Wann eine Online-Therapie sinnvoll ist

Wer ein psychisches Problem hat, sieht sich nicht selten mit einem weiteren konfrontiert: einen Therapieplatz zu finden. Oft sind die Wartelisten lang, die angebotenen Zeiten lassen sich nicht mit dem Job vereinbaren oder die Praxis eines Spezialisten ist so weit weg, dass ein regelmäßiger Besuch kaum möglich ist. Wie praktisch, dass es mittlerweile Online-Programme und Apps gibt. Aber können die eine echte Alternative zur herkömmlichen Psychotherapie sein?

Psychotherapeutin Sonja Jaeger betreut ihre Klienten ausschließlich digital. «Etwa 80 Prozent von ihnen entscheiden sich für die Videoberatung, weil sie einem persönlichen Gespräch am nächsten kommt», sagt sie. «Der Rest wählt eine Beratung per Mail.» Therapie darf Jaeger ihr Angebot in dieser Form nicht nennen, sie spricht von psychologischer Online-Beratung. Jaeger hat sich bewusst für diese Variante entschieden. Sie kann von überall aus arbeiten und in verschiedenen Ländern leben.

Der Wohnort ist auch für viele Klienten der Grund für eine Online-Beratung: «Der Großteil lebt im Ausland, oft in Ländern, in denen es keine Psychotherapeuten in ihrer Muttersprache gibt.» Es seien aber auch Menschen dabei, die zum Beispiel aufgrund einer Angststörung nicht das Haus verlassen oder wegen einer körperlichen Behinderung nicht zu einem Therapeuten gehen können.

Auch die schnellere Verfügbarkeit und das Angebot von Sitzungen außerhalb der klassischen Bürozeiten seien für viele Menschen ein Grund für eine Online-Beratung. «Außerdem sind die Klienten während der Beratung in ihrem eigenen Zuhause, wo sie sich sicher und wohlfühlen», sagt Jaeger. «Inklusive der eigenen Teetasse und der Katze, die oft dabei ist.»

Prof. Christiane Eichenberg forscht an der Sigmund Freud Universität Wien zu Online-Angeboten. Sie sagt: «Grundsätzlich sind Online-Therapien wirksam, auch wenn es natürlich immer darauf ankommt, welche Erkrankung und vor allem welcher Schweregrad vorliegt.» Bewährt habe sich der Einsatz digitaler Angebote vor allem bei leichten Depressionen und Angststörungen, aber auch bei Essstörungen und in der Behandlung akuter Traumatisierungen.

Vor allem für Patienten, die sonst keine Hilfe in Anspruch nehmen würden, hätten solche Angebote Vorteile. Es sei ein guter Weg, um erste Hemmschwellen zu überwinden oder Vorurteile abzubauen. «Es gibt Menschen, die ihre Probleme erst einmal per E-Mail kommunizieren möchten, und dann lernen, dass sie auch in einer Face-to-Face-Therapie dafür bereit sind», sagt Eichenberg.

Wichtig ist aus Sicht der Expertin, das passende Format zu finden. «Es gibt mindestens drei verschiedene Arten», sagt Eichenberg. Bei einer reinen Online-Therapie haben Patienten nur wenige Kontakte zu einem Arzt oder Therapeuten. Das meiste läuft über Selbsthilfe-Tools.

Einen engeren Kontakt zwischen den beiden Seiten gibt es bei Schreibtherapien. «In diesem Fall tauscht man sich über etwa zwölf Wochen etwa zweimal wöchentlich per E-Mail aus – das wird schon sehr lange bei traumatisierten Patienten eingesetzt», erklärt Eichenberg. Eine weitere Möglichkeit sind Online-Angebote, die begleitend zu bestehenden Therapien laufen. Zum Beispiel, wenn eine Therapie aufgrund eines Auslandsaufenthaltes nicht weiter in der Praxis durchgeführt werden kann.

Bei der Auswahl eines Angebots sollten Patienten darauf achten, dass immer wieder Kontakt zu Ärzten oder Therapeuten gewährleistet ist. «Wer bei einer solchen Therapie ganz auf sich gestellt ist, also ein reines Selbsthilfeprogramm absolviert, der hält oft nicht durch», sagt Eichenberg. «Studien zeigen, dass die Erfolgsquote höher ist und die Patienten nicht so schnell aussteigen, wenn sie begleitet werden.»

Auch laut Prof. Ulrich Hegerl ist eine persönliche Begleitung wichtig. Er ist Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die das Online-Angebot iFightDepression mitentwickelt hat. «Es handelt sich dabei um ein Selbstmanagement-Tool für Menschen mit leichten Depressionen», sagt Hegerl. «Das ist kein Ersatz für die Behandlung mit Antidepressiva oder Face-to-Face-Therapien. Aber für viele Patienten kann es ein guter Weg sein, mit der Krankheit besser umzugehen.»

Anlass für die Entwicklung des Programms war die Unterversorgung von depressiven Patienten in vielen Regionen Europas. «In Deutschland werden die meisten Menschen mit Depressionen, die eine Behandlung erhalten, von Hausärzten behandelt, in der Regel mit Antidepressiva», sagt Hegerl. «Psychotherapeutische Hilfen kommen oft zu kurz.» Das Online-Tool könne hier durchaus Abhilfe schaffen.

Den Zugang bekommen Patienten aber nur von ihrem Arzt oder Psychotherapeuten. Jeder Patient soll bei der Nutzung begleitet werden. Der Arzt fragt zum Beispiel beim nächsten Termin nach, ob der Patient mit dem Tool zurechtkommt und ob das Programm hilft. Nach Ansicht von Hegerl ist es bei allen Online-Angeboten wichtig, Patienten nicht mit den Aufgaben allein zu lassen. Je nach Erkrankung kann das sogar zum ernsten Risiko werden. Depressionen zum Beispiel sind schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankungen, betont Hegerl. Patienten können sie nicht auf eigene Faust behandeln.

Die große Leere: Fast jeder Zweite über 60 leidet an Depressionen

Die Zahlen, die Dr. Forugh Dafsari nennt, sind beunruhigend : Schätzungsweise 40 Prozent der Menschen über 65 Jahren haben depressive Symptome, in Pflegeheimen liegt der Anteil sogar bei bis zu 50 Prozent, so die Ärztin und Psychologin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Köln. Die Zahlen machen deutlich: Depressionen zählen schon heute – neben der Demenz – zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei Menschen jenseits des 60. Lebensjahres. Und die Prognose ist wenig ermutigend. In einer älter werdenden Gesellschaft wird auch die Zahl der Menschen, die an einer Altersdepression leiden, weiter steigen. Sie wird in den kommenden Jahren zu einer zentralen gesellschaftlichen Herausforderung, so die Experten. In einer Spezialambulanz widmet sich die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Köln seit April diesen Jahres deshalb gezielt der Depression im Alter. Sie ist die erste Einrichtung ihrer Art an einer deutschen Universitätsklinik.

Meist viel zu lange unerkannt

Die steigende Zahl der Betroffenen ist nämlich nur die eine Seite des Problems. Viel gravierender ist, dass eine Altersdepression in den meisten Fällen viel zu lange nicht erkannt wird. Nur etwa acht Prozent der Menschen über 65 haben tatsächlich eine diagnostizierte Depression. „In den meisten Fällen dauert es viele Jahre bis zur Diagnosestellung“, erklärt Forugh Dafsari. Die Folge: Viele Betroffene werden nicht ausreichend spezifisch behandelt.

Erhöhte Morbität und Suizid-Rate

Dabei ist ihr Leid groß. Denn eine Altersdepression geht nicht nur mit einer deutlich reduzierten Lebensqualität und deutlichen Einschränkungen im Alter einher, sondern auch mit einer erhöhten Morbidität und Suizidrate. „50 Prozent der Frauen, die sich 2015 das Leben nahmen, waren älter als 60 Jahren“, erläutert Dafsari. Zudem belegten Studien, dass sowohl während als auch nach einer depressiven Episode das Risiko etwa für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs- und Infektionserkrankungen erhöht ist. Umso wichtiger sei eine gründliche und rechtzeitige Diagnose. Denn richtig erkannt, sei auch eine Altersdepression gut behandelbar.

Warum es oftmals so lange dauert, bis die Diagnose „Altersdepression“ gestellt wird, hat verschiedene Ursachen. Ein Problem sei sicherlich die fehlende Aufklärung über die Erkrankung.

Altersdepression hat meist andere Symptome

Viele Betroffene würden die Depression für eine nicht ernstzunehmende Erkrankung halten und glaubten fälschlicherweise, dass das Überwinden einer depressiven Verstimmung nur mit dem eigenen Willen möglich sei, erklärt Dafsari.

Die eindeutige Diagnose erschwere aber vor allem, dass eine Altersdepression mit anderen Symptomen einhergeht. „Klassische“ Depressionssymptome jüngerer Patienten wie gedrückte Stimmung, Antriebsmangel oder vermindertes Selbstwertgefühl liegen zwar ebenfalls vor, allerdings „kaschieren“ oft körperliche Beschwerden, wie zum Beispiel Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel, Schmerzen, Schlafstörungen oder allgemeine Schwäche oder kognitive Defizite die Altersdepression. „Das führt dazu, dass eine Altersdepression als körperliche Erkrankung oder normaler physiologischer Alterungsprozess fehlinterpretiert wird“, erklärt Psychologin und Ärztin Dafsari.

Auch die kognitiven Defizite einer Altersdepression würden von den Betroffenen und ihrem Umfeld oft fälschlicherweise als normaler Alterungsprozess oder beginnende Demenz interpretiert.

Diagnostische Abgrenzung zur Demenz nicht leicht

Tatsächlich kann eine beginnende Demenz auch mit depressiven Verstimmungen einhergehen, was eine diagnostische Abgrenzung erschweren kann. Nachgewiesen aber ist, dass die kognitiven Störungen, die im Zuge einer Altersdepression auftreten – anders als bei einer Demenz –, meist nicht mit Orientierungs- oder Benennungsstörungen einhergehen. So vielfältig wie ihre Symptome, so vielfältig sind auch die Ursachen der Altersdepression. Zu den Risikofaktoren zählen neben körperliche Erkrankungen wie zum Beispiel chronische Nierenerkrankungen oder ein Schlaganfall, aber auch die zunehmende körperliche Beeinträchtigung im Alter, die das Gefühl der Unkontrollierbarkeit sowie Ängste hervorrufen können.

Auch das weibliche Geschlecht ist ein Risikofaktor, denn Frauen erkranken nachweislich häufiger an einer Altersdepression als Männer. Ebenso spielen soziale Faktoren wie Einsamkeit oder akut belastende oder einschneidende Lebensereignisse etwa der Tod des Partners oder auch das Ausscheiden aus dem Arbeitsleben eine wichtige Rolle.

Forugh Dafsari berichtet von einem Patienten, der nach einem sehr erfolgreichen und ausgefüllten Berufsleben fast zeitgleich mit seinem Eintritt in den Ruhestand in eine depressive Verstimmung fiel, fast ein Klassiker.

Nach der Pensionierung kam die große Leere

Seine Ehe war in die Brüche gegangen, die erwachsenen Kinder längst aus dem Haus. Mit der Pensionierung habe er auf einmal vor einer großen Leere gestanden. Antriebsarm lebte er vor sich hin, irgendwann fiel es ihm dann sogar schwer, morgens überhaupt aufzustehen. Das Gefühl, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmen können, habe er schon länger gehabt. Der Elan aber, etwas dagegen zu tun, fehlte. „Er war mit Mitte 60 auf einmal regelrecht des Lebens müde.“

Zufällig erfuhr der Mann dann aber aus der Zeitung von der neuen Spezialambulanz an der Kölner Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Mit einer kombinierten medikamentösen und psychotherapeutischen Therapie konnte ihm dort schnell geholfen werden. „Er ist jetzt in einem stabilen Zustand, kann die Veränderungen in seinem Leben annehmen und sein jetziges Leben neu gestalten“, berichtet die Ärztin.

Wie wird behandelt?

In der Behandlung der Altersdepression kommt der psychotherapeutischen Behandlung eine wichtige Bedeutung zu – nicht zuletzt weil sich herausgestellt hat, dass ältere Menschen deutlich weniger gut als junge auf eine rein medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva ansprechen. Eine Ursache dafür ist, dass im Alter Medikamente schlechter verstoffwechselt werden. Zum anderen haben viele Betroffene Begleiterkrankungen und nehmen deswegen bereits Medikamente. Eine zusätzliche Einnahme von Antidepressiva kann dann zu unerwünschten Wechselwirkungen führen. „Das erfordert eine sehr genaue Diagnostik und medikamentöse Einstellung“, so Dafsari.

Bei depressiven Symptomen setzen die Mediziner deshalb zunehmend auch auf eine Psychotherapie – nicht zuletzt weil eine Pilotstudie in Tübingen ergeben hat, dass eine spezifische psychotherapeutische Behandlung der Altersdepression- vor allem wenn sie in Einzelsitzungen stattfindet wirksam ist. Selbst Gruppensitzungen führten zu einer Reduktion der Symptome.

Die Ergebnisse der Tübinger Pilot-Studie sollen in einer aktuell laufenden großen multizentrischen Studie, die von Professor Frank Jessen, dem Direktor der Kölner Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, geleitet wird, belegt werden.

Verhaltenstherapeutische Intervention

In der Studie, an der neben der Kölner Uniklinik sechs weitere Zentren beteiligt sind, werden etwa 250 Personen über acht Wochen zwei Mal wöchentlich mit einer verhaltenstherapeutischen Intervention behandelt. „Sollte die Studie die Wirksamkeit der spezifischen Psychotherapie im Alter belegen, würde ein sofort implementierbares wirksames Behandlungsverfahren für diese häufig komplex zu therapierende Patientengruppe zur Verfügung stehen“, betont Studienkoordinator Frank Jessen.

Die Studie sei eine Möglichkeit auch für Patienten in der Kölner Region, betont Dr. Forugh Dafsari. Die Therapie sei auf Themen des Alterns zugeschnitten. Es gehe in den Gesprächen um den Umgang mit Verlusterfahrungen,, Veränderungen in dem Lebensabschnitt, um einen Lebensrückblick oder auch den Umgang mit der körperlichen Immobilität.

Psychische Erkrankungen: Hohe ökonomische Kosten

Die ökonomischen Kosten psychischer Erkrankungen belaufen sich für alle 28 Staaten der Europäischen Union (EU) derzeit auf rund 600 Milliarden Euro pro Jahr. Das zeigt ein gemeinsamer Bericht der „Organisation for Economic Cooperation and Development“, (OECD) und der Europäischen Kommission. Ein großer Teil dieser Kosten ist auf niedrigere Beschäftigungsquoten und eine geringere Produktivität von Menschen mit Problemen der psychischen Gesundheit zurückzuführen (1,6 Prozent des EU-BIP oder 260 Milliarden Euro), auf höhere Ausgaben für Sozialversicherungsprogramme (1,2 Prozent des EU-BIP oder 170 Milliarden Euro). Der Rest sind direkte Ausgaben für die Gesundheitsversorgung (1,3 Prozent des EU-BIP oder 190 Milliarden Euro). Deutschland muss laut dem Bericht rund 4,8 Prozent seines Bruttoinlandproduktes (BIP) dafür aufwenden.

Wie der Report weiter zeigt, leiden Deutsche im Vergleich etwas häufiger an psychischen Erkrankungen als andere Europäer. Mit einem Anteil von 18 Prozent Betroffenen lag Deutschland im Jahr 2016 über dem EU-Durchschnitt von 17,3 Prozent. Den größten Anteil davon machten Angststörungen aus, dicht gefolgt von Depressionen sowie Alkohol- und Drogenkonsumstörungen.

Insgesamt litten EU-weit fast 84 Millionen Menschen an psychischen Erkrankungen. Am häufigsten kommen diese der Untersuchung zufolge in Finnland und den Niederlanden vor, am seltensten in Rumänien, Bulgarien und Polen. Die Verfasser weisen jedoch darauf hin, dass international sehr unterschiedlich mit psychischen Problemen umgegangen werde. Dort, wo solche Krankheiten eher als Tabuthema gelten, könne die Dunkelziffer höher sein. 

Terminservice- und Versorgungsgesetz: Änderungen bei gestuftem Zugang zur Psychotherapie wahrscheinlich

Das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) von Bundesgesundheits­minister Jens Spahn (CDU) dürfte noch in zahlreichen Punkten im Laufe des Gesetzgebungs­verfahrens verändert werden. Ein Punkt darunter wird die umstrittene geplante zusätzliche „gestufte und gesteuerte Versorgung vor einer psychothera­peutischen Behandlung“ sein, wie heute die erste Lesung im Bundestag aufgezeigt hat. Das Gesetz soll voraussichtlich im Frühjahr 2019 in Kraft treten. Der Bundesrat muss nicht zustimmen.

Gegen die mögliche Neuregelung in der Psychotherapie wird seit Wochen protestiert. Zuletzt hatten Psychotherapeuten dem Petitionsausschuss des Bundestags heute Morgen mehr als 197.000 Unterschriften gegen eine vorgeschaltete Prüfung des Behandlungsbedarfes psychisch kranker Menschen übergeben. 28 psychothera­peutische Berufsverbände unterstützen den Protest.

„Das ist eine Diskriminierung psychisch kranker Menschen und ein erster Schritt zur Abschaffung der freien Arztwahl“, sagte die Petentin Adriadne Sartorius, Mitglied im Vorstand des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten, heute vor der Debatte im Bundestag bei einer Pressekonferenz in Berlin. „Das werden wir nicht hinnehmen.“

„Dieser Passus im TSVG setzt auf Rationalisierung und Priorisierung“, sagte auch Gebhard Hentschel, stellvertretender Bundesvorsitzender der Deutschen Psychothera­peutenvereinigung. Die im April 2017 eingeführte psychotherapeutische Sprechstunde ermögliche bereits eine diagnostische Abklärung und Indikationsstellung“, erläuterte er. Eine weitere Instanz sei deshalb völlig unnötig.

Weg mit der Regelung

Viele Abgeordnete sowohl von der SPD als auch der Oppositionsfraktionen sprachen sich in der Debatte im Parlament dafür aus, die Regelung zu streichen. Heute Morgen sei eine der erfolgreichsten Petitionen aller Zeiten beim Bundestag eingereicht worden, sagte Kirsten Kappert-Gonther (Grüne). Spahn habe es mit seinem Ansinnen geschafft, fast 200.000 Menschen „gegen sich aufzubringen“. „Kranken Menschen dürfen keine zusätzlichen Steine in den Weg gelegt werden“, sagte sie. Den Passus des zusätzlichen Zugangs zur Psychotherapie bezeichnete sie als „emotionale Zumutung“. Der Passus gehöre gestrichen.

Kristine Aschenberg-Dugnus (FDP) betonte, die gestufte Versorgung verfehle das Ziel der besseren Versorgung „komplett“. „Das ist doch eine zusätzliche Hürde von den Erkrankten. Was muten wir den Patienten damit zu?“, fragte sie. Psychisch Kranken falle es ohnehin schwer, sich Hilfe zu holen. Dann müssten sie sich auch noch an jemanden wenden, den sie sich nicht ausgesucht hätten, nicht kennen und nie wiedersehen würden. Patienten müssten sich gerade in so einem sensiblen Bereich wie der Psychotherapie ihren Therapeuten selbst aussuchen, betonte sie.

Große Reform in der Psychotherapie notwendig

„Das, was jetzt im Gesetzestext ist, ist nicht geeignet, Vertrauen zu schaffen“, sagte Karl Lauterbach (SPD) mit Blick auf die Regelung der gestuften Versorgung. Aus seiner Sicht müsse eine große Reform vorbereitet werden. Diese müsse sich mit der Frage von zu wenigen Zulassungen und der Frage der Honorierung beschäftigen. „Es ist so, dass sich die Vergütung zu wenig nach der Schwere der Erkrankung richtet“, sagte Lauterbach. Eine solche Reform brauche mehr Zeit und müsse mit Verbänden und Betroffenen diskutiert werden. „Wir werden zu einer gemeinsamen Lösung kommen und sie sind zu wichtig für einen Schnellschuss“, so der SPD-Gesundheitspolitiker, der viele andere Regelungen wie den Ausbau der Terminservicestellen im TSVG begrüßte. Das führe auch zu einer schnelleren Terminvermittlung für Psychotherapiepatienten.

Dirk Heidenblut, SPD-Berichterstatter für Psychiatrie und Psychotherapie, kündigte unterdessen per Mitteilung einen strukturierten Dialog mit allen beteiligten Fachverbänden an, um ein umfassendes, sektorenübergreifendes Konzept für die Versorgung psychisch Kranker zu entwickeln. Eine Expertengruppe der Friedrich-Ebert-Stiftung werde dazu Anfang des nächsten Jahres ein Positionspapier vorlegen, sagte er.

Spahn selbst verwahrte sich beim Thema gegen Unterstellungen, ihm sei die Versorgung psychisch kranker Menschen gleichgültig. „Aus persönlichem Erleben in der eigenen Familie weiß ich, was das für die Familie bedeutet“, sagte er heute bei der Debatte im Bundestag. Er wisse auch, was es bedeute, einen Termin nicht schnell zu bekommen. Er habe das Ziel, Patienten besser zu versorgen. Wenn das Ergebnis der Debatte sei, dass die vorgeschlagene Regelung „verbesserungsfähig“ sei, sei er „der erste, der für eine Verbesserung zu haben ist“, zeigte sich Spahn erneut kompromissbereit.

Spürbare Alltagsverbesserungen

Spahn (CDU) betonte heute auch, das TSVG solle „konkrete und im Alltag spürbare Verbesserungen“ für Patienten bringen. Dafür brauche es gute Rahmen­bedingungen für die tägliche Arbeit und eine angemessene Vergütung von Ärzten, Apothekern und Pflegekräften. So werde es in Zukunft für die Annahme neuer Patienten und eine schnellere Terminvergabe zusätzlich Geld geben, sagte Spahn weiter. Ebenso solle es eine zusätzliche Vergütung geben, wenn ein Hausarzt bei der Vermittlung eines Facharzttermins helfe. Letztlich solle die Terminservicestelle 116117 auf „24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche, online und als App“ ausgebaut werden.

Der Gesetzentwurf, der nun in den Fraktionen und Ausschüssen weiter beraten wird, sieht unter anderem auch vor, dass Vertragsärzte mindestens 25 statt 20 Stunden für gesetzlich Krankenversicherte anbieten müssen. Bestimmte Facharztgruppen wie Augenärzte, Frauenärzte oder HNO-Ärzte, die zur Grundversorgung gezählt werden, müssen mindestens fünf Stunden pro Woche als offene Sprechstunden anbieten, ohne vorherige Terminvereinbarung. Die Ärzte sollen die zusätzlichen Aufwendungen vergütet bekommen. Für die erfolgreiche Vermittlung eines dringenden Facharzt­termins durch einen Hausarzt ist ein Zuschlag von mindestens fünf Euro vorgesehen.

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Zuschläge sollen auch gezahlt werden für die Betreuung von Patienten, die von der Terminservicestelle vermittelt werden, für neue Patienten in der Praxis, für Leistungen, die in den offenen Sprechstundenzeiten erbracht werden und für Leistungen nach einer Terminvermittlung durch einen Hausarzt. Landärzte sollen ebenfalls einen Zuschlag erhalten. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) werden außerdem dazu verpflichtet, in unterversorgten Gebieten entweder Praxen zu eröffnen oder mobile und telemedizinische Alternativen anzubieten.

Leistungen für bestimmte Patientengruppen

Mit der Novelle soll auch die digitale Versorgung verbessert werden. So müssen die Krankenkassen ihren Versicherten spätestens ab 2021 eine elektronische Patientenakte (ePA) zur Verfügung stellen, die auch über das Smartphone oder Tablet genutzt werden kann. Der Gesetzentwurf beinhaltet schließlich einige neue Leistungsansprüche für bestimmte Patientengruppen.

Versicherte mit einem erhöhten HIV-Infektionsrisiko erhalten mit der Reform einen Anspruch auf die Präexpositionsprophylaxe (PrEP). Der Anspruch auf eine künstliche Befruchtung wird erweitert um die Kryokonservierung von Ei- und Samenzellen. So soll in Fällen einer keimzellschädigenden Behandlung wie etwa einer Krebstherapie die Möglichkeit der Fortpflanzung erhalten bleiben.

In der Pflege werden ambulante Betreuungsdienste für die Haushaltshilfe eingeführt. Für den Impfschutz sollen künftig die verfügbaren Impfstoffe aller Hersteller genutzt werden können, möglichst ohne vertraglichen Ausschluss einzelner Hersteller. Innovative Behandlungsmethoden sollen künftig leichter erprobt werden können. Die Festzuschüsse für Zahnersatz sollen ab 2021 von 50 auf 60 Prozent angehoben werden. Schließlich soll auch die Transparenz bei der Veröffentlichung der Vorstands­gehälter bei Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen verbessert werden.

Streit um Sinnhaftigkeit von Zuschlägen

Bei Ärzten und Verbänden, aber auch den Abgeordneten im Parlament stoßen viele der Regelungen auf Kritik. Der AfD-Abgeordnete Robby Schlund warf Spahn vor, er gehe davon aus, dass alle Ärzte faul seien. Dabei arbeiteten diese bereits 50 Stunden pro Woche. Er forderte die Abschaffung der Budgetierung.

Mit der Sprechstunden­regelung frustriere man die Ärzte, hieß es von der FDP-Abgeordneten Kristin Aschenberg-Dugnus, die sich ebenfalls für ein Ende der Budgetierung aussprach. Der Linken-Politiker Achim Kessler hingegen zeigte wenig Verständnis dafür, den Ärzten Geld für die Behandlung von zusätzliche Patienten zu bezahlen. Das sei deren originäre Aufgabe. Er forderte eine Bürgerversicherung, um die Ungleichbehandlungen im System abzuschaffen.

Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) monierte, das Gesetz sei in Bezug auf Zuschläge für Ärzte kontraproduktiv. Es profitierten diejenigen, die bisher weniger Sprechstunden hätten. Auch würden Kinder- und Hausärzte leer ausgehen. Bei den schnellen Terminvergaben über die Terminservicestellen fragte sie Spahn: „Wie stellen Sie sicher, dass diese Regelung nicht zulasten der chronisch Kranken geht? Gerade die brauchen eine bessere Versorgung.“

Unterstützung erhielt Spahn aus den eigenen Reihen. „Dort, wo wir Mehrleistung adressieren, wird Mehrleistung bezahlt“, sagte Karin Maag, gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag. Sie wende sich aber zugleich mit einem Appell an die Ärzte. „Ich bitte um Verständnis, dass es unsere Aufgabe ist, Zugangshürden abzuschaffen“, sagte sie.

Aus Sicht der Ärzte sei eine gestufte Inanspruchnahme sicherlich richtig. Aber genauso richtig sei es aus Sicht der Krankenkassen und Beitragszahler, den Grundsatz der Beitragsstabilität zu erhalten. „Wir müssen den Spagat gestalten. FDP und AfD fordern die Entbudgetierung. Offensichtlich halten Sie Beitragssatzstabilität für überflüssig“, sagte sie.

Kritik von Ärzten und Krankenhäusern

Kritische Töne am TSVG kommen heute erneut – wie schon seit der Entwurf auf dem Tisch liegt – aus der Ärzteschaft und von den Krankenhäusern. Leider sei beim TSVG schon die Grundannahme falsch, dass vermeintliche Versorgungsengpässe von unzureichenden Sprechstundenzeiten herrührten, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) Frank Ulrich Montgomery. Ärzte arbeiteten bereits am Limit und oftmals auch darüber hinaus.

„Wer spürbare Verbesserungen für die Patienten will, muss genau hier ansetzen und für Entlastung sorgen“, mahnte er. Notwendig seien mehr Medizinstudienplätze, attraktive Arbeitsbedingungen und nicht zuletzt wirksame Maßnahmen gegen Kommerzia­lisierung und Konzernbildung im deutschen Gesundheitswesen. Darauf sollte der Gesetzgeber abzielen, statt die Arbeit von Ärzten und Selbstverwaltung mit Reglementierung und Kontrollbürokratie weiter zu belasten.

Mit Blick auf die geplanten offenen Sprechstunden und die Ausweitung der Mindestsprechstundenzeiten warnte Montgomery: „Viele gute Ansätze in dem Gesetzentwurf werden teilweise durch massive Eingriffe in die Praxisabläufe und in die Arbeit der Selbstverwaltung konterkariert. Statt junge Ärztinnen und Ärzte mit starren staatlichen Vorgaben für ihre Berufsausübung zu vergraulen, brauchen wir flexible Lösungen, die sich sowohl an den Bedürfnissen der Patienten, als auch an denen der jungen Ärztegeneration orientieren.“ Solche praxisnahen Regelungen könnten nur von der Selbstverwaltung kommen. Dafür müsse ihr die Politik aber auch die notwendige Gestaltungsfreiheit geben.

Positiv hob Montgomery hervor, dass mit dem TSVG zusätzliche Leistungen auch zusätzlich vergütet werden sollen. „Damit nähern wir uns der Entbudgetierung zumindest etwas an.“ Richtig sei auch, dass der Gesetzgeber erste Weichenstellungen für ein sektorenübergreifendes Konzept der Notfall- und Akutversorgung vornimmt. Darauf könne und müsse man aufbauen. Zumindest punktuell gehe die Koalition auch das Problem der zunehmenden Konzernbildung im Gesundheitswesen an. Dort seien Verbesserungen notwendig. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hatte sich zuletzt auf ihrer Ver­tre­ter­ver­samm­lung ausführlich mit dem TSVG und seinen Mängeln befasst.

Der Deutsche Hausärzteverband betonte, der Gesetzentwurf gehe an der hausärztlichen Versorgungsrealität vorbei. Ein Zwang zum Angebot weiterer Sprechstunden löse keine Probleme. Schon heute böten die meisten Hausärzte deutlich mehr als 25 Sprechstunden in der Woche an. „Dass sie hierfür nun – im Gegensatz zu Fachärzten, die extrabudgetär und mit zusätzlichen Honoraren vergütet werden – keinerlei Vergütung erhalten sollen, ist schlicht und einfach ein falsches Signal“, sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt.

Der Bundesvorsitzende des NAV-Virchow-Bundes Dirk Heinrich übte unter anderem Kritik an den offenen Sprechstunden, die laut Gesetzentwurf verpflichtend eingeführt werden sollen. „Ich finde offene Sprechstunden gut – solange sie freiwillig angeboten werden. Die Gängelung durch die Politik widerspricht jedoch allem, was ich mit einem freien Beruf und freier Praxisführung verbinde“, so der NAV-Chef. Unter diesem Gesichtspunkt sei auch die Streichung des Überweisungsvorbehaltes für die offene Sprechstunde zwingend, denn nach den derzeitigen Plänen erhielten grundversor­gende Fachärzte nur dann einen Zuschlag von 15 Prozent auf die Grundpauschale, wenn Patienten mit Hausarztüberweisung in die offene Sprechstunde kommen.

Warnungen von Kinderärzten

Nach Ansicht des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) wird die Regelung, die Bedarfsplanungfür Kinderärzte in einigen Regionen aufzuheben, die Versorgung eher verschlechtern. Die zeitweilige Aussetzung der Niederlassungs­begrenzung werde einen Run auf attraktive Standorte auslösen, aber keine einzige dringend benötigte Kinder- und Jugendarztpraxis in unterversorgten ländlichen oder sozial schwierigen städtischen Regionen schaffen“, sagte BVKJ-Präsident Thomas Fischbach.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) warnte davor, Medizinische Versorgungs­zentren zu gefährden. Die geplante Regelung, dass Ärzte, die aus einem MVZ ausscheiden, nur noch nachbesetzt werden können, wenn nach der Bedarfsplanung freie Arztsitze vorhanden sind, bedeute für MVZ in Krankenhaus­trägerschaft fast das Aus, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

Die Neubesetzungen müssten jedes Mal durch eine Bedarfsprüfung bestätigt werden. Das bedeute einen großen bürokratischen Aufwand und gefährde die Planungs­sicherheit. Eine Verschärfung der Vorgaben, wie sie Bundesrat und Ärztevertreter begrüßen, die der Kommerzialisierung der Versorgung entgegenwirken wollen, sieht Baum als problematisch an. 

Alkoholabhängigkeit hat ähnliche genetische Grundlagen wie psychiatrische Störungen

WissenschaftlerInnen unterBeteiligung von ZI-Forschern konnten aufzeigen, dass Alkoholabhängigkeit undeinige psychiatrische Störungen teilweise gemeinsame genetische Grundlagenhaben.


Die Anfälligkeit eines Menschen, alkoholabhängig zu werden, ist vererbbar. Obwohl dies schon länger bekannt ist, wissen wir wenig über die genetischen Grundlagen von Alkoholabhängigkeit und deren Verbindung zu anderen psychiatrischen Störungen. Unter Beteiligung von Forscherinnen und Forschern des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim hat eine Gruppe von internationalen Wissenschaftlern nun erstmals herausgefunden, dass deutliche genetische Zusammenhänge zwischen Alkoholabhängigkeit und 17 verschiedenen psychiatrischen Störungsbildern bestehen, darunter Schizophrenie,Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Depression und Konsum von Zigaretten und Cannabis.

Daten von fast 15.000 Alkoholabhängigen analysiert
Die Forscherinnen und Forscher haben dafür die bisher größte genomweite Studie in diesem Forschungsfeld durchgeführt. Sie analysierten genetische Daten von fast 15.000 Personen mit diagnostizierter Alkoholabhängigkeit und verglichen diese mit Daten von fast 38.000 gesunden Personen. Die Daten stammen von Menschen aus Europa und Afrika.

Widerstandskraft von Betroffenen stärken
Zudem fanden die Forscher heraus, dass sich die genetischen Ausprägungen von Alkoholabhängigkeit nur teilweise mit denen des Alkoholkonsums überschneiden.„Das unterstreicht die Unterscheidung zwischen pathologischem und nicht-pathologischem Trinkverhalten“, sagt Prof. Dr. Marcella Rietschel, Direktorin der Abteilung Genetische Epidemiologie in der Psychiatrie, die an der Studie beteiligt war. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass der genetische Ansatz erfolgreich ist, Zusammenhänge aufzuklären, die bislang nur vermutet werden konnten. „Nun sind vor allem detailliertere Untersuchungen von vielen Patienten von Nöten, um herauszufinden, wie genau die genetischen Faktoren dazu beitragen, dass jemand abhängig wird“, sagt Prof. Dr. Falk Kiefer, ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am ZI. Auf diese Weise hoffen die Forscher, bessere Wege zu finden, um die Widerstandskraft(Resilienz) von Betroffenen zu stärken.

Originalpublikation:
Transancestral GWAS of alcohol dependence reveals common genetic underpinnings with psychiatric disorders, Nature Neuroscience, DOI:10.1038/s41593-018-0275-1.
Weitere Informationen finden Sie unter
https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/alkoholabhaengigkeit-hat-aehnliche-genetische-grundlagen-wie-psychiatrische-stoerungen.html

Spahn kündigt Umbau der gematik an

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) ist unzufrieden mit der Arbeit der gematik – Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte. Das wird nicht ohne Konsequenzen bleiben, machte er heute beim Fraktionskongress „Zukunft E-Health – Chancen für die digitale Gesundheitsversorgung“ der Unionsfraktion im Bundestag unmissverständlich deutlich.

Auf dem Reformplan für das kommende Jahr stehe „ohne Frage die Struktur der gematik“. „Die gematik kann aus meiner Sicht nicht so bleiben, wie sie ist“, sagte Spahn. Er kritisierte, dass es derzeit offenbar möglich sei, dass einzelne Entscheider im System der gematik wichtige Entscheidungen grundsätzlicher Art aufhalten könnten.

Diese Tage habe die gematik dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) 1.200 Seiten zu Standards vorgelegt, sagte der Minister. Das sei „nicht unbedingt das, was ich erwartet hätte“, so Spahn. Aber offensichtlich führe die bestehende Struktur der gematik dazu, dass Entscheidungen nicht immer nur sachgerecht, sondern auch verzögert als Kompromiss erfolgten. Konkrete Details nannte er nicht. Spahn dürfte sich bei seinen Äußerungen allerdings auf die Spezifikationen der gematik für die elektronische Patientenaktebeziehen, die dem BMG im Dezember vorgelegt werden sollten.

Spahn kündigte als weitere Themen für das kommende Jahr an, sich um die Zulassung von Apps als Medizinprodukte, telemedizinische Anwendungen sowie die Fragen der Datennutzung und Datenspende zu kümmern. Dem Minister zufolge liegen Datenschätze in Deutschland noch zu sehr ungenutzt herum. Die Daten müsse man für die Versorgungsforschung nutzbar machen, sagte er. Dafür könne eine einfache Art der Datenspende möglich sein. Dafür wolle man einen Rahmen setzen.

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Die Junge Gruppe, die heute zum Fraktionskongress ein zweiseitiges Papier zum Thema E-Health in Deutschland vorlegte, begrüßte die Ankündigungen von Spahn. „Die smarte Datenverarbeitung bietet enormes Potenzial für ein effizienteres und nachhaltigeres Gesundheitssystem“, sagte der Vorsitzende der Jungen Gruppe, Mark Hauptmann.

Versicherte und Patienten sollten die Möglichkeit erhalten, ihre eigenen Daten anonymisiert und pseudonymisiert für Forschungszwecke spenden zu können. Die elektronische Patientenakte sowie das elektronische Rezept sollten zeitnah eingeführt werden, wünscht sich die Junge Gruppe zudem. 

Spahn kompromissbereit bei umstrittener Neuregelung für Psychotherapien

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hat sich nach heftiger Kritik an seinen Plänen zur Neuregelung bei psychotherapeutischen Behandlungen kom­promissbereit gezeigt. „Ich schließe nicht aus, dass wir andere Regelungen finden“, sagte der Minister heute im ARD-Morgenmagazin.

Spahns Entwurf für das Terminservice- und Versorgungsgestez (TSVG) sieht eine „gestufte Steuerung“ von Hilfesuchenden vor. Ausgesuchte Ärzte und Therapeuten sollen in Voruntersuchungen entscheiden, welchem Hilfs- oder Therapieangebot die Betroffenen zugeführt werden sollen. Vertreter der Psychotherapeuten sehen darin eine zu große Hürde, die Patienten abschrecken könnte, eine Behandlung aufzunehmen.

Zugleich verteidigte Spahn heute in der ARD grundsätzlich seine Pläne. Es sei wichtig, dass Menschen mit Erkrankungen wie Schizophrenie oder Depression schnell eine Behandlung erhielten. Oft müssten die Betroffenen bislang aber darauf zu lange warten. Allerdings seien die Wartezeiten dort mit am längsten, wo es auch die meisten Therapeuten gebe.

Deshalb müsse die Terminvergabe besser koordiniert und gesteuert werden. Es reiche nicht aus, lediglich mehr Psychotherapeuten für die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung zuzulassen, sagte Spahn weiter. Er äußerte die Hoffnung, im Januar eine Lösung zu finden.

Das vom Bundeskabinett Ende September gebilligte TVSG soll die Wartezeiten auf einen Arzttermin verkürzen. Vorgesehen ist die Erhöhung der wöchentlichen Mindestsprechstundenzahl von derzeit 20 auf 25. Zudem sollen bestimmte Arztgruppen fünf Stunden anbieten, für die Versicherte keine Termine benötigen. 

Der Sehvorgang beginnt schon vor der eigentlichen Wahrnehmung

Bereits das Öffnen der Augen verändert die Verteilung der beiden wichtigsten Botenstoffe im visuellen Kortex, unabhängig davon, ob die Person wirklich etwas sieht. Das berichten Wissenschaftler um Valentin Riedl, Forschungsgruppenleiter in der Abteilung für Neuroradiologie am Universitätsklinikum rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM) im Journal of Neuroscience (2018; doi: 10.1523/JNEUROSCI.1214-18.2018).

Die Wissenschaftler konzentrierten sich bei ihrer Arbeit auf die Botenstoffe Glutamat und GABA. Ihre Versuchsanordnung bestand aus 3 Phasen. Die Testpersonen lagen zuerst mit geschlossenen Augen 5 Minuten im Dunkeln. Anschließend öffneten sie die Augen und blickten in die Dunkelheit. Zuletzt bekamen sie ein flimmerndes Schach­brettmuster gezeigt, das in sehr kurzen Abständen an- und ausging. Über das gesamte Experiment hinweg bestimmten die Forscher mittels einer Magnetresonanz­spektroskopie die Menge beider Botenstoffe gleichzeitig im visuellen Kortex.

Im Ruhezustand mit geschlossenen Augen war die GABA-Konzentration hoch. Aber bereits beim Öffnen der Augen sank dieser hemmende Botenstoff ab, obwohl die Versuchspersonen im Dunkeln noch nichts sehen konnten. „Das Gehirn bereitet sich schon mit dem Öffnen der Augen auf kommende Reiz vor“, so Riedl. Erst beim Wahrnehmen eines echten visuellen Reizes, des flimmernden Schachbretts, erhöhte sich die Konzentration des aktivierenden Botenstoffes Glutamat. 

Die Forscher verglichen ihre Daten auch mit Messungen aus dem funktionellen MRT (fMRT), einem gängigen Verfahren zur Darstellung der menschlichen Hirnaktivität. Hierbei wird der Sauerstoffverbrauch in bestimmten Hirnregionen ermittelt. Ein hoher Verbrauch dient als indirektes Signal für Nervenzellaktivitäten in diesem Bereich. Sie sahen, dass zu den Zeitpunkten, in denen sich die Menge der Botenstoffe im visuellen Kortex veränderte, auch Hirnaktivitäten im fMRT sichtbar waren. „Die Ergebnisse beider Methoden passten zusammen. Durch die Kombination können wir nicht nur sagen, dass es in einer Region eine erhöhte Aktivität gibt, sondern können sie erstmals auch konkret den beiden Neurotransmittern zuordnen“, so Riedl.

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Laut den Wissenschaftlern sind die Ergebnisse nicht nur im Rahmen der Grundlagen­forschung wichtig, sondern haben auch unmittelbare klinische Relevanz: Bei psychischen Krankheiten wie der Schizophrenie werde zum Beispiel vermutet, dass unter anderem die Verteilungen der beiden Botenstoffe dauerhaft gestört sind. „Bisher fehlen aber noch Beweise. Eine Untersuchung mit Spektroskopie und fMRT ließe eine sehr viel genauere und breitere Aussage über die Konzentration der Botenstoffe in Gehirnen von Patienten zu“, so Riedl. 

Psychotherapeutische Sprechstunde steuert die Versorgung

Mit der psychotherapeutischen Sprechstunde wurde eine Möglichkeit geschaffen, die Versorgung von Menschen mit psychischen Beschwerden zu steuern. Dieses Fazit zieht die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) aufgrund einer Auswertung von rund 240.000 Abrechnungsdaten von Patientinnen und Patienten, die im zweiten Quartal 2017 erstmals in einer Sprechstunde waren.

„Die im April 2017 eingeführte psychotherapeutische Sprechstunde erfüllt ihren Zweck. Sie bietet flächendeckend eine diagnostische Abklärung und eine Beratung der Ratsuchenden, was notwendig ist – je nach Dringlichkeit und Schwere ihrer Beschwerden“, erklärte der Präsident der BPtK, Dietrich Munz, heute vor der Presse in Berlin.

Schnelle Hilfe bei psychischen Krisen durch Akutbehandlung

Eine psychotherapeutische Behandlung beginnen nach den Auswertungsdaten rund 58 Prozent der Ratsuchenden. 16,5 Prozent derjenigen befindet sich in einer so starken psychischen Krise, dass eine Akutbehandlung kurzfristig notwendig ist. 74 Prozent beginnen im Anschluss an die Sprechstunde eine Kurzzeittherapie; bei 9,5 Prozent ist eine Langzeittherapie indiziert.

„Die größte Verbesserung konnte für diejenigen erreicht werden, die besonders dringend Hilfe benötigen, etwa bei eskalierender Borderline-Symptomatik oder Suizidgefahr. Sie erhalten jetzt mit der neu eingeführten Akutbehandlung sehr kurzfristig professionelle Hilfe“, erläuterte Munz.

Monatelanges Warten auf einen Therapieplatz

Allerdings erhält jeder dritte Patient, der eine Richtlinien-Psychotherapie benötigt, diese nach Angaben der BPtK erst zwei bis drei Quartale später. „Das sind zu viele Patienten, die viel zu lange auf eine Behandlung warten müssen“, kritisierte Munz.

Die Sprechstunde habe zwar dazu geführt, dass psychisch Kranke schneller erfahren, dass sie krank sind. Auf einen freien Therapieplatz müssten sie trotzdem weiterhin monatelang warten. Die BPtK fordert deshalb „die sofortige Möglichkeit“ für 1.500 Psychotherapeuten, sich außerhalb von Großstädten niederzulassen.

42 Prozent haben keine Indikation für Psychotherapie

Bei rund 42 Prozent der Ratsuchenden ergibt die diagnostische Abklärung in der Sprechstunde, dass keine Richtlinienpsychotherapie notwendig ist, weil keine krankheitswertige Störung besteht. Psychotherapeuten empfehlen dann Angebote zur Prävention und Selbsthilfe oder verweisen an eine Beratungsstelle. Je nach Art und Schwere der Erkrankung werden auch eine Krankenhausbehandlung, medizinische Rehabilitation, eine fachärztliche Behandlung oder eine Soziotherapie veranlasst.

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„Die psychotherapeutische Sprechstunde wurde bereits direkt nach ihrer Einführung zum 1. April 2017 flächendeckend angeboten – die geforderten Mindestzeiten von zwei Stunden pro Woche wurden sogar deutlich übertroffen“, betonte der BPtK-Präsident. Erkennbar sei inzwischen auch, dass Patientengruppen, die aufgrund der langen Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz gar nicht erst versuchten, einen Termin zu bekommen, die Sprechstunden verstärkt aufsuchten. Dazu zählten arbeitsunfähige Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen und sozial Benachteiligte.

Psychotherapeuten lehnen zusätzliche Hürden vor Behandlung ab

„Angesichts der differenzierten Versorgung durch die psychotherapeutische Sprechstunde waren wir sehr überrascht, dass Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) eine zusätzliche‚ gestufte und gesteuerte Versorgung einführen will“, sagte Munz weiter.

Dieser Passus, der erst im Kabinettsentwurf für ein Terminservice- und Versorgungs­gesetz (TSVG) aufgenommen wurde, sei mit der BPtK nicht abgestimmt worden. Eine zusätzliche Hürde vor einer psychotherapeutischen Behandlung lehnt die Kammer grundweg ab. Sie sei überflüssig und diskriminierend. „Psychisch kranke Menschen haben das gleiche Recht der freien Wahl eines Behandlers wie körperlich Kranke“, betonte Munz.

Psychotherapeutenverbände haben einig eine Petition gegen den umstrittenen Passus im TSVG an den Deutschen Bundestag eingereicht. Sie wenden sich „gegen die Schaffung von neuen Hürden im Zugang zur Psychotherapie“ und fordern ein Einlenken der Politik. Die Petition hatte nach kurzer Zeit das erforderliche Quorum von 50.000 erreicht, um die Petition öffentlich beraten zu können und hat inzwischen 136.350 Mitzeichner (Stand 11. Dezember). Bis zum 13. Dezember, dem Tag an dem das TSVG in erster Lesung im Bundestag beraten wird, können weitere Voten abgegeben werden. 

Therapy conversation with the psychologist

Datenethikkommission für rasche Einführung der Patientenakte

Die Datenethikkommission hat sich ausdrücklich für eine partizipative Entwicklung und „baldige Realisierung“ der elektronischen Patientenakte (ePA) ausgesprochen. Aus Sicht des Gremiums kann die Patientenakte dazu beitragen, die Datensouveränität der Versicherten zu erhöhen und die Qualität der Gesundheits­versorgung zu verbessern.

In ihrer am 28. November veröffentlichten Empfehlung fordert die Kommission allerdings, dabei von Anfang an „die Vielfalt ethischer Aspekte als integralen Bestandteil im Rahmen eines ‚ethics by, in and for design’-Ansatzes“ zu berücksichtigen. Der Entwicklungsprozess sei ein konkreter Anwendungsfall der Empfehlung der Datenethikkommission vom 9. Oktober 2018 zur Strategie Künstliche Intelligenz der Bundesregierung.

Die Kommission begrüßt in ihrem Papier zudem den Anspruch der Beteiligten, „größtmögliche(n) Datenschutz, Datenqualität und Datensicherheit sicherzustellen“. Aus Sicht der Kommission betreffen ethische Aspekte darüber hinaus auch die Datensouveränität, die digitale Gesundheitskompetenz, die Gerechtigkeit und Solidarität sowie die Präferenzen der Versicherten. Letztere können sich etwa im Hinblick auf die Festlegung der Datenarten oder die Möglichkeiten der Datennutzung und Datenportabilität unterscheiden.

Ausschlüsse vermeiden

Daher sollten Patienten von Beginn an am Gestaltungsprozess der ePA teilnehmen und ihre Anforderungen in einem partizipativen Prozess einbringen können, empfiehlt die Kommission. Dabei sollten auch privat versicherte Patienten einbezogen werden, da der Nutzen einer patientenzentrierten ePA nicht von der Art der Versicherung abhänge, heißt es weiter. Auch gebe es gesetzlich Versicherte, die eine private Zusatz­versicherung hätten. Die ePA sollte zudem offen für eine Nutzung in der gesamten EU entwickelt werden.

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Rechtliche und ethische Überlegungen könnten, wenn sie von Beginn an in den Entwicklungsprozess eingebunden werden, gestalterische und integrative Kraft entfalten und die Anwendungen unterstützen, meint die Datenethikkommission. „Gelingt eine die Interessen aller Beteiligter berücksichtigende, rechtlich und ethisch fundierte Gestaltung der ePA, stellt dies nicht nur sicher, dass diese den Nutzern und Anwendern zum nachhaltigen Vorteil gereicht. Sie legt auch die Grundlage für das Vertrauen, das für den Erfolg des Vorhabens unerlässlich ist.“

Die Datenethikkommission befasst sich als Beratungsgremium der Bundesregierung seit Anfang September mit den ethischen Herausforderungen von Datenverarbeitung und innovativen Technologien. Sie soll innerhalb eines Jahres ethische Leitlinien und Handlungsempfehlungen für Datenpolitik und den Umgang mit digitalen Innovationen erarbeiten. Dem Gremium gehören 16 Mitglieder aus den Fachrichtungen Medizin, Recht, Informatik, Statistik, Volks- und Betriebswirtschaft, Theologie, Ethik und Journalismus an.