Meditation kann auch negative Auswirkungen haben

Mehr als ein Viertel der Menschen, die regelmäßig meditieren, haben bereits unangenehme Erfahrungen dabei gemacht. Das ergab eine Onlineumfrage von etwa 1.230 Menschen, die in Plos Oneveröffentlicht wurde (2019; doi: 10.1371/journal.pone.0216643). Die Studienteilnehmer berichteten unter anderem von Angstgefühlen sowie verzerrten Emotionen und Gedanken.

Die Autoren hatten sie gefragt, ob sie jemals besonders unangenehme Erfahrungen gemacht hätten, die durch eine Meditationspraxis verursacht worden sein könnten. Als Beispiel wurden Angst, Sorgen, verzerrte Emotionen oder Gedanken sowie ein verändertes Selbst- oder Weltgefühl vorgegeben. Teilnehmer, die ausschließlich dekonstruktive Meditationen (29,2 % versus 20,3 %), wie etwa Vipassana oder Koan praktizieren, und diejenigen, die schon mal an einem Meditationsretreat teilgenommen hatten (29 % versus 19,6 %), berichteten eher über unangenehme meditationsbezogene Erfahrungen.

Meditationstechniken

  • Aufmerksamkeitspraxis (Attentional practices)

zum Beispiel: achtsames Atmen, Visualisierung oder Mantrarezitation, Kirtan-kriya-Meditation, transzendale Meditation, Achtsamkeitsmeditation

  • Dekonstruktive Praxis

zum Beispiel: Vipassana/Einsichtsmeditation, Mahamudra (Tibetisch), Dzogchen (Tibetisch), Shikantaza (Zen), Self-inquiry (Advaita Vedanta), Koan (Zen)

  • Konstruktive Praxis 

zum Beispiel: Lovingkindness-Meditation/Metta oder Mitgefühl-Meditation/Karuna

Es zeigte sich zudem, dass mehr männliche Teilnehmer (28,5 %) negative Erlebnisse hatten als weibliche Teilnehmer (23 %). Auch die Religiosität machte einen Unterschied: Religiöse Menschen berichteten seltener als der Durchschnitt über schlechte Erfahrungen beim Meditieren als nicht religiöse Menschen (30,6 % versus 22 %).

In ihrer Auswertung unterteilen die Autoren die Meditationstechniken in konstruktive (englisch: constructive) Meditationen und dekonstruktive (englisch: deconstructive) Meditationen (siehe Kasten). „Deutsche Übersetzungen dieser englischen Fachbegriffe wurden noch nicht publiziert“, erklärt Terje Sparby, Co-Autor der Studie von der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke. Die dekonstruktive Meditationstechnik sei im Sinne von „zerlegend oder analytisch“ zu verstehen. Die konstruktive Technik stehe für eine aufbauende Meditation. Beide Fälle unterscheiden sich von den Aufmerksamkeitspraxen, sagt Sparby dem Deutschen Ärzteblatt.

Aufmerksamkeitspraxen trainieren in erster Linie die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf Phänomene zu lenken, ohne von ihnen absorbiert zu werden (zum Beispiel die Achtsamkeit der Atmung). Ziel der Vipassana-Technik ist es, verfestigte Sichtweisen und Glaubenssysteme zu schwächen und aufzulösen, inklusive der Vorstellung eines permanenten, unabhängigen „Ichs“. „Diese Meditationstechniken fordern somit selbst scheinbar offensichtliche Wahrnehmungen heraus, indem sie Meditierende, zum Beispiel, auf die Vergänglichkeit und Nicht-Zufriedenstellbarkeit von Phänomenen weisen“, erklärt der Philosoph und Meditationsforscher Sparby.

Diese Meditationstechniken fordern somit selbst scheinbar offensichtliche Wahrnehmungen heraus, indem sie Meditierende, zum Beispiel, auf die Vergänglichkeit und Nicht-Zufriedenstellbarkeit von Phänomenen weisen.Terje Sparby, Universität Witten/Herdecke

Wann und wie Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Meditation auftreten, sei bisher kaum bekannt, sagt Erstautor Marco Schlosser vom University College London und erklärt: „Diese Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, das öffentliche und wissen­schaftliche Verständnis der Meditation über das einer gesundheitsfördernden Technik hinaus zu erweitern.“

Auslöser der Studie, die mit Forschern der Universität Witten/Herdecke und der Universität Ljubljana, Slowenien, durchgeführt wurde, ist eine begrenzte, aber wachsende Anzahl von Forschungsberichten und Fallstudien, die darauf hindeuten, dass psychologisch unangenehme Erfahrungen während der meditativen Praxis auftreten können. Auch einige traditionelle buddhistische Texte verweisen auf lebhafte Berichte über negative Erfahrungen. Über die Prävalenz dieser Erfahrungen ist jedoch nur sehr wenig bekannt.

zum Thema

„Längsschnittstudien werden helfen zu erfahren, wann, für wen und unter welchen Umständen diese unangenehmen Erfahrungen entstehen und ob sie langfristige Auswirkungen haben können. Diese zukünftige Forschung könnte klinische Richtlinien, Achtsamkeitshandbücher und die Ausbildung von Meditationslehrern betreffen.“