Stiftung Deutsche Depressionshilfe stellt Online-Intervention ohne Einschränkungen zur Verfügung

Die mit dem Corona-Virus verbundenen Ängste und Einschränkungen wie Isolation stellen für an Depression erkrankte Menschen große Herausforderungen dar. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe will Betroffene daher mit digitalen Angeboten unterstützen. Wichtig sei, sich abzulenken, aktiv zu bleiben und das Gespräch mit Freunden und Familie zu suchen, erklärte die unabhängige gemeinnützige Stiftung gestern in Leipzig.

„Sehr wichtig ist darüber hinaus, die Bettzeit nicht zu verlängern, da bei vielen Betroffenen eine längere Liegedauer und auch längerer Schlaf nicht zu einem Abbau, sondern einer Zunahme des Erschöpfungsgefühls und der Depressionsschwere führen“, erklärt der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt. Der Psychiater ist auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundes­ärzte­kammer. Hilfreich sei es für Betroffene, sich einen detaillierten Tages- und Wochenplan zu machen.

Überdies stellt die Depressionhilfe ihr Online-Programm iFightDepression zur Struktu­rierung des Alltags nun aufgrund der Corona-Krise Betroffenen für sechs Wochen ohne Einschränkungen zur Verfügung. Normalerweise setze das Programm eine Begleitung durch einen Arzt oder psychologischen Psychotherapeuten voraus. Da viele Patienten durch das Corona-Virus zuhause bleiben müssten und Hausärzte und Psychotherapeuten an ihre Belastungsgrenzen stießen, sei das Programm nun auch ohne Begleitung zugänglich.

Das Selbstmanagement-Programm unterstützt Menschen mit leichteren Depressions­formen ab 15 Jahren beim eigenständigen Umgang mit den Symptomen einer Depression und gibt praktische Hinweise für den Alltag. Durch Übungen lernen sie zum Beispiel, den Tag zu strukturieren und negative Gedankenkreise zu durchbrechen. Das Programm ist derzeit in zwölf Sprachen verfügbar.

Betroffene können sich formlos über die E-Mail-Adresse ifightdepression@deutsche-depressionshilfe.de für das Programm anmelden und werden innerhalb von 24 Stunden freigeschaltet. 

»Wie stark Psilocybin Depressionen lindert, kann man noch nicht beurteilen«

Nicht nur Forscher, auch Zulassungsbehörden setzen zunehmend Hoffnungen in Psilocybin als Mittel gegen Depressionen. Der Psychiater Torsten Passie hält den Ansatz für viel versprechend – bislang fehlen allerdings stichhaltige Belege.

Die US-amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) hat Psilocybin, dem halluzinogen wirkenden Stoff in den so genannten Zauberpilzen, unlängst den Status einer »breakthrough therapy« für Depressionen zuerkannt. Britische Forscher hatten in Studien aus den Jahren 2016 und 2018 gezeigt, dass eine zweimalige Gabe von Psilocybin im Abstand weniger Tage Depressionen erheblich lindern kann. Bei fast der Hälfte der Patienten verschwanden die Symptome für drei bis sechs Monate. Je intensiver die psychedelische Wirkung war, umso stärker war der Effekt. Man vermutet, dass Psilocybin zu einer Art »Reset« im Gehirn führte.

»Spektrum.de« sprach zu der Entscheidung der FDA mit Torsten Passie, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Er hat die einzige deutsche Psilocybin-Studie der vergangenen 20 Jahre durchgeführt. Seit 30 Jahren erforscht er Psychedelika als Heilmittel bei psychischen Erkrankungen, darunter neben Psilocybin auch LSD, Ketamin und MDMA (Ecstasy).

»Spektrum.de«: Herr Passie, was bedeutet die Anerkennung als »breakthrough therapy«?

Das bedeutet, dass die Entwicklung eines Arzneimittels ausdrücklich Priorität hat. Es wird dann aktiv geprüft, wie man seine Entwicklung erleichtern und beschleunigen kann. Außerdem wird die Kommunikation zwischen Behörden und Entwicklern effektiver, was Abstimmungen erleichtert. Wichtig ist auch, dass die Behörde mit dieser Anerkennung signalisiert, dass es sich um eine viel versprechende Therapieoption handelt.

Waren Sie von der Entscheidung der FDA überrascht?

Ein bisschen schon. Ich hätte statt Psilocybin eher auf MDMA gesetzt, besser bekannt als Ecstasy. Daran wird schon seit 30 Jahren geforscht, und es hat 2016 ebenfalls eine Anerkennung als »breakthrough therapy« erhalten. Man setzt es für die Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen ein, mit wissenschaftlich gut belegten Ergebnissen. Zudem wurde nachgewiesen, dass sich die MDMA-unterstützte Psychotherapie gefahrlos anwenden lässt.

Wie und wie effizient Psilocybin bei den dadurch unterstützten Therapien von Depressionen wirkt und ob es hinreichend sicher ist, muss noch bewiesen werden. Entsprechende Studien werden zurzeit durchgeführt.

Welche Studien gibt es zur Therapie mit Psilocybin?

Es gab Studien in den USA und der Schweiz an Patienten mit Ängsten und Depressionen bei lebensbedrohlichen Erkrankungen. Die Resultate waren sehr gut. Untersucht wurden Menschen, die sich auf Grund einer bedrohlichen körperlichen Erkrankung in einer inneren Notlage befanden – ohne dass eine eigentliche psychische Erkrankung bestanden haben muss. Oft ging es um Krebs.

So etwas ist schwer auszuhalten, und die Betroffenen geraten in Angst vor dem Tod und verkrampfen sich innerlich. Sie tendieren dazu, sich zu isolieren und dämpfende Psychopharmaka zu nehmen, um Ängste zu lindern. Bei solchen Patienten kann die ein- oder zweimalige Gabe von Psilocybin beziehungsweise LSD Vertrauen und Öffnung erzeugen wie auch ganz neue Perspektiven auf ihre Situation eröffnen – und damit die psychischen Symptome erheblich vermindern.

Diese Situation ist nicht ohne Weiteres mit der eines Patienten vergleichbar, der seit Jahren unter Depressionen leidet. Da gibt es keine plötzliche Notlage, vielmehr beruht die Erkrankung meist auf strukturellen inneren und äußeren Problemen: Jemand hat typischerweise in seinem Leben schwere Phasen durchlebt, ist vielleicht durch längerfristige und aktuelle Probleme belastet. Sein Denken, Fühlen und Handeln entwickelten sich dadurch oft über lange Zeit in eine bestimmte Richtung, die dann in eine Depression mündeten. Jemanden da herauszubekommen, ist schwieriger und langwieriger. Mittel der Wahl ist in diesem Fall fast immer eine länger währende Psychotherapie.

Reset im Gehirn

In Bildgebungsstudien entdeckten Wissenschaftler, dass die funktionelle Konnektivität – also die Art und Weise, wie die Hirnareale bei der Lösung von Aufgaben, aber auch im Ruhezustand zusammenarbeiten – bei Menschen mit einer Depression stark eingeengt ist. Psychedelika scheinen hingegen generell die funktionelle Konnektivität »aufzubrechen«, indem sie viel mehr und ganz andere Konnektivitäten hervorrufen.

Auch bei Patienten mit einer Depression brechen Psychedelika die eingeengte funktionelle Konnektivität auf, vermuten Forscher, und ermöglichen so neue Sicht- und Empfindungsweisen. Dazu gehören typischerweise neue Einsichten in innere und äußere Situationen sowie ein umfassendes Verbundenheitserleben.

Man kann die Ergebnisse also nicht einfach übertragen. Wie ist das mit den Psilocybin-Studien des britischen Neuropsychopharmakologen David Nutt vom Imperial College London zur Behandlung von Depressionen?

Nutts Gruppe hat eine zweimalige Gabe von Psilocybin im Abstand von sieben Tagen bei Patienten mit Depressionen untersucht. Dies allerdings nicht in einer Studie mit einer Placebo-Kontrollgruppe, sondern allen Patienten wurde Psilocybin verabreicht. Nur im Vergleich mit einer Kontrollgruppe, die nicht oder anders behandelt wurde, lässt sich die Wirksamkeit einer Behandlung zweifelsfrei nachweisen.

Nach der Psilocybin-Behandlung haben sich die Symptome reduziert – über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten.

Wenn man sich lediglich die Mittelwerte aller Patienten zusammen ansieht, scheint das zu stimmen. Betrachtet man aber die individuellen Verläufe der Patienten, dann werden zwei Dinge deutlich: Einige Probanden haben längerfristig profitiert, einige bloß für kurze Zeit und einige nur geringfügig. Daher kann man derzeit noch nicht beurteilen, wie stark der depressionslindernde Effekt tatsächlich ist.

Wie sah Ihre eigene Studie zu Psilocybin aus?

In den vergangenen 20 Jahren gab es in Deutschland lediglich mein Forschungsprojekt mit Psilocybin, das sich über mehrere Jahre erstreckte. Die Studie untersuchte in einem wohnlich gestalteten Umfeld Bewusstseinsveränderungen und kognitive Funktionen bei gesunden Probanden. Neben vertiefter Selbsteinsicht und mystischen Erlebnissen zeigte sich, dass nicht unerhebliche Belastungen wie zeitweilige Angstzustände, Realitätsverkennungen und Wahnideen auftreten können. Das mahnt zur Vorsicht. Daher würde ich viel Wert auf eine gute Ausbildung der Therapeuten legen. Diese sollte auch mehrere eigene Erfahrungen des Therapeuten mit Psilocybin beinhalten.

Aus Ihrer Sicht ist die Beweislage aktuell also noch recht dünn. Warum trifft die FDA dann jetzt eine solche Entscheidung?

Vor 20 Jahren dauerte die Entwicklung eines Medikaments von der ersten Studie bis zur Marktreife sieben Jahre, heute sind es 15. Das liegt an den immer anspruchsvolleren Vorgaben der Zulassungsbehörden, komplexeren Studien und höheren Kosten. Die FDA versucht daher mittlerweile, diese Prozesse zu beschleunigen. Die EMA, die Europäische Arzneimittelagentur, die für die Beurteilung und Überwachung von Arzneimitteln in Europa zuständig ist, möchte die Entwicklungszeiten ebenso verkürzen. Eine Möglichkeit dafür ist, aussichtsreichen Behandlungsmethoden eine Breakthrough-Anerkennung zu geben.

Benötigen wir denn so dringend neue Medikamente?

Absolut! Seit ungefähr zwei Jahrzehnten gibt es in der Psychopharmakologie keine neuen Medikamente, die eine Verbesserung für Menschen mit psychischen Erkrankungen gebracht hätten. So wurden beispielsweise in den vergangenen Jahren sieben Psychopharmaka beim Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) in Deutschland als innovative Medikamente vorgestellt. Doch für nicht eines davon ließ sich belegen, dass es besser ist als bereits vorhandene Arzneimittel. Die Neurochemie und -biologie des Gehirns sind offenbar so komplex, dass man sie nicht durch dauerhafte Gabe einzelner Wirkstoffe wieder »zurechtrücken« kann – wie man sich das bisher oft vorgestellt hat.

Somit können die Pharmakonzerne kein Geld mehr mit der Entwicklung neuer Wirkstoffe verdienen und haben sich deswegen seit zehn Jahren international aus der Entwicklung von Psychopharmaka zurückgezogen. Diese Entwicklung wird als »Krise der Psychopharmakologie« bezeichnet.

»Seit ungefähr zwei Jahrzehnten gibt es keine neuen Medikamente, die eine Verbesserung für Menschen mit psychischen Erkrankungen gebracht hätten«

Genügen die Antidepressiva, die schon auf dem Markt sind, also nicht? Ihre Verschreibungen haben sich ja laut Arzneiverordnungsreport 2018 von 2005 bis 2017 ungefähr verdoppelt.

Die meisten Antidepressiva wirken weniger gut, als man lange geglaubt hat. Sie haben viele Nebenwirkungen, und ihre nachgewiesenen positiven Folgen liegen genau genommen nur minimal über dem Placeboeffekt. Daher sehen viele Experten sie mittlerweile sehr kritisch – auch wenn sie noch immer, vor allem von Hausärzten, massenhaft verschrieben werden. Außer der Psychotherapie, die aufwändiger, aber gut als wirksam belegt ist, scheint es derzeit keine gute Alternative zu geben.

Könnten Behandlungen mit Psychedelika eine Alternative darstellen?

Ich denke schon. Damit würde allerdings auch ein Schwenk in Richtung einer neuen Art von Therapie einhergehen. Zu den nachgewiesenen Hauptwirkungen der Antidepressiva gehört, dass sich die Patienten weniger spüren. Ihr Gefühlsempfinden wird betäubt und reduziert. Die Patienten spüren folglich ihre Traurigkeit, Wut und Ängste, aber auch Freude und Sexualität deutlich weniger. Diese Gefühlsminimierung kann dabei helfen, bedrückende Situationen weiter zu ertragen, sei es in der Familie oder im Job. Es heißt aber nicht, dass ich Strategien finde, mit denen ich die Situation ändern kann, die diese Gefühle verursacht. Das wurde daher als »defensives Coping« bezeichnet: Ich nehme ein Mittel, durch das ich nur noch verringert wahrnehme, wie bedrückend und veränderungswürdig meine Situation ist.

Ist das bei der Behandlung mit Psilocybin anders?

Halluzinogene betäuben die Gefühle nicht, sondern aktivieren das Gefühlsleben. Dadurch fühlen die Patienten sehr intensiv und zugespitzt Ängste, Trauer, Wut ebenso wie Freude, Verbundenheit und Zuversicht. Das kann intensiv und beanspruchend für Patienten und Therapeuten sein, der Umgang damit ist nicht immer einfach.

»Halluzinogene aktivieren das Gefühlsleben«

Die Gefühlsaktivierung führt jedoch viel eher dazu, dass sich wirklich etwas ändert. Dass ich vielleicht mit dem Chef rede, der mich so wütend macht, oder einen Coach einschalte, der mir hilft, mit meinen Beziehungen oder mir selbst anders umzugehen. Psilocybin fördert also ein aktives Coping. Dazu benötigen wir allerdings gut ausgebildete Therapeuten, die so eine gefühlsintensive sechsstündige Psilocybin-Sitzung meistern können. Eher als in der ambulanten Praxis sehe ich das deshalb in Klinken anwendbar. Dort verfügt man über Behandlungsteams, kann Pausen machen und ökonomischer in Gruppen behandeln.

Ohne Einbettung in eine begleitende Therapie geht es nicht?

In den letzten Jahrzehnten dominierte die neurobiologische Psychiatrie. Deshalb gibt es die Versuchung, psychotherapeutische und soziale Aspekte zu vernachlässigen und zu glauben: Wir schütteln das Gehirn mal ordentlich durch und erwarten dann, dass die Depression weggeht. Doch so einfach ist es nicht. Die Studie der britischen Kollegen hat gezeigt, dass eine Psilocybin-Gabe allein kaum wirklich dauerhafte Veränderungen bewirkt. Ich glaube: Erst wenn die Psilocybin-Gaben konsequent in eine psychotherapeutische Behandlung eingebettet werden, kann man den dadurch geöffneten Zustand maximal für innere und äußere Veränderungen nutzen – und damit richtig viel erreichen.

Wie kommt es, dass in Deutschland derzeit nicht mit Psilocybin geforscht wird?

Seit 2004 gibt es das neue Arzneimittelgesetz. Damit wurden die Hürden für Forscher denen für die Pharmaindustrie gleichgestellt. Das ist absurd, wenn man bedenkt, wie groß der Unterschied der jeweils zur Verfügung stehenden Finanzmittel ist. Leider sind seitdem experimentelle Studien mit jeglichen Pharmaka massiv erschwert und mit sehr hohen Kosten verbunden. Hatten wir bisher für einen Psilocybin-Versuch mit zwölf Versuchspersonen Kosten zwischen 5000 und 10 000 Euro, so sind wir heute bei hunderttausenden Euro. Das können selbst große Universitätskliniken nicht bezahlen.

Folglich hat man die Forschung an allen nicht unmittelbar lukrativen Pharmaka gestoppt, experimentelle Forschungsprojekte an Pharmaka gingen um etwa 80 Prozent zurück. Jene mit Halluzinogenen wurden sogar komplett eingestellt. Ohne diese engstirnigen Vorgaben wären wir in Deutschland erheblich weiter. So konnten wir 2008 eine LSD-Studie, für die alle Genehmigungen vorlagen, wegen genau dieser Probleme doch nicht durchführen. Andere EU-Länder wie Holland oder Spanien umgehen die Regelungen, indem sie Psychedelika nicht als Pharmaka, sondern als zu erforschende Freizeitdrogen behandeln. Die Engländer tun einfach so, als gäbe es die neuen Vorgaben nicht. Und die Schweizer, die seit Jahrzehnten führend auf diesem Gebiet sind, unterliegen nicht den EU-Richtlinien.

Zeigen die Pharmaunternehmen Interesse an dieser Forschung?

Nein, sie haben an Halluzinogenen kein Interesse. Antidepressiva verkaufen sich nach wie vor prächtig. Bei den Halluzinogenen geht es um Mittel, mit denen man eine Psychotherapie vertiefen und beschleunigen kann. Dadurch verabreicht man nur drei- bis fünfmal gezielt eine Dosis unter besonders geschützten Bedingungen. Das ist nichts, mit dem die Pharmaindustrie Geld verdienen kann – jedenfalls nicht im Vergleich zu Antidepressiva, die über Monate oder Jahre täglich eingenommen werden sollen. Außerdem kann man die Halluzinogene, die bereits in den 1960er Jahren in der Psychotherapie angewandt wurden, heute nicht mehr patentieren lassen.

Wie sehen Sie die Aussichten auf eine Zulassung von Psilocybin in den USA, in Deutschland und in den Nachbarländern – auch im Vergleich zu anderen Halluzinogenen?

Wegen der Krise der Psychopharmakologie richten sich aktuell große Hoffnungen auf den therapeutischen Einsatz von Halluzinogenen. Nicht nur für Depressionen, sondern auch bei Angsterkrankungen und in der Traumatherapie. Ob man Psilocybin so schnell als Medikament wird entwickeln können, beurteile ich etwas skeptisch, denn es ist noch viel zu erforschen. So machen Schweizer Wissenschaftler derzeit eine Studie mit Psilocybin bei Depressiven, in der zahlreiche Faktoren der Behandlung variiert werden, um ein optimales Vorgehen herauszufinden. Dadurch können wir lernen, wie oft Psilocybin verabreicht werden sollte, in welcher Dosis und wie viel Psychotherapie idealerweise dazugehört.

Bis das fundiert ergründet ist, dauert es noch etwas. Realistischer ist die Zulassung von MDMA schon in den nächsten Jahren. Auf Grund der längeren Vorlaufzeit liegt zur MDMA-unterstützten Psychotherapie eine Vielzahl von Studien vor. Eine entsprechende Therapeutenausbildung wurde bereits vor Jahren von der FDA anerkannt.

Wenn es gut läuft, könnte es schon in den nächsten Jahren zu einem Boom all dieser neuen Therapieoptionen kommen. Das hängt jedoch auch davon ab, ob die psychiatrische Profession sich für diesen Richtungswechsel öffnen kann: von der medikamentösen Gefühlsminimierung hin zum therapeutischen Umgang mit einer aktivierten Gefühlswelt.

Genetischer Zusammenhang zwischen Panikstörungen und Depressionen entdeckt

Panikstörung und Depressionen sowie Neurotizismus haben genetische Gemeinsamkeiten. Das berichten Wissenschaftler des Marburger Instituts für Humangenetik in Molecular Psychiatry (2019; doi: 10.1038/s41380-019-0590-2).

Die Forscher um Andreas Forstner analysierten im In- und Ausland das Erbgut von Patienten mit Panikstörungen und verglichen die Daten mit denen gesunder Personen. Die Studie schließt 2.248 Patienten ein, deren Panikstörung laut den Autoren klinisch gut charakterisiert ist. Außerdem umfasst die Analyse 7.992 gesunde Kontrollpersonen. Die Proben stammen aus 4 europäischen Ländern: Dänemark, Estland, Deutschland und Schweden.

Das Team analysierte Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs) – Genvarianten, die sich in einem einzelnen Basenpaar von anderen Versionen desselben Gens unterscheiden. Die Forschungsgruppe überprüfte, ob SNPs an bestimmten Genorten bei Patienten mit Panikstörung häufiger vorkamen als bei gesunden Personen.

Dabei fanden sie einen genetischen Zusammenhang zwischen einer Panikstörung und anderen Erkrankungen, wie depressiven Störungen sowie einem Neurotizismus. Darunter versteht man einen Aspekt der Persönlichkeit, der sich unter anderem durch erhöhte Reizbarkeit auszeichnet.

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„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Angststörungen und Depression die extremen Ausprägungen von seelischen Veranlagungen sein könnten, die auch jeder ganz normalen, gesunden Persönlichkeit zugrunde liegen“, berichten die Autoren. 

Depressionen bei älteren Menschen unterschätzt

Depressionen bei älteren Menschen werden nach einer Umfrage in Deutschland massiv unterschätzt. So glaubt eine große Mehrheit der Bevölkerung (83 Prozent), dass die Krankheit vor allem im jungen und mittleren Lebensalter auftritt, teilte die Stiftung Deutsche Depressionshilfe heute mit.

Zu häufig würden Anzeichen von Depressionen bei Senioren deshalb bagatellisiert und als Bitternis des Alters abgetan. Dieses Unwissen trage mit dazu bei, dass die Krankheit im Alter häufig gar nicht oder falsch behandelt werde, sagte Psychiater Ulrich Hegerl, Vorstandschef der Stiftung. „Wir haben hier einen riesigen Verbesserungsspielraum.“

Für die Umfrage „Depressions-Barometer“ wurden 5.350 Bundesbürger zwischen 18 und 79 Jahren im Juli 2019 befragt. 350 von ihnen waren älter als 70. Der Schwerpunkt lag darauf, was sie über Depressionen bei älteren Menschen wissen und denken.

Manche Umfrageergebnisse klingen fast nach Altersdiskriminierung: So sprach sich jeder sechste Befragte dafür aus, Geld für die Behandlung von Depressionen lieber für jüngere Patienten auszugeben. Gut ein Fünftel (22 Prozent) meinte, dass bei Älteren die Behand­lung körperlicher Erkrankungen wichtiger sei.

Ein Drittel der jungen Befragten (36 Prozent) glaubt, dass sich Depressionen im Alter we­ni­ger gut oder überhaupt nicht behandeln lassen. Und mehr als zwei Drittel aller Inter­viewten (71 Prozent) gehen davon aus, dass alte Menschen ohnehin kaum bereit sind, zum Psychotherapeuten zu gehen.

Unwissenheit häufig

Hintergrund für solche Fehleinschätzungen ist häufig Unwissen: In der Realität gehören Depressionen neben Demenz-Erkrankungen zu den häufigsten psychischen Leiden im höheren Lebensalter und können nach Studien in Deutschland rund sechs Prozent der älteren Menschen treffen. Im mittleren Lebensalter liegt diese Quote nur wenig höher – bei acht Prozent. Behandeln lässt sich die Krankheit nach einer Diagnose in jedem Le­bensalter gleich gut.

„Eine Depression im Alter ist keine Folge von Einsamkeit, Trauer oder Verlusterlebnissen“, erläuterte Hegerl. „Es ist eine eigenständige Erkrankung, die noch tödlicher ist als sonst.“ Die Suizidrate im Alter liegt in Deutschland rund fünf Mal so hoch wie wie bei jüngeren Erwachsenen. Die Mehrzahl der rund 9.000 erfassten Suizide pro Jahr in Deutschland geht nach Ansicht von Experten auf psychische Erkrankungen zurück.

Die Fehleinschätzungen der Bevölkerung mit Blick auf Depressionen im Alter haben nach Angaben der Stiftung Folgen. So erhielten nur zwölf Prozent der betroffenen Senioren über 70 eine Psychotherapie, heißt es. Bei den 30- bis 69-Jährigen sei es dagegen fast ein Drittel (31 Prozent).

Die Umfrage zeigt, dass die deutlich niedrigere Quote nicht am Unwillen der Senioren liegt: Zwei Drittel (64 Prozent) wären laut Umfrage bereit, eine Therapie zu machen. Sie wird ihnen aber wahrscheinlich seltener angeboten, weil Symptome zu schnell mit „dem Alter“ erklärt werden.

Auslöser von Depressionen können in jedem Lebensalter traumatische Erlebnisse, Miss­brauch, aber auch erbliche Faktoren sein. „Das ist keine pure Befindlichkeitsstörung, De­pressionen fühlen sich anders an“, sagte Hegerl.

Wenn alten Menschen nichts mehr Freude macht, sie kaum noch etwas interessiert und sie sich permanent erschöpft fühlen, schrillten bei Angehörigen und auch Pflegepersonal seltener die Alarmglocken als bei jüngeren Menschen. Ähnlich gelte das für zu wenig Appetit, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, innere Unruhe, Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit und Suizidgedanken.

„Menschen werden nicht depressiv, weil sie einsam sind“, ergänzte der Psychiater. „Es ist oft die Depression, die zum sozialen Rückzug und zu einem Gefühl der inneren Versteine­rung führt.“ Helfen könne man Senioren am besten, indem man sie für eine Abklärung beim Gang zu Fachärzten wie Psychiatern unterstütze. Sie könnten Depressionen auch gut von einer Demenz unterscheiden.

Vermehrt Schüler wegen Depression in Klinik eingewiesen

Die Zahl der Schüler, die wegen einer Depression in eine Klinik eingewiesen werden, nimmt einer Untersuchung zufolge zu. Innerhalb von zwei Jahren stieg ihre Zahl in Deutschland um fünf Prozent, wie aus dem heute in Berlin vorgestellten aktuellen Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit hervorgeht. Für die Erhebung wurden Abrechnungs­daten der DAK-Gesundheit von rund 800.000 minderjährigen Versicherten für die Jahre 2016 und 2017 ausgewertet.

Demnach zeigte etwa jedes vierte Schulkind im Alter von 10 bis 17 Jahren psychische Auffälligkeiten. Jeweils rund zwei Prozent litten unter einer Depression oder Angststörun­gen, manche auch an beidem. Bei Mädchen träten diese beiden Krankheitsbilder doppelt so häufig auf wie bei Jungen. Hochgerechnet waren rund 238.000 Kinder dieser Alters­gruppe so stark betroffen, dass sie einen Arzt aufsuchten.

Acht Prozent aller depressiven Schulkinder wurden laut Report innerhalb eines Jahres sta­tionär in einer Klinik behandelt – im Durchschnitt blieben sie für 39 Tage. Depressio­nen führten unter den psychischen Erkrankungen am häufigsten zu einer Einweisung. Ein Viertel der Betroffenen kam innerhalb von zwei Jahren mehrfach ins Krankenhaus. Die DAK-Gesundheit folgerte daraus, dass es offenkundig Versorgungslücken bei der Nach­sorge gebe, die dringend geschlossen werden müssten.

Risikofaktoren für Depressionen und Angststörungen sind der Studie zufolge etwa chroni­sche körperliche Erkrankungen und psychische Vorerkrankungen. Auch das familiäre Um­feld spielt eine Rolle: Kinder seelisch kranker oder suchtkranker Eltern sind danach be­son­ders gefährdet. Nach Angaben des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte ist auch eine exzessive Mediennutzung ein Risikofaktor für Depressionen.

Spitze des Eisbergs

„Im Report sehen wir nur die Spitze des Eisbergs“, kommentierte Thomas Fischbach, Prä­sident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, den Bericht. „Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.“ Es gebe viele Kinder, die an Depressionen litten und erst spät in die Praxen kämen.

Dass Depressionen nicht allein ein Thema für Erwachsene sind, ist bekannt. „Wir gehen von etwa zwei betroffenen Kindern pro Schulklasse aus“, sagte auch Ulrich Hegerl, Vor­sitzen­der der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Der Psychiater schätzt die Zahlen der Kasse als realistisch ein. Für Deutschland gibt es Studien, nach denen rund acht Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren im Laufe eines Jahres an einer anhaltenden depressiven Störung erkranken. Das sind rund fünf Millionen Menschen.

Bei Teenagern kann es für Laien schwer sein, Anzeichen für eine Depression vom norma­lem „Pubertieren“ mit heftigen Stimmungsschwankungen zu unterscheiden. Für Fach­leute sei es jedoch recht gut möglich, zum Beispiel Gefühle von innerer Versteinerung zu erkennen, so Hegerl.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe geht davon aus, dass im Vorschulalter ein Prozent der Kinder und im Grundschulalter rund zwei Prozent betroffen sind. Bei Jugendlichen stiegen die Raten dann an: Zwischen 12 und 17 Jahren seien es drei bis zehn Prozent Be­troffene. Hegerl zufolge geht mit einer unbehandelten depressiven Erkrankung bei jun­gen Menschen ein hohes Risiko einher, Schule oder Ausbildung nicht erfolgreich be­enden zu können.

Die Zahlen der Kasse zeigen Zusammenhänge, die ähnlich bereits in anderen Studien be­legt wurden: So steigt laut Report das Depressionsrisiko bei Kindern und Teenagern, wenn bereits Elternteile psychisch oder anders chronisch erkrankt sind. Auch eine eigene chronische Erkrankung, Adipositas, Diabetes, Asthma und Schmerzen können das De­pressionsrisiko bei jungen Menschen laut Bericht erhöhen.

Für Jungen geht die DAK-Gesundheit davon aus, dass Depressionen unterdiagnostiziert sind: Wie erwachsene Männer bagatellisierten sie häufig seelische Probleme.

Insgesamt zählten im Report Atemwegserkrankungen, Infektionen, Augen- und Hautprob­leme zu den häufigsten Erkrankungen bei den 10- bis 17-Jährigen. Psychische Erkrankun­gen folgten mit 24 Prozent auf Platz fünf. Depressionen machten darunter nur einen klei­nen Teil aus – am häufigsten diagnostizierten Ärzte Entwicklungs- und Verhaltensstö­run­gen. 

Kognitive Verhaltenstherapie kann bei suizidalen Krisen durch unipolare Depression helfen

Bestimmte Formen der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) können depressive Symptome, aber auch Suizidgedanken und -versuche mindern. Das berichtet eine Arbeitsgruppe der Technischen Universität (TU) Berlin. Die Wissenschaftler haben im Auftrag des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) untersucht, ob verschiedene ambulante, nichtmedikamentöse Maßnahmen, etwa Kriseninterventionsprogramme oder psychosoziale Interventionen, Erwachsene mit unipolarer Depression dabei unterstützen, suizidale Krisen besser zu bewältigen.

„Allein die KVT ist in aussagekräftigen Studien untersucht, belastbare Ergebnisse zu anderen nichtmedikamentösen Verfahren fehlen“, lautet ihr Ergebnis.

Die Arbeit ist im Rahmen des sogenannten ThemenCheck Medizin des IQWiG entstanden. Dabei gehen die wissenschaftlichen Fragestellungen für ein sogenanntes „Health Technology Assessment“ (HTA) auf die Vorschläge von Bürgern zurück.

Rund zehn Prozent der Erwachsenen in Deutschland leben laut der Arbeitsgruppe mit depressiven Symptomen und sind im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt um das 20-Fache stärker suizidgefährdet.

Laut den Wissenschaftler existieren nur für die KVT von Erwachsenen mit unipolarer Depression in einer suizidalen Krise aussagekräftige Studien. Das Wissenschaftlerteam der TU Berlin stellte anhand deren Ergebnissen fest, dass bestimmte Formen der KVT als Ergänzung zu einer Standardbehandlung bei der Bewältigung suizidaler Krisen helfen können: Depressive Symptome, Hoffnungslosigkeit, Suizidgedanken sowie wiederholte Suizidversuche lassen sich damit reduzieren.

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Keine Anhaltspunkte gab es dafür, dass die KVT Auswirkungen auf Angst oder posttraumatischen Stress hat. Weitere patientenrelevante Aspekte wie die körperliche Verfassung für das Bewältigen des Alltags und die gesundheitsbezogene Lebensqualität wurden laut den Forschern in den Studien nicht untersucht.

Über Gespräche mit Betroffenen und Angehörigen sowie Literaturrecherchen konnten die Forscher weitere Aspekte bei der Betreuung der Betroffenen identifizieren: Danach sind neben Stigmatisierung und sozialem Rückzug lange Wartezeiten auf Termine insbesondere im ländlichen Raum Hürden für die Betreuung. Die Wissenschaftler der TU Berlin regen daher unter anderem an, dass Psychiater, Psychotherapeuten und Hausärzte eng zusammenarbeiten. Auch der Ausbau von niedrigschwelligen Maßnahmen wie Telefonseelsorge oder webbasierten Angeboten könne möglicherweise helfen.

„Auch wenn es wegen der unzureichenden Studienlage bislang nur Hinweise auf einen Nutzen von KVT gibt, ist der Ausbau von ambulanten Versorgungsstrukturen und niedrigschwelligen Angeboten zur kontinuierlichen Behandlung von Menschen mit suizidalen Krisen bei unipolarer Depression wichtig für die bedarfsgerechte Versorgung“, zieht Laura Krabbe, Projektleiterin beim ThemenCheck Medizin des IQWiG, ein Fazit.

Robert-Enke-Stiftung klärt mit Virtual-Reality über Depressionen auf

Jedes Jahr begehen rund 10.000 Menschen in Deutschland Suizid aufgrund von Depressionen. „Viele Suizide sind vermeidbar, denn psychische Erkrankungen sind be­handelbar. Darauf wollen wir aufmerksam machen“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn bei der Vorstellung des Projekts „Impression Depression“ der Robert-Enke-Stiftung gestern in Berlin.

Etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann ist nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen. Ein neues Projekt der Robert-Enke-Stiftung soll mithilfe von Virtual-Reality (VR) über Depressionen aufklä­ren und einen Einblick in die Gedanken und Gefühlswelt der Betroffenen bieten.

So sollen auch Nicht-Betroffene sensibilisiert, und ein besseres Verständnis der Krankheit Depression gefördert werden. Anlass der Aufklärungskampagne ist der zehnte Todestag des ehemaligen Fußball-Nationalspielers Robert Enke, der sich am 10. November 2009 aufgrund einer langjährigen Depression das Leben nahm.

„Das Projekt ist eine Herzensangelegenheit für mich“, sagte die Witwe des verstorbenen Fußballers, Teresa Enke, bei der Vorstellung des Projekts im Bundesministerium für Ge­sundheit (BMG). „Wir wollen deutlich machen, dass Depression keine Schwäche, sondern eine ernste Erkrankung ist.“

Nach einer Einleitung wird dazu 15 Minuten lang die Gefühls- und Erlebniswelt eines de­pressiv erkrankten Menschen mit Hilfe einer VR-Brille und Kopfhörern dargestellt. Die Teilnehmer tragen dabei eine Gewichtsweste, um auch die erdrückende Schwere nach­voll­ziehen zu können, die Betroffene häufig empfinden. Die Robert-Enke-Stiftung hat das VR-Projekt mit Psychotherapeuten, VR-Experten und Betroffenen entwickelt.

Das Projekt „Impression Depression“ wird ab November in verschiedenen Städten in Deutschland verfügbar sein: Es kann von Hochschulen, Unternehmen und anderen Orga­nisationen angefordert werden. Informationen gibt es bei der Robert-Enke-Stiftung.

Danach gefragt, ob es ausreichende Therapieplätze gebe, sagte Bundesgesundheits­mi­nister Spahn: „Diejenigen, die am dringendsten eine Behandlung benötigen, erhalten sie oft nicht. Es gelingt nicht, die Prioritäten richtig zu setzen.“ Auch deshalb entwickele man mit einer Regelung, die dem Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz angehängt wur­de, „das Thema Lotse durch das System“ weiter.

Die Robert-Enke-Stiftung wurde Anfang 2010 unter dem Vorsitz von Teresa Enke gegrün­det, nachdem ihr Mann sich nach langjährigen Depressionen das Leben genommen hatte. Ziel der Stiftung ist der Aufbau einer Versorgungsstruktur, die es Leistungssportlern, aber auch Menschen außerhalb des Leistungssports ermöglicht, schnell ein Behandlungsan­ge­bot für ihre Erkrankung zu bekommen.

Darüber hinaus engagiert sich die Stiftung in der Öffentlichkeitsarbeit und möchte damit das Thema Depression enttabuisieren. Zu diesem Zweck hat die Robert-Enke-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Rheinisch-Westfälisch-Technischen Hochschule Aachen bereits eine Beratungshotline (0241/8036777) ins Leben gerufen. 

Tiefe Hirnstimulation hilft bei Depressionen

Die Tiefe Hirnstimulation (THS), bei der gezielt mittels hauchdünner Elektroden ein Teil des Belohnungssystems im Gehirn stimuliert wird, verfügt laut einer Studie der Emory University http://emory.edu langfristig über eine solide antidepressive Wirkung. Die Forscher haben diese Wirkung bei Patienten erzielt, die unter einer behandlungsresistenten und sehr schweren Form dieser Erkrankung litten. Details wurden im „American Journal of Psychiatry“ publiziert.

Linderung dank Hirnschrittmacher

Die Ergebnisse dieser Langzeitstudie bestätigen frühere Forschungsprojekte des Teams um die international anerkannte Expertin Helen S. Mayberg. Laut der leitenden Wissenschaftlerin ist es damit auch gelungen, die Grundlage für weitere Studien zur Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten mittels THS zu schaffen.

Die U.S. Food and Drug Administration http://www.fda.gov hat THS erst kürzlich für die Behandlung von Tremor, Parkinson, Epilepsie und Zwangserkrankungen zugelassen. Dabei handelt es sich um einen Eingriff, bei dem ein Neurostimulator im Gehirn platziert wird. Dieser Hirnschrittmacher sendet über die implantierten Elektroden hochfrequente elektrische Impulse genau in jene Gehirnbereiche, die für die Entstehung der Symptome dieser Krankheiten verantwortlich sind.

Mayberg leitete 2005 die erste THS-Studie zum Brodmann-Areal 25 bei Patienten, die gegen eine herkömmliche Behandlung resistent waren. Bereits damals wurde die Möglichkeit eines klinischen Nutzens nachgewiesen. Weitere kleinere Studien lieferten ähnlich positive Ergebnisse. Eine multizentrische randomisierte Studie wurde jedoch noch im Anfangsstadium eingestellt. Verantwortlich dafür war das Fehlen einer statistisch signifikanten, antidepressiven Reaktion.

Ausgeweiteter Beobachtungszeitraum

Die Forscher begleiteten die Patienten der ursprünglichen Studie weiter. Dabei zeigte sich, dass es ihnen durch die Behandlung nicht nur besser ging. Auch hielt dieser Effekt an. Daher verfolgte das Team diesen Ansatz weiter. Die aktuelle Studie dokumentiert die langfristigen Ergebnisse von 28 Patienten. Die zwischen vier und acht Jahre lang an der offenen klinischen Studie teilnahmen. Die Ansprech- und Remissionsraten konnten bei 50 Prozent respektive 30 Prozent aufrechterhalten werden. Entscheidend dabei ist der lange Beobachtungszeitraum von zwei bis acht Jahren.

Drei Viertel der Teilnehmer entsprachen den Kriterien für das Ansprechen auf die Behandlung. 21 Prozent wiesen ab dem ersten Jahr ein kontinuierliches Ansprechen auf. Von 28 Teilnehmern beendeten 14 mindestens einen acht Jahre langen weiteren Beobachtungszeitraum. Elf andere Patienten waren mindestens vier Jahre lang dabei. Vier Personen schieden vor den acht Jahren Nachbereitung aus. Laut Mayberg ist durch diese Studienergebnisse die langfristige Sicherheit und nachhaltige Wirksamkeit dieses Behandlungsansatzes erwiesen.

Am Center for Advanced Circuit Therapeutics http://bit.ly/355eAwN wird bereits an der nächsten Stufe dieser Forschung gearbeitet. Die Finanzierung erfolgt über die National Institutes of Health Brain Initiative https://braininitiative.nih.gov . Bei den Studienteilnehmern soll ein neuer Prototyp mit der Bezeichnung „Summit RC+S“ implantiert werden. Damit wird es möglich sein, die Gehirnaktivität direkt während der THS aufzuzeichnen.

Suizide steigen bei Jugendlichen nach den Ferien an

Forscher des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung vermuten einen engeren Zusammenhang zwischen Suiziden bei Jugendlichen und deren Situation in der Schule. Hintergrund ist, dass die Wahrscheinlichkeit einer Selbsttötung insbesondere an den ersten beiden Schultagen nach Ferienende laut einer neuen Studie des Instituts er­höht ist.

Die Untersuchung basiert auf Daten der deutschen Todesursachenstatistik der Jahre 2001 bis 2015. Danach ist die Wahrscheinlichkeit einer Selbsttötung unter Kindern und Ju­gend­­li­chen während der Ferien um 19 Prozent verringert. Am höchsten ist die Suizidrate an den ersten beiden Schultagen nach den Ferien. Die Wahrscheinlichkeit eines Suizids ist an diesen Tagen um etwa 30 Prozent erhöht. Schüler sind vom Anstieg der Suizidrate an Schultagen stärker betroffen als Schülerinnen.

Fast jeder achte Todesfall unter Jugendlichen in Deutschland geht auf Selbsttötung zu­rück. Von rund zehn Millionen Deutschen im Alter zwischen 6 und 19 Jahren nehmen sich laut dem RWI pro Jahr durchschnittlich 221 das Leben.

„Im Verhältnis zur großen Zahl der Personen kommen Suizide unter Jugendlichen zum Glück relativ selten vor. Der Anstieg der Suizidrate nach den Ferien deutet aber darauf hin, dass ein gewisser Zusammenhang zwischen der Schule und psychischen Krisen von Jugendlichen besteht“, sagte die RWI-Gesundheitsökonomin Dörte Heger, eine der Auto­rinnen der Studie.

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Allerdings könne die Studie nicht zeigen, ob das an Problemen mit Mitschülern, Schwie­rigkeiten im Unterricht oder an anderen Gründen im schulischen Umfeld liege.

Die Wissenschaftler empfehlen Eltern, Lehrern und anderen Akteuren der Bildungspolitik, die psychische Verfassung der Schüler und die Gefahren von Mobbing und Schulstress stärker in den Blick zu nehmen, insbesondere an den ersten Tagen nach den Ferien. Sie könnten zum Beispiel Hinweise auf spezielle Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche wie die „Nummer gegen Kummer“ geben, so die Epidemiologen.

Umfeld bei Signal von Suizidgefährdungen oft hilflos

Trotz Suizidankündigungen greift das Umfeld in vielen Fällen nicht rechtzeitig ein. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich veröffentlichte Ana­lyse des Bezirkskrankenhauses Kempten. Ärzte und Wissenschaftler hatten dafür mehr als 600 Akten über Suizide in der Allgäuer Region ausgewertet. Bei knapp der Hälfte der untersuchten Fälle gab es zuvor Hinweise auf einen Suizid.

„Aus den Akten kann man oft direkt, aber meist eher zwischen den Zeilen eine Hilflosig­keit des Umfeldes herauslesen“, heißt es in der Untersuchung, in der Suizidfälle von 2001 bis 2009 analysiert wurden. „Die Angehörigen, Freunde, Kollegen etc. wussten einfach nicht, wie sie damit umgehen sollten oder wo sie sich professionelle Hilfe holen konnten.“

Es gelte, präventive Hilfsmaßnahmen zu erforschen. „Wir müssen suizidgefährdete Men­schen besser verstehen“, sagte Peter Brieger, der als ehemaliger ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kempten die Analyse veranlasste. Somatische Erkrankungen waren der Allgäuer Untersuchung zufolge mit 26 Prozent Hauptgrund von Suiziden. Depressio­nen kamen mit 23 Prozent auf Platz zwei. In 15 Prozent der Fälle waren Partnerschafts­prob­leme das Motiv.

In keinem Bundesland ist die absolute Zahl der Suizide so hoch wie in Bayern. Nach An­gaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden nahmen sich im Jahr 2017 insgesamt 1.597 Menschen im Freistaat das Leben – das sind noch 85 mehr als im bevölkerungs­reichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Bundesweit lag die Zahl der Suizide 2017 bei 9.241. In Deutschland sterben in jedem Jahr mehr Menschen durch Suizid als durch Ver­kehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen zusammen.

Sowohl in Bayern als auch im ganzen Land ist ein Großteil der Opfer männlich. 1.226 Männern, die sich 2017 in Bayern umbrachten, stehen 371 Frauen gegenüber. Die höchs­te Risikogruppe waren dabei die 50- bis 55-Jährigen. In dieser Altersklasse gab es 188 Suizide – 48 Frauen und 140 Männer. Die Suizidrate sei im Durchschnitt im Alpenraum höher, sagte Brieger.

Tradition, unterschiedliche Kohäsion der Gesellschaft und weniger Psychotherapeuten könnten ebenso eine Rolle spielen wie ein „schroffer Lebensalltag“. Eine genaue Erklä­rung haben aber auch Fachleute nicht. Letztlich seien die Gründe für einen Suizid ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Faktoren, sagte Brieger. Sich rein auf regionale Ausreißer zu fokussieren, sei nicht zielführend.

Die Zahlen sind allerdings rückläufig. 2016 gab es noch 1.738 Suizide, 2015 rund 1.800. In den vergangenen 40 Jahren habe sich die Suizidrate trotz wachsender Bevölkerung mehr als halbiert, sagte Brieger. „Grund dafür sind bessere Versorgung, bessere Aufklä­rung, bessere Hilfen, Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten, bessere Krisen­kon­zepte.“ Ein Beispiel ist der psychiatrische Krisendienst in Bayern: Unter einer Hotline können Betroffene in seelischen Krisen eine Soforthilfe und qualifizierte Beratung erhalten.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Ner­ven­heilkunde (DGPPN) mahnte heute an, dass der Prävention der Selbsttötung größere Beachtung in der Gesundheitspolitik eingeräumt werden. Unter jungen Erwachsenen gelte die Selbsttötung sogar als zweithäufigste Todesursache.

Die hohe Rate jährlicher Todesfälle durch Suizid, die in Deutschland mit rund 9.000 Men­schen der Einwohnerzahl einer Kleinstadt gleichkomme, mache es notwendig, mehr Sen­si­bilität für das Thema zu entwickeln und über geeignete Maßnahmen der Prävention auf­zuklären. Dazu seien Gesellschaft und Politik aufgefordert, so die DGPPN.