Ist es jetzt Mode, transgender zu sein?

Sie lassen sich für den „Playboy“ fotografieren oder treten bei „Deutschland sucht den Superstar“ auf – Transsexuelle verstecken sich nicht mehr wie früher. Warum fühlen sich immer mehr Kinder und Jugendliche im falschen Körper geboren?

Von Nicola Zink

Ist „Trans“ eine neue Identifikationsschablone?

Die Prävalenz einer Geschlechtsdysphorie (GD) wird mit unter einem Prozent angegeben. Der Trend ist jedoch eindeutig: In den letzten Jahren nahmen sowohl in Deutschland als auch international signifikant mehr Kinder und Jugendliche entsprechende Beratungsangebote in Anspruch. Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Alexander Korte von der Universität München sprach von einer drastischen Prävalenzzunahme, ohne entscheiden zu können, ob es sich um einen echten Prävalenzanstieg oder eher um eine angebotsinduzierte Nachfragesteigerung handelt.

Mögliche Ursachen könnten eine bessere Aufklärung, ein größeres Problembewusstsein und eine zunehmende mediale Verbreitung sein, was zu einer Zunahme der Selbstdiagnosen geführt hat. Auch die neueren Behandlungsmöglichkeiten wie die Pubertätsblockade und der „Machbarkeitsgedanke“ – dass also alles was medizinisch möglich ist, auch umgesetzt werden sollte – könnten eine Rolle spielen. „Aber auch, dass „Trans“ als neuartige Identifikationsschablone bereitsteht, könnte ein Grund sein“, sagte Korte beim Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in Leipzig.

Einfluss der Peergroup

Heute scheint bei vielen Jugendlichen die eigene Existenz beziehungsweise die Wahrnehmung der eigenen Person durch andere an die Online-Präsenz gebunden zu sein und „medial stattzufinden“. Eine aktuelle Studie von der Brown-University im US-Bundesstaat Rhode Island sieht im Internet eine Ursache für das verstärkte Auftreten von Geschlechtsidentitätsstörungen (GIS) und GD.

Die Studienautorin Lisa Littman befragte darin die Eltern von betroffenen Minderjährigen. Es stellte sich heraus, dass die Jugendlichen – in der Mehrzahl Mädchen – keine typische Vorgeschichte einer GD in der Kindheit aufwiesen, sich jedoch in der Vergangenheit auffallend viel mit sozialen Medien beschäftigt hatten. In deren Social-Media-Gruppen war es zu einem regelrechten Cluster-Outbreak gekommen.

„Das ist genau das, was wir in München auch beobachten. Wir bekommen Zuweisungen von einzelnen Schulen, wo in einer Schulklasse gleich fünf Mädchen glauben, im falschen Körper geboren zu sein“, berichtete Korte. Littman nannte das Phänomen eine „rapid-onset gender dysphoria“ und vermutete außerdem, dass es sich bei der GD um eine Coping-Strategie handele, ähnlich wie eine Anorexie oder nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten.

Im Gegensatz zu den Probanden in Littmans Studie berichten erwachsene transsexuelle Menschen mehrheitlich von geschlechtsatypischen Verhaltensweisen in ihrer Kindheit, die retrospektiv zur Vergabe der Diagnose „GD im Kindesalter“ berechtigen. Bei vielen Homosexuellen trifft dies ebenfalls zu.

Korte fragt sich: Tragen die Begriffe „genderfluid“ und „pangender“ zur „Illusion der Multioptionalität“ bei? „Anything goes“ auch beim Geschlecht? Oder sind die medial stark präsenten „Trans“-Akteure Pioniere eines neuen Verständnisses von Normalität? Vorsicht ist allerdings geboten, wenn es zu einer Vermischung mit oder starker Nähe zu Selbstoptimierung des Körpers („body enhancement“) kommt. Bei diesen Betroffenen geht es um ein Verlangen nach körpermodifizierenden Maßnahmen, die nichts mit Transsexualität zu tun haben.

Geschlechtsinkongruenz und GD funktionieren auch als Sinnangebote: Sie geben Jugendlichen die Möglichkeit, ihrem individuellen Leiden in einer zu ihrer Zeit passenden und in ihrer Kultur akzeptierten Form Ausdruck zu verleihen. „Sie verheißen gleichzeitig Aufmerksamkeit und Status des Besonderen“, sagte der Kinder- und Jugendpsychiater.

Genderdiskurs entspricht dem Zeitgeist

Handelt es sich beim aktuellen „Trans“-Boom vielleicht nur um eine Modediagnose unter Psychiatern, vergleichbar mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung in den 80er-Jahren? „Und in den 90er-Jahren war die multiple Persönlichkeitsstörung der Hype“, erklärte Korte. Viele Psychiater stürzten sich darauf, heute spricht kaum noch jemand davon. Vielleicht könnte die GD nun deren Platz eingenommen haben.

Eine GD beziehungsweise GIS kann in unterschiedlicher Ausprägung in sämtlichen Lebensaltersstufen auftreten und bereits bei sehr jungen Kindern manifest werden. Kennzeichnend und diagnostisch wegweisend ist alters- und geschlechtsübergreifend die ausgeprägte Inkongruenz zwischen der subjektiv erlebten und der zugewiesenen Geschlechtszugehörigkeit. Dieser Zustand muss mindestens sechs Monate andauern und in klinisch bedeutsamem Ausmaß Leiden oder Beeinträchtigung in sozialen, schulischen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verursachen.

Im Kindesalter sind Jungen häufiger von klinisch relevanter GIS betroffen, wobei die Ursache dafür in der größeren Akzeptanz seitens des sozialen Umfelds gegenüber geschlechtsrollen-atypischem Verhalten bei Mädchen, dem sogenannten Tomboy-Verhalten, liegen dürfte. Im Jugendalter dagegen wurde in den letzten Jahren eine Zunahme biologischer Mädchen mit GIS verzeichnet.

Die Klärung, ob eine GD vorliegt, ist nur möglich durch einen längeren und intensiven, ausgangsoffenen diagnostisch-therapeutischen Prozess. Wichtig ist die Exploration der sexuellen Präferenzstruktur unter nativem Hormonstatus. Es schließt auch Gespräche mit Jugendlichen über ihre präorgastischen Masturbationsfantasien ein. Besondere Bedeutung kommt der mindestens einjährigen psychotherapeutischen begleitenden Alltagserprobung zu.

Quelle: www.springermedizin.de, Kongress für Kinder- und Jugendmedizin 2018