Kognitive Verhaltenstherapie lindert Computerspielsucht

Jungen Menschen, bei denen das Spielen am Computer und im Internet zur Sucht geworden ist, kann durch eine kognitive Verhaltenstherapie geholfen werden, die Psychologen der Universität Mainz entwickelt haben. Die 15-wöchige ambulante Therapie hat in einer randomisierten klinischen Studie in JAMA Psychiatry(2019; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2019.1676) 2/3 der betroffenen Männer geholfen, ihr problematisches Spielen einzuschränken.

Untersuchungen zeigen, dass zwischen 3 und 6 % der Spieler von einer „Internet Gaming Disorder“ betroffen sind. Zu den Diagnosekriterien gehören die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Spielen, Entzugssymptome, eine Toleranzent­wicklung und das fortgesetzte Spielen trotz negativer Konsequenzen wie Angststö­rungen oder der Verlust von Freunden und Arbeitsplatz.

Die „Internet Gaming Disorder“ wurde 2013 in den Diagnosekatalog DSM-5 der American Psychiatric Association aufgenommen. Seit kurzem wird die Störung auch im ICD 11 der Welt­gesund­heits­organi­sation aufgeführt.

Ein Team um den Psychologen Klaus Wölfling von der Ambulanz für Spielsucht an der Universitätsmedizin Mainz hat speziell für Patienten mit Computerspielabhängigkeit die STICA-Therapie (short-term treatment for internet and computer game addiction) entwickelt.

Sie basiert auf den Grundsätzen der kognitiven Verhaltenstherapie, die der ersten Phase das Problembewusstsein fördert und über die Zusammenhänge der Spielsucht informiert. In der zweiten Phase geht es darum, die Trigger zu identifizieren, die zum Spielen verleiten, und ein Konzept für eine Verhaltensänderung zu finden, zu der eine vorübergehende komplette Abstinenz gehört. Die dritte Phase dient der Stabilisierung und der Rückfallprophylaxe.

STICA-Therapie hilft besser als keine Therapie

Die Effektivität der Behandlung wurde an 4 Zentren (Mainz, Mannheim, Tübingen und Wien) an 143 Patienten (alle männlich) untersucht. Die Hälfte der Patienten nahm an der 13-wöchigen ambulanten STICA-Therapie teil, die anderen wurden auf eine Warteliste für eine spätere Therapie gesetzt.

Primärer Endpunkt war eine Remission der Spielsucht, die mit dem „AICA S“-Frage­bogen ermittelt wurde. Der Fragebogen erkundigt sich nach der Häufigkeit von 8 Inter­netaktivitäten (neben Spielen auch Pornografie und soziale Medien), wobei ein Score von 13 Punkten oder mehr ein abhängiges Verhalten anzeigt.

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Eine Remission erzielten 50 von 72 Männern (69,4 %), gegenüber 17 von 71 Männern (23,9 %) in der Wartegruppe. Wölfling ermittelte eine Odds Ratio von 10,10, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 3,69 bis 27,65 signifikant war. Die Behandlung war damit effektiv. Die Patienten verbrachten auch an den Wochenenden weniger Zeit im Internet, mehr Zeit mit ihren Mitmenschen, und auch die depressiven Symptome hatten sich gebessert – wenn auch nicht bei allen Teilnehmern.

Internetentzug führte häufig zu depressiven Gefühlen

Wölfling berichtet in der Publikation, dass es schwierig war, die oft wenig selbstbe­wussten und negativ eingestellten Patienten für die Therapie zu motivieren. Der kom­plette Internetentzug löste häufig depressive Gefühle aus, einige mussten deshalb sogar stationär behandelt werden.

Das Onlineverbot könne bei einigen Patienten zu einer emotionalen Destabilisierung führen, schreibt Wölfling. Viele Patienten würden hier eine zusätzliche Unterstützung benötigen. In zukünftigen Studien soll die Psychotherapie deshalb um eine medika­men­­­töse Therapie ergänzt werden. 

Hessen fördert Online-­Stottertherapie für Kinder

Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration fördert die Ent­wicklung einer Online-Stottertherapie namens „Frankini“ für drei- bis sechsjährige Kin­der. Die Therapie des Instituts der Kasseler Stottertherapie (KST) hat sich nach Anga­ben des Ministeriums für Jugendliche und Erwachsene ab 13 Jahren bereits be­währt. Mit der Förderung von rund 490.000 Euro will das Institut seine Onlinetherapie auf die Altersgruppe der Drei- bis Sechsjährigen ausweiten.

„Frühes Stottern wächst sich nicht von alleine aus, aber mit einer evidenzbasierten, standardisierten Therapie zum frühestmöglichen Zeitpunkt können wir vielen Kindern einen späteren Therapiemarathon ersparen“, sagte Alexander Wolff von Gudenberg, Leiter des KST. Je jünger ein Kind bei Behandlungsbeginn sei und je kürzer der Zeit­raum sei, in dem es stottert, desto höher sei die Chance, dass sich die Sprechstörung wieder komplett auflöse.

Bei der Kasseler Stottertherapie eignen sich die Patienten durch das Üben mit einem Biofeedbackprogramm eine spezielle weiche Sprechweise an, die Unflüssigkeiten beim Sprechen deutlich verringert. Selbst schwer stotternde Menschen lernen laut KST, ohne Hast, Spannung oder Druck weich und ohne Stolpern zu sprechen. Im „Frankini“-Projekt werden die Drei- bis Sechsjährigen mit einer kindgerechten Form der Trainingssoftware behandelt. Ein zentrales Element ist, dass die Eltern zu Thera­peuten ihrer Kinder ausgebildet werden und deren Therapie begleiten.

Die Behandlung ist in vier Module aufgeteilt, die jeweils zwischen zwei und vier Mo­na­ten dauern. Sie beginnt mit einem Onlinetraining, in dem zunächst die Eltern Hand­lungs­strategien erlernen, wie sie mit dem Stottern ihrer Kinder umgehen können und wie sie gemeinsam mit ihren Kindern das Softwareprogramm nutzen können, mit dem diese ein neues Sprechmuster erlernen und vertiefen können. Darauf aufbauend folgt im nächsten Schritt die Onlinetherapie der Kinder, die in den beiden letzten Modulen zudem von einer Präsenztherapie begleitet wird.

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Die Behandlungskosten für die Betreuung von Kindern im „Frankini-Projekt“ über­nimmt die Techniker Krankenkasse (TK) bundesweit für die kommenden zwei Jahre. Weitere interessierte Krankenkassen können sich beteiligen. Kooperationspartner der Kasseler Stottertherapie im „Frankini-Projekt“ sind neben der TK das Unternehmen vitero sowie das Telemedizinische Zentrum Bad Kissingen.

Stottern ist die häufigste und bekannteste Sprechstörung und entsteht meist im Alter von zwei bis fünf Jahren. Jedes zwanzigste Kind ist davon betroffen. Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung bleibt ein chronisches Stottern bestehen. 

Modellprojekt zur Versorgung von Depressions- und Angstpatienten angelaufen

Ein neues Angebot für Patienten mit Depressionen und Angst­störungen wird in Hessen erprobt. Das „eHealth gestützte Case-Management für psy­chisch Erkrankte in der hausärztlichen Primärversorgung“ (Prema) soll den Hausarzt als vertrauten und verlässlichen Begleiter von Patienten mit psychischen Erkrankun­gen darin stärken, die Krankheit frühzeitig und sicherer zu erkennen und die Betroffe­nen individuell zu betreuen.

Das neue Angebot wird vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschus­ses (G-BA) gefördert. Es gilt zunächst nur für Hessen und und kann dort von rund 2.000 Patienten genutzt werden. Kooperationspartner sind die Techniker Kranken­kasse (TK), die Goethe-Universität Frankfurt, die Universitätsklinika München und Hamburg, die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen sowie der Technikpartner TelePsy.

Prema setzt auf ein Dreierbündnis von Hausarzt, Medizinischer Fachangestellten (MFA) und Patient. Online-gestützte Fragebögen unterstützen bei der Diagnose aber auch bei der Frage, ob eine umgehende Überweisung an einen Fachspezialisten er­forderlich ist.

Bleiben die Patienten in der hausärztlichen Behandlung, werden sie im Programm zwölf Monate lang nicht nur vom Hausarzt selbst, sondern auch von der MFA aktiv begleitet. Sie kontaktiert den Patienten regelmäßig zu seinem Befinden und fragt seine Symptome mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens ab. Die Ergebnisse leitet sie an den Hausarzt weiter, der auf diese Weise die Therapiefortschritte des Patienten in kurzen Intervallen verfolgen kann.

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„Die digitalen Elemente sind ein wichtiger Bestandteil des Behandlungsprogramms“, erläuterte Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung in Hessen. Die Patienten könnten von zu Hause aus und in ihrem eigenen Tempo daran arbeiten, ihre Belas­tungen in den Griff zu bekommen. Sie setzten sich aktiv mit ihrem Krankheitsbild aus­einander, würden dabei aber nicht allein gelassen. „Das verbessert ihr Selbstmanage­ment und ermöglicht eine optimale Behandlung, die ihre individuellen Bedürfnisse berücksichtigt“, sagte Voß.

Die KV Hessen hat bereits Ende Mai 2019 mit der Rekrutierung der Hausarztpraxen begonnen. „Wir haben bereits eine vielversprechende Anzahl von Hausärzten, die am Modellprojekt teilnehmen wollen“, erklärte Eckhard Starke, stellvertretender Vor­stands­vorsitzende der KV Hessen. Wichtig sei auch, dass im Falle eines Falles Psy­chotherapeuten bereit stehen, um die Hausärzte zu unterstützen oder Therapien zu übernehmen. 

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Internetrecherche zu Krankheitssymptomen verunsichert viele Patienten

Ausgedehnte Internetrecherchen zu ihren Krankheitssymptomen können bei Patienten Ängste auslösen, die sich langfristig verfestigen. Der Umgang mit einer solchen „Cyberchondrie“ stellt eine besondere Herausforderung für den Arzt dar. Das berichten Wissenschaftler um Julian Wangler vom Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie der Universitätsmedizin Mainz in der Zeitschrift DMW Deutsche Medizini­sche Wochenschrift (doi 10.1055/a-0842-8285).

Die Forscher haben für ihre Studie zwischen dem 20. April und 20. Juni 2018 844 Allgemeinmediziner und hausärztlich tätige Internisten in Südhessen und zusätzlich in den Landkreisen Gießen, Marburg-Biedenkopf, Kassel und der kreisfreien Stadt Kassel schriftlich befragt. Sie wollten von den Hausärzten wissen, ob und wie häufig Patienten in der Sprechstunde Erstdiagnosen aus dem Internet thematisieren.

Zwei Drittel der Mediziner gaben an, dass sie häufig damit konfrontiert seien. Patien­ten kämen bereits mit Informationen zu den Symptomen ihrer möglichen Erkrankung in die Praxis und hätten sich bereits über Therapien Gedanken gemacht. Die Ärzte hatten den Eindruck, dass die Patienten durch die vorherige Internetsuche eher ver­wirrt oder verunsichert werden (84 Prozent) und nervöser und ängstlicher wirken (74 Prozent).

Dass die Patienten gut informiert sind und daher den Arzt besser verstehen (29 Pro­zent) oder bei Beschwerden rechtzeitiger in die Praxis kommen (16 Prozent), ist nach Einschätzung der Allgemeinmediziner seltener der Fall. Nur sechs Prozent der Ärzte gaben an, dass die Patienten sich nach einer Internet-Recherche sicherer fühlten und nur vier Prozent der Mediziner erklärten, dass sie dann vernünftiger handelten.

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62 Prozent der Hausärzte beklagten, dass die Patienten mit falschen Erwartungen in die Praxis kämen. 46 Prozent vermuten, dass ihre Diagnose zuhause via Internet überprüft werde. 41 Prozent der Mediziner befürchten, dass das Internet die Patienten dazu bewege, andere als die verordneten Medikamente einzunehmen. 39 Prozent mutmaßen, dass die verordneten Medikamente infolgedessen nicht eingenommen werden.

Die Umfrage zeigt außerdem, dass eine Internetrecherche den Gesprächsbedarf seitens der Patienten erhöht: 74 Prozent der Ärzte sagten, dass die Patienten mehr Fragen stellen, 64 Prozent sahen sich zunehmender Kritik gegenüber, 32 Prozent empfanden die Patienten als konfliktbereiter. Jeder fünfte Arzt (18  Prozent) hat bereits den Abbruch eines Betreuungsverhältnisses aufgrund ausgeuferter Internetrecher­chen des Patienten erlebt.

„Es erscheint ratsam, die Online-Informationssuche aktiv im Patientengespräch zu thematisieren, um möglichen negativen Auswirkungen auf das Arzt-Patient-Verhältnis vorzubeugen. Entsprechend wäre darüber nachzudenken, die Anamnese um die Dimension der Online-Informationssuche zu erweitern“, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler. 

Stiftung Warentest prüft Onlineprogramme bei psychischen Erkrankungen

Einige Onlineprogramme gegen Depressionen können Betroffenen helfen. Dieses Urteil trifft die Stiftung Warentest, die für ihre Zeitschrift Test acht Angebote prüfte und vier davon als empfehlenswert einstufte. Sie überzeugten demnach beim Konzept, auch Studien hätten die Wirksamkeit der Programme belegt.

Drei weitere Onlineangebote sind demnach „eingeschränkt em­pfehlenswert“. Für ein Programm einer großen Krankenkasse gab es keine Bewer­tung, weil die Tester nach eigenen Angaben keinen Zugang für die Untersuchung bekamen. Die Testergebnisse wurden in der aktuellen Juli-Ausgabe der Zeitschrift Test und on­line unter www.test.de/online-psychotherapie veröffentlicht.

Onlineprogramme gegen Depressionen bieten oft mehrere Module an, die Anwender ein- bis zweimal pro Woche bearbeiten. Viele Programme stützen sich stark auf die kognitive Verhaltenstherapie. Die Bearbeitung geschieht größtenteils schriftlich, aber auch über interaktive Elemente wie Videos. Nutzer werden häufig direkt angespro­chen, bekommen Hintergrundinformationen und Fragen.

Nach Angaben der Stiftung Warentest prüften zwei psycho­therapeutische Gutachter die Angebote unter anderem in Anlehnung an Qualitäts­kriterien der Deutschen Gesell­schaft für Psycho­logie, der Deutschen Gesell­schaft für Psychiatrie und Psycho­thera­pie, Psycho­somatik und Nervenheil­kunde, des Berufs­verbandes Deutscher Psycho­loginnen und Psycho­logen und der Bundes­psychotherapeutenkammer.

Wichtig sei bei der Prüfung auch gewesen, ob die Programme auf wissenschaftlich anerkannten Verfahren beruhen, ob Inhalte und Einsatz­gebiete (wie Symptome und Schweregrad) trans­parent benannt werden und wie die Entwickler qualifiziert sind.

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Die Gutachter berück­sichtigten nach Angaben der Stiftung auch Aspekte der Patien­tensicherheit, etwa ob Anbieter zu den Grenzen und Risiken der Programme informie­ren. Zu diesem Prüf­punkt zähle auch, ob es Mecha­nismen wie regel­mäßig auszufüll­en­de Fragebögen gibt, um psychische Krisen früh­zeitig zu erkennen – und ob dann klare Hinweise erfolgen, wie Betroffene schnell persönliche Hilfe finden. Auch weitere Aspekte wie Finanzierung, Nutzer­einbindung und -freundlich­keit seien in das Urteil eingeflossen.

Die Stiftung Warentest weist explizit darauf hin, dass die meisten Angebote nicht für schwere Depressionen gedacht sind. Auch für die genaue Diagnose seien Ärzte und Psychotherapeuten vor Ort wichtig.

Die Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung Barbara Lu­bisch findet grundsätzlich gut, dass die Stiftung Warentest Online-Programme bei psychischen Erkrankungen nach transparenten Kriterien bewertet. Denn in diesem Bereich gebe es „viel Selbstgestricktes, was absolut nicht empfehlenswert ist“.

Indikation müssen Ärzte und Psychotherapeuten stellen

Sehr wichtig sei allerdings, dass Ärzte und Psychotherapeuten eine Indikation für sol­che Onlineprogramme stellten. Wenn Krankenkassen ohne eine solche Indikation für die Programme zahlten, oder sie gar offensiv anböten, sei dies nicht in Ordnung.

„Da maßen sich Krankenkassen an, über die Behandlung von beispielsweise Patien­ten mit Depressionen zu entscheiden – das geht nicht“, erklärt die Psychotherapeutin. Sie wehre sich auch dagegen, dass Onlineprogramme als Psychotherapie bezeich­net würden, denn Therapie sei die Behandlung von krankheitswertigen Störungen.

Grundsätzlich kann sich die DPtV-Vorsitzende die Verwendung von Onlineinterventio­nen begleitend zur Psychotherapie vorstellen, beispielsweise über eine Verordnung als Hilfsmittel. Auch sollten Ärzte und Psychotherapeuten ihren Patienten Onlinein­ter­ventionen als niederschwellige Maßnahme empfehlen können, „wenn sie sie vorher gesehen haben“, so Lubisch. 

Psychotherapieansatz wirkt langfristig gegen Binge Eating

Eine spezielle Psychotherapie kann Menschen helfen, die unter Essanfällen leiden und in der Folge häufig übergewichtig oder adipös sind. Das berichten Ärzte und Wissenschaftler vom Universitätsklinikum Tübingen in der Zeitschrift Psychotherapy and Psychosomatics (doi: 10.1159/000499696). Menschen mit der „Binge Eating“ genannten Essstörungen haben eine deutlich verminderte Kontrolle über ihr Essverhalten. Die Wissenschaftler um Kathrin Schag von der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums randomisierten 41 von ihnen für die Verum- und 39 für die Kontrollgruppe.

Bei der Studiengruppe wurden in einer speziellen Psychotherapie in acht 90-minütigen Sitzungen zum einen die Selbstkontrollfähigkeiten gestärkt, zum anderen übten die Studienteilnehmer in sogenannten Expositionssitzungen, sich besonders schmackhafte Nahrungsmittel vorzusetzen, gleichzeitig aber dem Drang zu widerstehen, diese Nahrungsmittel zu essen.

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Dabei durften die Teilnehmer die Nahrungsmittel und Gerichte mitbringen, die bei ihnen am ehesten ein unkontrolliertes Essverhalten auslösen. Unter psychologischer Anleitung konfrontierten sich die Teilnehmer mit dem Verlangen zu essen und lernten, dieses zu beherrschen. „Diese Erfahrung, das Essverhalten steuern zu können und zu erleben, wie sich das Verlangen während der Gruppensitzung verminderte, führte zu einem Erfolgserlebnis und der Erkenntnis ‚Ich kann das‘“, berichten die Studienautoren.
Die Kontrollgruppe nahm nicht an dem speziellen Gruppenprogramm teil, sondern erhielt eine standardmäßige Therapie.

Bei der Auswertung zeigte sich, dass zunächst beide Gruppen ihre Essanfälle und weitere Essstörungssymptome reduzieren konnten, diese Effekte aber bei der Behandlungsgruppe länger als drei Monate anhielten und sich weiter verstärkten, während die Kontrollgruppe wieder auf das Ausgangsniveau zurückging. Die Forscher vermuten, dass die vorläufigen Verbesserungen in der Kontrollgruppe unter anderem auf ein wöchentliches Ausfüllen von Selbstbeobachtungsprotokollen zurückgeht.

Dieses klassische verhaltenstherapeutische Instrument führe zu einer erhöhten Selbst­achtsamkeit, die nach der Behandlungszeit allerdings schnell wieder nachlasse, hieß es.
„Die Ergebnisse der Studie geben Hoffnung, in der Behandlung von Essstörungen und Adipositas einen wichtigen Therapiebaustein gefunden zu haben“, so die Autoren. 

Diese Eigenheit des Gehirns könnte die Psychotherapie revolutionieren

Angststörungen können behandelt werden, wenn der Patient sich der angstauslösenden Situation aussetzt. Doch der Zugang zu dieser Therapie ist hürdenreich. Eine Lösung könnte gefunden sein, jedoch nicht in der realen Welt.

Der Hörsaal ist voll. Der Puls der Patientin steigt. Vor Menschen zu sprechen macht ihr Angst, sie leidet unter Sozialphobie. Aber das Publikum guckt gerade so freundlich, dass die Situation für die Patientin stressig, aber machbar ist. Denn eigentlich gibt es den Hörsaal gar nicht. Die Patientin steht in einem nur zwölf Quadratmeter großen Raum. Auf einem Bildschirm überwacht ein Therapeut ihre Stresswerte, er kontrolliert die Situation. Eine Virtual-Reality-Brille versetzt die Patientin in die gefürchtete Situation.

Das Paderborner Start-up Psycurio entwickelt solche virtuellen Welten, in denen Patienten sich ihren Ängsten stellen. „Für unser Gehirn macht es keinen Unterschied, ob ich etwas in der echten oder virtuellen Welt mache“, sagt die Gründerin Daniela Schumacher. Wenn Avatare sich bewegen und verhalten wie Menschen, fühlt die Szenerie sich für Patienten echt an, erklärt Thies Pfeiffer, der am Bielefelder Exzellenzcluster Kognitive Interaktionstechnologie zu Virtual-Reality- und Mensch-Maschine-Interaktion forscht. Die Qualität der Darstellung sei gar nicht so ausschlaggebend. Diese Eigenheit des menschlichen Gehirns könnte die Psychotherapie revolutionieren.

Vor allem für die Therapie von Angststörungen bietet sich die virtuelle Realität an. Therapeuten arbeiten dabei klassischerweise mit der sogenannten Expositionstherapie: Der Patient wird schrittweise mit der gefürchteten Situation konfrontiert und hält die Angst so lange aus, bis sie nachlässt. Irgendwann lernt das Gehirn, mit der Situation umzugehen.Anzeige

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. „Für die Therapie von Phobien braucht ein Therapeut gut beherrschbare, angstauslösende Situationen“, sagt Mathias Müller, Geschäftsführer von VTplus, einem Würzburger Virtual-Reality-Unternehmen. Einen Turm besteigen oder einen turbulenten Flug erleben – das könne man auch in der virtuellen Welt machen.LESEN SIE AUCH

Diese Möglichkeiten erforscht der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Peter Zwanzger, am kbo-Inn-Salzlach-Klinikum in Wasserburg am Inn. Die Virtual-Reality-Therapie sei nicht nur kostengünstiger und zeitsparender umzusetzen als die analoge Expositionstherapie, sondern für Patienten auch leichter zugänglich, sagt Zwanzger. Die Aussicht, im Rahmen einer Therapie tatsächlich ins Flugzeug zu steigen, eine Spinne zu berühren oder vor hundert Menschen zu sprechen, schrecke viele Patienten ab. Diese Hemmschwellen sind bei der Virtual-Reality-Therapie geringer, hat Zwanzger in seinen Studien festgestellt.

Trotzdem lässt der Durchbruch der neuen Methode auf sich warten. Sowohl VTplus als auch Psycurio verhandeln aktuell mit Krankenkassen. Würden sie die Kosten für die Virtual-Reality-Therapie übernehmen, könnten die VR-Brillen schon bald in viele Praxen einziehen, sind Müller und Schumacher überzeugt. Peter Zwanzger ist etwas zurückhaltender mit Prognosen: „Gerade in der Medizin gehen Wunsch und Wirklichkeit oft auseinander.“ Technisch sei vieles möglich – was davon therapeutisch sinnvoll und praktisch anwendbar sei, sei eine andere Frage. Pilotstudien würden die Wirksamkeit der Virtual-Reality-Therapie zwar nahelegen – eine richtige Grundlagenforschung mit mehreren Hundert Probanden fehle aber noch.LESEN SIE AUCH

Zwanzger arbeitet als Mitglied eines Expertengremiums an den neuen Leitlinien für die Therapie von Angststörungen. An diesen sogenannten S3-Leitlinien können Therapeuten sich orientieren – sie geben einen Überblick über anerkannte medizinische Verfahren. Die aktuelle Version aus dem Jahr 2014 rät für bestimmte Phobien zur Virtual-Reality-Therapie, allerdings nur, wenn eine echte Konfrontation nicht umsetzbar ist.

Mathias Müller würde da gern weiter gehen. Seiner Vorstellung nach ist das Erleben der echten Situation nur noch das i-Tüpfelchen am Ende der Therapie. Psycurio setzt sogar auf die rein virtuelle Therapie, immer mit menschlicher Begleitung. Gründerin Schumacher ist überzeugt: „Die Virtual-Reality-Therapie ermöglicht eine moderne, für den Patienten weniger unangenehme, sehr effektive Therapie.“

Peter Zwanzger stimmt ihr da zwar zu. Vieles ist für ihn aber noch Zukunftsmusik. „Ich bin der Meinung, dass Patienten ein Recht darauf haben, dass die Wirksamkeit einer Therapie erwiesen ist.“ Deshalb werden auch die neuen S3-Leitlinien keine uneingeschränkte Empfehlung für diese Art der Therapie enthalten – aber zumindest den Hinweis auf eine vielversprechende neue Technologie.

Pregabalin: Studie sieht erhöhte Suizidalität und Gewaltprobleme bei jüngeren Patienten

Die Verordnung der Antiepileptika Gabapentin und Pregabalin an jüngere Patienten ist in Schweden mit einer erhöhten Zahl von Suiziden, Überdosierungen, Kopf-/Körperverletzungen sowie Unfällen und Verstößen im Straßenverkehr verbunden. Dies ist das Ergebnis einer bevölkerungsbasierten Kohortenstudie im britischen Ärzteblatt (BMJ 2019; 365: l2147), wobei die Probleme überwiegend mit Pregabalin assoziiert waren.

Die Gabapentinoide Gabapentin und Pregabalin haben neben antikonvulsiven auch analgetische und anxiolytische Wirkungen. Die ursprünglich als Antiepileptika entwickelten Wirkstoffe sind heute auch zur Behandlung neuropathischer Schmerzen zugelassen. Pregabalin darf auch zur Behandlung von Angststörungen bei Erwachsenen eingesetzt werden. Hinzu kommt ein breiter „off-label“-Einsatz bei verschiedenen Störungen, ohne den der Anstieg der Verordnungen nicht erklärbar ist, zu dem es in den letzten Jahren gekommen ist. Die beiden Gabapentinoide gehören weltweit zu den 15 umsatzstärksten Medikamenten. Aufgrund seiner in hoher Dosis euphorisierenden Wirkung ist vor allem Pregabalin unter Drogenkonsumenten beliebt.

Die Nebenwirkungen der beiden Gabapentinoide gehen möglicherweise über das hinaus, was in den Fachinformationen erwähnt wird. Ein Team um Seena Fazel von der Universität Oxford kann jetzt zeigen, dass von den 191.973 Schweden, denen in den Jahren 2006 bis 2013 Gabapentin oder Pregabalin verordnet wurde, 10.026 (5,2 %) an einem Suizid gestorben sind oder wegen eines Selbstmordversuchs in der Klinik behandelt wurden, 17.144 (8,9 %) wurden wegen Überdosierungen von Drogen oder Medikamenten in Notfallambulanzen behandelt, 12.070 (6,3 %) waren in Verkehrsunfälle oder -delikte involviert, 70.522 (36,7 %) wurden wegen Kopf-/Körperverletzungen behandelt und 7.984 (4,1 %) wurden wegen eines Gewaltverbrechens festgenommen. Das ist sicherlich mehr, als im Durchschnitt der schwedischen Bevölkerung zu erwarten ist.

Könnte die Einnahme der Gabapentinoide für diesen Anstieg von Suizidalität und Gewaltbereitschaft mitverantwortlich sein? Zu den häufigen Nebenwirkungen gehören neben Benommenheit und Schläfrigkeit auch Koordinationsstörungen, Aufmerksamkeits­störungen sowie kognitive Beeinträchtigung und suizidale Gedanken.

Um die Frage zu klären, hat Fazel bei den einzelnen Patienten die Zeiten, in denen sie die Medikamente eingenommen haben, mit den Zeiten verglichen, in denen sie kein Rezept erhalten hatten. Dieser interpersonelle Vergleich vermeidet viele Verzerrungen, die bei epidemiologischen Studien leicht auftreten können.

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Die Analyse ergab, dass es während der Gabapentinoid-Behandlung zu 26 % häufiger zur Suizidalität, zu 24 %häufiger zu unbeabsichtigten Überdosierungen, zu 22 % häufiger zu Kopf-/Körperverletzungen und zu 13 %häufiger zu Vorfällen und Straftaten im Straßenverkehr kam. Nur ein Anstieg von Gewaltverbrechen ließ sich nicht eindeutig nachweisen.

Die Probleme scheinen weitgehend auf Pregabalin beschränkt zu sein. Für Gabapentin waren die Hazard Ratios in allen Endpunkten niedriger und nur bei Kopf-/Körper­verletzungen signifikant.

Ein entscheidender Faktor könnte das Alter der Patienten sein. Betroffen von den negativen Folgen waren vor allem jüngere Patienten. Die Hazard Ratios waren bei den 15- bis 24-Jährigen am höchsten und nahmen in höheren Altersgruppen kontinuierlich ab. 

Patientenbrief statt Arztbrief kann Patientensicherheit erhöhen

Patienten, die nach der Entlassung aus dem Krankenhaus einen Patienten­brief erhielten, fühlen sich besser unterstützt und verstehen ihre Erkrankung und Be­handlung besser. Das zeigen die Ergebnisse der Pilotstudie „Mehr Gesundheitskom­petenz durch Patientenbriefe“, die heute im Rahmen der Veranstaltung „Mit. Sicher­heit. Gemeinsam.“ des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) in der Hörsaalruine der Charité Berlinvorgestellt wurden.

Insbesondere in Bezug auf die Einnahme von Medikamenten gaben die Patienten signifikant häufiger an, sehr verständliche Erläuterungen über die Art der Medikamen­ten­einnahme erhalten zu haben. Dies könne sich positiv auf die Therapietreue und die Gesundheitskompetenz insgesamt auswirken, sagte Ansgar Jonitz, Geschäftsführer des gemeinnützigen Unternehmens „Was hab’ ich?“.

Das Startup hatte die für Laien verständlichen Entlassdokumente entwickelt und deren Einsatz zwischen November 2015 und April 2018 getestet. Patienten der Abteilung Innere Medizin der Paracelsus-Klinik in Bad Ems erhielten im Rahmen der Studie zu­sätzlich zum Arztbrief einen Patientenbrief, der leicht verständliche Informationen zum Krankheitsbild, zu den durchgeführten Untersuchungen, Behandlungen und den Me­di­kationsplan enthielt.

Neben einem besseren Verständnis für die eigene Erkrankung zeigen die Ergebnisse auch, dass Patienten mit Patientenbrief sich im Krankenhaus rücksichtsvoller behan­delt fühlten und die Klinik nach Entlassung häufiger weiterempfahlen. Auch wurden die Patientenbriefe von fast allen Patienten und in vielen Fällen von Angehörigen gelesen.

Thomas Gebhardt, Parlamentarischer Staatssekretär des BMG, betonte, dass eine patientengerechte Kommunikation entscheidend sei, um die Gesundheitskompetenz und damit auch die Patientensicherheit zu erhöhen. Patientensicherheit sei Aufgabe aller, so Gebhardt. Sie könne nur durch die gemeinsame Anstrengung von Ärztinnen und Ärzten sowie Patienten gelingen. 

Perspektivisch soll das Projekt flächendeckend eingesetzt werden und allen Patienten zur Verfügung stehen. Auch die Option eines mehrsprachigen Patientenbriefes sowie eine digitale Version und die Ausweitung auf weitere Zielgruppen sind angedacht. In einem Folgeprojekt, das in den kommenden Tagen startet, wird zudem die automati­sche Erstellung von Patientenbriefen getestet.

„Was hab’ ich?“ bietet seit 2011 einen Patientenservice zur „Übersetzung“ von Arzt­briefen an. Patienten können ihre Befunde anonym auf dem Portal hochladen und er­halten kostenfrei eine leicht verständliche Version des Arztschreibens. Die Formulie­rung übernehmen Medizinstudierende höherer Semester sowie Ärzte. Seit dem Start der Webseite wurden 40.000 Befunde übersetzt.

Wissenschaftler stellen Test für Computerspielsucht vor

Einen Test zur epidemiologischen Erfassung von Computerspielsucht, auch „Gaming Disorder“ genannt, haben Wissenschaftler der Universität Ulm um Christian Montag veröffentlicht. Parallel zu ihrer Veröffentlichung im Fachjournal International Journal of Mental Health and Addiction (2019; doi:10.1007/s11469-019-00088-z) machen die Forschenden den „Gaming Disorder Test“ im Internet auch in deutscher Sprache öffentlich zugänglich.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation WHO hat die Diagnose „Gaming Disorder“ in den neuen Krankheitskatalog ICD-11 aufgenommen, den die Weltgesundheitsver­samm­lung im Mai in Genf beschlossen hat. 

Wer sein Gamingverhalten nicht mehr kontrollieren kann, dem Computerspiel Priorität gegenüber anderen Aktivitäten einräumt und an diesem Verhalten trotz negativer Kon­sequenzen nichts ändert, könnte gemäß WHO-Definition unter Computerspiel­sucht lei­den. Laut der WHO kann jedoch erst von Computerspielsucht ausgegangen wer­den, wenn Betroffene dieses Verhaltensmuster über mindestens 12 Monate zeigen und es zu schweren Beeinträchtigungen des Familienlebens, der Ausbildung oder der Arbeitsleistung kommt. 

Der neue Onlinefragebogen orientiert sich an den Kriterien der WHO und erfasst Gamingaktivitäten der vergangenen 12 Monate bis zum Tag der Erhebung auf einer Skala von 1 bis 5. Ziel des psychometrischen Instruments ist laut den Forschern we­niger die Diagnose als die Erforschung von Auswirkungen des exzessiven Spielens. Studienteilteilnehmer erfahren daher lediglich, ob ihre Ergebnisse im Vergleich mit allen Probanden eine Tendenz zur „Gaming Disorder aufweisen.

„Exzessives Videospielen ist schon heute ein ernst zu nehmendes Gesundheitsrisiko in asiatischen Ländern und ein aufkommendes Problem in Europa. Um große, inter­nationale Studien durchführen zu können, haben wir das neue Instrument kulturüber­greifend konzipiert und in China sowie Großbritannien getestet“, erläuterte Christian Montag, Heisenberg-Professor sowie Leiter der Abteilung für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm.

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Die Stichprobe umfasste 236 junge Chinesen, die an einer Universität in Beijing stu­dierten, sowie 324 britische Studierende aus dem Großraum London und aus den East Midlands. Das Durchschnittsalter betrug 23 Jahre. Ausschlusskriterium für die Teilnahme an der Onlinebefragung war die Angabe, in den letzten 12 Monaten kein Videospiel gespielt zu haben.

Nach Abschluss der Erhebung haben die Forscher überprüft, ob sich das Instrument zur Messung der Computerspielsucht eignet („Validität“) und ob es das Konstrukt zu­verlässig misst („Reliabilität“). 

Zudem konnten sie erste Rückschlüsse auf das Gamingverhalten der untersuchten chinesischen und britischen Studierenden ziehen. So unterschied sich das Vorkomm­en der Computerspielsucht nach WHO-Kriterien zwischen beiden nationalen Gruppen nicht signifikant. Im Mittel gaben die Studierenden an, 12 Stunden in der Woche zu spielen.

Dabei verbringen sie fast die Hälfte dieser Zeit (46 %) am Wochenende alleine vor dem Computer oder sonstigen mobilen Endgeräten. 36 Teilnehmende (6,4 %) berichteten von großen Problemen im Alltag aufgrund ihres Spielverhaltens und könnten somit die Diagnosekriterien der WHO erfüllen.