Warum soziale Medien Jugendliche depressiv machen könnten

Vor allem weibliche Teenager, die viel Zeit in sozialen Netzwerken verbringen, leiden häufiger unter Depressionen, die eine Querschnittsstudie in EClinicalMedicine (2019; doi: 10.1016/j.eclinm.2018.12.005) vor allem mit Schlafstörungen und einem Onlinemobbing in Verbindung bringt. Auch ein niedriges Selbstwertgefühl und Unzufriedenheit mit dem Aussehen könnten durch soziale Netzwerke verstärkt werden. 

Mehr als drei Stunden täglich in sozialen Medien

Soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und Twitter üben auf viele Jugendliche einen unwiderstehlichen Reiz aus. Von den knapp 11.000 14-Jährigen, die im Rahmen der UK Millennium Cohort Study befragt wurden, gaben 43 % der Mädchen und 22 % der Jungen an, dass sie täglich mehr als 3 Stunden mit Chatten und anderen Online­kontakten verbringen. Nur 4 % der Mädchen und 10 % der Jungen legten keinen Wert auf die elektronische Kommunikation mit Freunden.

Jugendliche, die häufig und lange in den sozialen Netzwerken aktiv sind, litten häufiger unter depressiven Verstimmungen, wie die Auswertung der Kurzform des Mood and Feelings Questionnaire (SMFQ) zeigt: Mädchen, die täglich 3 bis 5 Stunden in den Netzwerken aktiv waren, hatten im SMFQ höhere Werte. Bei einer Onlineaktivität von mehr als 5 Stunden pro Tag stieg der Anteil auf 50 %. Bei den Jungen ermittelten Yvonne Kelly vom University College London und Mitarbeiter einen Anstieg von 21 auf 35 %. 

Eine Assoziation kann in einer Querschnittstudie nicht beweisen, dass die Dauer der Onlinekommunikation für die depressiven Verstimmungen verantwortlich ist und dass Mädchen stärker gefährdet sind als Jungen. Es könnte ja sein, dass Mädchen, die aus anderen Gründen zu Depressionen neigen, ein größeres Bedürfnis verspüren, mit anderen zu kommunizieren. 

Hohe Anzahl an Belästigungen

Die Studie zeigt aber auch, dass online nicht nur Nettigkeiten ausgetauscht werden: 40 % der Mädchen und 25 % der Jungen gaben an, dass sie schon einmal online belästigt wurden oder sogar zum Ziel eines Cybermobbings geworden sind, bei dem zumeist eine Gruppe einzelne ausgrenzt – was leicht zu depressiven Störungen beim Opfer führen kann.

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Vor allem bei Mädchen dreht sich das Thema häufig um das Aussehen. Mädchen, die in diesem Punkt häufig online angegriffen werden, neigen möglicherweise zu einem negativen Körperbild und zu einem niedrigen Selbstwertgefühl, was wiederum depressive Symptome fördern kann. Die Umfrage liefert hierfür Hinweise, wobei die Assoziationen streng genommen keine Kausalität belegen: Depressionen könnten bei Mädchen und Jungen dazu führen, dass sie ihr Äußeres vernachlässigen oder sich weniger selbstbewusst geben, was sie dann leichter zum Opfer eines Cybermobbings werden lässt.

Die Studie fand noch eine weitere Assoziation, die auf einen möglichen pathophysio­logischen Mechanismus hinweist. Bei vielen Teenagern scheinen die Bildschirm- die Schlafzeiten einzuschränken, und auch die Gewohnheit, das Smartphone am Bett zu haben, um auch nachts reagieren zu können, scheint der Umfrage zufolge weit verbreitet zu sein.

Schlafstörungen haben ebenfalls großen Einfluss

In einer Pfadanalyse hatten Schlafstörungen neben dem Online­mobbing den größten Einfluss auf die depressiven Symptome (wobei auch hier nicht auszuschließen ist, dass depressive Jugendliche, die infolge ihrer Erkrankung unter Schlafstörungen leiden, häufiger bei Facebook & Co nach neuen Postings suchen).

Mentale Störungen sind nicht das einzige Problem, das sich aus einem Internetkonsum ergeben kann. Russell Viner vom Institute of Child Health in London und Mitarbeiter beschreiben in einer Übersicht in BMJ Open(2019; 9: e023191) auch eine Assoziation mit einer Adipositas, einer ungesunden Ernährung und einer niedrigen Lebensqualität. Aber auch hier fehlt der Beweis einer Kausalität.

Viner ist Präsident des Royal College of Paediatrics and Child Health (RCPCH), das dieser Tage Tipps für Eltern herausgegeben hat. Den bei vielen Eltern beliebten kategorischen Zeitlimits erteilt das RCPCH jedoch eine Absage. Eltern und Kinder sollten vielmehr in einen Dialog treten und zusammen einige für das Familienleben verträgliche Regeln entwickeln, heißt es in den (online) publizierten Empfehlungen. 

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons