Warum soziale Medien Jugendliche depressiv machen könnten

Vor allem weibliche Teenager, die viel Zeit in sozialen Netzwerken verbringen, leiden häufiger unter Depressionen, die eine Querschnittsstudie in EClinicalMedicine (2019; doi: 10.1016/j.eclinm.2018.12.005) vor allem mit Schlafstörungen und einem Onlinemobbing in Verbindung bringt. Auch ein niedriges Selbstwertgefühl und Unzufriedenheit mit dem Aussehen könnten durch soziale Netzwerke verstärkt werden. 

Mehr als drei Stunden täglich in sozialen Medien

Soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und Twitter üben auf viele Jugendliche einen unwiderstehlichen Reiz aus. Von den knapp 11.000 14-Jährigen, die im Rahmen der UK Millennium Cohort Study befragt wurden, gaben 43 % der Mädchen und 22 % der Jungen an, dass sie täglich mehr als 3 Stunden mit Chatten und anderen Online­kontakten verbringen. Nur 4 % der Mädchen und 10 % der Jungen legten keinen Wert auf die elektronische Kommunikation mit Freunden.

Jugendliche, die häufig und lange in den sozialen Netzwerken aktiv sind, litten häufiger unter depressiven Verstimmungen, wie die Auswertung der Kurzform des Mood and Feelings Questionnaire (SMFQ) zeigt: Mädchen, die täglich 3 bis 5 Stunden in den Netzwerken aktiv waren, hatten im SMFQ höhere Werte. Bei einer Onlineaktivität von mehr als 5 Stunden pro Tag stieg der Anteil auf 50 %. Bei den Jungen ermittelten Yvonne Kelly vom University College London und Mitarbeiter einen Anstieg von 21 auf 35 %. 

Eine Assoziation kann in einer Querschnittstudie nicht beweisen, dass die Dauer der Onlinekommunikation für die depressiven Verstimmungen verantwortlich ist und dass Mädchen stärker gefährdet sind als Jungen. Es könnte ja sein, dass Mädchen, die aus anderen Gründen zu Depressionen neigen, ein größeres Bedürfnis verspüren, mit anderen zu kommunizieren. 

Hohe Anzahl an Belästigungen

Die Studie zeigt aber auch, dass online nicht nur Nettigkeiten ausgetauscht werden: 40 % der Mädchen und 25 % der Jungen gaben an, dass sie schon einmal online belästigt wurden oder sogar zum Ziel eines Cybermobbings geworden sind, bei dem zumeist eine Gruppe einzelne ausgrenzt – was leicht zu depressiven Störungen beim Opfer führen kann.

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Vor allem bei Mädchen dreht sich das Thema häufig um das Aussehen. Mädchen, die in diesem Punkt häufig online angegriffen werden, neigen möglicherweise zu einem negativen Körperbild und zu einem niedrigen Selbstwertgefühl, was wiederum depressive Symptome fördern kann. Die Umfrage liefert hierfür Hinweise, wobei die Assoziationen streng genommen keine Kausalität belegen: Depressionen könnten bei Mädchen und Jungen dazu führen, dass sie ihr Äußeres vernachlässigen oder sich weniger selbstbewusst geben, was sie dann leichter zum Opfer eines Cybermobbings werden lässt.

Die Studie fand noch eine weitere Assoziation, die auf einen möglichen pathophysio­logischen Mechanismus hinweist. Bei vielen Teenagern scheinen die Bildschirm- die Schlafzeiten einzuschränken, und auch die Gewohnheit, das Smartphone am Bett zu haben, um auch nachts reagieren zu können, scheint der Umfrage zufolge weit verbreitet zu sein.

Schlafstörungen haben ebenfalls großen Einfluss

In einer Pfadanalyse hatten Schlafstörungen neben dem Online­mobbing den größten Einfluss auf die depressiven Symptome (wobei auch hier nicht auszuschließen ist, dass depressive Jugendliche, die infolge ihrer Erkrankung unter Schlafstörungen leiden, häufiger bei Facebook & Co nach neuen Postings suchen).

Mentale Störungen sind nicht das einzige Problem, das sich aus einem Internetkonsum ergeben kann. Russell Viner vom Institute of Child Health in London und Mitarbeiter beschreiben in einer Übersicht in BMJ Open(2019; 9: e023191) auch eine Assoziation mit einer Adipositas, einer ungesunden Ernährung und einer niedrigen Lebensqualität. Aber auch hier fehlt der Beweis einer Kausalität.

Viner ist Präsident des Royal College of Paediatrics and Child Health (RCPCH), das dieser Tage Tipps für Eltern herausgegeben hat. Den bei vielen Eltern beliebten kategorischen Zeitlimits erteilt das RCPCH jedoch eine Absage. Eltern und Kinder sollten vielmehr in einen Dialog treten und zusammen einige für das Familienleben verträgliche Regeln entwickeln, heißt es in den (online) publizierten Empfehlungen. 

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Die große Leere: Fast jeder Zweite über 60 leidet an Depressionen

Die Zahlen, die Dr. Forugh Dafsari nennt, sind beunruhigend : Schätzungsweise 40 Prozent der Menschen über 65 Jahren haben depressive Symptome, in Pflegeheimen liegt der Anteil sogar bei bis zu 50 Prozent, so die Ärztin und Psychologin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Köln. Die Zahlen machen deutlich: Depressionen zählen schon heute – neben der Demenz – zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei Menschen jenseits des 60. Lebensjahres. Und die Prognose ist wenig ermutigend. In einer älter werdenden Gesellschaft wird auch die Zahl der Menschen, die an einer Altersdepression leiden, weiter steigen. Sie wird in den kommenden Jahren zu einer zentralen gesellschaftlichen Herausforderung, so die Experten. In einer Spezialambulanz widmet sich die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Köln seit April diesen Jahres deshalb gezielt der Depression im Alter. Sie ist die erste Einrichtung ihrer Art an einer deutschen Universitätsklinik.

Meist viel zu lange unerkannt

Die steigende Zahl der Betroffenen ist nämlich nur die eine Seite des Problems. Viel gravierender ist, dass eine Altersdepression in den meisten Fällen viel zu lange nicht erkannt wird. Nur etwa acht Prozent der Menschen über 65 haben tatsächlich eine diagnostizierte Depression. „In den meisten Fällen dauert es viele Jahre bis zur Diagnosestellung“, erklärt Forugh Dafsari. Die Folge: Viele Betroffene werden nicht ausreichend spezifisch behandelt.

Erhöhte Morbität und Suizid-Rate

Dabei ist ihr Leid groß. Denn eine Altersdepression geht nicht nur mit einer deutlich reduzierten Lebensqualität und deutlichen Einschränkungen im Alter einher, sondern auch mit einer erhöhten Morbidität und Suizidrate. „50 Prozent der Frauen, die sich 2015 das Leben nahmen, waren älter als 60 Jahren“, erläutert Dafsari. Zudem belegten Studien, dass sowohl während als auch nach einer depressiven Episode das Risiko etwa für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs- und Infektionserkrankungen erhöht ist. Umso wichtiger sei eine gründliche und rechtzeitige Diagnose. Denn richtig erkannt, sei auch eine Altersdepression gut behandelbar.

Warum es oftmals so lange dauert, bis die Diagnose „Altersdepression“ gestellt wird, hat verschiedene Ursachen. Ein Problem sei sicherlich die fehlende Aufklärung über die Erkrankung.

Altersdepression hat meist andere Symptome

Viele Betroffene würden die Depression für eine nicht ernstzunehmende Erkrankung halten und glaubten fälschlicherweise, dass das Überwinden einer depressiven Verstimmung nur mit dem eigenen Willen möglich sei, erklärt Dafsari.

Die eindeutige Diagnose erschwere aber vor allem, dass eine Altersdepression mit anderen Symptomen einhergeht. „Klassische“ Depressionssymptome jüngerer Patienten wie gedrückte Stimmung, Antriebsmangel oder vermindertes Selbstwertgefühl liegen zwar ebenfalls vor, allerdings „kaschieren“ oft körperliche Beschwerden, wie zum Beispiel Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel, Schmerzen, Schlafstörungen oder allgemeine Schwäche oder kognitive Defizite die Altersdepression. „Das führt dazu, dass eine Altersdepression als körperliche Erkrankung oder normaler physiologischer Alterungsprozess fehlinterpretiert wird“, erklärt Psychologin und Ärztin Dafsari.

Auch die kognitiven Defizite einer Altersdepression würden von den Betroffenen und ihrem Umfeld oft fälschlicherweise als normaler Alterungsprozess oder beginnende Demenz interpretiert.

Diagnostische Abgrenzung zur Demenz nicht leicht

Tatsächlich kann eine beginnende Demenz auch mit depressiven Verstimmungen einhergehen, was eine diagnostische Abgrenzung erschweren kann. Nachgewiesen aber ist, dass die kognitiven Störungen, die im Zuge einer Altersdepression auftreten – anders als bei einer Demenz –, meist nicht mit Orientierungs- oder Benennungsstörungen einhergehen. So vielfältig wie ihre Symptome, so vielfältig sind auch die Ursachen der Altersdepression. Zu den Risikofaktoren zählen neben körperliche Erkrankungen wie zum Beispiel chronische Nierenerkrankungen oder ein Schlaganfall, aber auch die zunehmende körperliche Beeinträchtigung im Alter, die das Gefühl der Unkontrollierbarkeit sowie Ängste hervorrufen können.

Auch das weibliche Geschlecht ist ein Risikofaktor, denn Frauen erkranken nachweislich häufiger an einer Altersdepression als Männer. Ebenso spielen soziale Faktoren wie Einsamkeit oder akut belastende oder einschneidende Lebensereignisse etwa der Tod des Partners oder auch das Ausscheiden aus dem Arbeitsleben eine wichtige Rolle.

Forugh Dafsari berichtet von einem Patienten, der nach einem sehr erfolgreichen und ausgefüllten Berufsleben fast zeitgleich mit seinem Eintritt in den Ruhestand in eine depressive Verstimmung fiel, fast ein Klassiker.

Nach der Pensionierung kam die große Leere

Seine Ehe war in die Brüche gegangen, die erwachsenen Kinder längst aus dem Haus. Mit der Pensionierung habe er auf einmal vor einer großen Leere gestanden. Antriebsarm lebte er vor sich hin, irgendwann fiel es ihm dann sogar schwer, morgens überhaupt aufzustehen. Das Gefühl, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmen können, habe er schon länger gehabt. Der Elan aber, etwas dagegen zu tun, fehlte. „Er war mit Mitte 60 auf einmal regelrecht des Lebens müde.“

Zufällig erfuhr der Mann dann aber aus der Zeitung von der neuen Spezialambulanz an der Kölner Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Mit einer kombinierten medikamentösen und psychotherapeutischen Therapie konnte ihm dort schnell geholfen werden. „Er ist jetzt in einem stabilen Zustand, kann die Veränderungen in seinem Leben annehmen und sein jetziges Leben neu gestalten“, berichtet die Ärztin.

Wie wird behandelt?

In der Behandlung der Altersdepression kommt der psychotherapeutischen Behandlung eine wichtige Bedeutung zu – nicht zuletzt weil sich herausgestellt hat, dass ältere Menschen deutlich weniger gut als junge auf eine rein medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva ansprechen. Eine Ursache dafür ist, dass im Alter Medikamente schlechter verstoffwechselt werden. Zum anderen haben viele Betroffene Begleiterkrankungen und nehmen deswegen bereits Medikamente. Eine zusätzliche Einnahme von Antidepressiva kann dann zu unerwünschten Wechselwirkungen führen. „Das erfordert eine sehr genaue Diagnostik und medikamentöse Einstellung“, so Dafsari.

Bei depressiven Symptomen setzen die Mediziner deshalb zunehmend auch auf eine Psychotherapie – nicht zuletzt weil eine Pilotstudie in Tübingen ergeben hat, dass eine spezifische psychotherapeutische Behandlung der Altersdepression- vor allem wenn sie in Einzelsitzungen stattfindet wirksam ist. Selbst Gruppensitzungen führten zu einer Reduktion der Symptome.

Die Ergebnisse der Tübinger Pilot-Studie sollen in einer aktuell laufenden großen multizentrischen Studie, die von Professor Frank Jessen, dem Direktor der Kölner Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, geleitet wird, belegt werden.

Verhaltenstherapeutische Intervention

In der Studie, an der neben der Kölner Uniklinik sechs weitere Zentren beteiligt sind, werden etwa 250 Personen über acht Wochen zwei Mal wöchentlich mit einer verhaltenstherapeutischen Intervention behandelt. „Sollte die Studie die Wirksamkeit der spezifischen Psychotherapie im Alter belegen, würde ein sofort implementierbares wirksames Behandlungsverfahren für diese häufig komplex zu therapierende Patientengruppe zur Verfügung stehen“, betont Studienkoordinator Frank Jessen.

Die Studie sei eine Möglichkeit auch für Patienten in der Kölner Region, betont Dr. Forugh Dafsari. Die Therapie sei auf Themen des Alterns zugeschnitten. Es gehe in den Gesprächen um den Umgang mit Verlusterfahrungen,, Veränderungen in dem Lebensabschnitt, um einen Lebensrückblick oder auch den Umgang mit der körperlichen Immobilität.

Studie zeigt: Testosteron hilft depressiven Männern

Bisher basiert die Behandlung von Depressionen im Wesentlichen auf zwei Säulen: Psychopharmaka und Psychotherapie. Eine aktuelle Studie ist nun zum Ergebnis gekommen, dass auch Hormone zum Einsatz kommen könnte.

Betroffene teilen Erfahrungen und geben Depression eine Stimme – nutzergenerierte Website gestartet

Neue multimediale interaktive Website lässt an Depression erkrankte Menschen zu Wort kommen – Experten-Clips informieren über Erkrankung

Leipzig/Berlin 03.12.2018 – Unter www.die-mitte-der-nacht.de geht heute eine interaktive und multimediale Aufklärungs-Webseite über Depression an den Start. Auf der Seite können Betroffene und Angehörige in eigenen Beiträgen über ihre Erfahrungen mit Depression berichten und der Erkrankung so eine Stimme geben. Die Betroffenen können für die Website schriftliche Erfahrungsberichte oder Audio- und Video-Dateien einreichen. „Wir wollen einen offenen Umgang mit Depression fördern und so Verständnis wecken für die Erkrankung, die für Außenstehende oft schwer greifbar ist“ erklären die Initiatoren des Projekts Michaela Kirst und Axel Schmidt. Ergänzt werden die sehr persönlichen Einblicke durch kurze Experten-Videos. Diese enthalten die wichtigsten Informationen über Symptome, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten der Depression. „Der Nutzer kann sich so über Depression informieren, ohne lange Texte lesen zu müssen“, so die Agentur Knick Design, welche die Webseite gestaltet und umgesetzt hat. Auch Prominente machen sich auf der Website für die Aufklärung über Depression stark. Neben Entertainer Harald Schmidt kommen Moderatorin und Schauspielerin Nova Meierhenrich und Bloggerin Victoria van Violence zu Wort. „Die Website ist eine einzigartige Aufklärungs-Plattform über Depression. Es gibt nichts Vergleichbares im Internet“ betont der Filmemacher und Psychiater Axel Schmidt weiter.

Ein Jahr im Leben von Menschen mit Depression – Dokumentarfilm gab Anstoß für Aufklärungs-Website

Entstanden ist die Webseite aus dem Filmprojekt „Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag“. Für den Dokumentarfilm begleiteten Michaela Kirst und Axel Schmidt ein Jahr lang zwei an Depression erkrankte Frauen und eine betroffene Familie. 2016 feierte der Film Premiere und war seither in über 90 Orten in Kinovorführungen zu sehen. Unter www.deutsche-depressionshilfe.de kann der Dokumentarfilm außerdem als DVD für zuhause bestellt werden. „Während der Suche nach Protagonisten für unseren Dokumentarfilm, haben uns viele Menschen ihre Erfahrungen anvertraut. Nicht alle konnten wir in den Film aufnehmen. Wir hatten jedoch das Gefühl, dass es wirklich wichtig ist, all diesen unterschiedlichen Geschichten eine Heimat zu geben. “, erläutert Regisseurin und Produzentin Michaela Kirst von sagamedia die Idee für das Projekt.

Immer noch viele Vorurteile und Wissenslücken über Erkrankung

Jedes Jahr erkranken 5,3 Millionen Menschen in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression. Die Volkskrankheit ist u.a. gekennzeichnet durch gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudlosigkeit, hartnäckige Schlafstörungen und das Gefühl der Ausweglosigkeit. Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe sieht immer noch großen Aufklärungsbedarf: „Wir wissen aus unseren deutschlandweiten Befragungen, dass es immer noch große Wissenslücken und Vorurteile zu Depression in der deutschen Bevölkerung gibt. Viele Menschen verstehen nicht, dass Depression eine ernstzunehmende Erkrankung ist, die jeden treffen kann und einer professionellen Behandlung bedarf. Sie verwechseln die Depression mit Sorgen oder Überforderung, die jeder einmal in seinem Alltag erlebt.“ Die Webseite gibt deshalb einen sehr persönlichen und authentischen Einblick, wie sich die Erkrankung anfühlt und leistet so einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung. Die Umsetzung der Seite war möglich dank der Förderung durch die AOK PLUS.

Interaktive Webseite
Die Erfahrungsberichte der Betroffenen und die Experten-Clips finden Sie unter www.die-mitte-der-nacht.de. Dort können an Depression erkrankte Menschen auch eigene Erfahrungsberichte hochladen.

DVD bestellen
Der Dokumentarfilm „Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag“ ist auf DVD erhältlich. In einem ergänzenden Informationsfilm werden von Experten alle wichtigen Fragen rund um Symptome und Behandlungsmöglichkeiten beantwortet. Beide Filme sind ab sofort über www.deutsche-depressionshilfe.de/infomaterial auf DVD (23,40 € zzgl. Porto) erhältlich.

kostenfreier Verleih an Institutionen
Vereine, Selbsthilfegruppen, Schulen, Unternehmen und andere Organisation können den Film und umfangreiches Begleitmaterial kostenfrei für öffentliche Vorführungen ausleihen. Bitte wenden Sie sich dazu an: Anne Schmidt, 0341/97 24598 oder info@buendnis-depression.de

Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.die-mitte-der-nacht.de

Depressionen: Hohe Belastung, auch für Angehörige

Wenn Menschen an Depressionen erkranken, sind davon häufig auch die Familien und Freunde stark betroffen. 84 Prozent der Erkrankten reagierten mit sozialem Rückzug, heißt es im gestern vorgestellten zweiten Deutschland-Barometer Depression im Auftrag der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutsche Bahn Stiftung.

Angehörige könnten das Verhalten des Erkrankten als Zurückweisung missverstehen. Das berge die Gefahr, dass Partnerschaften auseinandergehen. Mit der erfolgreichen Behandlung einer Depression kehre die Verbundenheit oft zurück.

Für das Depressionsbarometer wurden 5.000 Erwachsene zwischen 18 und 69 Jahren online befragt. Laut Stiftung erkranken rund 17 Prozent der erwachsenen Deutschen mindestens einmal im Leben an einer anhaltenden depressiven Störung. 72 Prozent der Erkrankten beschreiben, während der Erkrankung keine Verbundenheit zu Menschen mehr zu empfinden. Die Hälfte der Betroffenen berichtet von Auswirkungen auf die Partnerschaft. 45 Prozent davon haben erlebt, dass es aufgrund der Depression zu einer Trennung gekommen ist.

„Die hohe Zahl der Trennungen zeigt, was für eine tiefgreifende Erkrankung die Depression ist“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl. An Depression erkrankte Menschen verlören den Antrieb, ihr Interesse und fühlten sich innerlich abgestorben, ohne Verbundenheit mit anderen Menschen oder ihrer Umwelt. „Sie ziehen sich zurück und sehen den gesamten Alltag wie durch eine schwarze Brille“, sagte Hegerl.

Ein Teil der Betroffenen berichtet laut Befragung rückblickend aber auch von positiven Erfahrungen: 36 Prozent gaben an, dass die Depression die Beziehung zum Partner sogar vertieft habe. „Das gemeinsame Überstehen des großen Leidens, das die Depression verursacht, kann zu einem Zusammenwachsen führen“, erklärte Hegerl.

Das Deutschland-Barometer liefert auch Daten zu den Erfahrungen von Angehörigen: 73 Prozent entwickeln Schuldgefühle gegenüber ihrem erkrankten Partner und fühlen sich für dessen Erkrankung und Genesung verantwortlich. 30 Prozent gaben an, sich schlecht informiert zu fühlen.

Die Depressionshilfe hat ein bundesweites Info-Telefon eingerichtet. Unter der Nummer 0800/3344533 können Betroffene und Angehörige sich über Anlaufstellen im Versorgungssystem informieren.

Versteckte Depression

Bei Männern sind Aggression und Gereiztheit typische Zeichen einer Depression. Diese kommt bei beiden Geschlechtern gleich häufig vor.

Sie gelten mitunter immer noch als typisch männliche Attribute: aggressiv, gereizt, grantig und nervös. Dabei sind sie auch charakteristische Merkmale einer männlichen Depression. Natürlich kennen auch Männer das Gefühl von Unlust und Sinnlosigkeit oder Traurigkeit. Doch am Anfang steht beim depressiven Mann sehr oft die Gereiztheit, die Aggression. „Das geht bis zum Mord. Nicht selten werden Aggressionsdelikte von Männern während einer Depressionsphase ausgeübt“, sagt der bekannte Kriminalpsychiater Reinhard Haller. Die gefährliche Zeit sei jedenfalls nicht der Tiefpunkt einer Depression – da sind auch Männer eher antriebslos –, sondern der Anfang, wenn die Antriebslähmung noch nicht eingesetzt hat.

Lustlos, freudlos. Wolfgang B. entspricht nicht dem typischen männlichen Depressionspatienten. „Ich war eigentlich nie aggressiv“, sagt er. Er erinnert sich daran, dass er irgendwie nichts mehr tun wollte. „Nicht mehr außer Haus gehen, kochen, fernsehen, essen“, erzählt der heute 56-Jährige. Die „Losigkeit“ der Depression hatte ihn im Griff: lustlos, antriebslos, freudlos, aussichtslos. „Ich wollte gar nicht mehr aus dem Bett. Ich war nur noch leer, und mein Körper fühlte sich an wie eine leblose Hülle“, schildert der gelernte, heute pensionierte Tierpräparator.

Das sind alles Anzeichen einer schweren Depression, viel häufiger sind leichte bis mittelschwere Formen. Und davon sind Männer und Frauen gleichermaßen betroffen, die Lebenszeitprävalenz beträgt bei beiden Geschlechtern zehn bis 15 Prozent. „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Frauen häufiger Depressionen haben. Männer sind nur unterdiagnostiziert“, sagt Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien.

Denn auch ein Arzt, der nicht vom Fach ist, verkennt häufig die Zeichen einer männlichen Depression. Ärgerattacken und Wutausbrüche bei der geringsten Kleinigkeit bringt man eben nicht so leicht mit einer Depression in Verbindung. Kasper weiß aus der Praxis: „Wenn eine depressive Frau in eine Arztpraxis kommt, wird sie um Hilfe bitten, tut dies ein Mann mit Depressionen, wird er den Arzt eher kritisieren.“

Der Mann sucht Kampf oder Flucht

Frauen neigen eher zum Totstellreflex, Männer mehr zu Alkoholexzessen und ausgeprägtem Risikoverhalten: Sie unternehmen waghalsige Bergtouren oder lassen sich auf riskante Autorennen ein. „Wenn es einem Mann schlecht geht, ist er auf Kampf und Flucht aus, eine Frau will eher reden und sich helfen lassen“, sagt Kasper. Freilich leiden auch Männer unter depressiver Verstimmung. Doch diese können sie oft sehr gut verstecken, sodass keiner etwas merkt. Kasper zählt viele erfolgreiche Anwälte, Manager oder Ärzte zu seinen Patienten, die im Job aber einwandfrei funktionieren. „Viele erwischt es zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr, da gibt es auch beim Mann biologische Veränderungen.“ Dabei sei häufig auch Machtverlust ein Auslöser für männliche Depression. „Job- und Partnerverlust spielen ebenfalls eine Rolle.“

So war es auch bei Wolfgang B. Sein Beruf als Verwaltungsleiter in einem Museum hatte ihm großen Spaß gemacht. „Ich bin aufgegangen in meinem Job.“ Noch wichtiger war nur noch Christiana, seine Lebensgefährtin, „mein absoluter Lebensmensch“. Doch seine Partnerin erkrankte an Krebs und starb nach langer, harter Therapie. Anfangs stürzte sich Wolfgang B. noch mehr in die Arbeit, entwickelte eine regelrechte Arbeitswut. Das ging eine Zeit lang gut. Doch in den Nächten, an den Sonntagen ließen ihn die negativen Gedanken nicht los. „Körperlich ging es mir immer schlechter, es blieb immer mehr Arbeit liegen, und plötzlich schaffte ich nichts mehr, blieb im Bett liegen, hatte null Tagesstruktur.“

Das war 2009. Reden wollte er mit niemandem darüber, „ich habe alles in mich hineingefressen.“ An Suizid dachte er aber nicht.

In der Pubertät nehmen sich depressive junge Männer doppelt so häufig das Leben wie Mädchen, ab 60 sind es dreimal so viele Männer und ab 70 viermal. Suizidversuche sind bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig, nur machen es Frauen „sanfter“ (Tabletten), werden daher öfter gerettet. Männer gehen „endgültiger“ vor (mit Schusswaffe oder Strick) und nehmen öfter andere mit – wie der Germanwings-Pilot Andreas Lubitz, der in selbstmörderischer Absicht ein Flugzeug zum Absturz brachte und dabei nicht nur sich, sondern 150 Menschen tötete.

Medikamente und Therapie

Depressionspatient Wolfgang B. lebt heute wieder gern. Medikamentöse und Psychotherapie halfen und helfen ihm, sie sind die Hauptpfeiler der Behandlung. Bei den Antidepressiva steht eine breite Palette zur Verfügung, darunter die modernen SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer): „Man muss den männlichen Patienten gleich von Vorneherein sagen, dass diese Medikamente die Libido drücken, aber das gibt sich meist wieder“, sagt Kasper.

Wolfgang B. ist heute mit Engagement im Behindertenbeirat tätig und engagiert sich ehrenamtlich bei Pro Mente. Dort hat er nicht nur ein „neues Zuhause gefunden“, er leitet auch eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen. „Das mache ich mit Begeisterung. Als ich damit vor zwei Jahren begonnen habe, waren 80 Prozent Frauen und 20 Prozent Männer, heute ist es umgekehrt.“

Neues Onlineportal der AOK soll im Umgang mit depressiv erkrankten Menschen helfen

Berlin – Das neue Onlineprogramm der AOK „Familiencoach Depression“ soll Angehörigen helfen, den Alltag mit einem depressiv erkrankten Menschen besser zu bewältigen. Dabei lernen Familie und Freunde mit Symptomen wie Freudlosigkeit oder Antriebslosigkeit umzugehen. Noch dieses Jahr soll das kostenfreie Angebote exklusiv für AOK-Versicherte ergänzt werden. Ob der Familiencoach Depression wirkt, muss erst noch eine Studie zeigen.

Das Programm basiert auf den Inhalten von Psychoedukationskursen, die die Belastung der Angehörigen nachweislich senken können. „In vier Trainingsbereichen erfährt man, wie man seinen erkrankten Angehörigen, Freund oder Bekannten unterstützen und sich selbst vor Überlastung schützen kann“, sagt Elisabeth Schramm vom Universitäts­klinikum Freiburg, die das Programm in Zusammenarbeit mit der AOK entwickelt hat.

Das Onlineprogramm zeigt unter anderem in 14 Videos, wie es gelingt, die Beziehung zum erkrankten Angehörigen zu stärken, mit Krisensituationen umzugehen, den Erkrankten zu unterstützen und sich selbst in dieser schwierigen Situation nicht zu überfordern. In kurzen Interviews geben Experten Hinweise – zum Beispiel zu der Frage, wie man sich verhalten sollte, wenn man bei einem Familienmitglied oder Freund Suizidgedanken vermutet.

Portal soll Vorurteile und Wissensdefizite beheben

Der Familiencoach Depression ist mit Fokusgruppen von Angehörigen und betroffenen Patienten entwickelt worden. Befragungsergebnisse aus dem letzten Jahr („Deutschland-Barometer Depression“) zeigen zudem erhebliche Wissenslücken bei Angehörigen, berichtet Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: „So glaubt jeder dritte Angehörige fälschlicherweise, dass Depression ein Resultat von Charakterschwäche sei, während es bei den Betroffenen 22 % der Befragten sind“. 85 % der Angehörigen seien der Meinung, dass Antidepressiva süchtig machten – im Vergleich zu 60 % der Betroffenen.

Angehörige nutzen Psychoedukationskurse zu selten

Eine depressive Erkrankung eines nahestehenden Menschen verursacht oft hohe psychosoziale Belastungen, betont Christiane Roick, stellvertretende Leiterin des Stabs Medizin beim AOK-Bundesverband. „Während Psychoedukationskurse für Patienten bereits zum Standardrepertoire der Versorgung gehören, sind entsprechende Kurse für die Angehörigen aber noch deutlich seltener“, so Roick.

Nur gut ein Drittel der psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken in Deutschland halte solche nachweislich wirksamen Angebote vor, und nur ein Fünftel der Angehö­rigen nutze sie. Gründe für die geringe Inanspruchnahme sind unter anderem Kurszeiten oder die Furcht von einer Stigmatisierung der Angehörigen.

„Diese Hürden können mit unserem Onlineprogramm, das in seiner Art und seinem Umfang bisher einmalig ist, sehr gut überwunden werden“, hofft Roik. Es erlaube einen anonymen sowie zeitlich und örtlich flexiblen Zugang zu den Informationen. Die Nutzer müssen nicht bei der AOK versichert sein. AOK-Versicherte können jedoch ab Herbst 2018 zusätzlich Fragen per E-Mail an Elisabeth Schramm richten. Sie wird diese in einer Videobotschaft alle 2 Monate gesammelt beantworten. Eine App-Version ist nicht geplant.

Um die Wirkung des Onlineangebots nachzuweisen, startet demnächst eine Evaluation. Studiendesign und Endpunkte sind jedoch noch nicht festgelegt, teilt Roik mit: „Die Ergebnisse erwarten wir frühestens in 3 Jahren.“

Für ein Depressionsscreening fehlt laut dem IQWiG die wissenschaftliche Grundlage

Köln – Bei rund zwölf Prozent der Erwachsenen in Deutschland wird im Laufe ihres Lebens eine Depression diagnostiziert. Trotzdem fehlt für die Einführung eines Screenings die wissenschaftliche Grundlage – der mögliche Nutzen und Schaden einer Reihenuntersuchung sind unklar. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in seinem Abschlussbericht zum Thema. Das Institut bestätigt damit die Ergebnisse seines Vorberichts.

Das IQWiG hat geprüft, ob es laut Studien für Teilnehmer eines Screenings Vor- oder Nachteile haben könnte, wenn beispielsweise Hausärzte regelhaft einen Test anhand eines Fragebogens anbieten, der Hinweise auf eine Depression geben kann.

„Ein Nutzen des Screenings könnte darin bestehen, dass die Erkrankung früher erkannt und dann auch besser behandelt werden kann. So ließe sich etwa verhindern, dass sich die Betroffenen dauerhaft aus dem sozialen Leben zurückziehen oder arbeitsunfähig werden“, hieß es aus dem IQWiG. 

Einen Schaden könnte das Screening verursachen, wenn der Test ein falsch-positives Ergebnis ergibt, also eine Depression anzeigt, die Betroffenen aber nicht erkrankt sind. Der Befund könnte sie emotional unnötig belasten. Außerdem könnten Betroffene unter den Nebenwirkungen von Medikamenten leiden, die sie nicht benötigen.

Die IQWiG-Forscher konnten für den Abschlussbericht aus insgesamt sieben prospektiv geplanten Interventionsstudien keine belastbaren Aussagen ableiten. „Denn entweder unterschieden sich die Ergebnisse zwischen Teilnehmern und Nichtteilnehmern des Screenings gar nicht oder die Unterschiede waren zu gering, um medizinisch relevant zu sein“, berichten sie. Bei den fünf aus Japan stammenden Studien seien die Ergebnisse außerdem kaum auf den deutschen Versorgungskontext übertragbar.

„In kaum einem westlichen Land sucht man aktiv mittels Screening nach Depressionen, weil die Datenlage hierfür nicht ausreicht“, berichtet Stefan Sauerland, Leiter des IQWiG-Ressorts „Nichtmedikamentöse Verfahren“. Auch zu Nutzen und Schaden der zurzeit stark propagierten Screening-Apps fehle bislang die Evidenz, so der Wissenschaftler.

Macht Ketamin abhängig? Antidepressive Wirkung beruht auf Aktivierung von Opiatrezeptoren

Die schnelle antidepressive Wirkung von Ketamin wurde in einer kleinen randomisierten Studie durch die vorherige Gabe des Opioidantagonisten Naltrexon blockiert. Die im American Journal of Psychiatry (2018; doi: 10.1176/appi.ajp.2018.180201389) vorgestellten Ergebnisse werfen die beängstigende Frage auf, ob das neue Mode-Antidepressivum möglicherweise suchterregend ist.

Berichte über die exzellente Wirkung von Ketamin bei Depressionen hat in den USA zur Gründung von „Ketamin Clinics“ geführt. Dort wird Patienten, die auf herkömmliche Antidepressiva nicht ansprechen, eine schnelle Lösung ihrer Probleme versprochen. An psychiatrischen Kliniken setzen Ärzte Ketamin auch als Notfallbehandlung bei Suizidalität ihrer Patienten ein. Beide agieren, ohne die langfristigen Auswirkungen der Ketamintherapie zu kennen.

Ketamin wurde bereits 1962 entwickelt und seit den 1970er-Jahren als Anästhetikum eingesetzt. Die Kombination aus schmerzlindernder Wirkung und Bewusstlosigkeit ermöglichte beispielsweise im Vietnamkrieg schmerzfreie Operationen ohne Beatmungsgeräte. Heute wird Ketamin in der Anästhesie wegen seiner psychotropen Nebenwirkungen (Halluzinationen, Alpträume) nur noch selten verwendet. Dafür wurde Ketamin als Straßendroge beliebt, da die dissoziative Wirkung einen Rausch erzeugen kann. Drogenexperten warnen seit einiger Zeit vor dem Abhängigkeitspotenzial von „Special K“ oder „Vitamin K“.

Vor wenigen Jahren wurde entdeckt, dass eine Ketamininfusion Patienten innerhalb kurzer Zeit von zuvor therapieresistenten Depressionen befreit, während die Wirkung von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern und anderen konventionellen Antidepressiva häufig erst nach Wochen eintritt.

Wie die rasche Wirkung zustande kommt, war bislang nicht bekannt. Wegen der guten schmerzlindernden Wirkung hatten Nolan Williams und Boris Heifets von der Stanford University in Palo Alto den Verdacht, dass Ketamin möglicherweise die Opiatrezeptoren im Gehirn aktiviert.

Um dies zu prüfen, ließen die Mediziner 30 Patienten mit therapieresistenter Depression vor einer geplanten Ketamininfusion mit dem Opioidantagonisten Naltrexon oder mit Placebo behandeln. Während die Symptome in der Placebogruppe wie erwartet um 90 % zurückgingen, blockierte Naltrexon die antidepressive Wirkung von Ketamin komplett. Die halluzinogenen und dissoziativen Effekte von Ketamin blieben dagegen erhalten. Die Studie wurde wegen der klar erkennbaren Effekte vorzeitig abgebrochen.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die antidepressive Wirkung von Ketamin nicht wie bisher angenommen auf einer Blockade der NMDA-Rezeptoren beruht, sondern durch die Aktivierung von Opioidrezeptoren zustande kommt.

Wenn dies zutrifft, dann könnte die Behandlung von Depressionen mit Ketamin eine Abhängigkeit auslösen (wovor Drogenexperten seit Längerem warnen). Da es in den USA viele Patienten gibt, die unter Depressionen leiden, könnte ein breiter Einsatz der Droge in den „Ketamin-Clinics“ eine weitere Drogenepidemie auslösen, warnt Mark George von der Medizinischen Universität von South Carolina Charleston in einem Editorial.

Belegen lässt sich diese Gefahr durch eine kleine randomisierte Studie sicherlich nicht. Die derzeitige Opiatkrise in den USA zeigt jedoch, dass der unkritische Einsatz von Medikamenten mit einer nicht erkannten Suchtwirkung schnell außer Kontrolle geraten kann. Die Tatsache, das Ketamin nicht zur Behandlung von Depressionen zugelassen ist, würde den Missbrauch vermutlich nicht verhindern, da Ärzte für andere Zwecke zugelassene Wirkstoffe grundsätzlich „off-label“ einsetzen können.

Ältere Pflegerinnen häufiger psychisch erkrankt

Ältere Frauen in Pflege- und Erziehungsberufen leiden häufiger unter psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen. Sie sind im Vergleich zu Männern und zu jüngeren Frauen deutlich häufiger krankgeschrieben und beantragen auch häufiger eine vorzeitige Erwerbsminderungsrente. Das geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervorgeht, wie die Rheinische Post berichtet.

Demnach wurden Frauen 2016 bundesweit an 59 Millionen Tagen wegen psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen krankgeschrieben; bei Männern waren es 39 Millionen. In der Altersgruppe der 55- bis 60-jährigen waren Frauen doppelt so häufig wegen psychischer Belastungen arbeitsunfähig geschrieben als Frauen zwischen 25 und 30 Jahren. Männer in der gleichen Altersgruppe zwischen 55 und 60 Jahren litten ebenfalls erheblich seltener an psychischen Erkrankungen als ihre Altersgenossinnen.

Die größere Häufigkeit bei älteren Frauen ist laut den Zahlen auch auf ihre Tätigkeiten zurückzuführen. Im Gesundheits- und Sozialwesen stellen Frauen mit 78 Prozent die große Mehrheit der Beschäftigten. In der Kranken- und Altenpflege gab es der Regierungsantwort zufolge 2016 nach dem Hochbau die meisten Krankschreibungen wegen psychischer Belastungen.

Beschäftigte in der Gesundheits- und Krankenpflege waren aus diesem Grund durchschnittlich an 29,7 Tagen krankgeschrieben, in der Altenpflege an 29,4 Tagen. In einer Umfrage des Bundesinstituts für Berufsbildung gaben 68 Prozent der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen und 71 Prozent im Erziehungswesen an, „verschiedene Arbeiten gleichzeitig betreuen zu müssen“, so die Regierungsantwort. Doppel- und Dreifachbelastungen führen oft zu psychischen Erkrankungen.