Sexueller Missbrauch durch katholische Kleriker

Retrospektive Kohortenstudie zum Ausmaß und zu den gesundheitlichen Folgen der betroffenen Minderjährigen (MHG-Studie)

Sexual abuse at the hands of Catholic clergy—a retrospective cohort study of its extent and health consequences for affected minors (The MHG Study)

Dtsch Arztebl Int 2019; 116(22): 389-96; DOI: 10.3238/arztebl.2019.0389

Dreßing, HaraldDölling, DieterHermann, DieterKruse, AndreasSchmitt, EricBannenberg, BrittaHoell, AndreasVoss, ElkeSalize, Hans Joachim

Hintergrund: Nach dem Bekanntwerden von sexuellen Missbrauchsfällen innerhalb der katholischen Kirche hatte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) ein interdisziplinär besetztes Konsortium mit der Forschung zur Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs durch katholische Kleriker in Deutschland beauftragt (MHG-Studie).

Methode: Es wurden qualitative und quantitative Forschungsmethoden angewandt und die Thematik in sieben Teilprojekten analysiert. Zur Bestimmung der Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs wurden 38 156 Personalakten von Klerikern aus dem Zeitraum von 1946 bis 2014 untersucht und die epidemiologischen Ergebnisse dieser Auswertungen dargestellt.

Ergebnisse: 1 670 Kleriker, die des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen beschuldigt waren, wurden anhand von Personalakten identifiziert. Die Quote beschuldigter Kleriker betrug 4,4 %. 3 677 von sexuellem Missbrauch Betroffene konnten ermittelt werden. Die Betroffenen waren in 62,8 % männlich und in 66,7 % unter 14 Jahre alt. Die Dauer des individuellen Missbrauchsgeschehens betrug im Durchschnitt 1,3 Jahre. In über 80 % der Fälle lagen „hands on“-Delikte (Handlungen mit Körperkontakt) vor. Die gesundheitlichen und sozialen Folgen waren für viele Betroffene erheblich, wobei Ängste, Depressionen, Misstrauen, sexuelle Probleme und Kontaktschwierigkeiten am häufigsten genannt wurden.

Schlussfolgerung: Die ermittelten Zahlen sind als untere Schätzgröße des tatsächlich geschehenen Missbrauchs anzusehen. Asymmetrische Machtverhältnisse und ein geschlossenes System, wie es bei der katholischen Kirche vorherrscht, können einen sexuellen Missbrauch begünstigen. Ärzte spielen sowohl bei der Diagnostik und der therapeutischen Begleitung von Betroffenen als auch bei der Diagnostik und der Therapie von tatgeneigten Personen und Missbrauchstätern sowie bei der Mitwirkung an Präventionskonzepten eine besondere Rolle.

Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein weltweit verbreitetes Problem mit hohen Prävalenzen von 18 % bei Mädchen und 7,6 % bei Jungen (1). Abhängig von unterschiedlichen Einschlusskriterien und Erhebungsmethoden ergeben sich höhere oder niedrigere Angaben zur Lebenszeitprävalenz (2). Die Auswirkungen von sexuellen Missbrauchsdelikten können erheblich sein und umfassen unmittelbare bis mittelbare sowie kurzfristige und langfristige Folgen. Die Wahrscheinlichkeit einer schlechten gesundheitlichen Verfassung steigt, je früher im Leben der sexuelle Missbrauch stattfindet (3). Zahlreiche Studien verweisen – im Vergleich zu sonstigen Straftaten – auf eine erhöhte Prävalenz beziehungsweise eine stärkere Ausprägung von posttraumatischen Belastungsstörungen bei Opfern sexuellen Kindesmissbrauchs (4). Angststörungen, Depressionen, suizidales Verhalten, Schlaf- und Essstörungen sind weitere Folgen, die mit erlebten Missbrauchsdelikten in der Kindheit assoziiert sein können (5). Außerdem berichten Studien von einem Zusammenhang zwischen einem erlittenen sexuellen Missbrauch und späterem Substanzmissbrauch sowie selbstschädigendem Verhalten im Zuge maladaptiver Bewältigungsstrategien (6).

Sexueller Kindesmissbrauch findet am häufigsten in Familien, gefolgt von Institutionen, statt (7). Systematische Untersuchungen über die Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs im institutionellen Kontext liegen weltweit überwiegend für die katholische Kirche vor (8). Auch wenn es innerhalb der Institution der katholischen Kirche einige spezifische Strukturen und Dynamiken gibt, die als Risikofaktoren für sexuellen Missbrauch anzusehen sind (9), können Erkenntnisse zu Missbrauchsgeschehen in der katholischen Kirche auch exemplarisch für den Umgang mit sexuellem Missbrauch in anderen Institutionen genutzt werden. Vergleichbare Angaben zur Häufigkeit sexueller Viktimisierung von Kindern in zum Beispiel der evangelischen Kirche oder anderen Institutionen liegen bisher nicht vor (10). Anliegen der vorliegenden Arbeit ist es, herauszuarbeiten, wie die Erkenntnisse der MHG-Studie in der ärztlichen Praxis umgesetzt werden können.

Methode

In der vorliegenden Arbeit werden epidemiologische Daten berichtet, die sich aus einer Personalaktenanalyse von Angehörigen des Klerus ergaben. Betrachtet wurden alle in dem Untersuchungszeitraum von 1946 bis 2014 aktiven oder im Ruhestand befindlichen Kleriker sowie deren minderjährige Opfer des sexuellen Missbrauchs. Zu den Klerikern zählten katholische Priester („Diözesanpriester“), hauptamtliche Diakone und Ordenspriester im Gestellungsauftrag, das heißt Priester katholischer Orden, die vorübergehend oder dauerhaft Priesterfunktionen im Verantwortungsbereich der DBK ausübten. Eine ausführliche Darstellung der Methodik findet sich im eMethodenteil.

Ergebnisse

Beschuldigte Kleriker

Hinweise auf Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen fanden sich bei insgesamt 1 670 Personen. Dies entspricht einem Anteil von 4,4 % an der untersuchten Population. Bei Diözesanpriestern betrug der entsprechende Anteil 5,1 %, bei hauptamtlichen Diakonen 1,0 % und bei Ordenspriestern im Gestellungsauftrag 2,1 % (Tabelle 1). Der Unterschied zwischen den Anteilen beschuldigter Diözesanpriester und beschuldigter Diakone war statistisch signifikant (χ= 78,6607; p < 0,0001).

Zahl der beschuldigten Kleriker

Tabelle 1Zahl der beschuldigten KlerikerBild vergrößernAlle Bilder

Bei 1 485 Beschuldigten (88,9 %) bestanden Angaben zu ihrem Alter bei der angeschuldigten ersten Missbrauchstat. Das mittlere Alter betrug 42,6 Jahre (SD = 11,4 Jahre, 95-%-Konfidenzintervall [KI]: [42,0; 43,1]) mit einer Spanne von 20 bis 82 Jahren.

Bei 472 der belasteten Kleriker (28,3 %) gab es Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch von mindestens zwei Minderjährigen, die höchstens 13 Jahre alt waren, und auf ein Missbrauchsgeschehen, das sich über mehr als sechs Monate hinzog. Diese 472 Kleriker waren bei der Ersttat statistisch signifikant jünger (das heißt zwischen 20 und 39 Jahren alt) als solche, die diese Konstellation nicht aufwiesen (χ= 14,284; p < 0,001). Aus den Personalakten ergab sich, dass in 38,3 % eine Strafanzeige erfolgte. Aus einer gesondert durchgeführten Strafaktenanalyse geht hervor, dass 67,1 % der Strafverfahren eingestellt wurden, überwiegend wegen Verjährung. Sofern eine rechtskräftige Entscheidung des Gerichts vorlag, gab es nur in einem einzigen Fall einen Freispruch.

Im Untersuchungszeitraum besteht das Maximum an beschuldigten Klerikern in den 1960er bis 1980er Jahren, wobei sich bis zum Ende der Erhebungsperiode im Jahre 2014 jedoch neue Erstbeschuldigungen finden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die absolute Zahl der Kleriker in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat.

Betroffene

Den Beschuldigten konnte eine Gesamtzahl von 3 677 sexuell missbrauchten Minderjährigen zugeordnet werden. Bei 706 (42,3 %) der 1 670 Belasteten wurden Hinweise auf mutmaßlich sexuelle Missbrauchshandlungen an mehr als einem Minderjährigen identifiziert („Mehrfachbeschuldigte“). Bei 902 beschuldigten Klerikern (54,0 %) lagen Hinweise auf jeweils einen einzelnen missbrauchten Minderjährigen vor („Einmalbeschuldigte“). Bei 62 Beschuldigten (3,6 %) konnte die Anzahl der jeweiligen Betroffenen nicht bestimmt werden.

Die mittlere Anzahl von Missbrauchsopfern über alle Beschuldigten hinweg betrug 2,5 (SD = 3,5 Betroffene; 95-%-KI: [2,4; 2,7]). Bei alleiniger Betrachtung der 706 Mehrfachbeschuldigten bezifferte sich die mittlere Anzahl an Betroffenen pro Beschuldigtem auf 4,7 (SD = 4,5 Betroffene; 95-%-KI: [4,4; 5,0]).

Von den insgesamt ermittelten 3 677 sexuell Missbrauchten waren 2 309 männlich (62,8 %) und 1 284 weiblich (34,9 %). Bei 84 Betroffenen (2,3 %) lagen keine Informationen zum Geschlecht vor.

Bei 2 847 Betroffenen (77,4 %) lagen Daten zum Alter beim ersten sexuellen Missbrauch vor; im Mittel ergab sich ein Alter von 12,0 Jahren (SD = 3,1 Jahre; 95-%-KI: [11,9; 12,2]). Zwei Drittel dieser Betroffenen waren beim ersten sexuellen Missbrauch 13 Jahre alt oder jünger (n = 1 899; 66,7 %) (Tabelle 2). Das Geschlechterverhältnis von einem Drittel weiblicher gegenüber zwei Drittel männlicher Betroffener unterschied sich in beiden Altersgruppen nicht.

Alter der Betroffenen beim ersten sexuellen Missbrauch

Tabelle 2Alter der Betroffenen beim ersten sexuellen MissbrauchBild vergrößernAlle Bilder

Bei 2 993 Betroffenen (81,4 %) lagen Angaben zum Jahr des Beginns und dem Jahr des Endes des jeweiligen Missbrauchsgeschehens vor, beziehungsweise die Information, dass es sich um eine einmalige Tat handelte. Aus diesen Daten ließ sich die ungefähre Dauer des Geschehens im jeweiligen Einzelfall berechnen. Die errechnete mittlere Dauer der individuellen Missbrauchsverläufe betrug 1,3 Jahre (SD = 2,3 Jahre; 95-%-KI: [1,3; 1,5]).

Tathandlungen

Bei 3 388 Betroffenen (92,1 %) waren Angaben zur Art der Missbrauchshandlungen vorhanden (Tabelle 3). Dabei waren Mehrfachnennungen möglich. Es handelte sich in mindestens 582 Fällen um genitale oder manuelle Penetration (15,8 % aller Betroffenen beziehungsweise 17,2 % der Betroffenen mit Angaben zur Art). In 1 360 Fällen lagen in irgendeiner Form Masturbationshandlungen vor (37,0 % aller Betroffenen beziehungsweise 40,1 % der Betroffenen mit Angaben zur Art).

Art und Zahlen der Missbrauchshandlungen (Mehrfachnennungen)

Tabelle 3Art und Zahlen der Missbrauchshandlungen (Mehrfachnennungen)Bild vergrößernAlle Bilder

Tatfolgen

Tabelle 4 zeigt die Spannbreite der möglichen gesundheitlichen Auswirkungen. Bei mindestens 244 Betroffenen (6,6 % aller Betroffenen beziehungsweise 23,7 % der Betroffenen mit Angaben zu gesundheitlichen Folgen) weist die Clusterung der Items auf eine Symptomatik im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung hin. Da eine standardisierte Erhebung und Dokumentation der Befunde im vorliegenden Kontext nicht stattfand, war das Stellen einer validen klinischen Diagnose nicht möglich.

Gesundheitliche Probleme bei Betroffenen (Mehrfachnennungen)

Tabelle 4Gesundheitliche Probleme bei Betroffenen (Mehrfachnennungen)Bild vergrößernAlle Bilder

Bei 890 Betroffenen (24,3 %) bestanden Informationen zu Problemen hinsichtlich sozialer Bereiche. Dokumentiert waren Probleme in Beziehungen (53,1 %), im Sexualleben (43,0 %), dem beruflichen Werdegang (34,2 %) und bezüglich der gesellschaftlichen Teilhabe (32,5 %).

Daneben wurden Kirchenaustritte von 144 Betroffenen (3,9 %) angegeben. Mindestens 626 Betroffene (17,0 %) ließen sich in Anbetracht der Tatfolgen psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandeln. Aufgrund der nichtstandardisierten Dokumentation kann von einer Unterschätzung der wahren Behandlungsprävalenz ausgegangen werden.

Bei 348 Betroffenen (9,5 %) lagen Informationen über den Schweregrad der gesundheitlichen oder sozialen Tatfolgen vor, wobei die Einstufung nicht nach standardisierten Kriterien erfolgte. Die Tatfolgen wurden in der überwiegenden Zahl der Fälle als schwerwiegend eingeschätzt (Tabelle 5).

Schweregrad von gesundheitlichen oder sozialen Tatfolgen

Tabelle 5Schweregrad von gesundheitlichen oder sozialen TatfolgenBild vergrößernAlle Bilder

Diskussion

Die Methode unterlag Einschränkungen hinsichtlich der Standardisierung, Validität und Reliabilität des Datenmaterials. Dabei ist davon auszugehen, dass das ganze Ausmaß des Missbrauchsgeschehens durch Kleriker nicht abgebildet wurde. Nicht alle entsprechenden Vorkommnisse wurden dokumentiert und eine unbekannte Anzahl von Akten war zum Studienbeginn nicht mehr vorhanden oder nicht mehr vollständig. Daraus resultierte zum einen ein Unterschätzen der Anzahl beschuldigter Kleriker und minderjähriger Missbrauchsopfer. Zum anderen ergab sich eine Vielzahl von fehlenden Angaben zu einzelnen Aspekten in den Erfassungsbögen, die als solche vermerkt wurden. Alle Informationen wurden in anonymisierter Form an das Forschungskonsortium zur Auswertung weitergeleitet, sodass die Einschätzung der Beurteiler nicht überprüft werden konnte. Da die Akten von Rechercheteams der Diözesen ausgewertet wurden, sind weder ein Interessenkonflikt noch ein unvollständiges Übermitteln von Informationen auszuschließen. Eine quantitative Schätzung dieses Bias ist nicht möglich. Dabei ist anzumerken, dass sich in 50 % der Missbrauchsfälle, die durch die katholische Kirche selbst als plausibel eingeschätzt wurden, keine entsprechenden Hinweise in den Personalakten oder sonstigen Dokumenten fanden. Trotz dieser Limitationen konnte eine sehr große Stichprobe analysiert und eine Fülle bisher unbekannter empirischer Befunde zusammengetragen werden.

Die für den Zeitraum von 1946 bis 2014 ermittelten Zahlen von 1 670 Klerikern, die des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen beschuldigt waren, sowie die diesen Beschuldigten zugeordnete Zahl von 3 677 Betroffenen sind als untere Schätzgröße des tatsächlich stattgefundenen Missbrauchsgeschehens anzusehen. Auch wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass einige Kleriker falsch beschuldigt wurden, so ist aufgrund von Erkenntnissen der Dunkelfeldforschung davon auszugehen, dass einer geringen Anzahl von möglichen Falschbeschuldigungen eine wesentlich höhere Zahl von nicht entdeckten Fällen gegenübersteht (11). Eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt, dass Studien zur Häufigkeit von falschen Beschuldigungen keine belastbaren Prävalenzschätzungen erlauben und die weit überwiegende Zahl solcher Beschuldigungen doch der Wahrheit entspricht (12). Die Erkenntnisse der MHG-Studie können einen Beitrag leisten, um professionelle Zugänge für das Gesundheitssystem zum Umgang mit sexuellem Missbrauch im institutionellen Kontext zu schaffen (13). Neben allgemeinen Mechanismen, die den sexuellen Missbrauch in Institutionen begünstigen (zum Beispiel asymmetrische Machtverhältnisse oder ein geschlossenes System), sind bei der katholischen Kirche auch spezifische risikoreiche Konstellationen zu bedenken. Dazu gehören der Missbrauch klerikaler Macht, eine restriktive katholische Sexualmoral, eine problematische Einstellung zur Homosexualität sowie ein problematischer Umgang mit dem Zölibat und dem Beichtgeheimnis (14). Ob es spezifische Risikokonstellationen für sexuellen Missbrauch von Kindern in der evangelischen Kirche oder anderen Institutionen gibt, wurde bisher nicht umfassend untersucht. Auffällig ist der – im Vergleich zu anderen Institutionen – sehr hohe Anteil missbrauchter Jungen im Verantwortungsbereich der katholischen Kirche. Das wirft Fragen im Hinblick auf die Bedeutung der katholischen Sexualmoral und ihrer Verlautbarungen zur Homosexualität auf. Ärzte sollten Kenntnisse über allgemeine und spezifische Risikokonstellationen bezüglich der Thematik des institutionellen sexuellen Missbrauchs von Kindern haben, da sie sowohl für Betroffene wie auch für Tatgeneigte und Täter Ansprechpartner sein können. Ärztliche Expertise kann zudem bei Präventionsprogrammen gefragt sein oder bei der Intervention, wenn es um den konkreten Schutz eines gefährdeten Kindes geht.

In der Gruppe der Betroffenen zeigen die Ergebnisse der vorliegenden Studie, dass sich vielfältige gesundheitliche und soziale Beeinträchtigungen finden. In Anbetracht des Fehlens einer Kontrollgruppe können allerdings keine kausalen Beziehungen zum erlittenen sexuellen Missbrauch hergestellt werden. Da die Informationen nicht aus medizinischen oder psychologischen Berichten stammen, sondern den Personalakten der Kleriker entnommen wurden, können auch keine Diagnosen nach ICD-10 (ICD, International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) gestellt werden. Während sich jedoch in der deutschen Allgemeinbevölkerung in einer aktuellen Untersuchung nur eine Prävalenz depressiver Störungen von 6,4 % fand (15), betrug der Anteil – sofern entsprechende Angaben vorlagen – bei den Missbrauchsopfern 42,4 % beziehungsweise 11,9 % für die gesamte Gruppe der Betroffenen. Auch für die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung ergab sich in der Gruppe der Betroffenen eine deutlich höhere Prävalenz. Diese belief sich auf 23,7 % der Betroffenen, wenn entsprechende Angaben bestanden, beziehungsweise 6,6 % für die gesamte Gruppe der Betroffenen. Für die posttraumatische Belastungsstörung ist in der deutschen Allgemeinbevölkerung eine Prävalenz von 2,9 % berichtet (16). Bemerkenswert ist, dass in den Unterlagen, die im Rahmen der vorliegenden Studie ausgewertet wurden, nur für knapp ein Drittel der Betroffenen Informationen über gesundheitliche und soziale Folgen dokumentiert waren. Aus den fehlenden Angaben kann jedoch nicht abgeleitet werden, dass entsprechende Sachverhalte nicht vorlagen, sondern lediglich, dass keine entsprechenden Informationen verfügbar wurden.

Kinder und Jugendliche sind in geschlossenen institutionellen Systemen häufig von sexualisierter Gewalt betroffen (1718). Es ist eine wichtige ärztliche Aufgabe, für eventuelle Missbrauchsfolgen sensibilisiert zu sein und durch eine behutsame Anamnese mögliche Traumatisierungen frühzeitig zu erkennen, diagnostisch zu erfassen und gegebenenfalls notwendige, weitere Schritte einzuleiten.

Die Wege, auf denen ein Arzt Informationen, über einen sexuellen Missbrauch erhält, können sehr unterschiedlich sein. Sie können zum Beispiel vom Kind selbst oder dessen Bezugspersonen stammen. Denkbar ist auch, dass ein Arzt aufgrund unspezifischer Symptome, die er bei einem Minderjährigen feststellt, einen sexuellen Missbrauch vermutet. Solche unspezifischen Symptome können bei Kindern zum Beispiel Ängstlichkeit, Aggressivität, Leistungsabfall in der Schule, Rückzugstendenzen oder psychosomatische Beschwerden sein (7). Unter Umständen können Informationen über einen sexuellen Missbrauch auch anonym an einen Arzt herangetragen werden. Bei begründetem Verdacht sollte eine sichere Umgebung als Sofortmaßnahme hergestellt werden. Der individuelle Therapiebedarf sollte dann zeitnah von einem Kinder- und Jugendpsychiater eingeschätzt werden (7). Zu bedenken ist dabei, dass sich viele Betroffene gar nicht oder erst nach Jahrzehnten offenbaren und unter vielfältigen psychischen und körperlichen Symptomen leiden. Die Möglichkeit eines erlittenen Missbrauchs im Kontext der katholischen Kirche ist deshalb auch bei Erwachsenen in Betracht zu ziehen und bei unklarer Ätiologie gegebenenfalls behutsam zu explorieren. Dabei kann zunächst darauf hingewiesen werden, dass eine gegebene Symptomatik bei manchen Patienten auch als Folge eines Missbrauchs auftreten kann. Abhängig von der Reaktion des Patienten können dann potenzielle Missbrauchssituationen über Fragen zur Biografie exploriert werden. Die Kunst des ärztlichen Gesprächs besteht darin, möglichst konkrete Informationen zu erhalten, dabei an eine mögliche Reaktualisierung einer posttraumatischen Symptomatik zu denken und keine suggestiven Fehlerinnerungen hervorzurufen.

Im Hinblick auf die beschuldigten Kleriker ist zu beachten, dass Ärzte auch mit dieser Personengruppe in einen professionellen Kontakt kommen können; möglicherweise zu einem Zeitpunkt, in dem ein Kleriker nur tatgeneigt, aber noch nicht zum Täter geworden ist. Hier kann Prävention ansetzen: zum Beispiel können Mediziner im Rahmen einer umfassenden Sexualanamnese mögliche risikoreiche Konstellationen frühzeitig erkennen und daraufhin spezifische sexualtherapeutische Maßnahmen einleiten. Als Ansprechpartner eignet sich das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“. Ärzte sind angehalten, sich bei der Diagnostik, Intervention und Prävention von sexuellen Missbrauchsfällen immer als Partner in einem interdisziplinären Team zu verstehen und auch Justiz, staatliche Behörden und Beratungsstellen einzubeziehen.

Aufgrund der Studienmethodik ist auch bezüglich der beschuldigten Kleriker in den meisten Fällen keine sichere diagnostische Einordnung möglich, sodass Überlegungen hinsichtlich Motivation und Typologie nur sehr vorsichtig vorgenommen werden dürfen. Es kann für die Praxis hilfreich sein, wenn man von einem Kontinuum von Tätern und tatgeneigten Personen ausgeht. Dieses Kontinuum reicht von einem fixiertem Typus mit einer pädophilen Präferenzstörung bis hin zu regressiven Tätern oder Tatgeneigten mit zum Beispiel einer unreifen oder narzisstischen Persönlichkeitsproblematik.

Die katholische Kirche hat zwar mittlerweile in allen Diözesen mit dem Implementieren von Präventions- und Schutzkonzepten auf den Missbrauchsskandal reagiert. Die Umsetzung ist jedoch ausgesprochen heterogen. Es fehlt bisher eine Fokussierung der Präventionsarbeit auf die spezifischen Risikokonstellationen des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker (19). Sofern Evaluationsstudien erfolgt sind, stellten diese überwiegend einen Effekt der jeweiligen Präventionsprogramme zugunsten der Interventionsgruppe fest (20). Eine Evaluation der kirchlichen Präventionsarbeit, die wissenschaftlichen Kriterien genügt, steht bisher aus.

Vergleichbare Prävalenzen beschuldigter Kleriker wie in der MHG-Studie mit 4,4 % finden sich auch in den USA (4 %) und Australien (7 %) (Tabelle 6).

Übersicht zu ausgewählten Studienbefunden

Tabelle 6Übersicht zu ausgewählten StudienbefundenBild vergrößernAlle Bilder

Die Ähnlichkeit der Prävalenzen unterstreicht, dass sexueller Missbrauch durch katholische Kleriker ein weltweit verbreitetes Phänomen ist und auch entsprechende Reaktionen der jeweiligen Gesundheitssysteme verlangt.

Hessen fördert Online-­Stottertherapie für Kinder

Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration fördert die Ent­wicklung einer Online-Stottertherapie namens „Frankini“ für drei- bis sechsjährige Kin­der. Die Therapie des Instituts der Kasseler Stottertherapie (KST) hat sich nach Anga­ben des Ministeriums für Jugendliche und Erwachsene ab 13 Jahren bereits be­währt. Mit der Förderung von rund 490.000 Euro will das Institut seine Onlinetherapie auf die Altersgruppe der Drei- bis Sechsjährigen ausweiten.

„Frühes Stottern wächst sich nicht von alleine aus, aber mit einer evidenzbasierten, standardisierten Therapie zum frühestmöglichen Zeitpunkt können wir vielen Kindern einen späteren Therapiemarathon ersparen“, sagte Alexander Wolff von Gudenberg, Leiter des KST. Je jünger ein Kind bei Behandlungsbeginn sei und je kürzer der Zeit­raum sei, in dem es stottert, desto höher sei die Chance, dass sich die Sprechstörung wieder komplett auflöse.

Bei der Kasseler Stottertherapie eignen sich die Patienten durch das Üben mit einem Biofeedbackprogramm eine spezielle weiche Sprechweise an, die Unflüssigkeiten beim Sprechen deutlich verringert. Selbst schwer stotternde Menschen lernen laut KST, ohne Hast, Spannung oder Druck weich und ohne Stolpern zu sprechen. Im „Frankini“-Projekt werden die Drei- bis Sechsjährigen mit einer kindgerechten Form der Trainingssoftware behandelt. Ein zentrales Element ist, dass die Eltern zu Thera­peuten ihrer Kinder ausgebildet werden und deren Therapie begleiten.

Die Behandlung ist in vier Module aufgeteilt, die jeweils zwischen zwei und vier Mo­na­ten dauern. Sie beginnt mit einem Onlinetraining, in dem zunächst die Eltern Hand­lungs­strategien erlernen, wie sie mit dem Stottern ihrer Kinder umgehen können und wie sie gemeinsam mit ihren Kindern das Softwareprogramm nutzen können, mit dem diese ein neues Sprechmuster erlernen und vertiefen können. Darauf aufbauend folgt im nächsten Schritt die Onlinetherapie der Kinder, die in den beiden letzten Modulen zudem von einer Präsenztherapie begleitet wird.

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Die Behandlungskosten für die Betreuung von Kindern im „Frankini-Projekt“ über­nimmt die Techniker Krankenkasse (TK) bundesweit für die kommenden zwei Jahre. Weitere interessierte Krankenkassen können sich beteiligen. Kooperationspartner der Kasseler Stottertherapie im „Frankini-Projekt“ sind neben der TK das Unternehmen vitero sowie das Telemedizinische Zentrum Bad Kissingen.

Stottern ist die häufigste und bekannteste Sprechstörung und entsteht meist im Alter von zwei bis fünf Jahren. Jedes zwanzigste Kind ist davon betroffen. Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung bleibt ein chronisches Stottern bestehen. 

Videospielende Kinder und Jugendliche sind nicht dicker

Das Klischee vom übergewichtigen Computerspielenerd könnte der Realität entsprechen – aber nur im geringen Maß und auch nur bei Er­wachsenen und nicht bei Kindern und Jugendlichen. Das zeigen Forscher der Univer­sität Würzburg, der Universität Linz und dem Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg in einer Metastudie, die in Social Science and Medicine erschienen ist (2019; doi: 10.1016/j.socscimed.2019.05.030).

Insgesamt wurden 20 Studien mit mehr als 38.000 Teilnehmern ausgewertet. Der Zu­sammenhang zwischen Videospielen und Übergewicht beziehungsweise Körper­mas­se zeigt sich aber nur in geringem Umfang. Lediglich 1 % des individuellen Überge­wichts kann demnach durch die Zeit mit Videospielen erklärt werden.

Der Zusammenhang konnte auch nur bei Erwachsenen nachgewiesen werden. Die Studienlage bei Kindern und Jugendlichen widerspreche dem Stereotyp, erklärte Mar­kus Appel, Kommunikationspsychologe an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg.

„Es ist möglich, dass es sich um kumulierte Effekte handelt“, sagte Erstautorin Caro­line Marker. Mechanismen, die zu Gewichtszunahme führen, wirkten eher über länge­re Zeiträume. Eventuell hätten Erwachsene über die Jahre mehr Zeit mit Videospielen verbracht als Jugendliche, die sich oft nur vorübergehend intensiv mit Videospielen beschäftigten.

Über 34 Millionen Gamer gibt es laut Bundesverband Game in Deutschland. Sie zocken auf Smartphones und Tablets, PCs und Spielekonsolen. Gleichzeitig sind viele Bundesbürger übergewichtig – nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung 59 % der Männer und 37 % der Frauen.

Studien zeigen, dass Fernseh-Sofahocker durchaus ordentlich Gewicht zulegen können. Auf die Frage, warum das bei Gamern nicht so ist, liefert die neue Meta­analy­se keine eindeutige Antwort. Die Autoren haben mehrere mögliche Erklärungen: Zum einen verbrauche Spielen trotz des Sitzens mehr Energie als Fernsehen. Zum ande­ren sei Knabbern beim Fernsehen einfacher als beim Zocken. Außerdem könne TV-Werbung zu kalorienreichen Speisen verführen.

Zudem hatte kürzlich die MoMo-Studie (Motorik-Modul) in Deutschland ergeben, dass daddelnde Kinder sich nicht unbedingt weniger bewegen. Allerdings bewegen sich Kinder und Jugendliche demnach allgemein immer weniger. Die körperliche Alltags­aktivität in der Gruppe der 4- bis 17-Jährigen sank der Untersuchung zufolge in den vergangenen 12 Jahren um mehr als ein Drittel (37 %).

Weniger Zeit beim Sport

Eine weitere Korrelation könnte den beobachteten Zusammenhang erklären: „Wir haben einen signifikanten indirekten Effekt gefunden, der zeigt, dass Menschen, die mehr Zeit mit Videospielen verbringen auch weniger Zeit mit Sport verbringen und daher ein höheres Körpergewicht haben“, schreiben die Autoren. Andere Faktoren, wie zum Beispiel eine ungesunde Ernährung vor der Spielekonsole oder Schlafman­gel, konnten aufgrund zu weniger Studien nicht überprüft werden.

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Für die Studie betrachteten die Wissenschaftler nur Spiele, bei denen Menschen sit­zen und Knöpfe drücken. Aktive Spiele mit größeren Bewegungen, wie etwa Wii-Sports oder Pokémon Go, können anderen Untersuchungen zufolge sogar Überge­wicht vorbeugen. Laut einer Metaanalyse aus dem Jahr 2015 können sie für die Ge­sundheit von Kindern und Jugendlichen genauso förderlich sein wie Bewegung im Freien.

In der Vergangenheit haben sich schon einige Forscher mit der Frage beschäftigt, inwiefern Videospiele und Übergewicht zusammenhängen. „Übergewicht und Fett­lei­bigkeit werden meist mit Medienkonsum im Sitzen verbunden, wie Fernsehen oder nichtaktive Videospiele“, schreibt das Forscherteam. Doch die einzelnen Untersuchun­gen kamen bislang zu unterschiedlichen Ergebnissen. 

Schüler bewegen Landtag in Bayern zu mehr Einsatz gegen Depressionen in Schulen

Mitten im Prüfungsstress ist es einer Gruppe engagierter Abiturienten gelun­gen, dass psychischen Krankheiten in den Schulen künftig mehr Aufmerksamkeit ge­schenkt wird. Die Schüler hatten eine – rechtlich nicht bindende – Petition initiiert, die heute im Bildungsausschuss des Landtages ungewöhnlich lange diskutiert und dann zur Würdigung an die Staatsregierung überwiesen wurde – ein ziemlich seltener Schritt, der bedeutet, dass sich die Staatsregierung nun detailliert mit dem Anliegen befassen muss.

„Das ist dem überragenden Engagement der jungen Leute zu verdanken“, bilanzierte der Berichterstatter im Ausschuss, Max Deisenhofer (Grüne). Der ausgebildete Lehrer sieht einen wunden Punkt getroffen. „Wir brauchen mehr Wissen zum Thema Depression und psychische Erkrankungen, und wir brauchen eine Sensibilisierung bei den Schülern und Mitschülern, aber auch bei den Lehrerinnen und Lehrern“, sagte er.

Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) sprach von einem guten Anstoß. Allerdings setze das Ministerium nicht bei Null an; zudem hatte es schon im Vorfeld der Sitzung einen Zehn-Punkte-Plan veröffentlicht. „Nun geht es darum, dass wir nochmal deutlich machen, was dieser Maßnahmenkatalog alles beinhaltet und konkret bedeutet“, sagte er.

So sollten psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen in der Leh­rer­ausbildung eine größere Rolle spielen. Auch ältere Lehrer würden gezielt informiert. Im kommenden Doppelhaushalt soll zudem Geld für 100 weitere Schulpsychologen und Sozialpädagogen zur Verfügung gestellt werden – ein Schritt, der allerdings schon länger geplant gewesen sei, wie Piazolo betonte.

Die Schüler sind mit dem Ergebnis zufrieden. „Wir sind schon stolz, dass man jetzt wirk­lich was macht“, sagte Alexander Spöri. Er und seine Mitstreiter hatten zunächst einen Film über Depressionen bei Jugendlichen gedreht und dann die Onlinepetition gestartet. Diese wurde inzwischen von mehr als 42.000 Menschen unterschrieben.

Die Kaufmännische Krankenkasse KKH hat auf Basis ihrer Versichertendaten errechnet, dass 2017 in Deutschland rund 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren von psychischen Erkrankungen ohne organische Ursache betroffen waren. Grün­de seien permanenter Leistungsdruck in der Schule, Mobbing sowie gesellschaftli­cher Druck durch Medien, Idole und Influencer. 

Neue Psychotherapie für Jugendliche mit Gewalterfahrungen: Studie belegt Wirksamkeit

Ein Forscherteam der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) hat nachgewiesen, dass eine neue Form der Psychotherapie für Jugendliche mit Gewalterfahrungen geeignet ist, um die psychische Belastung dieser Patientinnen und Patienten effektiv zu reduzieren. Unter der Leitung von Prof. Dr. Rita Rosner (Inhaberin des Lehrstuhls für Klinische und Biologische Psychologie) wurde die Wirksamkeit über vier Jahre hinweg in einer bundesweiten Studie überprüft, die das Bundesforschungsministerium förderte.
Die ersten Ergebnisse wurden nun in „JAMA Psychiatry“, einer Zeitschrift der „American Medical Association“, veröffentlicht. Diese zählt weltweit zu den renommiertesten psychiatrischen Fachzeitschriften.

Sexueller und körperlicher Missbrauch an Kindern und Jugendlichen sind leider ein weit verbreitetes Phänomen – etwa 4 bis 16 % der Kinder erleben in westlichen Ländern körperliche Misshandlungen, bei sexuellem Missbrauch liegen diese Zahlen zwischen 5 und 10 %. „Die Auswirkungen dieser negativen Kindheitserlebnisse sind alarmierend – neben Einschränkungen in vielen Lebensbereichen haben Betroffene auch ein erhöhtes Risiko an einer psychischen Störung zu erkranken, insbesondere an der sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung. Diese psychische Erkrankung führt zu Einschränkungen in vielen Lebensbereichen“, erklärt Professorin Rosner. Traumatisierte Menschen zeigen Symptome wie wiederkehrende Erinnerungen, Ängste, Schlafstörungen oder Reizbarkeit. Häufig werden Dinge und Situationen vermieden, die an das belastende Ereignis erinnern. Das alles kann zu einer deutlichen Beeinträchtigung im Alltag führen. Eine frühe Behandlung kann jedoch helfen, Langzeitfolgen zu verhindern.

Bisher gab es nur für Kinder oder Erwachsene überprüfte Behandlungsverfahren – für die Altersgruppe dazwischen, Jugendliche und junge Erwachsene, existierten nur wenige Therapieansätze, deren Wirksamkeit in Studien bestätigt wurde. Das Team um Professorin Rosner, hat in den letzten Jahren daran gearbeitet, diese Lücke zu schließen. In einer großen Studie mit Behandlungsstandorten in Berlin, Frankfurt und Ingolstadt wurde eine speziell an die Bedürfnisse von Jugendlichen angepasste Therapie überprüft. Die Behandlung beruht auf einem Ansatz der kognitiven Verhaltenstherapie, die von der Amerikanerin Patricia Resick entwickelt wurde. Für Erwachsene hat sich diese Therapieform bereits als sehr erfolgreich herausgestellt. Mit 30 bis 36 Sitzungen verteilt über ein halbes Jahr handelt es sich um eine vergleichsweise kurze Psychotherapie.

In der Studie erhielten die Patientinnen und Patienten zufällig entweder die neue Psychotherapie oder wurden einer Kontrollgruppe zugewiesen, wo sie in die aktuell übliche Versorgung in Deutschland vermittelt wurden – für rund die Hälfte der Kontrollgruppe bedeutete dies zunächst das Warten auf einen Platz für eine herkömmliche Therapie. Der Kontrollgruppe wurde aber nach Abschluss der Studie die Möglichkeit gegeben, ebenfalls mit der neuen Therapie behandelt zu werden. Nach Ende der Therapie bzw. Wartezeit wurden die beiden Gruppen hinsichtlich ihrer psychischen Belastung verglichen. Es zeigte sich, dass die Gruppe, die die neue Therapie bekam, nach Behandlungsende deutlich weniger Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung aufwies als die Kontrollgruppe. Aber auch andere psychische Erkrankungen, wie depressive Symptome oder Anzeichen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, gingen bei der behandelten Gruppe stärker zurück. Auch drei Monate nach Therapieende konnten diese Unterschiede beobachtet werden.

Die erfolgreiche Überprüfung der neuen Therapieform stellt einen wichtigen Schritt in der Verbesserung der Behandlungssituation von traumatisierten Jugendlichen dar. „Unsere Ergebnisse zeigen eindrücklich, wie sehr das psychische Befinden von Jugendlichen nach Gewalterfahrungen mit einer relativ kurzen Therapie verbessert werden kann“, so Studienleiterin Prof. Dr. Rita Rosner. „Zukünftige Studien sollten nun untersuchen, wie diese vielversprechende Therapie Einzug in den Alltag von Psychotherapeutenpraxen finden kann“.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Für Fragen zur Studie steht Ihnen Eline Rimane (eline.rimane@ku.de; Psychotherapeutische Hochschulambulanz der KU) zur Verfügung.

Originalpublikation:
Rosner R, Rimane E, Frick U, et al. Effect of developmentally adapted cognitive processing therapy for youth with symptoms of posttraumatic stress disorder after childhood sexual and physical abuse: a randomized clinical trial. JAMA Psychiatry. Published online April 10, 2019. doi:10.1001/jamapsychiatry.2018.4349

Ärzte sollen Kinder vor sexueller Gewalt im Internet warnen

Ärzte sollen Kinder nach Ansicht von Fachleuten auf die Gefahren sexueller Belästigung in sozialen Netzwerken aufmerksam machen. Eine große Gefahr sei es etwa, wenn Kinder und Jugendliche freizügige Bilder von sich veröffent­lichten, sagte die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Evelyn Heyer im Vorfeld einer Ärztetagung in Kassel. „Es geht darum, Ärzte zu sensibilisieren, Kinder auf Medien­konsum anzusprechen.“

Eine gute Möglichkeit für Mediziner, Jugendliche anzusprechen, sind nach Heyers Ansicht die Jugenduntersuchungen in der Pubertät. Unter sexueller Gewalt verstehen Fachleute nicht nur Übergriffe, sondern auch anzügliche Bemerkungen oder sexuelle Belästigung über das Netz.

Auch der Organisator der Tagung sieht Handlungsbedarf. „Guter Kinderschutz erfordert gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte und deren Zusammenarbeit mit anderen Fach­kräften“, sagte Bernd Herrmann, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung (DGfPI). Das werde in Aus- und Weiterbildung bislang kaum berücksichtigt.

Zu der bundesweiten Ärztetagung in Kassel werden am Freitag und Samstag 172 Medizi­ner erwartet. Veranstalter ist neben der DGfPI die Deutsche Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin (DGKiM), unterstützt von der Techniker Krankenkasse. 

Warum soziale Medien Jugendliche depressiv machen könnten

Vor allem weibliche Teenager, die viel Zeit in sozialen Netzwerken verbringen, leiden häufiger unter Depressionen, die eine Querschnittsstudie in EClinicalMedicine (2019; doi: 10.1016/j.eclinm.2018.12.005) vor allem mit Schlafstörungen und einem Onlinemobbing in Verbindung bringt. Auch ein niedriges Selbstwertgefühl und Unzufriedenheit mit dem Aussehen könnten durch soziale Netzwerke verstärkt werden. 

Mehr als drei Stunden täglich in sozialen Medien

Soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und Twitter üben auf viele Jugendliche einen unwiderstehlichen Reiz aus. Von den knapp 11.000 14-Jährigen, die im Rahmen der UK Millennium Cohort Study befragt wurden, gaben 43 % der Mädchen und 22 % der Jungen an, dass sie täglich mehr als 3 Stunden mit Chatten und anderen Online­kontakten verbringen. Nur 4 % der Mädchen und 10 % der Jungen legten keinen Wert auf die elektronische Kommunikation mit Freunden.

Jugendliche, die häufig und lange in den sozialen Netzwerken aktiv sind, litten häufiger unter depressiven Verstimmungen, wie die Auswertung der Kurzform des Mood and Feelings Questionnaire (SMFQ) zeigt: Mädchen, die täglich 3 bis 5 Stunden in den Netzwerken aktiv waren, hatten im SMFQ höhere Werte. Bei einer Onlineaktivität von mehr als 5 Stunden pro Tag stieg der Anteil auf 50 %. Bei den Jungen ermittelten Yvonne Kelly vom University College London und Mitarbeiter einen Anstieg von 21 auf 35 %. 

Eine Assoziation kann in einer Querschnittstudie nicht beweisen, dass die Dauer der Onlinekommunikation für die depressiven Verstimmungen verantwortlich ist und dass Mädchen stärker gefährdet sind als Jungen. Es könnte ja sein, dass Mädchen, die aus anderen Gründen zu Depressionen neigen, ein größeres Bedürfnis verspüren, mit anderen zu kommunizieren. 

Hohe Anzahl an Belästigungen

Die Studie zeigt aber auch, dass online nicht nur Nettigkeiten ausgetauscht werden: 40 % der Mädchen und 25 % der Jungen gaben an, dass sie schon einmal online belästigt wurden oder sogar zum Ziel eines Cybermobbings geworden sind, bei dem zumeist eine Gruppe einzelne ausgrenzt – was leicht zu depressiven Störungen beim Opfer führen kann.

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Vor allem bei Mädchen dreht sich das Thema häufig um das Aussehen. Mädchen, die in diesem Punkt häufig online angegriffen werden, neigen möglicherweise zu einem negativen Körperbild und zu einem niedrigen Selbstwertgefühl, was wiederum depressive Symptome fördern kann. Die Umfrage liefert hierfür Hinweise, wobei die Assoziationen streng genommen keine Kausalität belegen: Depressionen könnten bei Mädchen und Jungen dazu führen, dass sie ihr Äußeres vernachlässigen oder sich weniger selbstbewusst geben, was sie dann leichter zum Opfer eines Cybermobbings werden lässt.

Die Studie fand noch eine weitere Assoziation, die auf einen möglichen pathophysio­logischen Mechanismus hinweist. Bei vielen Teenagern scheinen die Bildschirm- die Schlafzeiten einzuschränken, und auch die Gewohnheit, das Smartphone am Bett zu haben, um auch nachts reagieren zu können, scheint der Umfrage zufolge weit verbreitet zu sein.

Schlafstörungen haben ebenfalls großen Einfluss

In einer Pfadanalyse hatten Schlafstörungen neben dem Online­mobbing den größten Einfluss auf die depressiven Symptome (wobei auch hier nicht auszuschließen ist, dass depressive Jugendliche, die infolge ihrer Erkrankung unter Schlafstörungen leiden, häufiger bei Facebook & Co nach neuen Postings suchen).

Mentale Störungen sind nicht das einzige Problem, das sich aus einem Internetkonsum ergeben kann. Russell Viner vom Institute of Child Health in London und Mitarbeiter beschreiben in einer Übersicht in BMJ Open(2019; 9: e023191) auch eine Assoziation mit einer Adipositas, einer ungesunden Ernährung und einer niedrigen Lebensqualität. Aber auch hier fehlt der Beweis einer Kausalität.

Viner ist Präsident des Royal College of Paediatrics and Child Health (RCPCH), das dieser Tage Tipps für Eltern herausgegeben hat. Den bei vielen Eltern beliebten kategorischen Zeitlimits erteilt das RCPCH jedoch eine Absage. Eltern und Kinder sollten vielmehr in einen Dialog treten und zusammen einige für das Familienleben verträgliche Regeln entwickeln, heißt es in den (online) publizierten Empfehlungen. 

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Traumatische Erlebnisse in der Kindheit erhöhen Psychoserisiko

Kinder und Jugendliche, die körperlichen und seelischen Misshandlungen, Mobbing, sexuellem Missbrauch, häuslicher Gewalt oder emotionaler Vernachlässigung ausgesetzt waren, berichteten in einer prospektiven Kohortenstudie in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.3155) häufiger über psychotische Symptome.

Psychosen werden nicht generell als die Folge von traumatisierenden Erlebnissen gedeutet. Körperliche und seelische Qualen können jedoch bei anfälligen Kindern und Jugendlichen eine psychotische Krise auslösen. Diese Beobachtung gründete sich bisher auf eine Reihe kleinerer Studien, die insgesamt kein umfassendes Bild ergaben.

Jazz Croft von der Bristol Medical School und Mitarbeiter haben den Zusammenhang jetzt an den Daten der ALSPAC-Kohorten untersucht, die eine größere Gruppe von Kindern seit der Schwangerschaft ihrer Mütter Anfang der 1990er-Jahre begleitet.

Eltern und Kinder wurden im Verlauf der Studie immer wieder interviewt. Die Fragen betrafen unter anderem Streitigkeiten unter den Eltern (häusliche Gewalt), die körperliche Züchtigung der Kinder (körperlicher Missbrauch), verletzende Äußerungen oder die Androhung von Gewalt (emotionaler Missbrauch), die fehlende Sorge der Eltern (emotionale Vernachlässigung), herabsetzende Äußerungen oder Angriffe in Schule oder Bekanntenkreis (Mobbing) oder auch sexuelle Übergriffe (sexueller Missbrauch).

2 Drittel aller Studienteilnehmer (64,5 %) waren in Kindheit und Jugend wenigstens einem dieser traumatisierenden Erlebnisse ausgesetzt.

Als die Kinder 12 und 18 Jahre alt waren, wurden sie mittels eines Fragebogens auf Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Denkstörungen hin untersucht. Etwa 5 % der Teilnehmer berichteten über ein psychotisches Ereignis. Die Analyse ergab, dass diese Kinder deutlich häufiger traumatisierenden Erlebnissen ausgesetzt waren als Kinder ohne psychotische Erlebnisse (83,8 versus 63,6 %). Croft ermittelte eine Odds Ratio von 3,13, die nach Berücksichtigung zahlreicher Begleitfaktoren leicht auf 2,91 abgeschwächt wurde, aber mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 2,15 bis 3,93 hoch signifikant blieb.

Sollte die Assoziation kausal sein, dann könnten nicht weniger als 45 % (25 bis 60 %) aller psychotischen Ereignisse auf traumatische Erlebnisse in Kindheit und Jugend zurückzuführen sein, wie die Berechnungen Crofts zum bevölkerungsbezogenen attributablen Risiko ergaben.

Für eine Kausalität spricht nicht nur, dass frühere Untersuchungen zu ähnlichen Ergebnissen kamen. Croft fand auch eine Dosis-Wirkungs-Beziehung. Das Risiko auf ein psychotisches Ereignis stieg mit der Zahl der traumatisierenden Erlebnisse an. Es gab auch eine zeitliche Beziehung. Je kürzer die traumatisierenden Erlebnisse zurücklagen, desto stärker war die Assoziation mit einem psychotischen Ereignis. Hinzu kommt noch, dass die ALSPAC-Studie zu den international bestorganisierten Studien gehört. Eltern und Kinder wurden in kurzen Abständen zu einer Vielzahl von Lebensumständen und gesundheitlichen Problemen befragt.

Psychisch Kranke Kinder und Jugendliche: Diagnoseprävalenz gestiegen

Der Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) hat gestern bei der Fachtagung „Psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen in der ambulanten Versorgung“ in Berlin neue Daten vorgestellt. Das Zi hat sich in diesem Jahr mit der Epidemiologie und der ambulanten Versorgung psychisch kranker Heranwachsender beschäftigt und dabei vertragsärztliche Abrechnungsdaten der Jahre 2009 bis 2017 herangezogen.

Die Diagnoseprävalenz sei in diesem Zeitraum um 21 Prozent angestiegen, erklärte Annika Steffen, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Zi. Mehr als jeder vierte Heran­wachsende (3,2 Millionen) erhielt demnach im Jahr 2017 in mindestens einem Quartal eine Diagnose einer psychischen Störung; jeder sechste (1,9 Millionen) in mindestens zwei Quartalen. Mit Ausnahme der Entwicklungsstörungen und affektiven Störungen habe sich die Prävalenz aber seit 2014 stabilisiert. „Die Diagnoseprävalenz ist stark geschlechts- und altersabhängig“, betonte Steffen. Jungen sind generell häufiger von psychischen Störungen betroffen.

Ärzte für Kinder- und Jugendmedizin und Hausärzte spielen nach Angaben des Zi eine zentrale Rolle in der Versorgung: 97 Prozent der Betroffenen hatten mindestens einmal jährlich Kontakt zu ihnen. 70 Prozent hatten Kontakt zu Kinder- und Jugendpsychiatern oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Die Veröffentlichung der Daten im Versorgungsatlas ist für Dezember geplant.

ADHS bei Jungen dreimal häufiger diagnostiziert

Ein spezieller Fokus des Versorgungsatlas lag auf der Prävalenz der Aufmerksamkeits­defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in der ambulanten Versorgung. „Grundsätzlich gibt es keinen ansteigenden Trend der Diagnoseprävalenz in dem untersuchten Zeitraum von 2009 bis 2016“, sagte Manas Akmatov vom Zi. Bei Jungen werde etwa dreimal häufiger ADHS diagnostiziert als bei Mädchen. Festzustellen sei aber, dass die Diagnosecodes spezifischer würden.

Kinder in dünn besiedelten ländlichen Kreisen haben dem Epidemiologen zufolge eine höhere Diagnoseprävalenz als Gleichaltrige in der Stadt. Es gebe Hinweise auf einen Rückgang der regionalen Unterschiede (raumzeitliche Cluster) in der Diagnose­prävalenz, aber die Unterschiede seien immer noch erheblich. „Es gibt Hinweise auf unterdurchschnittliche Diagnosehäufigkeit bei Kindern mit Migrationshintergrund sowie auf überdurchschnittliche Diagnosehäufigkeit in Kreisen mit höherer Facharztdichte“, betonte Akmatov.

Eine weitere Erkenntnis, die bereits der Versorgungsatlas 2015 bereithielt: Kinder, deren Geburtstag kurz vor der Einschulungsdeadline liegt und die in dem entsprechenden Schuljahr eingeschult werden, haben ein um 25 Prozent höheres Risiko für eine ADHS-Diagnose als Kinder, die ein Schuljahr zurückgestellt wurden.

Frühzeitig erkennen und koordiniert behandeln

„Psychische Erkrankungen belasten nicht nur die betroffenen Heranwachsenden, sondern auch deren soziales Umfeld. Sie können eine eingeschränkte soziale Kompetenz und einen geringeren Bildungsabschluss nach sich ziehen, sie können chronifizieren und hohe Versorgungs- und Folgekosten verursachen“, sagte Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bei der Fachtagung.

Eine frühzeitige Erkennung und koordinierte Behandlung sei deshalb entscheidend, um Leid zu reduzieren, einer Chronifizierung vorzubeugen und die langfristigen Folgen zu minimieren, betonte er.

Konzept für mehr Schutz vor sexualisierter Gewalt

Kinder und Jugendliche in Deutschland sollen künftig besser vor sexualisierter Gewalt und Ausbeutung geschützt werden. Darauf zielt ein neues Konzept ab, das Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Franziska Giffey jetzt vorgelegt hat, und dass die Strukturen verbessern soll.

Kern des Vorhabens ist es, den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in Zukunft als Amt dauerhaft einzurichten. Er soll die Bundes­regierung bei der Verbesserung von Schutz und Hilfen unterstützen, Handlungsbedarfe identifizieren und Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit leisten. Der Unabhängige Beauftragte soll einen festen Arbeitsstab erhalten. Die Beschäftigten erhielten damit eine dauerhafte Perspektive, hieß es weiter.

Giffey plant außerdem, einen ehrenamtlich tätigen Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten einzurichten. Der Rat soll die strukturierte Beteiligung von Betroffenen auf Bundesebene gewährleisten. Darüber hinaus ist vorgesehen, die Laufzeit der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland bis Ende 2023 zu verlängern. Die Kommission hat ihre Arbeit im Januar 2016 begonnen, um Ausmaß, Ursachen und Folgen von sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige aufzuklären.

„Opfer von sexualisierter Gewalt brauchen starke Strukturen, die sich auf allen Ebenen für sie einsetzen und für ihre Rechte einstehen. Das ist eine dauerhafte Aufgabe“, sagte Giffey. Das jetzt vorliegende Drei-Punkte-Konzept des Bundesfamilienministeriums soll der Ministerin zufolge in den kommenden Wochen vom Bundeskabinett beschlossen und anschließend in die Praxis umgesetzt werden.

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, begrüßte die Pläne der Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin. „Damit sind wir dem zentralen Anliegen, dass der Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und deren Folgen dauerhaft und konsequent geführt wird, einen großen Schritt näher gekommen“, sagte er.

Zustimmung signalisierte auch die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, forderte aber weitergehende Maßnahmen. „Die drei von der Ministerin genannten Punkte sind wichtig, aber nicht ausreichend“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Nadine Schön. Wichtig sei, Aspekte der Prävention, des Schutzes der Kinder und der konsequenten Strafverfolgung der Täter hinzuzunehmen. Schön kündigte einen 20-Punkte-Plan der CDU/CSU an, den die Union gemeinsam mit der SPD auf den Weg bringen wolle.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik wurden 2017 13.500 Kinder und Jugendliche Opfer von sexualisierter Gewalt und Ausbeutung. 1.600 Opfer waren unter sechs Jahren. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) geht für Deutschland allerdings von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben. Das sind pro Schulklasse ein bis zwei betroffene Kinder.