Vermehrt Schüler wegen Depression in Klinik eingewiesen

Die Zahl der Schüler, die wegen einer Depression in eine Klinik eingewiesen werden, nimmt einer Untersuchung zufolge zu. Innerhalb von zwei Jahren stieg ihre Zahl in Deutschland um fünf Prozent, wie aus dem heute in Berlin vorgestellten aktuellen Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit hervorgeht. Für die Erhebung wurden Abrechnungs­daten der DAK-Gesundheit von rund 800.000 minderjährigen Versicherten für die Jahre 2016 und 2017 ausgewertet.

Demnach zeigte etwa jedes vierte Schulkind im Alter von 10 bis 17 Jahren psychische Auffälligkeiten. Jeweils rund zwei Prozent litten unter einer Depression oder Angststörun­gen, manche auch an beidem. Bei Mädchen träten diese beiden Krankheitsbilder doppelt so häufig auf wie bei Jungen. Hochgerechnet waren rund 238.000 Kinder dieser Alters­gruppe so stark betroffen, dass sie einen Arzt aufsuchten.

Acht Prozent aller depressiven Schulkinder wurden laut Report innerhalb eines Jahres sta­tionär in einer Klinik behandelt – im Durchschnitt blieben sie für 39 Tage. Depressio­nen führten unter den psychischen Erkrankungen am häufigsten zu einer Einweisung. Ein Viertel der Betroffenen kam innerhalb von zwei Jahren mehrfach ins Krankenhaus. Die DAK-Gesundheit folgerte daraus, dass es offenkundig Versorgungslücken bei der Nach­sorge gebe, die dringend geschlossen werden müssten.

Risikofaktoren für Depressionen und Angststörungen sind der Studie zufolge etwa chroni­sche körperliche Erkrankungen und psychische Vorerkrankungen. Auch das familiäre Um­feld spielt eine Rolle: Kinder seelisch kranker oder suchtkranker Eltern sind danach be­son­ders gefährdet. Nach Angaben des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte ist auch eine exzessive Mediennutzung ein Risikofaktor für Depressionen.

Spitze des Eisbergs

„Im Report sehen wir nur die Spitze des Eisbergs“, kommentierte Thomas Fischbach, Prä­sident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, den Bericht. „Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.“ Es gebe viele Kinder, die an Depressionen litten und erst spät in die Praxen kämen.

Dass Depressionen nicht allein ein Thema für Erwachsene sind, ist bekannt. „Wir gehen von etwa zwei betroffenen Kindern pro Schulklasse aus“, sagte auch Ulrich Hegerl, Vor­sitzen­der der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Der Psychiater schätzt die Zahlen der Kasse als realistisch ein. Für Deutschland gibt es Studien, nach denen rund acht Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren im Laufe eines Jahres an einer anhaltenden depressiven Störung erkranken. Das sind rund fünf Millionen Menschen.

Bei Teenagern kann es für Laien schwer sein, Anzeichen für eine Depression vom norma­lem „Pubertieren“ mit heftigen Stimmungsschwankungen zu unterscheiden. Für Fach­leute sei es jedoch recht gut möglich, zum Beispiel Gefühle von innerer Versteinerung zu erkennen, so Hegerl.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe geht davon aus, dass im Vorschulalter ein Prozent der Kinder und im Grundschulalter rund zwei Prozent betroffen sind. Bei Jugendlichen stiegen die Raten dann an: Zwischen 12 und 17 Jahren seien es drei bis zehn Prozent Be­troffene. Hegerl zufolge geht mit einer unbehandelten depressiven Erkrankung bei jun­gen Menschen ein hohes Risiko einher, Schule oder Ausbildung nicht erfolgreich be­enden zu können.

Die Zahlen der Kasse zeigen Zusammenhänge, die ähnlich bereits in anderen Studien be­legt wurden: So steigt laut Report das Depressionsrisiko bei Kindern und Teenagern, wenn bereits Elternteile psychisch oder anders chronisch erkrankt sind. Auch eine eigene chronische Erkrankung, Adipositas, Diabetes, Asthma und Schmerzen können das De­pressionsrisiko bei jungen Menschen laut Bericht erhöhen.

Für Jungen geht die DAK-Gesundheit davon aus, dass Depressionen unterdiagnostiziert sind: Wie erwachsene Männer bagatellisierten sie häufig seelische Probleme.

Insgesamt zählten im Report Atemwegserkrankungen, Infektionen, Augen- und Hautprob­leme zu den häufigsten Erkrankungen bei den 10- bis 17-Jährigen. Psychische Erkrankun­gen folgten mit 24 Prozent auf Platz fünf. Depressionen machten darunter nur einen klei­nen Teil aus – am häufigsten diagnostizierten Ärzte Entwicklungs- und Verhaltensstö­run­gen.