Prävention: Was tun, wenn die Fantasie Gewalt fordert?

In Hannover gibt es ein besonderes Angebot, Sexualstraftaten zu verhindern. An dem Programm „I can change“ nehmen Männer aus allen Gesellschaftsschichten teil.

Ein beruflich erfolgreicher Manager, der seine schlafende Ehefrau nachts anal vergewaltigt und sich danach unendlich schämt. Ein Firmeninhaber, den sexuelle Gewaltfantasien erregen und der befürchtet, diese irgendwann in die Tat umzusetzen und dabei eine Frau zu verletzen oder gar zu töten.

Mit solchen Männern hat es die Psychotherapeutin Charlotte Gibbels zu tun. Sie ist Mitarbeiterin eines nach eigenen Angaben bundesweit einmaligen Projektes: Der Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Sexualmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bietet Menschen mit unkontrollierter Sexualität und sexuellen Gewaltfantasien kostenlos das Therapieprogramm „I can change“ an, um sexuelle Gewalt zu verhindern.

„Das sind keine Monster, sondern Menschen, die teilweise weinend vor mir sitzen und unter ihrer Sexualität leiden. Ihre erste Frage ist, warum sie diese Fantasien haben. Es gibt nicht die eine Begründung dafür“, sagt Gibbels, die jüngst auf der MHH-Tagung „Sex, art & violence. Prävention ist möglich!“ in Hannover sprach. „Bei dem Mann, der seine Frau mehrfach vergewaltigte, stellte sich in Gesprächen heraus, dass der Druck umso größer ist, je weniger er sich seinen eigenen Problemen stellt. Seit zwei Jahren ist er bei mir, seitdem hat er seine Frau nicht mehr vergewaltigt“, berichtet Gibbels.

Einzelgespräche zur Prävention sexueller Gewalt

Die Empathiefähigkeit erhöhen, die Kommunikation verbessern, den Umgang mit Emotionen üben, soziale Beziehungen ausbauen, Aktivitäten fördern, die den Betroffenen guttun (wie Sport oder Yoga) – dies soll in den alle ein bis zwei Wochen stattfindenden Einzelgesprächen zur Prävention sexueller Gewalt beitragen. Dazu gehört auch die Aufstellung eines Notfallplans. „Viele der Männer waren bereits in einer Psychotherapie, wo sie sich aber nicht getraut haben, über ihre Sexualität zu sprechen“, sagt Gibbels.

Ihr Kollege Jonas Kneer weiß aus vielen Gesprächen, dass Betroffene oft versuchen, ihre Fantasien zu unterdrücken und sie dann umso stärker werden. „Für uns ist das Handeln entscheidend. Es kann Menschen helfen zu lernen, ihre sexuellen Fantasien zu akzeptieren, damit diese gerade nicht zur Realität werden“, sagt Kneer.

Nach seinen Angaben haben seit Beginn des Programms vor zwei Jahren 25 Männer mit einer Therapie begonnen, von denen 17 zuvor bereits sexuelle Übergriffe begangen hatten. Die Betroffenen kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Zwei Drittel leben in einer festen Partnerschaft. Manche wohnen außerhalb Niedersachsens und nehmen teils lange Anfahrtswege nach Hannover auf sich.

Psychologie: Hilfesuchende kommen freiwillig

„Wir stehen unter Schweigepflicht und dürfen sie nur brechen, wenn uns gegenüber schwerste Straftaten angekündigt werden. Solche Fälle hatten wir bisher noch nicht“, sagt Professor Tillmann Krüger, ärztlicher Projektleiter. Für den Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde ist wichtig, dass die Hilfesuchenden freiwillig kommen.

Nicht aufgenommen werden Personen, gegen die aktuell ein Ermittlungsverfahren wegen eines sexuellen Übergriffs läuft oder bei denen eine Behandlungsauflage aufgrund einer verübten Sexualstraftat besteht. Das Therapieangebot richtet sich auch an Menschen mit exzessivem Konsum von Pornografie, die sich häufig selbst befriedigen. „Für manche ist das der Anfang von sich steigernden Gewaltfantasien“, sagt Krüger. Nach seinen Angaben werden in einem Viertel der Fälle vorübergehend auch Medikamente eingesetzt.

Mehr als 56.000 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung

Im Sommer läuft das vom niedersächsischen Sozialministerium unterstützte Programm aus. Krüger: „Bei ein bis zwei Personen steht der erfolgreiche Abschluss der Therapie bevor. Bei anderen hören die Probleme nicht auf. Deswegen ist die weitere Förderung nötig.“

Mehr als 56.000 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wurden 2017 in Deutschland registriert – Experten gehen davon aus, dass nur in fünf Prozent der Fälle von sexueller Gewalt überhaupt eine Anzeige erstattet wird.

Weitere Informationen gibt es unter praevention-sexueller-gewalt.de. Für Personen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, bietet die MHH ein weiteres Therapieprogramm an. Näheres dazu unter kein-taeter-werden.de.