Schweregradgestuftes sektoren­übergreifendes Versorgungsnetzwerk für psychisch Kranke gefordert

Auf die Bedeutung psychischer Erkrankungen als Volkskrankheit hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nerven­heilkunde (DGPPN) gestern Abend vor Gesundheitspolitikern, Vertretern von Selbstverwaltung und Fachverbänden sowie Wissenschaftlern in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft (DPG) am Berliner Reichstaggebäude hingewiesen.

„Rund 17,8 Millionen Menschen in Deutschland sind von einer psychischen Erkrankung betroffen, doch nur 19 Prozent befinden sich in professioneller Behandlung“, erklärte Arno Deister, Präsident der DGPPN. Psychische Erkrankungen stünden an zweiter Stelle der Ursachen für Arbeitsunfähigkeitstage, Frühberentungen aus diesem Grund seien seit Beginn der 90er-Jahre um 80 Prozent angestiegen.

Neue Faktensammlung und Standpunktepapier

Die Fachgesellschaft will dem entgegenwirken und präsentierte gestern eine neue Faktensammlung zum psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgungssystem. Anhand von Daten und Grafiken, Hintergrundgeschichten und Kurzinterviews aus Sicht von Ärzten, Betroffenen und Angehörigen wird in dem Dossier versucht aufzuzeigen, welche Barrieren, aber auch welche Chancen es im Zusammenspiel der verschiedenen Sektoren gibt.

Anknüpfend daran formuliert die DGPPN in einem neuen Standpunktepapier konkrete Handlungsfelder. Anhand der vier Schwerpunktthemen Versorgung, Forschung, Nachwuchs und Qualität werden in dem Papier Weichenstellungen herausgearbeitet, „um die Psychiatrie und Psychotherapie der Zukunft patientenorientiert, zeitgemäß und nachhaltig zu gestalten“, so DGPPN-Präsident Deister.

„Das Versorgungssystem für psychisch Kranke ist kaum noch zu überschauen – selbst für Fachleute oft nicht. Behandlungsverzögerungen und -abbrüche mit allen Konsequenzen für die Betroffenen sind oft die Folge“, betonte Deister. Notwendig sei ein schweregradgestuftes sektorenübergreifendes Versorgungsnetzwerk mit verbindlichen Kooperationen und klaren Verantwortlichkeiten.

„Partialinteressen“ dürfe dabei nicht allzu sehr nachgegeben werden. „Aus unserer Sicht ist der Gesetzgeber jetzt gefordert, hierfür zu sorgen“, sagte Deister. Die neue Regelung im Kabinettsentwurf für ein Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) sei deshalb zu begrüßen, müsse aber deutlich über die Richtlinienpsychotherapie hinausgehen.

Für die psychotherapeutische Behandlung sieht der TSVG-Kabinettsentwurf vor, dass diese künftig „im Rahmen einer gestuften und gesteuerten Versorgung“ erfolgen soll.

Dagegen wandte sich die vergangene KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung mit einer entsprechenden Resolution. Diese Regelung sei in keiner Weise geeignet, die psychotherapeutische Versorgung zu verbessern und die Wartezeit auf einen Behandlungsplatz zu verkürzen, heißt es darin. Zudem stelle eine gesteuerte Zuweisung zu definierten Behandlungs­pfaden speziell für Menschen mit psychischen Erkrankungen „eine ungeheure Diskriminierung dar“, so die KBV-Vertreter.