Online-­Interventionen nicht ohne ärztliche oder psychotherapeutische Diagnose

Internetgestützte und mobilbasierte Interventionen (IMI) können die psycho­the­rapeutische Versorgung sinnvoll ergänzen – Ersatz für einen Psychotherapeuten oder Psychiater sind sie hingegen nicht. Das war das Fazit des „Zukunftsforums“, zu dem der Verband der Ersatzkassen (vdek) gestern Abend Experten aus der Medizin, der Psychothe­ra­pie, der Politik und der Selbstverwaltung eingeladen hatte.

„Schafft die Digitalisierung die Psychotherapeuten ab?“, lautete der provokante Titel der Veranstaltung. Deprexis, Novego, IfightDepression, TK-Depressionscoach oder Moodgym sind einige be­kannte IMI, die Versicherten mit psychischen Problemen, zum Teil von den Kranken­kass­en, angeboten werden.

„Die Programme sind gut evaluiert und haben durchaus positive Effekte für die Nutzer“, betonte Iris Hauth, die bei Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psy­cho­somatik und Nervenheilkunde (DGPPN) der „Taskforce E-Mental-Health“ angehört. Sie könnten zur Prävention, Frühintervention, hausarztbegleitend oder zu Nachsorge einge­setzt werden.

Hauth wies auf die Qualitätskriterien für IMI hin, die die DGPPN zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Psychologie erarbeitet hat. „Wichtig ist aber in jedem Fall eine vorherige Diagnose durch einen Arzt oder Psychotherapeuten, schließlich gibt es auch Komorbiditäten“, erläuterte sie. Zudem könne beispielsweise auch eine Schilddrüsen­unter­funktion die Ursache für eine Depression sein.

Krankenkassen sollten nicht über Behandlung entscheiden

Der Vorstellung der vdek-Vorstandvorsitzenden, Ulrike Elsner, dass die Krankenkassen künf­tig „mehr in die Versorgung gehen“, erteilte Hauth, auch ärztliche Direktorin der Kli­nik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Alexianer in Berlin-Weissen­see, eine eindeutige Absage: „Wenn Sachbearbeiter über die Behandlung entscheiden, können hochgefährliche Situationen entstehen.“

Darüber hinaus baue es auf psychisch kranke Patienten „einen Riesendruck“ auf, wenn diese beispielsweise nach drei Wochen Arbeitsunfähigkeit, von einem Kassenmitarbeiter angerufen würden und eine Online-Intervention angeboten bekommen.

Elsner erwiderte, dass die Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz sehr lang seien, trotz Einführung der psychotherapeutischen Sprechstunde. IMI’s könnten deshalb „in be­stimmten Fällen, zum Beispiel bei einer leichten Depression, eine face-to-face-Behand­lung ersetzen“, so die vdek-Vorstandsvorsitzende.

Ein solch niedrigschwelliges Angebot habe gleichzeitig den positiven Effekt, dass mehr Therapieplätze für Patienten mit schweren psychischen Störungen zur Verfügung stehen. „Daher ist es gut, dass digitale Gesundheitsanwendungen mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz künftig schneller in die Regelversorgung kommen sollen“, erklärte Elsner.

Nur gut im Rahmen einer Psychotherapie oder ärztlichen Behandlung

„Auch wir sehen die Krankenkassen nicht als Player in der Versorgung – Behandlung und Versicherung müssen getrennt sein“, erklärte Christina Tophoven, Geschäftsführerin der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK).

Wichtig sei, dass nur IMI den Zugang in die Versorgung erlangen, die nachweislich wirk­sam und qualitätsgesichert seien. „Aber auch sehr gute Interventionen sind nur gut im Rahmen einer Psychotherapie oder ärztlichen Behandlung“, betonte sie.

Für die Anbieterseite stellte Mario Weiss, Vorstand der Firma GAIA, die deprexis entwi­ckelt hat, klar: „Ein Therapieprogramm braucht keinen Arzt oder Psychotherapeuten, um wirksam zu sein – aber ein Patient braucht einen Arzt oder Therapeuten.“

Diese sollten künftig auf eine IMI zugreifen und sie verordnen, wie ein Arzneimittel. Ärzte und Therapeuten könnten dadurch „ihre eigene Wirksamkeit verdoppeln“, sagte Weiss. „Das ist eine Riesenchance, die auch honorarpolitisch genutzt werden kann.“ Die Beden­ken, die gerade viele Psychotherapeuten gegen IMI haben, verstehe er nicht.

Durch das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), das Ende September im Bundestag disku­tiert werden soll, sollen Ärzte und Psychotherapeuten ihren Patienten künftig digitale Ge­sundheitsanwendungen – für alle medizinischen Fachbereiche – zulasten der gesetz­lichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) verordnen können.

Der Gesetzgeber plant, die Anwendung vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) als Medizinprodukte der Klassen I und II a prüfen zu lassen und in ein spezielles Verzeichnis aufzunehmen.

Wir können nicht noch zehn Jahre warten.Gottfried Ludewig

Der Abteilungsleiter Digitalisierung im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Gottfried Lude­wig, verteidigte das DVG bei der Diskussion: „Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Wir können nicht noch zehn Jahre warten, sondern müssen Schritte nach vorne gehen, auch wenn sie mit einem Risiko verbunden sind.“ Wichtig sei der regulierte Zugang zu den IMI, und die Prüfung der Anwendungen als Medizinprodukt. Beides werde mit dem Gesetz geregelt.

„Immens wichtig ist auch, dass die Daten der Patienten, die die digitalen Anwendungen nutzen, unter unserer Kontrolle bleiben“, betonte Ludewig. „Wenn wir uns nicht darum kümmern, dann machen das die großen amerikanischen Internetkonzerne“, gab er zu Be­denken.

Mehr Vertrauen in den G-BA

Die vdek-Vorstandvorsitzende Elsner sieht den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) als das „geeignetere Gremium“ für das vorgesehene Bewertungsverfahren der Internet- und mobilbasierten Interventionen. „Das BfArM ist zwar in der Lage dies zu tun, aber ich ver­traue der gemeinsamen Selbstverwaltung mehr“, betonte sie. Im Vordergrund stehe schließlich der Patientenschutz, deshalb sei auch eine Nutzenbewertung erforderlich.

Zuletzt hatte der Gesundheitsausschuss des Bundesrates gefordert, dass Gesundheitsan­wendungen nicht am G-BA vorbei in den GKV-Leistungskatalog aufgenommen werden sollten.

„Der Markt ist bunt. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Ärzte und Psychotherapeuten er­kennen können, welche IMI nachweislich wirksam und qualitätsgesichert sind und auch die Patientendaten schützen“, sagte BPtK-Geschäftsführerin Tophoven. Sie müssten sich vor allem auf ein solches Verzeichnis verlassen können und die Bewertungskriterien müssten transparent sein – „egal ob es vom BfArM oder vom G-BA erarbeitet wird“, erklärte sie.

Labortest erkennt posttraumatische Belastungsstörung

Ein Test aus 27 Laborwerten und der Herzfrequenz hat in einer Studie in Molecular Psychiatry (2019; doi: 10.1038/s41380-019-0496-z) die Diagnose einer post­traumatischen Belastungsstörung (PTBS) mit einer Genauigkeit von 77 % gestellt. Es wäre der erste Biomarker-Test für eine psychiatrische Erkrankung.

Die PTBS ist Folge von traumatischen Erlebnissen, die in der Regel mit einer starken kör­perlichen Stressreaktion verbunden waren. Auch die unkontrollierbaren Erinnerungen, die Vermeidungssymptome und die emotionalen Störungen, die die spätere PTBS kennzeich­nen, könnten zu körperlichen Reaktionen führen, die mit Labortests nachweisbar sein sollten.

Bislang war es allerdings nicht gelungen, einen Test zu entwickeln, mit dem Patienten mit PTBS von anderen Menschen unterschieden werden könnten. Ein Team um Frank Doyle von der John A. Paulson School of Engineering and Applied Sciences in Boston hat sich deshalb zu einen „Rundumschlag“ entschieden.

Bei 83 Menschen, die im Krieg im Irak oder Afghanistan eine PTBS erlitten hatten, und in einer Kontrollgruppe von 82 Soldaten ohne traumatische Erlebnisse wurden alle verfüg­ba­ren Labortests durchgeführt. Darunter waren auch Genanalysen sowie zahlreiche Be­standsaufnahmen von Methylom, Proteom, Metabolom, Immunsystem sowie Marker der Zellalterung und des endokrinen Systems, microRNA, Zytokine und vieles mehr.

Bei 343 Markern wurden Unterschiede zwischen den beiden Gruppen gefunden, von de­nen 27 und die Bestimmung der Herzfrequenz für die zweite Phase der Studie ausge­wählt wurden. Dieses Mal wurden 26 PTBS-Patienten und 26 Kontrollen ausgewählt. Der Test erzielte in einer ROC-Analyse einen AUC-Wert von 0,80, was ein passables Ergebnis ist (1,0 wäre die sichere Diagnose, 0,50 ein Zufallsbefund gewesen). Die Genauigkeit betrug 81 %, die Sensitivität 85 % und die Spezifität 77 %.

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Interessant ist ein Blick auf die einzelnen Biomarker. Einige, wie ein Anstieg der Herz­frequenz oder eine verminderte Konzentration von Gerinnungsfaktoren, waren laut Doyle bereits in früheren Studien mit der PTBS in Verbindung gebracht worden.

Andere Marker wie Thrombozytenvolumen, Insulinresistenz sowie Veränderungen im SHANK2-Gen und in der PDE9A-Expression waren auch bei Patienten mit Major Depressi­on oder Angstzuständen erhöht (ohne allerdings eine Diagnose zu ermöglichen).

Einige miRNA, kurze RNA-Moleküle, die die Ablesung von Genen in den Zellen beeinfluss­en, waren in früheren Untersuchungen mit Erkrankungen von Herz (miR133-3p) und Le­ber (miR-192) oder einem metabolischen Syndrom (miR-192-5p) in Verbindung gebracht worden. Dies deutet darauf hin, dass das PTBS auch außerhalb des Gehirns Schäden ver­ursacht. 

Neue S2k-Leitlinie zu Diagnose und Therapie neuropathischer Schmerzen

Eine in weitem Umfang überarbeitete Leitlinie der Stufe S2k „Diagnose und nicht interventionelle Therapie neuropathischer Schmerzen“ hat die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) vorgestellt. Tanja Schlereth aus Wiesbaden hat die Arbeit an der Leitlinie federführend betreut.

Neuropathische Schmerzen entstehen als direkte Folge einer Schädigung oder Läsion des somatosensorischen Systems. Die Patienten beschreiben häufig brennende Schmerzen in Ruhe, einschießende Schmerzattacken und sogenannte evozierte Schmerzen (Hyperalge­sie oder Allodynie).

Die Therapie neuropathischer Schmerzen unterscheidet sich von der Behandlung anderer chronischer Schmerzen, bei denen das somatosensorische Nervensystem nicht geschädigt ist – eine genaue Diagnostik des Schmerztyps ist daher laut Schlereth unverzichtbar.

Die Therapie sollte die Möglichkeiten einer kurativen oder kausalen Therapie ausschöp­fen, zum Beispiel eine Neurolyse bei Engpasssyndromen oder eine optimale Diabetesein­stell­­ung bei diabetischer Neuropathie.

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„Eine Herausforderung stellt nach wie vor die Herbeiführung einer ausreichenden medi­ka­mentösen Schmerzlinderung dar“, so Schlereth. Ein Problem sei, dass eine herkömmli­che Schmerzmedikation bei neuropathischen Schmerzen nicht ausreichend anschlage. „Umso wichtiger ist die leitliniengerechte Therapie, um den Patienten, die einen extrem hohen Leidensdruck haben, zu einer bestmöglichen Linderung zu verhelfen“, so die Leit­linienkoordinatorin. 

Die Leitlinie geht auch auf den Einsatz von Cannabinoiden ein, die seit 2017 auf Antrag bei den Krankenkassen erstattungsfähig sind und mittels Betäubungsmittelrezept verord­net werden können.

„Es handelt sich weiterhin um einen Off-Label Use, da keine dieser Substanzen in der Indikation Schmerz zugelassen ist“, so die Autoren. Die Empfehlung der Leitliniengruppe lautet, Cannabinoide zur Therapie neuropathischer Schmerzen nur dann einzusetzen, wenn anderer Schmerztherapien ausgeschöpft wurden, da ihre Wirksamkeit bei hoher Neben­­wirkungsrate als eher gering einzustufen sei. Die neue Leitlinie ist bis zum April 2024 gültig. 

Umfeld bei Signal von Suizidgefährdungen oft hilflos

Trotz Suizidankündigungen greift das Umfeld in vielen Fällen nicht rechtzeitig ein. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich veröffentlichte Ana­lyse des Bezirkskrankenhauses Kempten. Ärzte und Wissenschaftler hatten dafür mehr als 600 Akten über Suizide in der Allgäuer Region ausgewertet. Bei knapp der Hälfte der untersuchten Fälle gab es zuvor Hinweise auf einen Suizid.

„Aus den Akten kann man oft direkt, aber meist eher zwischen den Zeilen eine Hilflosig­keit des Umfeldes herauslesen“, heißt es in der Untersuchung, in der Suizidfälle von 2001 bis 2009 analysiert wurden. „Die Angehörigen, Freunde, Kollegen etc. wussten einfach nicht, wie sie damit umgehen sollten oder wo sie sich professionelle Hilfe holen konnten.“

Es gelte, präventive Hilfsmaßnahmen zu erforschen. „Wir müssen suizidgefährdete Men­schen besser verstehen“, sagte Peter Brieger, der als ehemaliger ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kempten die Analyse veranlasste. Somatische Erkrankungen waren der Allgäuer Untersuchung zufolge mit 26 Prozent Hauptgrund von Suiziden. Depressio­nen kamen mit 23 Prozent auf Platz zwei. In 15 Prozent der Fälle waren Partnerschafts­prob­leme das Motiv.

In keinem Bundesland ist die absolute Zahl der Suizide so hoch wie in Bayern. Nach An­gaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden nahmen sich im Jahr 2017 insgesamt 1.597 Menschen im Freistaat das Leben – das sind noch 85 mehr als im bevölkerungs­reichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Bundesweit lag die Zahl der Suizide 2017 bei 9.241. In Deutschland sterben in jedem Jahr mehr Menschen durch Suizid als durch Ver­kehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen zusammen.

Sowohl in Bayern als auch im ganzen Land ist ein Großteil der Opfer männlich. 1.226 Männern, die sich 2017 in Bayern umbrachten, stehen 371 Frauen gegenüber. Die höchs­te Risikogruppe waren dabei die 50- bis 55-Jährigen. In dieser Altersklasse gab es 188 Suizide – 48 Frauen und 140 Männer. Die Suizidrate sei im Durchschnitt im Alpenraum höher, sagte Brieger.

Tradition, unterschiedliche Kohäsion der Gesellschaft und weniger Psychotherapeuten könnten ebenso eine Rolle spielen wie ein „schroffer Lebensalltag“. Eine genaue Erklä­rung haben aber auch Fachleute nicht. Letztlich seien die Gründe für einen Suizid ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Faktoren, sagte Brieger. Sich rein auf regionale Ausreißer zu fokussieren, sei nicht zielführend.

Die Zahlen sind allerdings rückläufig. 2016 gab es noch 1.738 Suizide, 2015 rund 1.800. In den vergangenen 40 Jahren habe sich die Suizidrate trotz wachsender Bevölkerung mehr als halbiert, sagte Brieger. „Grund dafür sind bessere Versorgung, bessere Aufklä­rung, bessere Hilfen, Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten, bessere Krisen­kon­zepte.“ Ein Beispiel ist der psychiatrische Krisendienst in Bayern: Unter einer Hotline können Betroffene in seelischen Krisen eine Soforthilfe und qualifizierte Beratung erhalten.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Ner­ven­heilkunde (DGPPN) mahnte heute an, dass der Prävention der Selbsttötung größere Beachtung in der Gesundheitspolitik eingeräumt werden. Unter jungen Erwachsenen gelte die Selbsttötung sogar als zweithäufigste Todesursache.

Die hohe Rate jährlicher Todesfälle durch Suizid, die in Deutschland mit rund 9.000 Men­schen der Einwohnerzahl einer Kleinstadt gleichkomme, mache es notwendig, mehr Sen­si­bilität für das Thema zu entwickeln und über geeignete Maßnahmen der Prävention auf­zuklären. Dazu seien Gesellschaft und Politik aufgefordert, so die DGPPN.

DMP Depression: Ausschluss von Psychotherapeuten als Koordinatoren kritisiert

Patienten mit einer chronischen Depression können sich nicht bei ihrem Psy­cho­thera­peuten in das neue Disease-Management-Programm (DMP) Depression einschreiben lassen, das der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) am 15. August beschlossen hat. Das hat heute die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) bemängelt.

Die Langzeitbetreuung und Koordination der Behandlung soll in dem neuen strukturier­ten Behandlungsprogramm grundsätzlich durch den Hausarzt erfolgen. In Ausnahme­fäll­en können dies auch Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie übernehmen.

„Damit werden für Patienten, die bereits beim Psychotherapeuten in Behandlung sind, völlig unnötige Hürden für die Teilnahme am DMP aufgebaut“, kritisiert BPtK-Präsident Dietrich Munz. „Patienten sollten die Wahl haben, dass der Arzt oder Psychotherapeut die Koordination ihrer Versorgung übernehmen kann, der am besten mit ihrer Erkrankung vertraut und für sie der wichtigste Ansprechpartner ist.“ Der zentralen Rolle der Psycho­therapie in der Versorgung depressiver Erkrankungen müsse hier stärker Rechnung ge­tragen werden, fordert die BPtK.

Patienten mit chronischen oder wiederholt auftretenden depressiven Episoden mit mitt­le­rer bis schwerer Ausprägung können sich künftig im Rahmen eines DMP behandeln lassen. Der G-BA hat mit diesem Beschluss einen gesetzlichen Auftrag aus dem Jahr 2015 umgesetzt.

Leitlinienorientierte Behandlung mit Psychotherapie und Medikamenten

Zentrale Bausteine des DMP-Depression sind nach Angaben der BPtK eine leitlinien­orien­tierte Behandlung mit Psychotherapie und medikamentöser Therapie. Die konkreten The­rapieempfehlungen richteten sich insbesondere nach Verlauf und Schweregrad der De­pression unter Berücksichtigung komorbider körperlicher und psychischer Erkrankungen.

Auch das Vorgehen bei Suizidalität und Maßnahmen des Krisenmanagements werde im DMP adressiert. Jedem Patienten solle zudem – sofern sie aus ärztlicher oder psycho­the­rapeutischer Sicht davon profitieren können – ein evaluiertes digitales Selbstmanage­mentprogramm unter qualifizierter Begleitung angeboten werden. Alternativ könnten auch evaluierte Präsenzschulungen angeboten werden.

Psychiater und Psychotherapeuten werden eingebunden

Als „sinnvoll“ beurteilt die Bundes­psycho­therapeuten­kammer hingegen, dass das DMP eine systematische Einbindung der Psychotherapeuten und Fachärzte im Behandlungs­ver­lauf vorsieht. Eine Grundlage dafür bilden laut G-BA-Beschluss die regelmäßigen Ver­laufskontrollen, bei denen der koordinierende Arzt insbesondere die Symptomausprä­gung und -veränderung, das psychosoziale Funktionsniveau und Behandlungseffekte beurteilt.

Wenn nach sechs Wochen hausärztlicher Behandlung noch keine ausreichende Besserung erzielt wurde, muss er demnach die Überweisung zum beispielsweise Facharzt für Psy­chia­trie und Psychotherapie oder Psychotherapeuten zu prüfen. „Eine stärkere Koope­ra­tion zwischen Hausärzten und Psychotherapeuten kann so zu einer leitlinienorientierten Behandlung beitragen“, erklärt BPtK-Präsident Munz.

Bevor sich Patienten in das neue DMP-Depression einschreiben lassen können, muss das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium dem Beschluss des G-BA noch zustimmen.

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

116117 wird zur umfassenden Servicenummer

Die Rufnummer 116117, über die zurzeit außerhalb der Sprechzeiten der kassen­ärztliche Bereitschaftsdienst erreichbar ist, wird vom 1. Januar 2020 an zu einer um­fassen­den Servicenummer ausgebaut. Das hat der Vorstandsvorsitzende der Kassen­ärztli­chen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, gestern Abend vor Journalisten in Lieben­berg bekräftigt.

Ab diesem Zeitpunkt ist die Rufnummer rund um die Uhr erreichbar und gilt auch für die Terminservicestellen (TSS) der Kassenärztlichen Vereinigungen, die gesetzlich Kranken­versicherten Termine bei Haus- und Fachärzten sowie bei Psychotherapeuten vermitteln. Die KBV setzt damit einen Auftrag aus dem Terminservice- und Versorgungsgesetz um. Zum Start des erweiterten Angebots werden die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) die Zahl ihrer Mitarbeiter in den Call-Centern auf etwa 1.200 aufstocken.

Mit einer groß angelegten Werbekampagne, die am 30. August starten soll, will die KBV die 116117 in der Bevölkerung bekannter machen. Der KBV-Versichertenbefragung zu­folge kannten im vergangenen Jahr 37 Prozent der Befragten die Nummer für den ärztli­chen Bereitschaftsdienst.

Der Ausbau des Angebots soll dazu beitragen, dass die Patienten in der Versorgungsebe­ne behandelt werden, die ihren Beschwerden angemessen ist. So soll künftig verhindert werden, dass Patienten mit Bagatellerkrankungen die Notaufnahmen der Krankenhäuser verstopfen. „In Verbindung mit einem standardisierten medizinischen Ersteinschätzungs­system ist die 116117 die Eintrittspforte in das Versorgungssystem“, sagte Gassen.

Ersteinschätzung generiert keine Diagnose

Ein solches System hat das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) gemein­sam mit Partnern entwickelt. Dabei wurde eine Software aus der Schweiz auf deutsche Verhältnisse angepasst. Mit dem „strukturierten medizinischen Ersteinschätzungsver­fah­ren für Deutschland“ (SmED) werden Patientendaten wie Geschlecht und Alter, chronische Krankheiten, Vorerkrankungen und Medikation, Leitsymptome und Begleitbeschwerden abgefragt.

Das Ergebnis sei keine Diagnose, sondern eine Einschätzung der Dringlichkeit der Be­hand­lung, sagte Zi-Geschäftsführer Dominik von Stillfried. Die medizinisch geschulten Disponenten empfehlen den Anrufern anschließend die richtige Anlaufstelle für eine Behandlung: die Praxis eines niedergelassenen Arztes zu den regulären Sprechzeiten, eine Bereitschaftsdienstpraxis oder die Notaufnahme eines Krankenhauses.

Ist der Zustand des Anrufers nach Einschätzung der Disponenten lebensbedrohlich, ver­binden sie zum Rettungsdienst. SmED wird zurzeit in mehreren KVen getestet. Ab Januar 2020 soll das System flächendeckend ausgerollt werden und auch an den Tresen der Be­reitschaftspraxen oder Notaufnahmen zum Einsatz kommen.

Um sämtliche digitalen Möglichkeiten für die Patientensteuerung zu nutzen, stellt die KBV ab Ende August auch eine 116117-App bereit. Darüber können Nutzer unter ande­rem eine telefonische Verbindung zum Notruf 112 herstellen und auf die bundesweite Arztsuche zugreifen. Ab Anfang nächsten Jahres sollen Nutzer online Termine der TSS buchen können. Voraussichtlich Mitte 2020 soll auch eine für Patienten adaptierte Versi­on von SmED über die App nutzbar sein.

KBV-Vorstand spricht sich gegen dritten Sektor zur Notfallbehandlung aus

Der KBV-Vorstand äußerte sich in Liebenberg auch ganz grundsätzlich zu den Plänen des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums für eine Reform der Notfallversorgung, die aber offenbar noch nicht mit Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) abgestimmt sind.

Sie sehen unter anderem vor, dass künftig die Länder die Planung und Gestaltung der integrierten Notfallversorgung übernehmen sollen. Den KVen den Sicherstellungsauftrag für den Bereitschaftsdienst zu entziehen, mache medizinisch keinen Sinn und stelle die Krankenhäuser aufgrund des Ärztemangels vor unlösbare Aufgaben, warnte der stellver­tretende KBV-Vorsitzende Stephan Hofmeister.

Er räumte allerdings ein, dass viele Vertragsärzte es sicherlich begrüßen würden, den un­geliebten Bereitschaftsdienst nachts und an den Wochenenden loszuwerden. Darüber hi­naus lasse der Gesetzentwurf aus dem Ministerium offen, wie viele integrierte Notfall­zentren an welchen Standorten künftig benötigt würden. „Dazu müsste mal jemand den Mut haben“, erklärte auch KBV-Vorstand Gassen. Es könnten nicht an allen 2.000 Kranken­hausstandorten solche Zentren geschaffen werden.

Sowohl Gassen als auch Hofmeister sprachen sich dagegen aus, dass Krankenhäuser und KVen die integrierten Notfallzentren künftig gemeinsam betreiben. „Wir brauchen keinen dritten Versorgungssektor“, sagte Hofmeister. „Wir wollen die Patienten integriert versor­gen, aber nicht gemeinsam.“ Deshalb plädierte er dafür, dass die KVen den Tresen für ambulante Patienten betreiben und die Krankenhäuser für die Notaufnahmen zuständig sind, wo die Patienten mit dem Rettungswagen eintreffen. 

Erhöhtes Sterberisiko bei ADHS durch Suizide, Unfälle und andere Verletzungen

Menschen mit der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS haben im Verlauf ihres Lebens ein erhöhtes Risiko, auf nicht natürliche Weise zu sterben. Besonders gefährdet sind nach den Ergebnissen einer Langzeitstudie in JAMA Psychiatry (2019; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2019.1944) Patienten mit einer späten Diagnose sowie solche mit psychiatrischen Begleiterkrankungen.

Menschen mit ADHS geraten durch ihre Unachtsamkeit und Impulsivität immer wieder in gefährliche Situationen. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass sie im Straßenverkehr häufiger in Unfälle verwickelt sind. Nicht durchdachte und übereilte Reaktionen verleiten sie häufiger zu riskanten Verhaltensweisen, die sich schnell als Fehler herausstellen, manchmal mit fatalen Folgen. Auch die Neigung zu einen Suizid ist erhöht.

Eine Studie aus Dänemark hatte bereits gezeigt, dass die Gesamtmortalität doppelt so hoch ist wie im Rest der Bevölkerung und dass unbeabsichtigte Verletzungen die häufigste Todesursache im jüngeren Lebensalter sind (Lancet 2015; 385: 2190-2196).

Nicht natürliche Sterbeursachen sind häufig

Eine bevölkerungsbasierte Kohortenstudie aus Schweden liefert jetzt genauere Einblicke. Shihua Sun und Mitarbeiter vom Karolinska Institut in Stockholm haben die Daten zu 86.670 Menschen der Geburtsjahrgänge 1993 bis 2009 ausgewertet, bei denen die Diagnose einer ADHS gestellt wurde. Von diesen sind bisher 424 gestorben, davon 346 an nicht natürlichen Ursachen. Darunter waren 133 Suizide, 152 Unfälle und 61 andere nicht näher spezifizierte Ursachen.

Nach den Berechnungen von Sun sind Suizide fast 9-mal so häufig wie bei den übrigen Schweden gleichen Alters. Die Hazard Ratio betrug 8,63 und war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 6,27 bis 11,88 hoch signifikant. Todesfälle durch Unfälle traten 4-mal häufiger (Hazard Ratio 3,94; 2,49 bis 6,25) auf, andere unnatürliche Todesursache waren 6-mal häufiger (Hazard Ratio 6,52; 3,68 bis 11,57).

Die ADHS allein erklärt jedoch nur einen Teil der Todesfälle. Jeder 2. Patient mit ADHS hatte weitere psychiatrische Diagnosen. Am häufigsten waren dies Angststörungen, Depressionen und Autismus-Spektrum-Störungen, aber auch Substanzmissbrauch und Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen sind bei ADHS-Patienten häufiger als bei anderen Menschen. Nicht wenige hatten 2 oder mehr psychiatrische Diagnosen erhalten.

ADHS und Substanzmissbrauch besonders riskant

Mit der Zahl der Diagnosen steigt auch das Sterberisiko. Bei Personen, die nur an einer ADHS litten, war es nur leicht erhöht (Hazard Ratio 1,41; 1,01 bis 1,97). Für die etwa 5 % der ADHS-Patienten mit 4 oder mehr psychiatrischen Diagnosen ermittelt Sun eine Hazard Ratio von 25,22 (19,60 bis 32,46). Als besonders riskant erwies sich das Zusammentreffen von ADHS und Substanzmissbrauch (Hazard Ratio 8,01; 6,16 bis 10,41) sowie von AHDS und einer Persönlichkeitsstörung (Hazard Ratio 4,45; 3,31 bis 5,99).

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Eine weitere Beobachtung war, dass die Übersterblichkeit mit dem Alter zunimmt. Für Kinder ermittelte Sun einen nicht signifikanten Trend (Hazard Ratio 1,41; 0,97 bis 2,04). Im Erwachsenenalter betrug die Hazard Ratio 4,64 (4,11 bis 5,25).

Trotz dieser erheblichen Risiken blieb die Mehrheit der 85.670 Personen mit ADHS unversehrt. Ob ihnen dabei eine rechtzeitige medikamentöse Therapie geholfen hat, konnte die Studie allerdings nicht klären. 

Psoriasis: Entzündungen gefährden auch die Psyche

Dänische Forscher haben in einer großen Untersuchung festgestellt, dass Menschen mit Schuppenflechte nicht nur ein höheres Risiko für Depressionen haben, sondern auch fast doppelt so häufig an anderen psychiatrischen Erkrankungen leiden. Sie vermuten, dass Entzündungsprozesse, die mit der Schuppenflechte einhergehen, dazu beitragen.

Schuppenflechte, auch Psoriasis genannt, ist eine Hautkrankheit, die viele Betroffene belastet. Man nimmt an, dass dies dazu beiträgt, dass die Patienten überdurchschnittlich häufig auch unter Depressionen leiden. Wissenschaftler der Universität in Aarhus stellten sich nun die Frage, ob auch andere psychiatrische Erkrankungen vermehrt bei diesen Patienten vorkommen. Beim Vergleich mit gesunden Menschen stellten sie fest, dass nach fünf Jahren 2,6 und nach zehn Jahren 4,9 Prozent der Menschen mit Schuppenflechte an einer psychiatrischen Erkrankung litten. Damit war ihr Risiko 75 Prozent höher als das der Allgemeinbevölkerung.

Besonders hoch war die Wahrscheinlichkeit für eine bipolare Erkrankung, eine Persönlichkeits- oder Angststörung, gefolgt von vaskulärer Demenz, Depressionen und Schizophrenie. Das Risiko sank, wenn die Patienten über einen höheren Bildungsabschluss verfügten.

Den Autoren zufolge wurde ein Zusammenhang zwischen Schuppenflechte und bipolarer Störung zuvor nicht beschrieben. Sie äußerten den Verdacht, dass die chronischen Entzündungsprozesse, die bei einer Schuppenflechte auftreten, auch zum Fortschreiten von bipolaren Störungen und Schizophrenie beitragen könnten. Sie halten es für wichtig, dass Patienten und behandelnde Ärzte sich nicht nur auf dermatologische Symptome, sondern auch auf die seelische Gesundheit konzentrieren.

Quelle: https://doi.org/10.1001/jamadermatol.2019.0039

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Sexueller Missbrauch durch katholische Kleriker

Retrospektive Kohortenstudie zum Ausmaß und zu den gesundheitlichen Folgen der betroffenen Minderjährigen (MHG-Studie)

Sexual abuse at the hands of Catholic clergy—a retrospective cohort study of its extent and health consequences for affected minors (The MHG Study)

Dtsch Arztebl Int 2019; 116(22): 389-96; DOI: 10.3238/arztebl.2019.0389

Dreßing, HaraldDölling, DieterHermann, DieterKruse, AndreasSchmitt, EricBannenberg, BrittaHoell, AndreasVoss, ElkeSalize, Hans Joachim

Hintergrund: Nach dem Bekanntwerden von sexuellen Missbrauchsfällen innerhalb der katholischen Kirche hatte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) ein interdisziplinär besetztes Konsortium mit der Forschung zur Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs durch katholische Kleriker in Deutschland beauftragt (MHG-Studie).

Methode: Es wurden qualitative und quantitative Forschungsmethoden angewandt und die Thematik in sieben Teilprojekten analysiert. Zur Bestimmung der Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs wurden 38 156 Personalakten von Klerikern aus dem Zeitraum von 1946 bis 2014 untersucht und die epidemiologischen Ergebnisse dieser Auswertungen dargestellt.

Ergebnisse: 1 670 Kleriker, die des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen beschuldigt waren, wurden anhand von Personalakten identifiziert. Die Quote beschuldigter Kleriker betrug 4,4 %. 3 677 von sexuellem Missbrauch Betroffene konnten ermittelt werden. Die Betroffenen waren in 62,8 % männlich und in 66,7 % unter 14 Jahre alt. Die Dauer des individuellen Missbrauchsgeschehens betrug im Durchschnitt 1,3 Jahre. In über 80 % der Fälle lagen „hands on“-Delikte (Handlungen mit Körperkontakt) vor. Die gesundheitlichen und sozialen Folgen waren für viele Betroffene erheblich, wobei Ängste, Depressionen, Misstrauen, sexuelle Probleme und Kontaktschwierigkeiten am häufigsten genannt wurden.

Schlussfolgerung: Die ermittelten Zahlen sind als untere Schätzgröße des tatsächlich geschehenen Missbrauchs anzusehen. Asymmetrische Machtverhältnisse und ein geschlossenes System, wie es bei der katholischen Kirche vorherrscht, können einen sexuellen Missbrauch begünstigen. Ärzte spielen sowohl bei der Diagnostik und der therapeutischen Begleitung von Betroffenen als auch bei der Diagnostik und der Therapie von tatgeneigten Personen und Missbrauchstätern sowie bei der Mitwirkung an Präventionskonzepten eine besondere Rolle.

Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein weltweit verbreitetes Problem mit hohen Prävalenzen von 18 % bei Mädchen und 7,6 % bei Jungen (1). Abhängig von unterschiedlichen Einschlusskriterien und Erhebungsmethoden ergeben sich höhere oder niedrigere Angaben zur Lebenszeitprävalenz (2). Die Auswirkungen von sexuellen Missbrauchsdelikten können erheblich sein und umfassen unmittelbare bis mittelbare sowie kurzfristige und langfristige Folgen. Die Wahrscheinlichkeit einer schlechten gesundheitlichen Verfassung steigt, je früher im Leben der sexuelle Missbrauch stattfindet (3). Zahlreiche Studien verweisen – im Vergleich zu sonstigen Straftaten – auf eine erhöhte Prävalenz beziehungsweise eine stärkere Ausprägung von posttraumatischen Belastungsstörungen bei Opfern sexuellen Kindesmissbrauchs (4). Angststörungen, Depressionen, suizidales Verhalten, Schlaf- und Essstörungen sind weitere Folgen, die mit erlebten Missbrauchsdelikten in der Kindheit assoziiert sein können (5). Außerdem berichten Studien von einem Zusammenhang zwischen einem erlittenen sexuellen Missbrauch und späterem Substanzmissbrauch sowie selbstschädigendem Verhalten im Zuge maladaptiver Bewältigungsstrategien (6).

Sexueller Kindesmissbrauch findet am häufigsten in Familien, gefolgt von Institutionen, statt (7). Systematische Untersuchungen über die Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs im institutionellen Kontext liegen weltweit überwiegend für die katholische Kirche vor (8). Auch wenn es innerhalb der Institution der katholischen Kirche einige spezifische Strukturen und Dynamiken gibt, die als Risikofaktoren für sexuellen Missbrauch anzusehen sind (9), können Erkenntnisse zu Missbrauchsgeschehen in der katholischen Kirche auch exemplarisch für den Umgang mit sexuellem Missbrauch in anderen Institutionen genutzt werden. Vergleichbare Angaben zur Häufigkeit sexueller Viktimisierung von Kindern in zum Beispiel der evangelischen Kirche oder anderen Institutionen liegen bisher nicht vor (10). Anliegen der vorliegenden Arbeit ist es, herauszuarbeiten, wie die Erkenntnisse der MHG-Studie in der ärztlichen Praxis umgesetzt werden können.

Methode

In der vorliegenden Arbeit werden epidemiologische Daten berichtet, die sich aus einer Personalaktenanalyse von Angehörigen des Klerus ergaben. Betrachtet wurden alle in dem Untersuchungszeitraum von 1946 bis 2014 aktiven oder im Ruhestand befindlichen Kleriker sowie deren minderjährige Opfer des sexuellen Missbrauchs. Zu den Klerikern zählten katholische Priester („Diözesanpriester“), hauptamtliche Diakone und Ordenspriester im Gestellungsauftrag, das heißt Priester katholischer Orden, die vorübergehend oder dauerhaft Priesterfunktionen im Verantwortungsbereich der DBK ausübten. Eine ausführliche Darstellung der Methodik findet sich im eMethodenteil.

Ergebnisse

Beschuldigte Kleriker

Hinweise auf Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen fanden sich bei insgesamt 1 670 Personen. Dies entspricht einem Anteil von 4,4 % an der untersuchten Population. Bei Diözesanpriestern betrug der entsprechende Anteil 5,1 %, bei hauptamtlichen Diakonen 1,0 % und bei Ordenspriestern im Gestellungsauftrag 2,1 % (Tabelle 1). Der Unterschied zwischen den Anteilen beschuldigter Diözesanpriester und beschuldigter Diakone war statistisch signifikant (χ= 78,6607; p < 0,0001).

Zahl der beschuldigten Kleriker

Tabelle 1Zahl der beschuldigten KlerikerBild vergrößernAlle Bilder

Bei 1 485 Beschuldigten (88,9 %) bestanden Angaben zu ihrem Alter bei der angeschuldigten ersten Missbrauchstat. Das mittlere Alter betrug 42,6 Jahre (SD = 11,4 Jahre, 95-%-Konfidenzintervall [KI]: [42,0; 43,1]) mit einer Spanne von 20 bis 82 Jahren.

Bei 472 der belasteten Kleriker (28,3 %) gab es Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch von mindestens zwei Minderjährigen, die höchstens 13 Jahre alt waren, und auf ein Missbrauchsgeschehen, das sich über mehr als sechs Monate hinzog. Diese 472 Kleriker waren bei der Ersttat statistisch signifikant jünger (das heißt zwischen 20 und 39 Jahren alt) als solche, die diese Konstellation nicht aufwiesen (χ= 14,284; p < 0,001). Aus den Personalakten ergab sich, dass in 38,3 % eine Strafanzeige erfolgte. Aus einer gesondert durchgeführten Strafaktenanalyse geht hervor, dass 67,1 % der Strafverfahren eingestellt wurden, überwiegend wegen Verjährung. Sofern eine rechtskräftige Entscheidung des Gerichts vorlag, gab es nur in einem einzigen Fall einen Freispruch.

Im Untersuchungszeitraum besteht das Maximum an beschuldigten Klerikern in den 1960er bis 1980er Jahren, wobei sich bis zum Ende der Erhebungsperiode im Jahre 2014 jedoch neue Erstbeschuldigungen finden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die absolute Zahl der Kleriker in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat.

Betroffene

Den Beschuldigten konnte eine Gesamtzahl von 3 677 sexuell missbrauchten Minderjährigen zugeordnet werden. Bei 706 (42,3 %) der 1 670 Belasteten wurden Hinweise auf mutmaßlich sexuelle Missbrauchshandlungen an mehr als einem Minderjährigen identifiziert („Mehrfachbeschuldigte“). Bei 902 beschuldigten Klerikern (54,0 %) lagen Hinweise auf jeweils einen einzelnen missbrauchten Minderjährigen vor („Einmalbeschuldigte“). Bei 62 Beschuldigten (3,6 %) konnte die Anzahl der jeweiligen Betroffenen nicht bestimmt werden.

Die mittlere Anzahl von Missbrauchsopfern über alle Beschuldigten hinweg betrug 2,5 (SD = 3,5 Betroffene; 95-%-KI: [2,4; 2,7]). Bei alleiniger Betrachtung der 706 Mehrfachbeschuldigten bezifferte sich die mittlere Anzahl an Betroffenen pro Beschuldigtem auf 4,7 (SD = 4,5 Betroffene; 95-%-KI: [4,4; 5,0]).

Von den insgesamt ermittelten 3 677 sexuell Missbrauchten waren 2 309 männlich (62,8 %) und 1 284 weiblich (34,9 %). Bei 84 Betroffenen (2,3 %) lagen keine Informationen zum Geschlecht vor.

Bei 2 847 Betroffenen (77,4 %) lagen Daten zum Alter beim ersten sexuellen Missbrauch vor; im Mittel ergab sich ein Alter von 12,0 Jahren (SD = 3,1 Jahre; 95-%-KI: [11,9; 12,2]). Zwei Drittel dieser Betroffenen waren beim ersten sexuellen Missbrauch 13 Jahre alt oder jünger (n = 1 899; 66,7 %) (Tabelle 2). Das Geschlechterverhältnis von einem Drittel weiblicher gegenüber zwei Drittel männlicher Betroffener unterschied sich in beiden Altersgruppen nicht.

Alter der Betroffenen beim ersten sexuellen Missbrauch

Tabelle 2Alter der Betroffenen beim ersten sexuellen MissbrauchBild vergrößernAlle Bilder

Bei 2 993 Betroffenen (81,4 %) lagen Angaben zum Jahr des Beginns und dem Jahr des Endes des jeweiligen Missbrauchsgeschehens vor, beziehungsweise die Information, dass es sich um eine einmalige Tat handelte. Aus diesen Daten ließ sich die ungefähre Dauer des Geschehens im jeweiligen Einzelfall berechnen. Die errechnete mittlere Dauer der individuellen Missbrauchsverläufe betrug 1,3 Jahre (SD = 2,3 Jahre; 95-%-KI: [1,3; 1,5]).

Tathandlungen

Bei 3 388 Betroffenen (92,1 %) waren Angaben zur Art der Missbrauchshandlungen vorhanden (Tabelle 3). Dabei waren Mehrfachnennungen möglich. Es handelte sich in mindestens 582 Fällen um genitale oder manuelle Penetration (15,8 % aller Betroffenen beziehungsweise 17,2 % der Betroffenen mit Angaben zur Art). In 1 360 Fällen lagen in irgendeiner Form Masturbationshandlungen vor (37,0 % aller Betroffenen beziehungsweise 40,1 % der Betroffenen mit Angaben zur Art).

Art und Zahlen der Missbrauchshandlungen (Mehrfachnennungen)

Tabelle 3Art und Zahlen der Missbrauchshandlungen (Mehrfachnennungen)Bild vergrößernAlle Bilder

Tatfolgen

Tabelle 4 zeigt die Spannbreite der möglichen gesundheitlichen Auswirkungen. Bei mindestens 244 Betroffenen (6,6 % aller Betroffenen beziehungsweise 23,7 % der Betroffenen mit Angaben zu gesundheitlichen Folgen) weist die Clusterung der Items auf eine Symptomatik im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung hin. Da eine standardisierte Erhebung und Dokumentation der Befunde im vorliegenden Kontext nicht stattfand, war das Stellen einer validen klinischen Diagnose nicht möglich.

Gesundheitliche Probleme bei Betroffenen (Mehrfachnennungen)

Tabelle 4Gesundheitliche Probleme bei Betroffenen (Mehrfachnennungen)Bild vergrößernAlle Bilder

Bei 890 Betroffenen (24,3 %) bestanden Informationen zu Problemen hinsichtlich sozialer Bereiche. Dokumentiert waren Probleme in Beziehungen (53,1 %), im Sexualleben (43,0 %), dem beruflichen Werdegang (34,2 %) und bezüglich der gesellschaftlichen Teilhabe (32,5 %).

Daneben wurden Kirchenaustritte von 144 Betroffenen (3,9 %) angegeben. Mindestens 626 Betroffene (17,0 %) ließen sich in Anbetracht der Tatfolgen psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandeln. Aufgrund der nichtstandardisierten Dokumentation kann von einer Unterschätzung der wahren Behandlungsprävalenz ausgegangen werden.

Bei 348 Betroffenen (9,5 %) lagen Informationen über den Schweregrad der gesundheitlichen oder sozialen Tatfolgen vor, wobei die Einstufung nicht nach standardisierten Kriterien erfolgte. Die Tatfolgen wurden in der überwiegenden Zahl der Fälle als schwerwiegend eingeschätzt (Tabelle 5).

Schweregrad von gesundheitlichen oder sozialen Tatfolgen

Tabelle 5Schweregrad von gesundheitlichen oder sozialen TatfolgenBild vergrößernAlle Bilder

Diskussion

Die Methode unterlag Einschränkungen hinsichtlich der Standardisierung, Validität und Reliabilität des Datenmaterials. Dabei ist davon auszugehen, dass das ganze Ausmaß des Missbrauchsgeschehens durch Kleriker nicht abgebildet wurde. Nicht alle entsprechenden Vorkommnisse wurden dokumentiert und eine unbekannte Anzahl von Akten war zum Studienbeginn nicht mehr vorhanden oder nicht mehr vollständig. Daraus resultierte zum einen ein Unterschätzen der Anzahl beschuldigter Kleriker und minderjähriger Missbrauchsopfer. Zum anderen ergab sich eine Vielzahl von fehlenden Angaben zu einzelnen Aspekten in den Erfassungsbögen, die als solche vermerkt wurden. Alle Informationen wurden in anonymisierter Form an das Forschungskonsortium zur Auswertung weitergeleitet, sodass die Einschätzung der Beurteiler nicht überprüft werden konnte. Da die Akten von Rechercheteams der Diözesen ausgewertet wurden, sind weder ein Interessenkonflikt noch ein unvollständiges Übermitteln von Informationen auszuschließen. Eine quantitative Schätzung dieses Bias ist nicht möglich. Dabei ist anzumerken, dass sich in 50 % der Missbrauchsfälle, die durch die katholische Kirche selbst als plausibel eingeschätzt wurden, keine entsprechenden Hinweise in den Personalakten oder sonstigen Dokumenten fanden. Trotz dieser Limitationen konnte eine sehr große Stichprobe analysiert und eine Fülle bisher unbekannter empirischer Befunde zusammengetragen werden.

Die für den Zeitraum von 1946 bis 2014 ermittelten Zahlen von 1 670 Klerikern, die des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen beschuldigt waren, sowie die diesen Beschuldigten zugeordnete Zahl von 3 677 Betroffenen sind als untere Schätzgröße des tatsächlich stattgefundenen Missbrauchsgeschehens anzusehen. Auch wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass einige Kleriker falsch beschuldigt wurden, so ist aufgrund von Erkenntnissen der Dunkelfeldforschung davon auszugehen, dass einer geringen Anzahl von möglichen Falschbeschuldigungen eine wesentlich höhere Zahl von nicht entdeckten Fällen gegenübersteht (11). Eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt, dass Studien zur Häufigkeit von falschen Beschuldigungen keine belastbaren Prävalenzschätzungen erlauben und die weit überwiegende Zahl solcher Beschuldigungen doch der Wahrheit entspricht (12). Die Erkenntnisse der MHG-Studie können einen Beitrag leisten, um professionelle Zugänge für das Gesundheitssystem zum Umgang mit sexuellem Missbrauch im institutionellen Kontext zu schaffen (13). Neben allgemeinen Mechanismen, die den sexuellen Missbrauch in Institutionen begünstigen (zum Beispiel asymmetrische Machtverhältnisse oder ein geschlossenes System), sind bei der katholischen Kirche auch spezifische risikoreiche Konstellationen zu bedenken. Dazu gehören der Missbrauch klerikaler Macht, eine restriktive katholische Sexualmoral, eine problematische Einstellung zur Homosexualität sowie ein problematischer Umgang mit dem Zölibat und dem Beichtgeheimnis (14). Ob es spezifische Risikokonstellationen für sexuellen Missbrauch von Kindern in der evangelischen Kirche oder anderen Institutionen gibt, wurde bisher nicht umfassend untersucht. Auffällig ist der – im Vergleich zu anderen Institutionen – sehr hohe Anteil missbrauchter Jungen im Verantwortungsbereich der katholischen Kirche. Das wirft Fragen im Hinblick auf die Bedeutung der katholischen Sexualmoral und ihrer Verlautbarungen zur Homosexualität auf. Ärzte sollten Kenntnisse über allgemeine und spezifische Risikokonstellationen bezüglich der Thematik des institutionellen sexuellen Missbrauchs von Kindern haben, da sie sowohl für Betroffene wie auch für Tatgeneigte und Täter Ansprechpartner sein können. Ärztliche Expertise kann zudem bei Präventionsprogrammen gefragt sein oder bei der Intervention, wenn es um den konkreten Schutz eines gefährdeten Kindes geht.

In der Gruppe der Betroffenen zeigen die Ergebnisse der vorliegenden Studie, dass sich vielfältige gesundheitliche und soziale Beeinträchtigungen finden. In Anbetracht des Fehlens einer Kontrollgruppe können allerdings keine kausalen Beziehungen zum erlittenen sexuellen Missbrauch hergestellt werden. Da die Informationen nicht aus medizinischen oder psychologischen Berichten stammen, sondern den Personalakten der Kleriker entnommen wurden, können auch keine Diagnosen nach ICD-10 (ICD, International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) gestellt werden. Während sich jedoch in der deutschen Allgemeinbevölkerung in einer aktuellen Untersuchung nur eine Prävalenz depressiver Störungen von 6,4 % fand (15), betrug der Anteil – sofern entsprechende Angaben vorlagen – bei den Missbrauchsopfern 42,4 % beziehungsweise 11,9 % für die gesamte Gruppe der Betroffenen. Auch für die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung ergab sich in der Gruppe der Betroffenen eine deutlich höhere Prävalenz. Diese belief sich auf 23,7 % der Betroffenen, wenn entsprechende Angaben bestanden, beziehungsweise 6,6 % für die gesamte Gruppe der Betroffenen. Für die posttraumatische Belastungsstörung ist in der deutschen Allgemeinbevölkerung eine Prävalenz von 2,9 % berichtet (16). Bemerkenswert ist, dass in den Unterlagen, die im Rahmen der vorliegenden Studie ausgewertet wurden, nur für knapp ein Drittel der Betroffenen Informationen über gesundheitliche und soziale Folgen dokumentiert waren. Aus den fehlenden Angaben kann jedoch nicht abgeleitet werden, dass entsprechende Sachverhalte nicht vorlagen, sondern lediglich, dass keine entsprechenden Informationen verfügbar wurden.

Kinder und Jugendliche sind in geschlossenen institutionellen Systemen häufig von sexualisierter Gewalt betroffen (1718). Es ist eine wichtige ärztliche Aufgabe, für eventuelle Missbrauchsfolgen sensibilisiert zu sein und durch eine behutsame Anamnese mögliche Traumatisierungen frühzeitig zu erkennen, diagnostisch zu erfassen und gegebenenfalls notwendige, weitere Schritte einzuleiten.

Die Wege, auf denen ein Arzt Informationen, über einen sexuellen Missbrauch erhält, können sehr unterschiedlich sein. Sie können zum Beispiel vom Kind selbst oder dessen Bezugspersonen stammen. Denkbar ist auch, dass ein Arzt aufgrund unspezifischer Symptome, die er bei einem Minderjährigen feststellt, einen sexuellen Missbrauch vermutet. Solche unspezifischen Symptome können bei Kindern zum Beispiel Ängstlichkeit, Aggressivität, Leistungsabfall in der Schule, Rückzugstendenzen oder psychosomatische Beschwerden sein (7). Unter Umständen können Informationen über einen sexuellen Missbrauch auch anonym an einen Arzt herangetragen werden. Bei begründetem Verdacht sollte eine sichere Umgebung als Sofortmaßnahme hergestellt werden. Der individuelle Therapiebedarf sollte dann zeitnah von einem Kinder- und Jugendpsychiater eingeschätzt werden (7). Zu bedenken ist dabei, dass sich viele Betroffene gar nicht oder erst nach Jahrzehnten offenbaren und unter vielfältigen psychischen und körperlichen Symptomen leiden. Die Möglichkeit eines erlittenen Missbrauchs im Kontext der katholischen Kirche ist deshalb auch bei Erwachsenen in Betracht zu ziehen und bei unklarer Ätiologie gegebenenfalls behutsam zu explorieren. Dabei kann zunächst darauf hingewiesen werden, dass eine gegebene Symptomatik bei manchen Patienten auch als Folge eines Missbrauchs auftreten kann. Abhängig von der Reaktion des Patienten können dann potenzielle Missbrauchssituationen über Fragen zur Biografie exploriert werden. Die Kunst des ärztlichen Gesprächs besteht darin, möglichst konkrete Informationen zu erhalten, dabei an eine mögliche Reaktualisierung einer posttraumatischen Symptomatik zu denken und keine suggestiven Fehlerinnerungen hervorzurufen.

Im Hinblick auf die beschuldigten Kleriker ist zu beachten, dass Ärzte auch mit dieser Personengruppe in einen professionellen Kontakt kommen können; möglicherweise zu einem Zeitpunkt, in dem ein Kleriker nur tatgeneigt, aber noch nicht zum Täter geworden ist. Hier kann Prävention ansetzen: zum Beispiel können Mediziner im Rahmen einer umfassenden Sexualanamnese mögliche risikoreiche Konstellationen frühzeitig erkennen und daraufhin spezifische sexualtherapeutische Maßnahmen einleiten. Als Ansprechpartner eignet sich das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“. Ärzte sind angehalten, sich bei der Diagnostik, Intervention und Prävention von sexuellen Missbrauchsfällen immer als Partner in einem interdisziplinären Team zu verstehen und auch Justiz, staatliche Behörden und Beratungsstellen einzubeziehen.

Aufgrund der Studienmethodik ist auch bezüglich der beschuldigten Kleriker in den meisten Fällen keine sichere diagnostische Einordnung möglich, sodass Überlegungen hinsichtlich Motivation und Typologie nur sehr vorsichtig vorgenommen werden dürfen. Es kann für die Praxis hilfreich sein, wenn man von einem Kontinuum von Tätern und tatgeneigten Personen ausgeht. Dieses Kontinuum reicht von einem fixiertem Typus mit einer pädophilen Präferenzstörung bis hin zu regressiven Tätern oder Tatgeneigten mit zum Beispiel einer unreifen oder narzisstischen Persönlichkeitsproblematik.

Die katholische Kirche hat zwar mittlerweile in allen Diözesen mit dem Implementieren von Präventions- und Schutzkonzepten auf den Missbrauchsskandal reagiert. Die Umsetzung ist jedoch ausgesprochen heterogen. Es fehlt bisher eine Fokussierung der Präventionsarbeit auf die spezifischen Risikokonstellationen des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker (19). Sofern Evaluationsstudien erfolgt sind, stellten diese überwiegend einen Effekt der jeweiligen Präventionsprogramme zugunsten der Interventionsgruppe fest (20). Eine Evaluation der kirchlichen Präventionsarbeit, die wissenschaftlichen Kriterien genügt, steht bisher aus.

Vergleichbare Prävalenzen beschuldigter Kleriker wie in der MHG-Studie mit 4,4 % finden sich auch in den USA (4 %) und Australien (7 %) (Tabelle 6).

Übersicht zu ausgewählten Studienbefunden

Tabelle 6Übersicht zu ausgewählten StudienbefundenBild vergrößernAlle Bilder

Die Ähnlichkeit der Prävalenzen unterstreicht, dass sexueller Missbrauch durch katholische Kleriker ein weltweit verbreitetes Phänomen ist und auch entsprechende Reaktionen der jeweiligen Gesundheitssysteme verlangt.

PTBS: Studie findet Risikogene für Flashbacks

Die Flashbacks, die Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) ihre früheren Ereignisse immer wieder vor Augen führen und erneut durchleiden lassen, werden durch bestimmte Genvarianten beeinflusst. Zu diesem Ergebnis kommt eine genom-weite Assoziationsstudie in Nature Neuroscience (2019; doi; 10.1038/s41593-019-0447-7), die auch Verbindungen des PTBS zu anderen Erkrankungen aufzeigt.

Die Symptome bei der PTBS lassen sich drei Gruppen (Hauptcluster) zuordnen. Die erste beschreibt das Wiedererleben der Ereignisse, was sich neben den Flashbacks auch in zwanghaften Gedanken oder Albträumen äußern kann. Dieses Symptom ist kennzeichnend für die PTBS. Die beiden anderen Hauptcluster, Vermeidungsreaktionen und eine Übererregbarkeit, finden sich auch bei Angststörungen im Allgemeinen.

Eine weitere Besonderheit der Flashbacks ist eine genetische Prädisposition, die bereits in früheren genomweiten Assoziationsstudien (GWAS) untersucht wurde. Sie konnten jedoch aufgrund ihrer geringen Größe keine Genvarianten ermitteln, die mit einem erhöhten Risiko auf Flashbacks assoziiert waren. Bei dem von der US-Veteranenbehörde initiierten Million Veteran Program standen die Chancen aus zwei Gründen besser. Zum einen beteiligten sich an dem Programm, das das Erbgut an einer Vielzahl von Einzelstellen, sogenannten SNP (Einzelnukleotid-Polymorphismen), analysiert, mehr als 165.000 Veteranen. Zum anderen ist das PTBS bei den ehemaligen US-Soldaten häufig. Die Prävalenz wird auf 11 bis 15 Prozent geschätzt.

Tatsächlich konnten Joel Gelernter von der Yale University School of Medicine in New Haven/Connecticut und Mitarbeiter acht Regionen im Genom ermitteln, die bei Veteranen mit Flashbacks einer PTBS assoziiert waren. Der Zusammenhang wurde nur bei den Veteranen europäischer Herkunft nachgewiesen, vermutlich weil der Anteil der Afroamerikaner zu gering war.

Die Funktion der Gene, in denen (oder in deren Nähe) die SNP gefunden wurden, lassen Rückschlüsse auf die Pathogenese der Flashbacks zu. Einige Gene sind direkt an der Stressreaktion beteiligt, andere wurden mit anderen psychiatrischen Störungen in Verbindung gebracht. Eine Genvariante ist auch mit Schizophrenie assoziiert, eine andere mit bipolaren Störungen.

zum Thema

Die genetische Überschneidung mit der Schizophrenie bringt die Flashbacks mit den Halluzinationen in Verbindung, die ein zentrales Symptom der Psychose sind und durch Medikamente behandelt werden können. Gelernter könnte sich vorstellen, dass PTBS-Patienten mit einer bestimmten genetischen Signatur von der Behandlung mit Antipsychotika profitieren könnten. Ob dies der Fall ist, könnte jetzt in klinischen Studien untersucht werden.

Eine weitere Assoziation bringt die Flashbacks mit Störungen der Stressreaktion in Verbindung. Die betroffenen Veteranen wiesen häufiger eine Variante im CRHR1-Gen auf. Das Gen enthält die Information für einen Rezeptor des „Corticotropin Releasing Hormone“. Dieses Hormon steuert die Freisetzung von ACTH (Adrenokortikotropes Hormon), das die Kortikoidfreisetzung in den Nebennieren reguliert. Eine andere SNP befindet sich in einem Gen des Steroidstoffwechsels, das damit ebenfalls in die Stressreaktion eingreifen könnte. Auch aus dieser Entdeckung könnten sich Anregungen für therapeutische Behandlungen ergeben. Sie könnte beispielsweise erklären, warum Betablocker den Patient helfen, traumatische Erinnerungen besser zu verarbeiten.