuen Pa­tien­ten psychotherapeutische Unterstützung per Telefon zur Verfügung stehen, fordert der DPtV-Vorsitzende.

Fehlender Blickkontakt erschwert Therapie

„Die Videobehandlung stellt während der Coronapandemie sicher, dass auch Patienten mit Vorerkrankungen oder Risikogruppen psychotherapeutisch behandelt werden könn­en“, betonte Hentschel. Dennoch gebe es konkrete Nachteile im Vergleich zum persönli­chen Kontakt.

50 Prozent der Befragten habe angegeben, dass sie Video mehr anstrenge. Zudem er­schwe­re das Fehlen des direkten Blickkontakts für 39 Prozent die Therapie. Trotzdem könnten sich 57 Prozent der Befragten vorstellen, auch nach der Coronapandemie Video­sitzungen anzubieten – 19 Prozent lehnten dies ab, ein Viertel habe sich noch keine Mei­nung gebildet.

„Die Erfahrungen sind tatsächlich unterschiedlich. Wichtig ist aber, dass Psycho­therapeu­ten in diesen Zeiten flexible Möglichkeiten haben“, betonte Hentschel. Die DPtV fordert deshalb eine Verlängerung der Ausnahmeregelungen um ein weiteres Vierteljahr.

Laut der Befragung lag die Praxisauslastung insgesamt bei durchschnittlich 78 Prozent im Vergleich zum Zeitraum vor der Coronapandemie. Eine ähnliche Blitzumfrage der Ost­deutschen Psychotherapeutenkammer unter fast 1.200 Mitgliedern ergab vor kurzem, dass die Zahl der Anfragen um Hilfe in mehr als der Hälfte der Praxen gesunken ist. 

COVID-19: Psychosoziale Auswirkungen des Lockdowns

Der gesellschaftliche Lockdown wegen der Coronapandemie geht mit einer deutlichen mentalen Belastung für viele Bevölkerungsgruppen einher. Wissenschaftler des Zentrums für Seelische Gesundheit der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) sehen Belege für einen Anstieg von Stress, Angst, depressiven Symptomen, Schlafpro­ble­men, Reizbarkeit und Aggression. Das zeigen erste Ergebnisse einer Umfrage, die die Wissenschaftler Anfang April gestartet haben.

Die Erstauswertung der MHH-Befragung bezieht sich auf die Zeit vom 1. bis zum 15. April 2020. 3.545 Freiwillige nahmen an der Analyse teil, das mittlere Alter lag bei 40 Jahren. Von den Befragten sind 83 Prozent Frauen und 15,2 Prozent Männer.

60 Prozent der Teilnehmer gab an, sehr gut oder gut mit der veränderten Situation und den entsprechenden Maßnahmen zurecht zu kommen. 26,9 Prozent der Befragten hinge­gen erklärten, schlecht oder sehr schlecht mit der Situation umgehen zu können. Die be­fragen Frauen wiesen dabei signifikant höhere Depressions- und Angstwerte auf.

45,3 Prozent der Befragten gaben an, im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie schlech­ter zu schlafen. 50,9 Prozent aller Teilnehmenden berichteten, reizbarer zu sein.

„Sorge bereitet insbesondere, dass fünf Prozent der Teilnehmenden angaben, häusliche Gewalt in den vergangenen vier Wochen erfahren zu haben. Diese kann verbaler, körper­licher oder sexueller Natur sein. Zudem gaben die Teilnehmenden mehrheitlich an, dass die Gewalt zuletzt zugenommen habe“, hieß es aus dem Zentrum.

zum Thema

Die Autoren der Studie appellieren, die seelische Gesundheit der Bevölkerung während der akuten Pandemie und auch im Nachgang fortlaufend im Blick zu behalten und Hilfs­angebote vorzuhalten oder auszubauen. Besonders sorgfältig sollten dabei das Erleben von häuslicher Gewalt sowie deren Risikofaktoren wie Stress, Schlafprobleme und Reiz­bar­keit erhoben werden.

„All diese Themen sind uns nicht unbekannt“, erklärte der Studienleiter Tillmann Krüger. Aber die Restriktionen während der Corona­pandemie und die damit assoziierte räumliche Enge in Familien könne zu einem erheblichen Aufflammen dieser Probleme führen. Die MHH-Wissenschaftler befürchten auch Langzeiteffekte durch die Coronapandemie auf die seelische Gesundheit. Deshalb haben sie nun eine zweite Welle der Erhebung gestar­tet. 

Neuerungen in der Psychotherapie ab Juli

23.04.2020 – Höhere Stundenkontingente für Bezugspersonen, mehr Testverfahren, neue Zusatzziffern und Formulare – im Sommer ändern sich einige Regelungen für Psychotherapeuten. Die Psychotherapie-Vereinbarung wurde entsprechend angepasst.

Bezugspersonen in der Akutbehandlung

Eine Neuerung betrifft die psychotherapeutische Akutbehandlung von Kindern und Jugendlichen sowie Menschen mit geistiger Behinderung. Für diese Personengruppen stehen künftig höhere Stundenkontingente zur Verfügung, um Bezugspersonen in die Therapie einbeziehen zu können.

Dabei gilt dasselbe wie für die Richtlinien-Psychotherapie: Für jeweils vier Einheiten des Patienten kommt maximal eine Einheit für den Einbezug der Bezugspersonen dazu.

Bei Menschen mit geistiger Behinderung ist das Vorliegen einer Diagnose des Abschnitts Intelligenzstörung (F70-F79) nach ICD-10 Voraussetzung dafür, dass Bezugspersonen einbezogen werden können. Der Therapeut muss dies im neuen Formblatt PTV 12 entsprechend angegeben.

Für die Erhöhung des Stundenkontingents muss jetzt noch der EBM angepasst werden.

Nur noch neue Formulare nutzen

Alle Formblätter wurden überarbeitet und insbesondere für die Systemische Therapie bei Erwachsenen angepasst, die im Sommer als viertes Richtlinienverfahren eingeführt werden soll.

Psychotherapeuten dürfen ab 1. Juli nur noch die neuen Formblätter verwenden. Alte Formulare, Umschläge oder Leitfäden können nicht aufgebraucht oder weiter genutzt werden.

Erstmals wurde in den Formularen – soweit möglich – auf geschlechtsneutrale und inklusive Sprache geachtet. Das Formblatt PTV 12 wird nur noch für die Anzeige einer Akutbehandlung genutzt.

Therapieende in der Abrechnung kennzeichnen

Therapeutinnen und Therapeuten müssen ab 1. Juli in ihrer Abrechnung kennzeichnen, wenn eine Richtlinientherapie beendet wurde. Dafür gibt es zwei Zusatzziffern: die 88130 für die Beendigung einer Psychotherapie ohne anschließende Rezidivprophylaxe und die 88131 für die Beendigung mit anschließender Rezidivprophylaxe.

Beide Zusatzziffern sind ab dem dritten Quartal in der Praxissoftware hinterlegt und werden im Rahmen der Abrechnung übermittelt.

Mehr psychodiagnostische Testverfahren

Eine weitere Neuerung ab 1. Juli betrifft die Testverfahren nach den GOP 35600 bis 35602. Aufgrund der Änderungen in der Psychotherapie-Vereinbarung können sie in der Langzeittherapie in allen Psychotherapieverfahren häufiger abgerechnet werden: statt bisher fünfmal im Therapieverlauf, sind sie dann insgesamt bis zu siebenmal im Therapieverlauf berechnungsfähig.

Bewilligungsbescheid

Für Krankenkassen wird eine alte Pflicht wiedereingeführt: Ab 1. Juli müssen sie den Bewilligungsbescheid für die Psychotherapie auch in der Kurzzeittherapie an den Therapeuten versenden.

MEHR ZUM THEMA

Telefonberatung für psychisch Belastete in Baden-Württemberg

Die Landesregierung Baden-Württemberg hat eine zusätzliche Telefonberatung für psychisch belastete Menschen in der Coronakrise eingerichtet.

In der aktuellen Situation sollten Menschen mit Problemen nicht allein gelassen werden, sagte Sozialminister Manne Lucha (Grüne) gestern laut einer Mitteilung. Sie sollten unbü­rokratisch professionelle Hilfe bekommen.

Die Telefonberatung wird unter anderem von der Landespsychotherapeutenkammer und der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Würtemberg unterstützt.

Ehrenamtliche Psychotherapeuten und Fachkräfte sind ab sofort zwischen 8 und 20 Uhr unter der kostenfreien Nummer 0800/3773776 erreichbar. 

Bayern und NRW gründen Hilfetelefon für Männer

Bayern und Nordrhein-Westfalen (NRW) bieten ab sofort ein gemeinsames Hilfetelefon für von Gewalt betroffene Männer an.

Unter der kostenlosen Nummer 0800/1239900 könn­en sich Betroffene melden, die unter verschiedenen Arten von Gewalt leiden – wie häusli­cher und sexualisierter Gewalt, aber auch beispielsweise Stalking oder Zwangsheirat, wie das Sozialministerium in Bayern mitteilte. Dort wird das Angebot von der Arbeiterwohlfahrt Augsburg umgesetzt.

„Mit einer intensivierten länderübergreifenden Zusammenarbeit verstärken wir nicht nur die konsequente Platzierung solch tabuisierter Themen in der Gesellschaft, sondern können auch Ressourcen bündeln und Synergieeffekte nutzen“, sagte Bayerns Sozialministerin Ca­rolina Trautner (CSU). Aus NRW hieß es, dass Hilfetelefon sei deutschlandweit in dieser Form einmalig.

In naher Zukunft sollen laut den Ministerien in NRW und Bayern auch andere interessierte Länder die Möglichkeit haben, sich der telefonischen Hotline und dem digitalen Beratungs­angebot anzuschließen.

Eine Auswertung des Bundeskriminalamtes für das Jahr 2018 hatte gezeigt, dass im Bereich der Partnerschaftsgewalt der Anteil der männlichen Opfer mit 18,7 Prozent leicht angestie­gen war. Im Jahr zuvor lag er bei 17,9 Prozent. 

Nicht alle ADHS-Kinder sind hyperaktiv

Einige Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zeigen keine Hyperaktivität, sondern sind im Gegenteil eher „still und verträumt“. Darauf weist die Stiftung Kindergesundheit hin. ADHS werde bei diesen Kindern häufig erst sehr spät oder gar nicht diagnostiziert.

ADHS mit den drei Kernsymptomen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gehört zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindes und Jugendalter. In Deutschland sind laut der KiGGS-Studie etwa 2,3 Prozent der Mädchen und 6,5 Prozent der Jungen im Alter von 3 bis 17 Jahren von der Diagnose ADHS betroffen.

„Mit einer Häufigkeit von rund vier Prozent liegt die Häufigkeit der ADHS-Diagnosen bei uns im internationalen Mittelbereich und ist keineswegs überhöht“, erläutert Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit.

Bei der Mehrzahl der von ADHS betroffenen Kinder und Jugendlichen dominiert die Hyperaktivität und Impulsivität. Anders bei der hypoaktiven Form der Störung: Hier stehen Konzentrationsschwäche und die gestörte Aufmerksamkeit im Vordergrund. „Die Kinder übersehen Details, machen Flüchtigkeitsfehler, haben Probleme beim Organi­sieren und Planen von Aufgaben, sind verträumt, ablenkbar und vergesslich“, berichtet die Stiftung.

zum Thema

Diese Form komme auch bei Jungen vor: Es dominiere dann nicht so sehr die Verhaltens-, sondern die Lernstörungen. Besonders häufig seien Lese-, Rechtschreib- und Rechen­schwächen. „Das erfolglose Üben mit ständig sich wiederholenden Enttäuschungen führt häufig zu psychischen Beeinträchtigungen mit oft großem Leidensdruck“, berichtet die Stiftung.

„ADHS ist keine Störung, die einfach wieder verschwindet“, warnt die Stiftung Kindergesundheit. Ohne angemessene und gezielte Behandlung bestehe das Risiko lebenslanger Konsequenzen. „Notwendig sind ganzheitliche Therapien, die je nach Situation des Kindes sowohl die medikamentöse Behandlung als auch psychoedukative und psychotherapeutische Maßnahmen und entsprechende Rahmenbedingungen in den Regeleinrichtungen der Betreuung, Bildung und Ausbildung umfassen.

Das Ziel der Behandlung ist, den betroffenen Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, dass sie uneingeschränkt über ihre vorhandenen Fähigkeiten verfügen können“, sagte Koletzko. 

Systemische Therapie für Erwachsene soll im Sommer starten können

Die Vorbereitungen für die Einführung der Systemischen Therapie im Sommer dieses Jahres laufen auf Hochdruck. Ärztliche und psychologische Psychotherapeuten, die das Verfahren anbieten wollen, können bereits eine Genehmigung bei ihrer Kassenärztlichen Vereinigung beantragen. Die Psychotherapie-Vereinbarung wurde angepasst.

Voraussichtlich im Sommer wird die Systemische Therapie für Erwachsene als weiteres Verfahren bereitstehen und so die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland verbessern. Der Gemeinsame Bundesausschuss hatte die Aufnahmen der Systemischen Therapie als viertes Richtlinien-Verfahren in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung beschlossen.

Nachweis der Fachkunde

Für eine Genehmigung weisen Ärzte ihre Fachkunde in Systemischer Therapie bei Erwachsenen in der Regel mit einem Weiterbildungszeugnis nach, Psychologische Psychotherapeuten mit einem Approbationszeugnis beziehungsweise über die entsprechende Zusatzbezeichnung.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen können unter bestimmten Voraussetzungen übergangsweise auch andere Bescheinigungen von Ärzte- oder Psychotherapeutenkammern akzeptieren. Dies könnte beispielsweise der Fall sein, wenn für die Systemische Therapie regional noch keine Weiterbildungsordnung besteht. Auskünfte hierzu erteilt die zuständige Kammer.

Verhandlungen zu Vergütung

KBV und Krankenkassen müssen zunächst den EBM um die neue Leistung erweitern. Erst dann können Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten die neuen Leistungen der Systemischen Therapie bei Erwachsenen zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung durchführen und abrechnen.

Antrags- und Gutachterpflicht

Wie für die anderen Verfahren gelten auch für die Systemische Therapie die gleichen Vorgaben hinsichtlich Antrags- und Gutachterpflicht. Alle Indikationen der Psychotherapie-Richtlinie dürfen mit Systemischer Therapie behandelt werden. Die KBV stellt hierzu eine Übersicht als PDF-Dokument bereit (siehe Kasten „Mehr zum Thema“).

Gutachterverfahren: Bewerbungen startet in Kürze

Im Zuge der Einführung der Systemischen Therapie für Erwachsene werden auch neue Gutachter bestellt. Die Ausschreibung wird noch im April im Deutschen Ärzteblatt und in der PP-Ausgabe veröffentlicht und ist auf die Systemische Therapie bei Erwachsenen beschränkt.

Voraussichtlich vom 17. April bis zum 17. Mai können Bewerbungsunterlagen von Interessenten mittels eines Online-Formulars angenommen werden (Hinweise zur Bewerbung).

Systemische Therapie

Die Systemische Therapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren, dessen Fokus auf dem sozialen Kontext psychischer Störungen liegt. Das Vorgehen in dieser Psychotherapie berücksichtigt insbesondere die Veränderung sozialer Interaktionen.

Daher kann die Systemische Therapie auch im sogenannten Mehrpersonensetting angewendet werden. Hier kommen Spezifika dieses Psychotherapieverfahrens zum Tragen: Für die Erkrankung bedeutsame Beziehungen und Interaktionen, zum Beispiel zwischen einer Patientin oder einem Patienten und dem Familiensystem, können in diesem Setting besprochen und verändert werden.

Nachweispflicht für Fortbildung um ein Quartal verlängert

Die Frist für den Nachweis der fachlichen Fortbildung wird für Ärzte und Psychotherapeuten aufgrund der Coronavirus-Pandemie um ein Quartal verlängert. Das Bundesministerium für Gesundheit hat einer entsprechenden Anfrage der KBV zugestimmt.

Die Verlängerung der Nachweispflicht zur fachlichen Fortbildung nach Paragraf 95d SGB V gilt auch für Ärzte und Psychotherapeuten, die bereits mit Honorarkürzungen und Auflagen zum Nachholen der Fortbildungen innerhalb von zwei Jahren belegt wurden.

Vertragsärzte und -psychotherapeuten sind gesetzlich verpflichtet, innerhalb von fünf Jahren mindestens 250 Fortbildungspunkte bei ihrer jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung nachzuweisen. Wird der Fortbildungsnachweis nicht erbracht, drohen gesetzlich vorgesehene Sanktionen, beispielsweise Honorarkürzungen.

Derzeit fallen aufgrund der Corona-Pandemie unter anderem Fortbildungsveranstaltungen, Kongresse und Qualitätszirkelsitzungen aus und ein kontinuierliches Sammeln der Fortbildungspunkte durch Präsentveranstaltungen ist nicht möglich. Daher hatte sich die KBV für eine Verlängerung der Nachweisfrist eingesetzt.

Das bedeutet, dass diejenigen, die im „normalen“ Rhythmus sind (Start am 1.7.19), erst am 30.9.2024 ihr Zertifikat bei der KV einreichen müssen.

Psychotherapeuten fordern mehr digitalen Versorgungsspielraum

Damit die Versorgung psychisch kranker Menschen während der Corona-Pandemie nicht hinten runterfällt, braucht es mehr Möglichkeiten zur Telefon- und Videotherapie, fordern die Vertragspsychotherapeuten. Vor allem die Therapie von Kleinkindern sei gefährdet.

Eine drastische Ausweitung der Telefontherapie während der Corona-Pandemie fordern jetzt die Psychotherapeuten. Zudem sei auch die Akutbehandlung für die Videobehandlung freizugeben, um die Versorgung psychisch kranker Menschen in der derzeitigen Corona-Krise zu sichern, so der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp).

Auf der Delegiertenversammlung des Verbands, die am Wochenende per Videokonferenz stattgefunden hat, haben die Therapeuten ein ganzes Bündel an Ausnahmeregeln gepackt, dass befristet während der Pandemie greifen solle, so die Forderung. Demnach sollen:

Ein Bündel an Maßnahmen notwendig

  • alle psychotherapeutischen Leistungen, die derzeit per Videokonferenz erbracht werden können, alternativ auch als Behandlung per Telefonat ermöglicht werden. Denn nicht alle Patienten verfügten über die technischen Voraussetzungen oder seien mit diesem Medium vertraut, lautet die Begründung des bvvp. Als zwingend betrachtet der Verband dabei telefonische Kriseninterventionsmöglichkeiten, einen telefonischen Erstkontakt, stützende und orientierende telefonische Kontakte. Für diese telefonischen Interventionen sollten daher die 10-Minuten-Ziffern des jeweiligen Facharztkapitels der Psychologischen, Ärztlichen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten telefonisch erbracht werden können. Dabei solle die Begrenzung auf eine maximale 15-fache Nutzung je Behandlungsfall aufgegeben und die Leistungen sollten extrabudgetär vergütet werden – dies alles allerdings zeitlich begrenzt bis zum 30. Juni 2020, heißt es.
  • Auch die Akutbehandlung soll für die Videobesprechstunde freigegeben werden. Laut bvvp seien in den Psychotherapeutischen Praxen während der Corona-Pandemie vermehrt Menschen in psychischen Krisenzuständen zu erwarten.

Face-to-Face-Therapie kaum möglich

  • Kinder-Behandlungsstunden sollten unbürokratisch per Anzeige an die Krankenkasse in Bezugspersonen-stunden umgewandelt werden können, analog der Möglichkeit, Gruppen- in Einzelsitzungen umwandeln zu können. Denn, so der Verband, die Weiterführung der regulären Face-to-Face-Psychotherapie sei gerade mit kleinen Kindern derzeit kaum möglich. Videobehandlung sei hier vollkommen ausgeschlossen. Eine intensivere Begleitung der Bezugspersonen könne jedoch helfen, Bezugspersonen und Kinder zu entlasten.
  • Die bei PP und KJP notwendigen Konsiliarberichte zur Beantragung einer genehmigungspflichtigen Psychotherapie sollten angesichts der Überlastung der Hausarztpraxen und der dortigen Ansteckungsgefahr nachgereicht werden können.
  • Privatpatienten dürften von der digitalen Versorgung nicht ausgeschlossen werden. Deshalb sollten auch alle Gesprächsleistungen der GOÄ bzw. GOP per Videokonferenz und per Telefon für einen befristeten Zeitraum freigegeben werden.

Um alle Ressourcen in der Psychotherapie auch nutzen zu können, sollten die Regelungen äquivalent für die ambulante Versorgung durch Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) in den Institutsambulanzen getroffen werden. „Dies verhindert, dass Patienten in dieser Krise unversorgt bleiben und dass sich die laufenden Ausbildungen durch die Corona-Krise verzögern“, erklärt der bvvp.

Bundespsycho­therapeutenkammer informiert über Videobehandlung, Meldepflichten und Entschädigunge

Die COVID-19-Pandemie verändert massiv auch die psychotherapeutische Ver­sorgung. Patienten sagten aus Ansteckungsangst ihre Behandlungs­termine bei Psycho­therapeuten ab. Psychiatrische Kranken­häuser schlössen ihre Tageskliniken, um ihr Per­sonal nicht zu gefährden. Darauf weist die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) hin, die seit gestern eine „Praxis-Info-Coronavirus“ online gestellt hat, die laufend aktualisiert wird.

Die Praxisinfo für niedergelassene Psychotherapeuten informiert unter anderem über die neue Möglichkeit, Patienten vorübergehend unbegrenzt online per Videotelefonat zu be­handeln. Die bisherige Regelung, nach der maximal 20 Prozent der Patienten innerhalb eines Quartals ausschließlich per Video behandelt werden dürfen, ist aufgrund der Coro­napandemie ausgesetzt.

Weiter informiert die BPtK in der Broschüre über Hygienevorschriften und neue Melde­pflichten, die jetzt in der Praxis zu beachten sind. So müssen Psychotherapeuten Patien­ten melden bei Verdacht auf eine COVID-19-Erkrankung. Es besteht indes keine Melde­pflicht, wenn bereits ein Arzt hinzugezogen wurde.

Praxisschließung bedarf einer besonderen Begründung

Um das Infektionsrisiko zu senken stelle sich die Frage, ob die Praxis vorübergehend ge­schlossen werden könne. Grundsätzlich sind niedergelassene Psychotherapeuten auf­grund des Versorgungsauftrages verpflichtet, die Patientenversorgung sicherzustellen.

Eine Praxisschließung bedürfe deshalb einer besonderen Begründung, heißt es dazu aus der BPtK, beispielsweise wenn aufgrund von Vorerkrankungen ein besonderes persön­li­ches Risiko besteht. In jedem Fall müsse eine Schließung mit der zuständigen Kassen­ärztlichen Vereinigung (KV) abgesprochen werden.

Wird die Schließung einer Praxis behördlich angeordnet, haben nach Angaben der BPtK Praxisinhaber und Angestellte Anspruch auf eine Entschädigung (§ 56 Infektions­schutz­gesetz). Die Höhe der Entschädigung richte sich nach dem Verdienstausfall. Angestellte erhielten von ihrem Arbeitgeber den Lohn für die ersten sechs Wochen.

Die Arbeitgeber hätten indes die Möglichkeit, sich diesen Betrag von der zuständigen Behörde erstatten zu lassen. Details zu den Entschädigungsregelungen und eine Liste der zuständigen Behörden gibt eine Information der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Forderung nach Abrechnungsmöglichkeit von Psychotherapie per Telefon

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer setzt sich weiter dafür ein, dass auch psycho­thera­peutische Behandlungen per Telefon abgerechnet werden können, weil nicht alle Patien­ten die technischen Voraussetzungen für ein Videotelefonat haben.

„Wenn sonst alle Kontakte immer weiter eingeschränkt werden, müssen Ärzte und Psy­cho­therapeuten ihre Patienten weiter erreichen können. Dafür müssen die Politik und die Selbstverwaltung schnellstmöglich sorgen“, fordert BPtK-Präsident Dietrich Munz.

In einzelnen KVen gebe es jedoch schon Ausnahmen hinsichtlich der Abrechnung von fachgruppenspezifischen Gesprächsleistungen per Telefon. Bisher wurde jedoch noch keine bundesweite Änderung der Abrechnungsbestimmungen beschlossen.