Psychotherapeuten sehen Videobehandlung nicht als „Goldstandard“

Zwei Drittel der Psychotherapeuten schätzen die Wirksamkeit einer Videobe­handlung im Vergleich zum persönlichen Kontakt als schlechter ein. Das ergab eine Blitz­umfrage der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV), die ihre Mitglieder zwi­schen dem 3. und 7. April zur Nutzung von Videosoftware und Telefon während der Coro­napandemie befragt hatte.

4.466 in der ambulanten Versorgung tätige Psychotherapeuten haben demnach geant­wor­tet, davon fast 90 Prozent Vertragspsychotherapeuten in eigener Praxis. „Der Goldstan­dard in der Psychotherapie ist der persönliche Kontakt – und wir hoffen, dass dieser bald wieder problemlos möglich sein wird“, sagte Gebhard Hentschel, Bundesvorsitzender der DPtV.

77 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben dem Berufsverband zufolge an, dass sie die Möglichkeit psychotherapeutischer Videobehandlungen nutzen – 95 Prozent davon erst seit Beginn der Krise. Die Befragten, die Video einsetzten, versorgten auf diesem Wege im Durchschnitt 40 Prozent ihrer Patienten.

In 15 Prozent dieser Praxen werden sogar 90 bis 100 Prozent der Patient per Video be­han­delt. Zwei Drittel der befragten Psychotherapeuten schätzten indes die Wirksamkeit einer Videobehandlung im Vergleich zum persönlichen Kontakt als schlechter ein.

Erhöhter Bedarf therapeutischer Hilfe per Telefon

66 Prozent der Befragten stellten in ihren Praxen einen erhöhten Bedarf an telefonischer Hilfe fest. „Video funktioniert nicht immer reibungslos. Über ein Fünftel der Befragten kri­tisierte schlechte Internetverbindungen. Telefon gibt es aber überall“, erklärte Hentschel.

Bislang steht die telefonische Versorgung nur Patienten offen, die sich bereits in Behand­lung befinden. Gerade in der psychisch belastenden Coronakrise müsse auch neuen Pa­tien­ten psychotherapeutische Unterstützung per Telefon zur Verfügung stehen, fordert der DPtV-Vorsitzende.

Fehlender Blickkontakt erschwert Therapie

„Die Videobehandlung stellt während der Coronapandemie sicher, dass auch Patienten mit Vorerkrankungen oder Risikogruppen psychotherapeutisch behandelt werden könn­en“, betonte Hentschel. Dennoch gebe es konkrete Nachteile im Vergleich zum persönli­chen Kontakt.

50 Prozent der Befragten habe angegeben, dass sie Video mehr anstrenge. Zudem er­schwe­re das Fehlen des direkten Blickkontakts für 39 Prozent die Therapie. Trotzdem könnten sich 57 Prozent der Befragten vorstellen, auch nach der Coronapandemie Video­sitzungen anzubieten – 19 Prozent lehnten dies ab, ein Viertel habe sich noch keine Mei­nung gebildet.

„Die Erfahrungen sind tatsächlich unterschiedlich. Wichtig ist aber, dass Psycho­therapeu­ten in diesen Zeiten flexible Möglichkeiten haben“, betonte Hentschel. Die DPtV fordert deshalb eine Verlängerung der Ausnahmeregelungen um ein weiteres Vierteljahr.

Laut der Befragung lag die Praxisauslastung insgesamt bei durchschnittlich 78 Prozent im Vergleich zum Zeitraum vor der Coronapandemie. Eine ähnliche Blitzumfrage der Ost­deutschen Psychotherapeutenkammer unter fast 1.200 Mitgliedern ergab vor kurzem, dass die Zahl der Anfragen um Hilfe in mehr als der Hälfte der Praxen gesunken ist. 

COVID-19: Psychosoziale Auswirkungen des Lockdowns

Der gesellschaftliche Lockdown wegen der Coronapandemie geht mit einer deutlichen mentalen Belastung für viele Bevölkerungsgruppen einher. Wissenschaftler des Zentrums für Seelische Gesundheit der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) sehen Belege für einen Anstieg von Stress, Angst, depressiven Symptomen, Schlafpro­ble­men, Reizbarkeit und Aggression. Das zeigen erste Ergebnisse einer Umfrage, die die Wissenschaftler Anfang April gestartet haben.

Die Erstauswertung der MHH-Befragung bezieht sich auf die Zeit vom 1. bis zum 15. April 2020. 3.545 Freiwillige nahmen an der Analyse teil, das mittlere Alter lag bei 40 Jahren. Von den Befragten sind 83 Prozent Frauen und 15,2 Prozent Männer.

60 Prozent der Teilnehmer gab an, sehr gut oder gut mit der veränderten Situation und den entsprechenden Maßnahmen zurecht zu kommen. 26,9 Prozent der Befragten hinge­gen erklärten, schlecht oder sehr schlecht mit der Situation umgehen zu können. Die be­fragen Frauen wiesen dabei signifikant höhere Depressions- und Angstwerte auf.

45,3 Prozent der Befragten gaben an, im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie schlech­ter zu schlafen. 50,9 Prozent aller Teilnehmenden berichteten, reizbarer zu sein.

„Sorge bereitet insbesondere, dass fünf Prozent der Teilnehmenden angaben, häusliche Gewalt in den vergangenen vier Wochen erfahren zu haben. Diese kann verbaler, körper­licher oder sexueller Natur sein. Zudem gaben die Teilnehmenden mehrheitlich an, dass die Gewalt zuletzt zugenommen habe“, hieß es aus dem Zentrum.

zum Thema

Die Autoren der Studie appellieren, die seelische Gesundheit der Bevölkerung während der akuten Pandemie und auch im Nachgang fortlaufend im Blick zu behalten und Hilfs­angebote vorzuhalten oder auszubauen. Besonders sorgfältig sollten dabei das Erleben von häuslicher Gewalt sowie deren Risikofaktoren wie Stress, Schlafprobleme und Reiz­bar­keit erhoben werden.

„All diese Themen sind uns nicht unbekannt“, erklärte der Studienleiter Tillmann Krüger. Aber die Restriktionen während der Corona­pandemie und die damit assoziierte räumliche Enge in Familien könne zu einem erheblichen Aufflammen dieser Probleme führen. Die MHH-Wissenschaftler befürchten auch Langzeiteffekte durch die Coronapandemie auf die seelische Gesundheit. Deshalb haben sie nun eine zweite Welle der Erhebung gestar­tet.