Die große Leere: Fast jeder Zweite über 60 leidet an Depressionen

Die Zahlen, die Dr. Forugh Dafsari nennt, sind beunruhigend : Schätzungsweise 40 Prozent der Menschen über 65 Jahren haben depressive Symptome, in Pflegeheimen liegt der Anteil sogar bei bis zu 50 Prozent, so die Ärztin und Psychologin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Köln. Die Zahlen machen deutlich: Depressionen zählen schon heute – neben der Demenz – zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei Menschen jenseits des 60. Lebensjahres. Und die Prognose ist wenig ermutigend. In einer älter werdenden Gesellschaft wird auch die Zahl der Menschen, die an einer Altersdepression leiden, weiter steigen. Sie wird in den kommenden Jahren zu einer zentralen gesellschaftlichen Herausforderung, so die Experten. In einer Spezialambulanz widmet sich die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Köln seit April diesen Jahres deshalb gezielt der Depression im Alter. Sie ist die erste Einrichtung ihrer Art an einer deutschen Universitätsklinik.

Meist viel zu lange unerkannt

Die steigende Zahl der Betroffenen ist nämlich nur die eine Seite des Problems. Viel gravierender ist, dass eine Altersdepression in den meisten Fällen viel zu lange nicht erkannt wird. Nur etwa acht Prozent der Menschen über 65 haben tatsächlich eine diagnostizierte Depression. „In den meisten Fällen dauert es viele Jahre bis zur Diagnosestellung“, erklärt Forugh Dafsari. Die Folge: Viele Betroffene werden nicht ausreichend spezifisch behandelt.

Erhöhte Morbität und Suizid-Rate

Dabei ist ihr Leid groß. Denn eine Altersdepression geht nicht nur mit einer deutlich reduzierten Lebensqualität und deutlichen Einschränkungen im Alter einher, sondern auch mit einer erhöhten Morbidität und Suizidrate. „50 Prozent der Frauen, die sich 2015 das Leben nahmen, waren älter als 60 Jahren“, erläutert Dafsari. Zudem belegten Studien, dass sowohl während als auch nach einer depressiven Episode das Risiko etwa für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs- und Infektionserkrankungen erhöht ist. Umso wichtiger sei eine gründliche und rechtzeitige Diagnose. Denn richtig erkannt, sei auch eine Altersdepression gut behandelbar.

Warum es oftmals so lange dauert, bis die Diagnose „Altersdepression“ gestellt wird, hat verschiedene Ursachen. Ein Problem sei sicherlich die fehlende Aufklärung über die Erkrankung.

Altersdepression hat meist andere Symptome

Viele Betroffene würden die Depression für eine nicht ernstzunehmende Erkrankung halten und glaubten fälschlicherweise, dass das Überwinden einer depressiven Verstimmung nur mit dem eigenen Willen möglich sei, erklärt Dafsari.

Die eindeutige Diagnose erschwere aber vor allem, dass eine Altersdepression mit anderen Symptomen einhergeht. „Klassische“ Depressionssymptome jüngerer Patienten wie gedrückte Stimmung, Antriebsmangel oder vermindertes Selbstwertgefühl liegen zwar ebenfalls vor, allerdings „kaschieren“ oft körperliche Beschwerden, wie zum Beispiel Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel, Schmerzen, Schlafstörungen oder allgemeine Schwäche oder kognitive Defizite die Altersdepression. „Das führt dazu, dass eine Altersdepression als körperliche Erkrankung oder normaler physiologischer Alterungsprozess fehlinterpretiert wird“, erklärt Psychologin und Ärztin Dafsari.

Auch die kognitiven Defizite einer Altersdepression würden von den Betroffenen und ihrem Umfeld oft fälschlicherweise als normaler Alterungsprozess oder beginnende Demenz interpretiert.

Diagnostische Abgrenzung zur Demenz nicht leicht

Tatsächlich kann eine beginnende Demenz auch mit depressiven Verstimmungen einhergehen, was eine diagnostische Abgrenzung erschweren kann. Nachgewiesen aber ist, dass die kognitiven Störungen, die im Zuge einer Altersdepression auftreten – anders als bei einer Demenz –, meist nicht mit Orientierungs- oder Benennungsstörungen einhergehen. So vielfältig wie ihre Symptome, so vielfältig sind auch die Ursachen der Altersdepression. Zu den Risikofaktoren zählen neben körperliche Erkrankungen wie zum Beispiel chronische Nierenerkrankungen oder ein Schlaganfall, aber auch die zunehmende körperliche Beeinträchtigung im Alter, die das Gefühl der Unkontrollierbarkeit sowie Ängste hervorrufen können.

Auch das weibliche Geschlecht ist ein Risikofaktor, denn Frauen erkranken nachweislich häufiger an einer Altersdepression als Männer. Ebenso spielen soziale Faktoren wie Einsamkeit oder akut belastende oder einschneidende Lebensereignisse etwa der Tod des Partners oder auch das Ausscheiden aus dem Arbeitsleben eine wichtige Rolle.

Forugh Dafsari berichtet von einem Patienten, der nach einem sehr erfolgreichen und ausgefüllten Berufsleben fast zeitgleich mit seinem Eintritt in den Ruhestand in eine depressive Verstimmung fiel, fast ein Klassiker.

Nach der Pensionierung kam die große Leere

Seine Ehe war in die Brüche gegangen, die erwachsenen Kinder längst aus dem Haus. Mit der Pensionierung habe er auf einmal vor einer großen Leere gestanden. Antriebsarm lebte er vor sich hin, irgendwann fiel es ihm dann sogar schwer, morgens überhaupt aufzustehen. Das Gefühl, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmen können, habe er schon länger gehabt. Der Elan aber, etwas dagegen zu tun, fehlte. „Er war mit Mitte 60 auf einmal regelrecht des Lebens müde.“

Zufällig erfuhr der Mann dann aber aus der Zeitung von der neuen Spezialambulanz an der Kölner Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Mit einer kombinierten medikamentösen und psychotherapeutischen Therapie konnte ihm dort schnell geholfen werden. „Er ist jetzt in einem stabilen Zustand, kann die Veränderungen in seinem Leben annehmen und sein jetziges Leben neu gestalten“, berichtet die Ärztin.

Wie wird behandelt?

In der Behandlung der Altersdepression kommt der psychotherapeutischen Behandlung eine wichtige Bedeutung zu – nicht zuletzt weil sich herausgestellt hat, dass ältere Menschen deutlich weniger gut als junge auf eine rein medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva ansprechen. Eine Ursache dafür ist, dass im Alter Medikamente schlechter verstoffwechselt werden. Zum anderen haben viele Betroffene Begleiterkrankungen und nehmen deswegen bereits Medikamente. Eine zusätzliche Einnahme von Antidepressiva kann dann zu unerwünschten Wechselwirkungen führen. „Das erfordert eine sehr genaue Diagnostik und medikamentöse Einstellung“, so Dafsari.

Bei depressiven Symptomen setzen die Mediziner deshalb zunehmend auch auf eine Psychotherapie – nicht zuletzt weil eine Pilotstudie in Tübingen ergeben hat, dass eine spezifische psychotherapeutische Behandlung der Altersdepression- vor allem wenn sie in Einzelsitzungen stattfindet wirksam ist. Selbst Gruppensitzungen führten zu einer Reduktion der Symptome.

Die Ergebnisse der Tübinger Pilot-Studie sollen in einer aktuell laufenden großen multizentrischen Studie, die von Professor Frank Jessen, dem Direktor der Kölner Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, geleitet wird, belegt werden.

Verhaltenstherapeutische Intervention

In der Studie, an der neben der Kölner Uniklinik sechs weitere Zentren beteiligt sind, werden etwa 250 Personen über acht Wochen zwei Mal wöchentlich mit einer verhaltenstherapeutischen Intervention behandelt. „Sollte die Studie die Wirksamkeit der spezifischen Psychotherapie im Alter belegen, würde ein sofort implementierbares wirksames Behandlungsverfahren für diese häufig komplex zu therapierende Patientengruppe zur Verfügung stehen“, betont Studienkoordinator Frank Jessen.

Die Studie sei eine Möglichkeit auch für Patienten in der Kölner Region, betont Dr. Forugh Dafsari. Die Therapie sei auf Themen des Alterns zugeschnitten. Es gehe in den Gesprächen um den Umgang mit Verlusterfahrungen,, Veränderungen in dem Lebensabschnitt, um einen Lebensrückblick oder auch den Umgang mit der körperlichen Immobilität.