Wann eine Online-Therapie sinnvoll ist

Wer ein psychisches Problem hat, sieht sich nicht selten mit einem weiteren konfrontiert: einen Therapieplatz zu finden. Oft sind die Wartelisten lang, die angebotenen Zeiten lassen sich nicht mit dem Job vereinbaren oder die Praxis eines Spezialisten ist so weit weg, dass ein regelmäßiger Besuch kaum möglich ist. Wie praktisch, dass es mittlerweile Online-Programme und Apps gibt. Aber können die eine echte Alternative zur herkömmlichen Psychotherapie sein?

Psychotherapeutin Sonja Jaeger betreut ihre Klienten ausschließlich digital. «Etwa 80 Prozent von ihnen entscheiden sich für die Videoberatung, weil sie einem persönlichen Gespräch am nächsten kommt», sagt sie. «Der Rest wählt eine Beratung per Mail.» Therapie darf Jaeger ihr Angebot in dieser Form nicht nennen, sie spricht von psychologischer Online-Beratung. Jaeger hat sich bewusst für diese Variante entschieden. Sie kann von überall aus arbeiten und in verschiedenen Ländern leben.

Der Wohnort ist auch für viele Klienten der Grund für eine Online-Beratung: «Der Großteil lebt im Ausland, oft in Ländern, in denen es keine Psychotherapeuten in ihrer Muttersprache gibt.» Es seien aber auch Menschen dabei, die zum Beispiel aufgrund einer Angststörung nicht das Haus verlassen oder wegen einer körperlichen Behinderung nicht zu einem Therapeuten gehen können.

Auch die schnellere Verfügbarkeit und das Angebot von Sitzungen außerhalb der klassischen Bürozeiten seien für viele Menschen ein Grund für eine Online-Beratung. «Außerdem sind die Klienten während der Beratung in ihrem eigenen Zuhause, wo sie sich sicher und wohlfühlen», sagt Jaeger. «Inklusive der eigenen Teetasse und der Katze, die oft dabei ist.»

Prof. Christiane Eichenberg forscht an der Sigmund Freud Universität Wien zu Online-Angeboten. Sie sagt: «Grundsätzlich sind Online-Therapien wirksam, auch wenn es natürlich immer darauf ankommt, welche Erkrankung und vor allem welcher Schweregrad vorliegt.» Bewährt habe sich der Einsatz digitaler Angebote vor allem bei leichten Depressionen und Angststörungen, aber auch bei Essstörungen und in der Behandlung akuter Traumatisierungen.

Vor allem für Patienten, die sonst keine Hilfe in Anspruch nehmen würden, hätten solche Angebote Vorteile. Es sei ein guter Weg, um erste Hemmschwellen zu überwinden oder Vorurteile abzubauen. «Es gibt Menschen, die ihre Probleme erst einmal per E-Mail kommunizieren möchten, und dann lernen, dass sie auch in einer Face-to-Face-Therapie dafür bereit sind», sagt Eichenberg.

Wichtig ist aus Sicht der Expertin, das passende Format zu finden. «Es gibt mindestens drei verschiedene Arten», sagt Eichenberg. Bei einer reinen Online-Therapie haben Patienten nur wenige Kontakte zu einem Arzt oder Therapeuten. Das meiste läuft über Selbsthilfe-Tools.

Einen engeren Kontakt zwischen den beiden Seiten gibt es bei Schreibtherapien. «In diesem Fall tauscht man sich über etwa zwölf Wochen etwa zweimal wöchentlich per E-Mail aus – das wird schon sehr lange bei traumatisierten Patienten eingesetzt», erklärt Eichenberg. Eine weitere Möglichkeit sind Online-Angebote, die begleitend zu bestehenden Therapien laufen. Zum Beispiel, wenn eine Therapie aufgrund eines Auslandsaufenthaltes nicht weiter in der Praxis durchgeführt werden kann.

Bei der Auswahl eines Angebots sollten Patienten darauf achten, dass immer wieder Kontakt zu Ärzten oder Therapeuten gewährleistet ist. «Wer bei einer solchen Therapie ganz auf sich gestellt ist, also ein reines Selbsthilfeprogramm absolviert, der hält oft nicht durch», sagt Eichenberg. «Studien zeigen, dass die Erfolgsquote höher ist und die Patienten nicht so schnell aussteigen, wenn sie begleitet werden.»

Auch laut Prof. Ulrich Hegerl ist eine persönliche Begleitung wichtig. Er ist Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die das Online-Angebot iFightDepression mitentwickelt hat. «Es handelt sich dabei um ein Selbstmanagement-Tool für Menschen mit leichten Depressionen», sagt Hegerl. «Das ist kein Ersatz für die Behandlung mit Antidepressiva oder Face-to-Face-Therapien. Aber für viele Patienten kann es ein guter Weg sein, mit der Krankheit besser umzugehen.»

Anlass für die Entwicklung des Programms war die Unterversorgung von depressiven Patienten in vielen Regionen Europas. «In Deutschland werden die meisten Menschen mit Depressionen, die eine Behandlung erhalten, von Hausärzten behandelt, in der Regel mit Antidepressiva», sagt Hegerl. «Psychotherapeutische Hilfen kommen oft zu kurz.» Das Online-Tool könne hier durchaus Abhilfe schaffen.

Den Zugang bekommen Patienten aber nur von ihrem Arzt oder Psychotherapeuten. Jeder Patient soll bei der Nutzung begleitet werden. Der Arzt fragt zum Beispiel beim nächsten Termin nach, ob der Patient mit dem Tool zurechtkommt und ob das Programm hilft. Nach Ansicht von Hegerl ist es bei allen Online-Angeboten wichtig, Patienten nicht mit den Aufgaben allein zu lassen. Je nach Erkrankung kann das sogar zum ernsten Risiko werden. Depressionen zum Beispiel sind schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankungen, betont Hegerl. Patienten können sie nicht auf eigene Faust behandeln.