Gedächtnistraining wirkt über die Strategiebildung

Gedächtnisübungen trainieren im Wesentlichen die Anwendung verschiedener Strategien zur Bewältigung von Merkaufgaben. Dies – und nicht eine gesteigerte Merkfähigkeit – wirkt sich dann auf das Ergebnis des Trainings aus. Das berichten Forscher der Abo Akademi University, Finnland, und der Umea University, Schweden, im Journal of Memory and Language (DOI: 10.1016/j.jml.2019.104064).

Den Autoren zufolge erklärt dies, warum die Auswirkungen des Gedächtnistrainings begrenzt seien. „Typischerweise sind Verbesserungen nur auf Aufgaben beschränkt, die der Trainingsaufgabe sehr ähnlich sind – das Training hat Möglichkeiten zur Verfügung gestellt, eine bestimmte Art von Aufgaben zu bewältigen, aber nicht viel mehr“, schreiben sie.

Die Studie umfasste 258 erwachsene Personen, die in 3 Gruppen randomisiert wurden. 2 der Gruppen absolvierten eine 4-wöchige Arbeitsgedächtnis-Trainingsphase, in der die Teilneh­mer 3 x 30-minütige Trainingseinheiten pro Woche mit einer Aufgabe zur Aktualisierung des Arbeitsgedächtnisses absolvierten. Eine Gruppe trainierte mit einer extern bereitgestellten Strategieanweisung, während die andere Gruppe ohne die Strategieanweisung trainierte. Die 3. Gruppe diente als Kontrolle und nahm nur an einem sogenannten Pretest, Interme­diate Test und Posttest teil.

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„Beide Trainingsgruppen zeigten einen sich abzeichnenden Transfer auf untrainierte Auf­gabenvarianten bereits im Zwischentest nach 3 Trainingseinheiten, der sich nach 12 Trai­ningseinheiten auf alle untrainierten Aufgabenvarianten erstreckte“, so die Wissenschaftler. Die Trainingsgruppe Strategie übertraf die traditionelle Trainingsgruppe nur zu Beginn des Trainings – bis die Teilnehmer in der traditionellen Trainingsgruppe ebenfalls Strategien entwickelt hatten. 

Robert-Enke-Stiftung klärt mit Virtual-Reality über Depressionen auf

Jedes Jahr begehen rund 10.000 Menschen in Deutschland Suizid aufgrund von Depressionen. „Viele Suizide sind vermeidbar, denn psychische Erkrankungen sind be­handelbar. Darauf wollen wir aufmerksam machen“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn bei der Vorstellung des Projekts „Impression Depression“ der Robert-Enke-Stiftung gestern in Berlin.

Etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann ist nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen. Ein neues Projekt der Robert-Enke-Stiftung soll mithilfe von Virtual-Reality (VR) über Depressionen aufklä­ren und einen Einblick in die Gedanken und Gefühlswelt der Betroffenen bieten.

So sollen auch Nicht-Betroffene sensibilisiert, und ein besseres Verständnis der Krankheit Depression gefördert werden. Anlass der Aufklärungskampagne ist der zehnte Todestag des ehemaligen Fußball-Nationalspielers Robert Enke, der sich am 10. November 2009 aufgrund einer langjährigen Depression das Leben nahm.

„Das Projekt ist eine Herzensangelegenheit für mich“, sagte die Witwe des verstorbenen Fußballers, Teresa Enke, bei der Vorstellung des Projekts im Bundesministerium für Ge­sundheit (BMG). „Wir wollen deutlich machen, dass Depression keine Schwäche, sondern eine ernste Erkrankung ist.“

Nach einer Einleitung wird dazu 15 Minuten lang die Gefühls- und Erlebniswelt eines de­pressiv erkrankten Menschen mit Hilfe einer VR-Brille und Kopfhörern dargestellt. Die Teilnehmer tragen dabei eine Gewichtsweste, um auch die erdrückende Schwere nach­voll­ziehen zu können, die Betroffene häufig empfinden. Die Robert-Enke-Stiftung hat das VR-Projekt mit Psychotherapeuten, VR-Experten und Betroffenen entwickelt.

Das Projekt „Impression Depression“ wird ab November in verschiedenen Städten in Deutschland verfügbar sein: Es kann von Hochschulen, Unternehmen und anderen Orga­nisationen angefordert werden. Informationen gibt es bei der Robert-Enke-Stiftung.

Danach gefragt, ob es ausreichende Therapieplätze gebe, sagte Bundesgesundheits­mi­nister Spahn: „Diejenigen, die am dringendsten eine Behandlung benötigen, erhalten sie oft nicht. Es gelingt nicht, die Prioritäten richtig zu setzen.“ Auch deshalb entwickele man mit einer Regelung, die dem Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz angehängt wur­de, „das Thema Lotse durch das System“ weiter.

Die Robert-Enke-Stiftung wurde Anfang 2010 unter dem Vorsitz von Teresa Enke gegrün­det, nachdem ihr Mann sich nach langjährigen Depressionen das Leben genommen hatte. Ziel der Stiftung ist der Aufbau einer Versorgungsstruktur, die es Leistungssportlern, aber auch Menschen außerhalb des Leistungssports ermöglicht, schnell ein Behandlungsan­ge­bot für ihre Erkrankung zu bekommen.

Darüber hinaus engagiert sich die Stiftung in der Öffentlichkeitsarbeit und möchte damit das Thema Depression enttabuisieren. Zu diesem Zweck hat die Robert-Enke-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Rheinisch-Westfälisch-Technischen Hochschule Aachen bereits eine Beratungshotline (0241/8036777) ins Leben gerufen. 

Erwartungen des Arztes beeinflussen Schmerzempfinden von Patienten

Patienten haben weniger Schmerzen, wenn ihre Ärzte selbst an die Wirksamkeit der Behandlung glauben. Das geht aus einer Studie in Nature Human Behaviour hervor. Demnach spiegele sich die Überzeugung der Ärzte in ihrem Gesichtsausdruck wider, berichten die Wissenschaftler. Die Ergebnisse könnten hilfreich für eine bessere Arzt-Patienten-Kommunikation sein, hoffen die Forscher.

Das Team um den Mediziner Luke Chang vom Darmouth College in den USA hatte eine Testreihe mit 194 Freiwilligen durchgeführt. In drei Versuchsreihen wurde den Teilneh­menden eine Rolle als „Arzt“ oder „Patient“ zugewiesen. Die „Ärzte“ wurden informiert, dass es in dem Experiment um die Wirkung einer Schmerzsalbe gehe, die auch gleich demonstriert wurde: Elektroden wurden an den Unterarmen der falschen Mediziner platziert, auf 47 Grad erhitzt und lösten so einen Schmerzreiz aus.

Anschließend trugen die Versuchsleiter eine Creme namens „Thermedol“ auf, von der gesagt wurde, dass sie stark schmerzlindernd wirke. In Wahrheit wurde lediglich die Temperatur der Elektroden heruntergeregelt, die Creme selbst war ein Placebo.

Im nächsten Schritt sollten die falschen Ärzte „Thermedol“ und eine Kontrollcreme in einem ähnlichen Setting an Patienten testen. Beide Cremes waren Placebos – dennoch empfanden die Patienten bei gleichem Schmerzreiz „Thermedol“ als hilfreicher. Dies zeigte sich nicht nur in ihren Aussagen, sondern auch in der Analyse ihres Gesichtsausdrucks sowie ihrer Hautreaktion. Zudem bewerteten sie die „Ärzte“ als einfühlsamer, wenn diese „Thermedol“ auftrugen.

Glaubten die falschen Mediziner also selbst an die Wirksamkeit der schmerzlindernden Creme, empfanden ihre Patienten wirklich weniger Schmerzen. Kameras auf den Köpfen der Patienten gaben Hinweise auf die Ursache des Effekts: Die Aufnahmen ließen kleinste Veränderungen im Gesichtsausdruck der behandelnden „Ärzte“ erkennen. Sie zeigten mehr Schmerz, wenn die sogenannte Kontrollcreme aufgetragen wurde als bei der vermeintlich effektiven „Thermedol“-Creme.

Ärzte sendeten womöglich nonverbale Informationen, die ihre Überzeugung ausdrückten, welche Behandlung sie für sinnvoll erachten, erläutern die Forscher. Möglicherweise behandle ein Arzt den Patienten auch aufmerksamer und einfühlsamer, wenn er von einer wirksamen Therapie ausgehe.

In einem unabhängigen Kommentar nennt der klinische Psychologe Harald Walach, Professor an der polnischen Medizinischen Universität Poznan und Gastprofessor an der Universität Witten-Herdecke, die Studie elegant und stark. Insbesondere der Einsatz der Kopfkameras sei aufschlussreich: Er zeige, dass oft vermutete, bislang aber nicht belegte subtile Veränderungen der Mimik von Patienten wahrgenommen würden.

„Ob dies nur das Selbstvertrauen der Patienten stärkt, Informationen darüber vermittelt, was sie zu erwarten haben, die Ärzte einfühlsamer gegenüber der vermeintlich realen Behandlung macht oder eine andere Auswirkung hat, wissen wir nicht“, führt Walach aus. „Aber wir wissen jetzt, dass subtile Hinweise von Ärzten übermittelt und von Patienten gelesen werden.“

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Bei allen Stärken der Studie handele es sich aber um ein experimentelles Setting, so Walach. „Es wäre interessant, jetzt das klinische Feld zu untersuchen: Wie kommunizieren effektive Ärzte, vielleicht im Vergleich zu weniger effektiven?“ Auch wäre zu untersuchen, ob wirklich nur der Gesichtsausdruck der Ärzte entscheidend sei oder doch die Kombination mit verbalen Informationen.

Die Studienautoren vermuten, dass die beobachteten Effekte im Klinikalltag noch stärker sein könnten: „In einem realen klinischen Kontext können kontextabhängigere Hinweise wie verbale Vorschläge und Umweltsignale sowie die früheren Erfahrungen von Ärzten und Patienten den Übertragungseffekt verstärken.“ Insgesamt sei es jedenfalls sinnvoll, nicht nur in die Entwicklung neuer Therapien Ressourcen zu stecken, sondern auch in Unter­suchungen der Mechanismen, „die einer der ältesten und wirksamsten medizinischen Behandlungen zugrunde liegen: den Heilern selbst.“ 

Wie kann ein Unternehmen das Tabuthema Psyche aufbrechen?

Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz sind noch immer ein Tabuthema. Wie kann ein Unternehmen dieses Tabu aufbrechen?

Die Psyche ist etwas sehr Privates. Darüber spricht man nicht. Oder erst, wenn sie belastet ist oder sich Schlafprobleme, Angststörungen, ein Burnout oder Depressionen bemerkbar machen. Und selten finden solche Gespräche am Arbeitsplatz statt. Zu groß ist die Angst vor negativen Konsequenzen.

Das Tabu erschwert den Umgang mit dem Thema Psyche

Die soziale Umwelt – und dazu gehört das Arbeitsumfeld – beeinflusst das psychische Wohlbefinden. Die Psyche ist also auch Teil des öffentlichen Lebens. Doch am Arbeitsplatz wird das Thema zum Tabu. Das schützt die Privatsphäre. Es verhindert aber auch, dass ein Unternehmen den Umgang mit den Themen Psyche bzw. psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz fördern kann.

Wissen zum Thema Psyche ist gering

Vordergründig ist es einfacher geworden, über psychisches Befinden zu sprechen. Medien berichten über Burnout und Depressionen. Regelmäßig werden Zahlen zu psychischen Erkrankungen veröffentlicht. Das Wissen rund um das Thema Psyche ist bei den meisten allerdings gering. Doch ohne Wissen sind z. B. keine gezielten Präventionsmaßnahmen im Unternehmen möglich.

Für psychische Belastung gibt es keine objektive Maßeinheit

Jeder nimmt psychische Belastungen individuell wahr und kann sehr unterschiedlich darauf reagieren. Ist aber die Psyche zu sehr belastet, kann es zu vielfältigen und unterschiedlich stark ausgeprägten psychischen Erkrankungen kommen. So können z. B. Angststörungen, Suchtprobleme, Panikattacken oder Depressionen oder auch verschiedene Krankheitsbilder gleichzeitig auftreten. Die Diagnose kann schwierig sein und die passenden Therapien stecken z. T. noch in der (Weiter-)Entwicklung.

Führungskräfte sind keine Psychologen

Am Arbeitsplatz geht es allerdings nicht um die Diagnose von psychischen Erkrankungen. Es geht nicht darum, in die Seele des Kollegen oder Mitarbeiters zu schauen. Und es geht auch nicht darum, über Erkrankungen zu spekulieren oder Verhalten zu deuten. Im Unternehmen geht es um die psychische Gesundheit und darum, diese zu erhalten und zu fördern.

Die psychische Gesundheit fördern und die Psyche stärken

Wenn es um psychische Gesundheit und entsprechende Präventionsmaßnahmen geht, muss der Fokus weg von Kennzahlen über Fehlzeiten. Denn diese spiegeln ein Bild von Krankheit wider. Wichtiger ist der Austausch mit den Beschäftigten über mögliche Belastungen und was dazu beitragen kann, dass diese gemindert oder vermieden werden können. Denn es geht darum, die psychische Gesundheit zu fördern und die Psyche zu stärken.

Es geht nicht um die Psyche des Einzelnen

Viele Beschäftigte kennen Stress am Arbeitsplatz und den Punkt der Erschöpfung, wenn nichts mehr geht. Trotzdem wird die Gestaltung der Arbeitsbedingungen in vielen Unternehmen noch nicht als ausschlaggebender Faktor für die psychische Gesundheit erkannt. Und so verpassen die Verantwortlichen die Chance, psychische Belastungen am Arbeitsplatz durch eine Gefährdungsbeurteilung zu ermitteln. Und bei dieser geht es eben nicht um die Psyche des Einzelnen, sondern um die Faktoren, die zu Belastungen führen können, wie z. B. wenn ständig zu viele Aufgaben in zu wenig Zeit bewältigt werden müssen.

Impulse für einen proaktiven Umgang mit dem Thema Psyche

Ob Mitarbeiter offen mit dem Thema Psyche umgehen, ist eine Frage des Vertrauens. Stimmt die Unternehmenskultur ist die Grundlage für vertrauensvolle Gespräche gegeben. Weltweit gibt es Initiativen, um psychische Themen aus der Tabuzone zu holen. Sie können Impulse für das betriebliche Gesundheitsmanagement sein:

  • Die neuseeländische Regierung hat die Haushaltsplanung für 2019 unter den Gesichtspunkt des Wohlbefindens gestellt. Die Ministerien sind somit verpflichtet, das Wohlergehen der Gesellschaft u. a. im Bereich psychischer Gesundheit zu fördern.
  • 2018 hat das Vereinigte Königreich einen Ministerposten für Einsamkeit eingerichtet. Ärzte können gemeinschaftliche Aktivitäten verschreiben.
  • 2013 bis 2018 gab es in der Schweiz die Kampagne Deine Psyche! Kein Tabu!. Dabei ging es darum, Gesprächsanlässe zu schaffen, um die Gesellschaft u. a. am Arbeitsplatz für das Thema zu öffnen.
  • In Kanada gibt es seit 2013 die Aktion „Heute bin ich nicht ich selbst.“ Mithilfe einer Toolbox können Mitarbeiter am Arbeitsplatz für das Thema psychische Erkrankungen sensibilisiert werden. Dadurch soll das Thema Psyche aus der Tabuzone geholt werden.

Offen über psychische Belastungen sprechen fällt am Arbeitsplatz immer noch schwer

Nach wie vor gibt es weitaus mehr Vorbehalte am Arbeitsplatz über Depressionen zu berichten als über Rückenschmerzen. Zu groß ist die Unsicherheit, welche Reaktionen dadurch ausgelöst werden, also ob es Unterstützung gibt oder ob eher mit Nachteilen zu rechnen ist.

Jeder kann das Tabu aufbrechen

Um verfestigte Strukturen aufzubrechen und dafür zu sorgen, dass es nicht länger ein Tabu ist, über das Thema Psyche zu sprechen, sind alle im Unternehmen gefragt.

  • Führungskräfte haben mit ihrer Vorbildfunktion einen besonderen Stellenwert. Außerdem sind sie für das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter verantwortlich. Und sie sehen Verhaltens- oder Leistungsveränderungen meist sehr schnell.
  • Betriebs- und Personalräte können das Thema forcieren und u. a. Verantwortlichkeiten ansprechen oder belastende Arbeitsbedingungen aufdecken.
  • Fachkräfte für Arbeitsschutz und Betriebsärzte können das Thema Psyche in den Fokus rücken, wenn sie selbst gut darüber informiert sind.

Einen Mitarbeiter ansprechen geht auch beim Tabuthema Psyche

Wer eine Veränderung bei einen Kollegen oder Mitarbeiter wahrnimmt, sollte nicht lange zögern, sondern das Gespräch suchen. Dabei ist es wichtig, zwischen Person und möglicher Krankheit zu trennen. Es geht darum, Veränderungen wahrzunehmen und ausschließlich darüber zu sprechen. Also z. B. „Mir fällt auf, dass Sie häufiger zu spät kommen und Aufträge nicht mehr pünktlich abliefern.“ Auf gar keinen Fall sollte man „therapeutisch“ auftreten. Der Betroffene entscheidet, ob und in welchem Umfang er über psychische Belastungen oder Erkrankungen reden möchte.

Viele Deutsche sehen keine gleichwertige Anerkennung psychischer Erkrankungen

Viele Deutsche haben den Eindruck, dass das Gesundheitssystem psychischen Erkrankungen nicht denselben Stellenwert einräumt wie körperlichen Erkrankungen. Das ergab eine heute vom Ipsos-Institut veröffentlichte Befragung. Während 84 Prozent die geistige Gesundheit für genauso wichtig halten wie die körper­liche, sehen nur 39 Prozent denselben Stellenwert der psychischen Erkrankungen im Ge­sundheitssystem.

Der Erhebung zufolge sehen 56 Prozent der Deutschen psychische Erkrankungen als Krank­heiten wie jede andere. 61 Prozent denken demnach, dass die Gesellschaft noch viel toleranter gegenüber psychisch Kranken werden müsse. 58 Prozent sehen es als Zeichen von Stärke, bei psychischen Erkrankungen Hilfe bei Experten zu suchen.

Die Auswertung ist Teil einer weltweiten Onlinebefragung. Diese ergab den Angaben zu­folge, dass sich die Deutschen deutlich weniger Gedanken über ihre psychische Gesund­heit machen als Einwohner anderer Länder.

Mit 45 Prozent gab weniger als die Hälfte der Befragten an, häufig über das eigene geisti­ge Wohlbefinden nachzudenken. Nur in vier der 29 untersuchten Länder seien es noch weniger Menschen – Schlusslicht sei Russland mit einem Anteil von 25 Prozent.

Das Institut befragte im August und September weltweit 20.030 Menschen online. In Deutsch­land umfasste die Stichprobe den Angaben zufolge 1.000 Menschen. Die Daten seien gewich­tet worden, damit sie den Strukturdaten der erwachsenen Bevölkerung ent­sprechen. 

Digitale-Versor­gung-Gesetz: Experten sehen noch Nachbesserungsbedarf

 Vor allem die digitalen Gesundheitsanwendungen und deren Implementierung in die Routineversorgung, aber auch die geplanten Regelungen zur Datentransparenz und damit verbundene Fragen zum Datenschutz und zur Datennutzung standen im Zentrum der gestrigen Anhörung des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) vor dem Gesundheits­ausschuss des Bundestages.

Die grundsätzliche Zielsetzung des Gesetzentwurfs der Bundesregierung, digitale Inno­vationen schneller in die medizinische Versorgung zu bringen, stößt dabei auf einhellige Zustimmung der Gesundheitsexperten. Viele Fragen ergaben sich dann aber im Detail im Hinblick auf die dafür vorgesehenen Maßnahmen.

So sollen sich Patienten künftig etwa Gesundheits-Apps vom Arzt verschreiben lassen können. Das beschleunigte Verfahren dazu sieht vor, dass das Bundesinstitut für Arznei­mittel und Medizinprodukte (BfArM) die Anwendung auf Datensicherheit und Funktiona­lität überprüft. Ein Jahr lang wird sie dann vorläufig von der gesetzlichen Krankenversi­cherung (GKV) erstattet. Während dieser Zeit muss der Hersteller positive Versorgungs­effekte nachweisen.

Risikobehaftetes Verfahren

Die Krankenkassen sehen jedoch Probleme bei der Bewertung digitaler Anwendungen und befürchten ein Missverhältnis zwischen Nutzen und Kosten solcher Programme. So hält etwa der GKV-Spitzenverband die Kriterien für eine Aufnahme digitaler Innovationen in das geplante Verzeichnis digitaler Versorgungsangebote beim Bundesinstitut für Arz­neimittel und Medizinprodukte (BfArM) für unzureichend.

Die wichtigsten geplanten Regelungen des DVG

  • Versicherten können digitale Versorgungsangebote wie Gesundheits-Apps auf Rezept erhalten.
  • Der Zugang für die Hersteller von digitalen Anwendungen in die Regelversorgung wird erleichtert.
  • Krankenhäuser müssen sich bis zum 1. Januar 2021 an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) anschließen, Apotheken bis zum 20. September 2020.
  • TI-Verweigerer unter den Ärzten werden mit einem erhöhten Honorarabzug von 2,5 Prozent ab dem 1. März 2020 sanktioniert.
  • Weitere Leistungserbringer wie etwa Hebammen und Physiotherapeuten können sich freiwillig anschließen.
  • Telemedizin wird gestärkt, indem etwa Telekonsile extrabudgetär vergütet werden.
  • Ärzte können auf ihrer Internetseite über ihr Angebot an Onlinesprechstunden informieren. Die Aufklärung für eine Videosprechstunde soll auch online möglich sein.
  • Krankenkassen können digitale Innovationen fördern und dafür im Rahmen von Investmentanlagen bis zu zwei Prozent ihrer Finanzreserven einsetzen.
  • Der Innovationsfonds wird bis 2024 mit 200 Millionen Euro jährlich fortgeführt.
  • Der Telefaxversand soll für Ärzte geringer als das Versenden eines elektronischen Arztbriefes vergütet werden.
  • Die Nutzbarkeit von Gesundheitsdaten für Forschungszwecke soll verbessert werden.

Eine Einführung von Anwendungen der Risikoklassen I und IIa allein aufgrund der Prü­fung von Unterlagen der Hersteller durch das BfArM ohne Einbezug von Ärzten und Kran­kenkassen sei „risikobehaftet“, so deren Vorstandsvorsitzende Doris Pfeiffer. Die Kriterien dafür seien unbedingt zu schärfen, etwa nach dem Vorbild des britischen NICE, das einen Anforderungsrahmen hierfür erarbeitet habe.

Durch den Anspruch auf Kostenerstattung der App-Hersteller im ersten Jahr befürchten die Krankenkassen zudem Fehlanreize. Vor dem Hintergrund schneller Entwicklungszy­klen und der modularen Erweiterbarkeit der Produkte müsse damit gerechnet werden, dass es nach einem Jahr nicht mehr zu der geforderten Bewertung der Apps komme. Für die Hersteller müsse es außerdem strukturierte Informationsangebote über die verschie­denen Zugangswege in die Regelversorgung geben, forderte Pfeiffer.

Erprobungsregion für Gesundheits-Apps

Auch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) bemängelte, dass bei den im Gesetzentwurf angeleg­ten neuen Zulassungsverfahren für digitale Gesundheitsanwendungen die spezifischen Bedürfnisse der Patienten und Ärzte nicht berücksichtigt würden, obgleich sie die Kern­zielgruppe dieser Anwendungen seien.

In ihrer Stellungnahme forderte sie zudem eine klare Regelung der datenschutzrechtli­chen Verantwortlichkeit innerhalb der Tele­ma­tik­infra­struk­tur sowie für Entwickler ver­lässliche Rahmenbedingungen zur Erprobung ihrer Technik. In diesem Kontext plädiert die BÄK für eine bundesweite Erprobungsregion für digitale Anwendungen.

„Digitale Anwendungen müssen belegen, dass sie keinen Schaden anrichten“, erläuterte Norbert Butz, Dezernatsleiter Telematik bei der BÄK. Hierzu sei eine Erprobung erforder­lich, die etwa ein Patientenkollektiv, teilnehmende Ärzte und andere Leistungserbringer, Krankenkassen und eine begleitende Evaluation umfasse.

Für die Hersteller digitaler Anwendungen stelle dieses Setting eine „prohibitiv hohe Hürde“ dar. Eine etablierte Erprobungsregion würden den Entwicklern digitaler Anwen­dungen verlässliche und dauerhafte Rahmenbedingungen für die Erprobung zur Verfügung stellen. Die Kosten für die Erprobung und die Evaluation würden dadurch deutlich geringer werden, das Verfahren dadurch insgesamt schneller, so Butz.

Kritik von Herstellern

Aus Sicht der Industrieverbände Bitkom, bvitg – Bundesverband Gesundheits-IT, dem Fachverband Elektromedizinische Technik (ZVEI) und dem Bundesverband Medizintechnik (bvmed) ist es nicht zielführend, den Versorgungsanspruch der Versicherten nur auf digi­tale Anwendungen der geringen Risikoklassen I und IIa der Medizinprodukteversorgung (MDR) zu beschränken.

Ein grundlegendes Problem bestehe unter anderem darin, dass es für eine digitale An­wen­dung „von ihrer Natur her häufig schwierig ist, die gewünschten Evidenznachweise zu erbringen“, erläuterte etwa Peter Bursig vom ZVEI. Viele der Anwendungen seien in sek­tor­übergreifende Versorgungsprozesse integriert, Beispiel Telemonitoring.

Der bvmed plädierte zudem dafür, Kombinationsprodukte in das DVG mit aufzunehmen, darunter fallen Software oder Zubehör-Apps, die Informationen eines Medizinprodukts wie eines Herzschrittmachers für den Arzt oder Patienten aufbereiten.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) begrüßt grundsätzlich, dass Gesundheits-Apps künftig von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung bezahlt werden sollen. „Digitale Anwendungen können gerade psychische Behandlungen intensivieren, Behandlungser­folge stabilisieren und dazu beitragen, psychische Erkrankungen zu vermeiden“, betonte Nikolaus Melcop, Vizepräsident des BPtK-Vorstandes.

Es gebe bereits eine Reihe evaluierter Anwendungen für psychische Erkrankungen. Wich­tig sei, dass Psychotherapeuten solche Programme auch verordnen könnten. In das BfArM­-­Verzeichnis „sollten allerdings nur solche Anwendungen aufgenommen werden, deren Wirksamkeit auch nachgewiesen ist“, forderte Melcop. Denn andernfalls könnte auch großer Schaden entstehen. Aus Sicht der BPtK haben zudem nur Psychotherapeuten oder Ärzte die fachliche Qualifikation zu beurteilen, ob und welche Gesundheits-App in einer Behandlung eingesetzt werden kann.

Bedeutung der arztgeführten Kommunikation

Auch aus Sicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ist es unbedingt erforder­lich, Ärzte bei der Ausgestaltung der Digitalisierung und bei der Entwicklung digitaler Angebote einzubeziehen. „Es wäre eine vertane Chance, wenn nur diejenigen tätig wer­den dürfen, die gar nicht in die Behandlung der Patienten eingebunden sind“, sagte der KBV-Vorstandsvize Stephan Hofmeister.

Die KBV lehne es daher ab, dass Krankenkassen ihren Versicherten künftig digitale Versorgungsangebote machen können, ohne die behandelnden Ärzte einzubeziehen. Denn auch digitale Angebote müssten in ein therapeutisches Gesamtkonzept integriert sein.

Hofmeister hob jedoch die Bedeutung der arztgeführten Kommunikation neben der elektronischen Patientenakte hervor: Die Ärzte seien besorgt, dass in der digitalisierten Welt der ursprünglich generische Weg der Arzt-Patienten-Kommunikation und der Arzt-zu-Arzt-Kommunikation untergehe. Aus Ärztesicht gehe es darum, dass die Kommuni­ka­tion zwischen den Ärzten für einen Patienten in einem Behandlungsfall vernünftig in Echt­zeit stattfinde.

„Wir sind dringend darauf angewiesen, dass hier unkompromittierte medizinische Fach­da­ten ausgetauscht werden können“, so Hofmeister. Hierfür sei eine sichere elektronisch gestützte arztgeführte Kommunikationslösung unerlässlich.

Gesundheitsdaten besser für Forschung nutzen

Aus Sicht einiger Experten besteht bei den erweiterten Regelungen zur Nutzung von Sozialdaten der Krankenkassen zu Forschungszwecken noch Nachbesserungsbedarf. So ist etwa für den Einzelsachverständigen Dominique Schröder, Universität Erlangen-Nürn­berg, der Datenschutz im Gesetzentwurf generell nicht ausreichend umgesetzt.

Die Patienten sollten ihm zufolge ein Recht haben, über ihre Daten zu entscheiden. Das sei im Gesetz nicht enthalten. Zudem gewährleiste ihm zufolge die „mangelhafte Tech­nik“ der Pseudonymisierung und Anonymisierung von Daten nicht unbedingt den Daten­schutz, wie Beispiele zur De-Anonymisierung von Daten aus der Kryptographie und der IT-Sicherheit gezeigt hätten.

Schröder empfahl, nur auf verschlüsselten Daten Berechnungen durchzuführen. „Das funktioniert, wir sind in der Forschung so weit“, sagte er. In einen Projekt konnte ihm zu­folge gezeigt werden, dass der Patient über die Verwendung einer einzelnen App jede Berechnung auf seinen genetischen Daten freigeben kann.

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Auch die Rolle des GKV-Spitzenverbandes als Datensammelstelle sieht der Experte kri­tisch. Hierfür sei eine unabhängige Stelle erforderlich, die keinerlei finanzielle Interessen verfolge. Die Daten angemessen zu schützen, sei schwierig und ein überaus komplexer Prozess, erläuterte er.

Bündnis 90/Die Grünen kritisieren in einem eigenen Antrag (DS 19/13539), der ebenfalls Gegenstand der Anhörung war, dass den Aktivitäten der Bundesregierung eine „kohärente Strategie für die weitere Digitalisierung des Gesundheitswesens“ fehle.

Unter anderem vermissen sie klare Vorgaben zur Interoperabilität der Daten und Systeme im Gesundheitswesen sowie Maßnahmen zur Verbesserung der Datenqualität. Sie fordern deshalb, unter Beteiligung der Patienten sowie weiterer Akteure eine sich an gesund­heits-, versorgungs- und pflegepolitischen Prioritäten orientierende Strategie zur Umset­zung der Digitalisierung für das Gesundheitswesen auf den Weg zu bringen. 

Trotz gesetzlicher Verschärfung kein Rückgang beim Stalking

In den vergangenen 15 Jahren ist die Zahl der Stalkingopfer nicht zurück­gegangen, obwohl Polizei und Justiz mittlerweile verschärft dagegen vorgehen. Das be­richten Forscher des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim nach einer Studie im Auftrag der Weisser Ring Stiftung.

Die Forscher haben 2018 erhobene Daten aus einer Befragung von Mannheimer Bürgern mit Daten einer Studie aus dem Jahr 2003 verglichen: 10,8 Prozent der Befragten im Jahr 2018 haben angegeben, von Stalking betroffen zu sein. 2003 waren es 11,6 Prozent.

„Dies spricht einerseits für die Reliabilität der mit unserer Methode erhobenen Ergeb­nisse. Andererseits muss leider auch festgehalten werden, dass die Häufigkeit von Stal­king im Zeitverlauf nicht signifikant abgenommen hat, obwohl gegen Stalker mittlerweile verschärft mit polizeilichen und strafrechtlichen Mitteln vorgegangen werden kann“, sagte Harald Dreßing, Leiter Forensische Psychiatrie am ZI.

Auch die Geschlechterverteilung von Tätern und Betroffenen ist laut Studie in den ver­gan­genen 15 Jahren weitgehend identisch geblieben. Frauen sind mit einem Anteil von 14,4 Prozent deutlich häufiger betroffen als Männer (5,1 Prozent).

„Das Hauptproblem im Zusammenhang mit Stalking ist nach wie vor die Tatsache, dass es meist Ex-Partner sind, die zum Stalker werden“, sagte Dreßing. Auffällig sei, dass mit Cy­berstalking eine neue Methode hinzugekommen sei.

Durch Internet und soziale Netzwerke hätten sich die Möglichkeiten von Stalking also erweitert. „Cyberstalking ist eine zusätzliche Methode, die neben anderen Methoden vom Stalker eingesetzt wird. Die Anzahl der Betroffenen insgesamt erhöht sich dadurch je­doch nicht in statistisch signifikantem Umfang“, so Dreßing.

Nach wie vor seien die gesundheitlichen Auswirkungen bei den Betroffenen erheblich. „Stalking ist psychische Gewalt und eine schwerwiegende Straftat. Die Opfer leiden teils jahrelang unter den Folgen der permanenten Nachstellung und Belästigung. Sie werden verfolgt, belästigt und bedroht. Und das zumeist über einen unerträglich langen Zeit­raum. Für den Weissen Ring als Hilfsorganisation stellt Stalking ein zunehmend wichti­geres Thema in der Opferarbeit dar“, sagte Jörg Ziercke, Kuratoriumsvorsitzender der Weisser Ring Stiftung.

Er wies darauf hin, dass die Organisation ein digitales Hilfsmittel für Betroffene von Stal­king entwickelt hat: Stalking-Opfer können mithilfe einer Smartphone-App Fotos, Videos und Sprachaufnahmen von Stalking-Vorfällen erstellen.

Durch die direkte und unmittelbare Dokumentation mit der sogenannten „No Stalk App“, die seit Mai in den Stores von Apple und Android zum kostenlosen Download bereitsteht, sei eine authentische Beweissammlung möglich. Für Menschen, die von Stalking be­troffen sind, bietet das ZI in Mannheim eine Spezialambulanz an.

Schönheits­operationen bei Jugendlichen an psychologische Aufklärung binden

Rein ästhetisch motivierte und nicht indizierte Schönheitsoperationen und Behandlun­gen bei Minderjährigen solten zwingend an eine vorherige psychologische Aufklä­rung gebunden sein. Das hat Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, heute angemahnt.

Dadurch könnten Eingriffe vermieden werden, die aus einem gestörten Selbstbild be­ziehungs­weise Körperbild oder aus sonstigen unrealistischen Erwartungen heraus erfolgen würde, sagte Henke in Düsseldorf.

Den Vorstoß Spahns für ein Werbeverbot für solche Schönheitsoperationen bei Kindern und Jugendlichen unterstützt Henke. Er regt zugleich an, das Werbeverbot gleichzeitig auch auf Preisausschreiben, Rabattaktionen, Spiele, Verlosungen oder vergleichbare Ver­fahren auszuweiten, mit denen für operative plastisch-chirurgische Eingriffe geworben würde.

Henke betonte zugleich, dass die meisten seriösen Fachärzte für ästhetische und plasti­sche Chirurgie schon heute Operationen und Behandlungen ohne medizinische Notwen­digkeit bei Jugendlichen unter 18 Jahren ablehnten.

Mit Sorge beobachte die Ärztekammer Nordrhein jedoch den Trend, dass Schönheitsope­rati­onen für viele Menschen mittlerweile so alltäglich geworden sind wie der Gang zum Friseur oder ins Fitnessstudio.

Nicht wenige, vor allem junge Erwachsene, so Henke, gingen von der irrigen Vorstellung aus, dass Schönheit käuflich sei und risikolos herbeigeführt werden könne. „Sie vergessen dabei, dass Schönheitsoperationen, je nach Art des Eingriffs, mit einem hohen gesund­heit­­lichen Risiko verbunden sind, das keineswegs bagatellisiert werden sollte“, mahnte Henke.

Spahn hatte gestern Pläne vorgelegt, mit dem Werbemaßnahmen für plastisch-chirurgi­sche Eingriffe ohne medizinische Notwendigkeit schon mit Blick auf Kinder unter 14 Jah­ren untersagt werden sollen. Es soll künftig generell für Jugendliche gelten, also auch für junge Leute ab 14 Jahre. Dabei geht es um alle Werbemaßnahmen, die sich „ausschließ­lich oder über­wiegend an Jugendliche richten“ – auch in sozialen Medien, hieß es.

Zustimmung signalisierte die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirugie (DGÄPC). „Als Fachgesellschaft würden wir ein Verbot der Werbung für ästhetisch-plas­tisch chirurgische Eingriffe gegenüber Jugendlichen und Kindern – wie es aktuell disku­tiert wird – zu 100 Prozent unterstützen“, sagte DGÄPC-Präsident Torsten Kantelhardt. 

Fashion Photographer James Santiago

Veraltetes Wissen führt zu falscher Behandlung

Beim Chronic Fatigue Syndrome handelt es sich laut aktueller Studien entgegen früherer Annahmen um eine körperliche und nicht um eine psychische Erkrankung. Betroffene in Deutschland beklagen die katastrophale Versorgungslage aufgrund des veralteten Wissensstands von Ärzten, Behörden und der Regierung.

Birgit Gustke leidet seit Jahren am Chronic Fatigue Syndrome, das auch Myalgische Enzephalomyelitis genannt wird, abgekürzt ME/CFS oder nur CFS. Ihre begrenzten Kraftreserven nutzt sie, um in der Selbsthilfegruppe Fatigatio andere Betroffene zu beraten.

„Der Junge ist seit vier Jahren erkrankt und anfangs ist er mehrmals in die Kinder- und Jugend-Psychiatrie eingewiesen worden, für drei Monate, für sechs Monate, verlängert. Wurde auch dort mit Bewegung therapiert und es wurde auch einfach gesagt: Wenn du jetzt diese Stunde nicht schaffst, dann kommst du so bald gar nicht nach Hause.“

„Nun beweg dich doch!“, diese Aufforderung hören viele Patienten, aber genau das können sie eben nicht so einfach. Und das liegt nicht an ihrer Psyche oder ihrer Einstellung, erklärt Prof. Carmen Scheibenbogen, die Leiterin des Fatigue oder Erschöpfungs-Centrums der Berliner Charité. 

ME/CFS ist eine körperliche Erkrankung

„Also die Studien der letzten Jahre zeigen sehr klar, dass es sich um eine körperliche Erkrankung handelt, bei der wir sehr viele Veränderungen haben, die das Immunsystem betreffen und das sogenannte autonome Nervensystem. Also alles, was wir nicht bewusst steuern. Und es gibt ältere Studien, die lange Zeit auch das Konzept verfolgt haben, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt, aber das wird durch die aktuellen Studien widerlegt.“

Das überholte Modell geht davon aus, dass CFS-Patienten durch ein Ereignis wie eine schwere Infektion ins Bett gezwungen wurden, sich kaum rühren konnten. Aber auch nach dem Ende der akuten Erkrankung muteten sie sich keine Anstrengung mehr zu. Ihre Psyche bleibe sozusagen in einem erschöpften Selbstbild gefangen. Deshalb wurden Verhaltenstherapien verschrieben oder auch ein Bewegungsprogramm, das den Patienten zeigen sollte: Es geht doch! Die große Pace-Studie aus England schien dieses Konzept zunächst zu bestätigen. Das Problem: Eine neue Analyse der Daten von 2018 zeigt: Weder Verhaltenstherapie noch körperliche Aktivierung helfen den Patienten.

Überholte Therapieansätze immer noch üblich

„Nichtsdestotrotz berufen sich bis heute ganz viele auf diese Arbeit und diese Arbeit ist auch Grundlage für vieles, was zum Beispiel gemacht wird, auch in Kliniken gemacht wird, oder auch in Leitlinien. Leitlinie Müdigkeit – auch da werden die zitiert.“

Diese Leitlinie ist sehr umstritten, aber sie steht nicht allein mit ihrem Festhalten an alten Vorstellungen. Auch der einzige Bericht des Robert-Koch-Instituts zu CFS nennt die Pace Studie „ermutigend“. Die Aussage stammt aus dem Jahr 2015 und ist somit überholt. Und schon damals hat das RKI die eigenen Aussagen eingeschränkt.

„Der Bericht stützt sich (..) auf evaluierte Daten und Erkenntnisse Dritter, ohne eine Bewertung der Methoden vornehmen zu können. Die Thematik ist kein Schwerpunkt oder langfristiges Themengebiet am RKI.“

Trotzdem wirkt der Bericht bis heute nach, wie sich kürzlich bei der Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage der Grünen zu „ME/CFS – Aktuelle Situation in Versorgung und Forschung“ zeigte, erklärt Carmen Scheibenbogen.

Veraltetes Wissen führt zu falschen Behandlungen

„Der Bericht vom Robert-Koch-Institut ist Grundlage gewesen für eine aktuelle Stellungnahme zu dieser kleinen Anfrage der Grünen. Insofern ist er natürlich für uns nachteilig, weil der Wissensstand dort ist veraltet.“

In der Vorbemerkung zur Stellungnahme schreibt die Bundesregierung zwar, dass die Ursachen und Mechanismen der Erkrankung kontrovers diskutiert werden. In den einzelnen Antworten wird dagegen immer wieder indirekt auf das psychologische Erklärungsmodell verwiesen. Und: Generell gebe es in Deutschland „insgesamt sehr gute Rahmenbedingungen für eine entsprechende medizinische Versorgung“.

Das allerdings sieht Birgit Gutske ganz anders: „Weder Ärzte wissen ausreichend Bescheid noch Behörden sind über das Krankheitsbild informiert. Und die Antworten und Beschwerden und Hilferufe unserer Mitglieder sind alle dahingehend, dass es eine katastrophale Versorgung im medizinischen und sozialrechtlichen Bereich gibt.“

Betroffene beklagen katastrophale Versorgungslage

Gerade einmal zwei Behandlungszentren gibt es derzeit in ganz Deutschland. Immerhin, am Fatigue Centrum der Charité melden sich immer mehr Ärzte, die sich beim Thema Chronisches Erschöpfungssyndrom weiterbilden wollen und inzwischen suchen auch die Sozialversicherungen das Gespräch mit Carmen Scheibenbogen.

„Und daher hoffen wir auch, dass wir mit der Rentenversicherung ein Stück weiter kommen und diese neuen Konzepte umsetzen können.“

Andere Länder sind längst weiter mit der Neuorientierung beim Chronischen Erschöpfungssyndrom. In den USA haben die National Institutes of Health 2017 eine Forschungsinitiative gestartet. CFS-Wissenschaftler werden auch großzügig von privaten Spenden unterstützt. Und im März diesen Jahres hat sich das dänische Parlament gegen die Stigmatisierung der ME/CFS Patienten gewandt und konkret den Aufbau von spezialisierten Behandlungszentren angestoßen, die ein somatisches, also körperliches Krankheitsmodell zugrunde legen sollen. Birgit Gustke hofft, dass die neuen Erkenntnisse beim Chronischen Erschöpfungssyndrom bald auch den rund 300.000 Patienten in Deutschland zu Gute kommen werden.

„Also mein Traum wäre wirklich mindestens in jedem Bundesland ein Beratungszentrum für ME/CFS Patienten, wie es das bereits für Krebs oder MS Patienten gibt.“

Rückenwind für Videosprechstunden

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband wollen tele­medizinische Angebote stärken: Seit Anfang Oktober dürfen Ärzte fast aller Fachgruppen Videosprechstunden durchführen und abrechnen – ausgenommen sind nur Laborärzte, Nuklearmediziner, Pathologen und Radiologen.

Für Psychotherapien wurde die Videosprechstunde neu geöffnet, ebenso können ermäch­tigte Ärzte ihre Patienten nun per Video behandeln. Neu ist weiterhin, dass der erste Arzt-Patienten-Kontakt in einer Videosprechstunde stattfinden darf. Bislang musste der Arzt den Patienten kennen. Nunmehr ist die elektronische Visite auch bei „neuen“ Patienten berechnungsfähig.

Zur Förderung der Videosprechstunde wurde die Vergütung neu geregelt. Sie erfolgt seit 1. Oktober über die jeweilige Versicherten-, Grund- oder Konsiliarpauschale statt wie bisher über die Gebührenordnungsposition (GOP) 01439.

Die Pauschale nebst Zuschlägen wird in voller Höhe gezahlt, wenn im selben Quartal noch ein persönlicher Kontakt erfolgt. Ist dies nicht der Fall und der Kontakt erfolgt aus­schließlich per Video, werden die Pauschale und gegebenenfalls die sich darauf bezieh­en­den Zuschläge gekürzt.

Ärztliche und psychologische Psychotherapeuten dürfen nun bestimmte Leistungen der Richtlinien-Psychotherapie per Videosprechstunde durchführen und abrechnen. Voraus­setzung dafür ist, dass ein persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt zur Eingangsdiagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung vorausgegangen ist.

zum Thema

Auch Fallkonferenzen in der Pflege können nunmehr häufiger per Video erfolgen. Möglich waren sie bisher bereits zwischen Ärzten und Pflegekräften des Pflegeheimes, mit dem ein Kooperationsvertrag für den Versicherten besteht (GOP 37120 und 37320).

Seit Anfang des Monats können solche Fallkonferenzen auch per Video erfolgen und ab­gerechnet werden, wenn der Patient zu Hause oder in einer beschützenden Einrichtung lebt. Dazu wurde die GOP 01442 (Bewertung: 64 Punkte / 6,92 Euro) in den EBM auf­ge­nommen.

Fallbesprechungen nach den GOP 30210 (Hyperbare Sauerstofftherapie bei diabetischem Fußsyndrom), 30706 (Schmerztherapie), 30948 (MRSA-Fall- und/oder regionale Netz­werk­­konferenz) und 37400 (Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase) sind ab so­fort ebenfalls als Videofallkonferenz durchführbar.

Mit den getroffenen Vereinbarungen sollen Ärzte und Psychotherapeuten die Video­sprech­stunde einfacher in den Praxisalltag integrieren können und immer dann einset­zen, wenn sie es für sinnvoll erachten. Der Gesetzgeber hatte dies wiederholt gefordert und verlangt, das Angebot zur Videosprechstunde ausbauen.