Online-­Interventionen nicht ohne ärztliche oder psychotherapeutische Diagnose

Internetgestützte und mobilbasierte Interventionen (IMI) können die psycho­the­rapeutische Versorgung sinnvoll ergänzen – Ersatz für einen Psychotherapeuten oder Psychiater sind sie hingegen nicht. Das war das Fazit des „Zukunftsforums“, zu dem der Verband der Ersatzkassen (vdek) gestern Abend Experten aus der Medizin, der Psychothe­ra­pie, der Politik und der Selbstverwaltung eingeladen hatte.

„Schafft die Digitalisierung die Psychotherapeuten ab?“, lautete der provokante Titel der Veranstaltung. Deprexis, Novego, IfightDepression, TK-Depressionscoach oder Moodgym sind einige be­kannte IMI, die Versicherten mit psychischen Problemen, zum Teil von den Kranken­kass­en, angeboten werden.

„Die Programme sind gut evaluiert und haben durchaus positive Effekte für die Nutzer“, betonte Iris Hauth, die bei Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psy­cho­somatik und Nervenheilkunde (DGPPN) der „Taskforce E-Mental-Health“ angehört. Sie könnten zur Prävention, Frühintervention, hausarztbegleitend oder zu Nachsorge einge­setzt werden.

Hauth wies auf die Qualitätskriterien für IMI hin, die die DGPPN zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Psychologie erarbeitet hat. „Wichtig ist aber in jedem Fall eine vorherige Diagnose durch einen Arzt oder Psychotherapeuten, schließlich gibt es auch Komorbiditäten“, erläuterte sie. Zudem könne beispielsweise auch eine Schilddrüsen­unter­funktion die Ursache für eine Depression sein.

Krankenkassen sollten nicht über Behandlung entscheiden

Der Vorstellung der vdek-Vorstandvorsitzenden, Ulrike Elsner, dass die Krankenkassen künf­tig „mehr in die Versorgung gehen“, erteilte Hauth, auch ärztliche Direktorin der Kli­nik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Alexianer in Berlin-Weissen­see, eine eindeutige Absage: „Wenn Sachbearbeiter über die Behandlung entscheiden, können hochgefährliche Situationen entstehen.“

Darüber hinaus baue es auf psychisch kranke Patienten „einen Riesendruck“ auf, wenn diese beispielsweise nach drei Wochen Arbeitsunfähigkeit, von einem Kassenmitarbeiter angerufen würden und eine Online-Intervention angeboten bekommen.

Elsner erwiderte, dass die Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz sehr lang seien, trotz Einführung der psychotherapeutischen Sprechstunde. IMI’s könnten deshalb „in be­stimmten Fällen, zum Beispiel bei einer leichten Depression, eine face-to-face-Behand­lung ersetzen“, so die vdek-Vorstandsvorsitzende.

Ein solch niedrigschwelliges Angebot habe gleichzeitig den positiven Effekt, dass mehr Therapieplätze für Patienten mit schweren psychischen Störungen zur Verfügung stehen. „Daher ist es gut, dass digitale Gesundheitsanwendungen mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz künftig schneller in die Regelversorgung kommen sollen“, erklärte Elsner.

Nur gut im Rahmen einer Psychotherapie oder ärztlichen Behandlung

„Auch wir sehen die Krankenkassen nicht als Player in der Versorgung – Behandlung und Versicherung müssen getrennt sein“, erklärte Christina Tophoven, Geschäftsführerin der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK).

Wichtig sei, dass nur IMI den Zugang in die Versorgung erlangen, die nachweislich wirk­sam und qualitätsgesichert seien. „Aber auch sehr gute Interventionen sind nur gut im Rahmen einer Psychotherapie oder ärztlichen Behandlung“, betonte sie.

Für die Anbieterseite stellte Mario Weiss, Vorstand der Firma GAIA, die deprexis entwi­ckelt hat, klar: „Ein Therapieprogramm braucht keinen Arzt oder Psychotherapeuten, um wirksam zu sein – aber ein Patient braucht einen Arzt oder Therapeuten.“

Diese sollten künftig auf eine IMI zugreifen und sie verordnen, wie ein Arzneimittel. Ärzte und Therapeuten könnten dadurch „ihre eigene Wirksamkeit verdoppeln“, sagte Weiss. „Das ist eine Riesenchance, die auch honorarpolitisch genutzt werden kann.“ Die Beden­ken, die gerade viele Psychotherapeuten gegen IMI haben, verstehe er nicht.

Durch das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), das Ende September im Bundestag disku­tiert werden soll, sollen Ärzte und Psychotherapeuten ihren Patienten künftig digitale Ge­sundheitsanwendungen – für alle medizinischen Fachbereiche – zulasten der gesetz­lichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) verordnen können.

Der Gesetzgeber plant, die Anwendung vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) als Medizinprodukte der Klassen I und II a prüfen zu lassen und in ein spezielles Verzeichnis aufzunehmen.

Wir können nicht noch zehn Jahre warten.Gottfried Ludewig

Der Abteilungsleiter Digitalisierung im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Gottfried Lude­wig, verteidigte das DVG bei der Diskussion: „Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Wir können nicht noch zehn Jahre warten, sondern müssen Schritte nach vorne gehen, auch wenn sie mit einem Risiko verbunden sind.“ Wichtig sei der regulierte Zugang zu den IMI, und die Prüfung der Anwendungen als Medizinprodukt. Beides werde mit dem Gesetz geregelt.

„Immens wichtig ist auch, dass die Daten der Patienten, die die digitalen Anwendungen nutzen, unter unserer Kontrolle bleiben“, betonte Ludewig. „Wenn wir uns nicht darum kümmern, dann machen das die großen amerikanischen Internetkonzerne“, gab er zu Be­denken.

Mehr Vertrauen in den G-BA

Die vdek-Vorstandvorsitzende Elsner sieht den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) als das „geeignetere Gremium“ für das vorgesehene Bewertungsverfahren der Internet- und mobilbasierten Interventionen. „Das BfArM ist zwar in der Lage dies zu tun, aber ich ver­traue der gemeinsamen Selbstverwaltung mehr“, betonte sie. Im Vordergrund stehe schließlich der Patientenschutz, deshalb sei auch eine Nutzenbewertung erforderlich.

Zuletzt hatte der Gesundheitsausschuss des Bundesrates gefordert, dass Gesundheitsan­wendungen nicht am G-BA vorbei in den GKV-Leistungskatalog aufgenommen werden sollten.

„Der Markt ist bunt. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Ärzte und Psychotherapeuten er­kennen können, welche IMI nachweislich wirksam und qualitätsgesichert sind und auch die Patientendaten schützen“, sagte BPtK-Geschäftsführerin Tophoven. Sie müssten sich vor allem auf ein solches Verzeichnis verlassen können und die Bewertungskriterien müssten transparent sein – „egal ob es vom BfArM oder vom G-BA erarbeitet wird“, erklärte sie.

DMP Depression: Ausschluss von Psychotherapeuten als Koordinatoren kritisiert

Patienten mit einer chronischen Depression können sich nicht bei ihrem Psy­cho­thera­peuten in das neue Disease-Management-Programm (DMP) Depression einschreiben lassen, das der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) am 15. August beschlossen hat. Das hat heute die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) bemängelt.

Die Langzeitbetreuung und Koordination der Behandlung soll in dem neuen strukturier­ten Behandlungsprogramm grundsätzlich durch den Hausarzt erfolgen. In Ausnahme­fäll­en können dies auch Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie übernehmen.

„Damit werden für Patienten, die bereits beim Psychotherapeuten in Behandlung sind, völlig unnötige Hürden für die Teilnahme am DMP aufgebaut“, kritisiert BPtK-Präsident Dietrich Munz. „Patienten sollten die Wahl haben, dass der Arzt oder Psychotherapeut die Koordination ihrer Versorgung übernehmen kann, der am besten mit ihrer Erkrankung vertraut und für sie der wichtigste Ansprechpartner ist.“ Der zentralen Rolle der Psycho­therapie in der Versorgung depressiver Erkrankungen müsse hier stärker Rechnung ge­tragen werden, fordert die BPtK.

Patienten mit chronischen oder wiederholt auftretenden depressiven Episoden mit mitt­le­rer bis schwerer Ausprägung können sich künftig im Rahmen eines DMP behandeln lassen. Der G-BA hat mit diesem Beschluss einen gesetzlichen Auftrag aus dem Jahr 2015 umgesetzt.

Leitlinienorientierte Behandlung mit Psychotherapie und Medikamenten

Zentrale Bausteine des DMP-Depression sind nach Angaben der BPtK eine leitlinien­orien­tierte Behandlung mit Psychotherapie und medikamentöser Therapie. Die konkreten The­rapieempfehlungen richteten sich insbesondere nach Verlauf und Schweregrad der De­pression unter Berücksichtigung komorbider körperlicher und psychischer Erkrankungen.

Auch das Vorgehen bei Suizidalität und Maßnahmen des Krisenmanagements werde im DMP adressiert. Jedem Patienten solle zudem – sofern sie aus ärztlicher oder psycho­the­rapeutischer Sicht davon profitieren können – ein evaluiertes digitales Selbstmanage­mentprogramm unter qualifizierter Begleitung angeboten werden. Alternativ könnten auch evaluierte Präsenzschulungen angeboten werden.

Psychiater und Psychotherapeuten werden eingebunden

Als „sinnvoll“ beurteilt die Bundes­psycho­therapeuten­kammer hingegen, dass das DMP eine systematische Einbindung der Psychotherapeuten und Fachärzte im Behandlungs­ver­lauf vorsieht. Eine Grundlage dafür bilden laut G-BA-Beschluss die regelmäßigen Ver­laufskontrollen, bei denen der koordinierende Arzt insbesondere die Symptomausprä­gung und -veränderung, das psychosoziale Funktionsniveau und Behandlungseffekte beurteilt.

Wenn nach sechs Wochen hausärztlicher Behandlung noch keine ausreichende Besserung erzielt wurde, muss er demnach die Überweisung zum beispielsweise Facharzt für Psy­chia­trie und Psychotherapie oder Psychotherapeuten zu prüfen. „Eine stärkere Koope­ra­tion zwischen Hausärzten und Psychotherapeuten kann so zu einer leitlinienorientierten Behandlung beitragen“, erklärt BPtK-Präsident Munz.

Bevor sich Patienten in das neue DMP-Depression einschreiben lassen können, muss das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium dem Beschluss des G-BA noch zustimmen.

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

116117 wird zur umfassenden Servicenummer

Die Rufnummer 116117, über die zurzeit außerhalb der Sprechzeiten der kassen­ärztliche Bereitschaftsdienst erreichbar ist, wird vom 1. Januar 2020 an zu einer um­fassen­den Servicenummer ausgebaut. Das hat der Vorstandsvorsitzende der Kassen­ärztli­chen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, gestern Abend vor Journalisten in Lieben­berg bekräftigt.

Ab diesem Zeitpunkt ist die Rufnummer rund um die Uhr erreichbar und gilt auch für die Terminservicestellen (TSS) der Kassenärztlichen Vereinigungen, die gesetzlich Kranken­versicherten Termine bei Haus- und Fachärzten sowie bei Psychotherapeuten vermitteln. Die KBV setzt damit einen Auftrag aus dem Terminservice- und Versorgungsgesetz um. Zum Start des erweiterten Angebots werden die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) die Zahl ihrer Mitarbeiter in den Call-Centern auf etwa 1.200 aufstocken.

Mit einer groß angelegten Werbekampagne, die am 30. August starten soll, will die KBV die 116117 in der Bevölkerung bekannter machen. Der KBV-Versichertenbefragung zu­folge kannten im vergangenen Jahr 37 Prozent der Befragten die Nummer für den ärztli­chen Bereitschaftsdienst.

Der Ausbau des Angebots soll dazu beitragen, dass die Patienten in der Versorgungsebe­ne behandelt werden, die ihren Beschwerden angemessen ist. So soll künftig verhindert werden, dass Patienten mit Bagatellerkrankungen die Notaufnahmen der Krankenhäuser verstopfen. „In Verbindung mit einem standardisierten medizinischen Ersteinschätzungs­system ist die 116117 die Eintrittspforte in das Versorgungssystem“, sagte Gassen.

Ersteinschätzung generiert keine Diagnose

Ein solches System hat das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) gemein­sam mit Partnern entwickelt. Dabei wurde eine Software aus der Schweiz auf deutsche Verhältnisse angepasst. Mit dem „strukturierten medizinischen Ersteinschätzungsver­fah­ren für Deutschland“ (SmED) werden Patientendaten wie Geschlecht und Alter, chronische Krankheiten, Vorerkrankungen und Medikation, Leitsymptome und Begleitbeschwerden abgefragt.

Das Ergebnis sei keine Diagnose, sondern eine Einschätzung der Dringlichkeit der Be­hand­lung, sagte Zi-Geschäftsführer Dominik von Stillfried. Die medizinisch geschulten Disponenten empfehlen den Anrufern anschließend die richtige Anlaufstelle für eine Behandlung: die Praxis eines niedergelassenen Arztes zu den regulären Sprechzeiten, eine Bereitschaftsdienstpraxis oder die Notaufnahme eines Krankenhauses.

Ist der Zustand des Anrufers nach Einschätzung der Disponenten lebensbedrohlich, ver­binden sie zum Rettungsdienst. SmED wird zurzeit in mehreren KVen getestet. Ab Januar 2020 soll das System flächendeckend ausgerollt werden und auch an den Tresen der Be­reitschaftspraxen oder Notaufnahmen zum Einsatz kommen.

Um sämtliche digitalen Möglichkeiten für die Patientensteuerung zu nutzen, stellt die KBV ab Ende August auch eine 116117-App bereit. Darüber können Nutzer unter ande­rem eine telefonische Verbindung zum Notruf 112 herstellen und auf die bundesweite Arztsuche zugreifen. Ab Anfang nächsten Jahres sollen Nutzer online Termine der TSS buchen können. Voraussichtlich Mitte 2020 soll auch eine für Patienten adaptierte Versi­on von SmED über die App nutzbar sein.

KBV-Vorstand spricht sich gegen dritten Sektor zur Notfallbehandlung aus

Der KBV-Vorstand äußerte sich in Liebenberg auch ganz grundsätzlich zu den Plänen des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums für eine Reform der Notfallversorgung, die aber offenbar noch nicht mit Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) abgestimmt sind.

Sie sehen unter anderem vor, dass künftig die Länder die Planung und Gestaltung der integrierten Notfallversorgung übernehmen sollen. Den KVen den Sicherstellungsauftrag für den Bereitschaftsdienst zu entziehen, mache medizinisch keinen Sinn und stelle die Krankenhäuser aufgrund des Ärztemangels vor unlösbare Aufgaben, warnte der stellver­tretende KBV-Vorsitzende Stephan Hofmeister.

Er räumte allerdings ein, dass viele Vertragsärzte es sicherlich begrüßen würden, den un­geliebten Bereitschaftsdienst nachts und an den Wochenenden loszuwerden. Darüber hi­naus lasse der Gesetzentwurf aus dem Ministerium offen, wie viele integrierte Notfall­zentren an welchen Standorten künftig benötigt würden. „Dazu müsste mal jemand den Mut haben“, erklärte auch KBV-Vorstand Gassen. Es könnten nicht an allen 2.000 Kranken­hausstandorten solche Zentren geschaffen werden.

Sowohl Gassen als auch Hofmeister sprachen sich dagegen aus, dass Krankenhäuser und KVen die integrierten Notfallzentren künftig gemeinsam betreiben. „Wir brauchen keinen dritten Versorgungssektor“, sagte Hofmeister. „Wir wollen die Patienten integriert versor­gen, aber nicht gemeinsam.“ Deshalb plädierte er dafür, dass die KVen den Tresen für ambulante Patienten betreiben und die Krankenhäuser für die Notaufnahmen zuständig sind, wo die Patienten mit dem Rettungswagen eintreffen. 

Spahns App-Gesetz erntet gemischtes Echo

Das Bundeskabinett hat das Digitale-Versorgung-Gesetz durchgewunken. Bald schon könnten Ärzte Apps verordnen dürfen. Eine spannende Debatte im Bundestag steht bevor: Regierung und Opposition bringen sich in Stellung.

Von Anno Fricke

BERLIN. Gesundheits-Apps sollen verstärkt in die Versorgung. Auf diesen Standpunkt hat sich am Mittwoch das Bundeskabinett gestellt und das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) an den Bundestag weitergeleitet.

Der Gesetzentwurf sieht einen Anspruch von Patienten auf Gesundheits-Apps vor. Das könnten Diabetes-Tagebücher, Apps für Menschen mit Bluthochdruck, digitale Hilfen für Menschen mit Migräne oder für Schwangere sein, zählte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nach der Kabinettssitzung konkrete Beispiele auf.

Nach einer Prüfung durch das BfArM auf Sicherheit, Funktion und Qualität, Datenschutz und Datensicherheit sollen Apps für ein Jahr eine vorläufige Zulassung erhalten.

In diesem Jahr können Ärzte die Produkte zu Lasten der Kassen verordnen. Erst nach Ablauf von zwölf Monaten sollen die Hersteller nachweisen müssen, dass ihr Produkt die Versorgung verbessert. „Wir haben das Evidenzniveau bewusst niedrig angesetzt“, hatte Spahn bei einer früheren Gelegenheit dazu angemerkt.

Hohes Kostenrisiko für Kassen?

Spahns Digitalgesetz

  • Patienten erhalten Anspruch auf von den Kassen bezahlte digitale Versorgungsangebote.
  • Das BfArM nimmt eine erste Sicherheitsprüfung bei Apps vor. Danach können Ärzte zwölf Monate zu Lasten der Kassen verschreiben. In dieser Zeit müssen sie Nutzennachweise generieren.
  • Krankenkassen können aus ihren Rücklagen, also Versichertenbeiträgen, in die App- Entwicklung investieren.

Die Kassen reagierten mit Skepsis: „Tempo geht nicht vor Qualität“, sagte AOK-Bundesverbands-Chef Martin Litsch. Das Gesetz enthalte Vorgaben, dass digitale Gesundheitsanwendungen ohne ausreichende Überprüfung ihres gesundheitlichen Nutzens von den Kassen bezahlt werden müssten. Und zwar zu dem Preis, den der Hersteller gerne hätte. Das bedeute ein hohes Kostenrisiko für die gesetzliche Krankenversicherung, sagte Litsch.

Dass alleine das Bundesinstitut für Arzneimittel- und Medizinprodukte (BfArM) damit beauftragt sei zu entscheiden, ob eine App in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen werde, monierten die Ersatzkassen.

Deren Verbandschefin Ulrike Elsner plädierte stattdessen für ein zweistufiges Verfahren. Zunächst solle das BfArM Grundanforderungen wie Datenschutz- und -sicherheit überprüfen, anschließend der Gemeinsame Bundesausschuss als zuständiges Gremium für Neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (NUB) den Nutzen der Anwendungen binnen zwölf Monaten evaluieren. Als „Meilenstein“ bezeichnete BKK-Dachverbandsvorsitzender Franz Knieps die geplanten Möglichkeiten für die Kassen, selbst in die Entwicklung von Gesundheits-Apps einzusteigen.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion Karin Maag, machte klar, dass Apps selbstverständlich einer Sicherheitsprüfung unterlägen. Zudem fordere sie den Nachweis eines positiven Effektes für die Nutzer bei Erkennung, Behandlung und Linderung von Krankheiten.

Mit dem DVG kommen weitere Änderungen auf die Ärzte zu. Sie sollen künftig auf ihren Internetseiten über Online-Angebote informieren dürfen. Die Aufklärung über Videosprechstunden soll nicht mehr zwingend einen persönlichen Erstkontakt voraussetzen, sondern ebenfalls über Video erfolgen können.

Zudem soll die Vergütung für das Versenden eines elektronischen Arztbriefes künftig höher liegen als für ein Fax. Ärzten, die sich der TI verweigern droht ab 1. März 2020 ein Honorarabzug von 2,5 Prozent.

„Papierloses“ Gesundheitswesen

Aus der Opposition wurden weiterreichende Forderungen zur Digitalisierung laut: „Ich hätte mir gewünscht, dass der Entwurf das komplett papierlose Gesundheitswesen zum Ziel hat“, sagte die FDP-Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus. Es fehle etwa die mobile Vernetzung des Pflegepersonals, eine krankenhausinterne Vernetzung, aber auch virtuelle Netzwerke zum Beispiel zwischen Hausärzten und der Uniklinik.

Eine umfassende Digitalisierungsstrategie vermissen die Grünen. „Es kann ja nicht primär darum gehen, dass irgendeine digitale App schneller im Gesundheitswesen eingesetzt wird, sondern es muss das Ziel sein, mit Hilfe der Digitalisierung einen konkreten Nutzen für das Gesundheitswesen und die Pflege zu erzielen“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen Maria Klein-Schmeink.

Vor Mondpreisen bei digitalen Anwendungen warnte die Linke. „Dieses Gesetz dient der Wirtschafts- und nicht der Gesundheitsförderung“, meldete sich Linken-Gesundheitspolitiker Achim Kessler zu Wort. Die Beiträge der Versicherten dürften nicht für die Wirtschaftsförderung missbraucht werden.

Enormer Anstieg der Fehltage wegen psychischer Leiden

Die Zahl der Tage, an denen berufstätige DAK-Versicherte wegen Depressionen oder anderer psychischer Erkrankungen nicht zur Arbeit gehen konnten, hat sich binnen 20 Jahren verdreifacht.

Von Christiane Badenberg

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Psychische Leiden sorgen für immer mehr Fehltage, die die DAK-Gesundheit berichtet.

© WavebreakmediaMicro / stock.adobe.com

HAMBURG. Innerhalb von 20 Jahren hat sich die Zahl der Fehltage wegen Depressionen oder Anpassungsstörungen fast verdreifacht. Das geht aus dem DAK-Psychoreport hervor, den die Krankenkasse am Donnerstag veröffentlicht hat.

Der Report ist eine Langzeit-Analyse, für die das IGES-Institut Daten von etwa 2,5 Millionen erwerbstätigen Versicherten ausgewertet hat.

Mit 250 Fehltagen pro 100 Versicherten wurde im Jahr 2017 der Höchststand bei den Krankschreibungen wegen psychischer Leiden erreicht. Im Folgejahr sanken die Zahlen um 5,6 Prozent auf 236 Fehltage. 1997 wurden pro 100 Versicherten 77 Fehltage registriert, zehn Jahre später waren es 130 Tage (siehe nachfolgende Grafik).

Offenerer Umgang

Depressionen und Anpassungsstörungen waren die häufigsten Ursachen für Krankschreibungen bei den psychischen Leiden. Im vergangenen Jahr waren 93 Fehltage pro 100 Versicherten auf Depressionen zurückzuführen, 51 auf Anpassungsstörungen.

Bei letzteren hat sich die Zahl der Fehltage seit Beginn des Jahrtausends verdreifacht (siehe nachfolgende Grafik).

DAK Vorstandschef Andreas Storm führt diese Entwicklung vor allem auf einen offeneren Umgang mit psychischen Erkrankungen zurück. Denn aus wissenschaftlicher Sicht seien diese seit Jahrzehnten in der Bevölkerung nahezu gleich verbreitet, so Storm.

„Vor allem beim Arzt-Patienten-Gespräch sind diese heute kein Tabu mehr“, sagt der DAK-Chef. In Betrieben sehe das aber noch ganz anders aus.

Deshalb fordert er: „Auch Arbeitgeber müssen psychische Belastungen und Probleme aus der Tabuzone holen und ihren Mitarbeitern Hilfe anbieten.“

Gesundheitswesen stark betroffen

Die Zahl der Fehltage wegen Burnout ist zwischen 2012 und 2016 kontinuierlich gesunken. Wurden im Jahr 2012 noch zehn AU-Tage wegen Burnout registriert, sank die Zahl bis 2016 auf 4,3, im vergangenen Jahr war es allerdings schon wieder ein Tag mehr.

Besonders häufig mit neun Fehltagen pro 100 Versicherten fehlten Arbeitnehmer, die 60 Jahre und älter waren. Frauen fehlen doppelt so oft wegen psychischer Erkrankungen wie Männer. Im vergangenen Jahr wurden pro 100 weiblicher Versicherter 298 Fehltage registriert, bei Männern waren es 183.

Besonders gefährdet für psychische Leiden sind Arbeitnehmer in der Öffentlichen Verwaltung und im Gesundheitswesen (siehe nachfolgende Grafik). So kamen Verwaltungsmitarbeiter 2018 auf 358 Fehltage, Mitarbeiter im Gesundheitswesen auf 321. Der Durchschnitt aller Branchen lag bei 236 AU-Tagen.

Große regionale Unterschiede

Auffällig sind auch die großen regionalen Unterschiede bei den Krankschreibungen. So kamen die Saarländer 2018 auf 312 Fehltagewegen psychischer Belastungen, die Bremer auf 281 und die Berliner auf 279.

Deutlich seltener mit 193 Tagen waren dagegen die Bayern wegen psychischer Störungen krank geschrieben. Die Baden-Württemberger kommen auf 214 Krankheitstage (siehe nachfolgende Grafik).

Laut DAK gibt es traditionell ein großes Gefälle beim Krankenstand zwischen den Bundesländern. Warum das Saarland bei psychischen Erkrankungen oft auffällig weit vorne ist, könne man nicht genau sagen, hieß es auf Anfrage der „Ärzte Zeitung.

„Ein Grund könnte die psychotherapeutische Versorgungslage im Saarland sein und die entsprechend kürzeren Wege zu diesen“, heißt es bei der DAK. Bei größeren Versorgungsmöglichkeiten würden diese auch eher in Anspruch genommen.

Für die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Maria Klein-Schmeink, sind die Zahlen ein Grund, unsere Arbeits-und Lebensweise zu hinterfragen. „Psychische Belastungen am Arbeitsplatz können nicht losgelöst von der Arbeitszeit und anderen Rahmenbedingungen gesehen werden“, kommentiert Klein-Schmeink den Psychoreport.

Seit geraumer Zeit wiesen Arbeitswissenschaftler auf einen Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten, psychischer Belastung und gesundheitlichen Beschwerden hin. Hier seien Arbeitgeber gefragt, auch im eigenen Interesse.

Nicht hinnehmbar seien aber auch übliche Wartezeiten von über drei Monaten für ein Erstgespräch beim Therapeuten. Die Politik sei gefragt, Versorgungsstrukturen aufzubauen, die eine flexible und schnelle Behandlung ermöglichten.

Hoher Psychotherapie-Bedarf

Am Anfang steht der Nutzen! Das sieht der aktuelle DVG-Entwurf nicht vor. Müssen für Psychotherapie-Apps andere Regeln gelten?

Von Wolfgang van den Bergh

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Schreiben Sie dem Autor: vdb@springer.com

Fehltage steigen, und Therapeuten sind knapp. Für die erste Aussage hat die DAK am Donnerstag einen Langzeitbericht vorgestellt, wonach sich die Zahl der Fehltage wegen Depressionen oder Anpassungsstörungen in 20 Jahren verdreifacht hat. Dabei taucht die Frage nach Behandlungshäufigkeit und Behandlungsbedürftigkeit auf.

DAK-Chef Storm führt den Anstieg auf den offeneren Umgang mit F-Diagnosen zurück. Sicherlich nur ein Grund. Leistungsdruck, permanente Erreichbarkeit, Überforderungen sind ebenso Faktoren, die die AU-Tage seit 20 Jahren nach oben schnellen lassen. So oder so: Therapeuten werden dringend gebraucht. Das belegen auch die aktuellen Kennzahlen zur Bedarfsplanung Psychotherapie.

Inwiefern können Apps hier als Assistenzsysteme für Entlastung sorgen? Verbandschefin und Psychotherapeutin Barbara Lubisch glaubt daran, fordert aber zugleich den Nutzenbeleg vom ersten Einsatz an.

Doch gerade das sieht das neue Digitale-Versorgung-Gesetz für die beiden untersten Risikoklassen in den ersten zwölf Monaten so nicht vor. Spannend ist daher die Frage: In welche Klasse werden diese neuen Apps dann eingestuft? Die Zeit drängt, auch weil die Schlangen für die Bewertung neue Medizinprodukte immer länger werden.

Patientenbrief statt Arztbrief kann Patientensicherheit erhöhen

Patienten, die nach der Entlassung aus dem Krankenhaus einen Patienten­brief erhielten, fühlen sich besser unterstützt und verstehen ihre Erkrankung und Be­handlung besser. Das zeigen die Ergebnisse der Pilotstudie „Mehr Gesundheitskom­petenz durch Patientenbriefe“, die heute im Rahmen der Veranstaltung „Mit. Sicher­heit. Gemeinsam.“ des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) in der Hörsaalruine der Charité Berlinvorgestellt wurden.

Insbesondere in Bezug auf die Einnahme von Medikamenten gaben die Patienten signifikant häufiger an, sehr verständliche Erläuterungen über die Art der Medikamen­ten­einnahme erhalten zu haben. Dies könne sich positiv auf die Therapietreue und die Gesundheitskompetenz insgesamt auswirken, sagte Ansgar Jonitz, Geschäftsführer des gemeinnützigen Unternehmens „Was hab’ ich?“.

Das Startup hatte die für Laien verständlichen Entlassdokumente entwickelt und deren Einsatz zwischen November 2015 und April 2018 getestet. Patienten der Abteilung Innere Medizin der Paracelsus-Klinik in Bad Ems erhielten im Rahmen der Studie zu­sätzlich zum Arztbrief einen Patientenbrief, der leicht verständliche Informationen zum Krankheitsbild, zu den durchgeführten Untersuchungen, Behandlungen und den Me­di­kationsplan enthielt.

Neben einem besseren Verständnis für die eigene Erkrankung zeigen die Ergebnisse auch, dass Patienten mit Patientenbrief sich im Krankenhaus rücksichtsvoller behan­delt fühlten und die Klinik nach Entlassung häufiger weiterempfahlen. Auch wurden die Patientenbriefe von fast allen Patienten und in vielen Fällen von Angehörigen gelesen.

Thomas Gebhardt, Parlamentarischer Staatssekretär des BMG, betonte, dass eine patientengerechte Kommunikation entscheidend sei, um die Gesundheitskompetenz und damit auch die Patientensicherheit zu erhöhen. Patientensicherheit sei Aufgabe aller, so Gebhardt. Sie könne nur durch die gemeinsame Anstrengung von Ärztinnen und Ärzten sowie Patienten gelingen. 

Perspektivisch soll das Projekt flächendeckend eingesetzt werden und allen Patienten zur Verfügung stehen. Auch die Option eines mehrsprachigen Patientenbriefes sowie eine digitale Version und die Ausweitung auf weitere Zielgruppen sind angedacht. In einem Folgeprojekt, das in den kommenden Tagen startet, wird zudem die automati­sche Erstellung von Patientenbriefen getestet.

„Was hab’ ich?“ bietet seit 2011 einen Patientenservice zur „Übersetzung“ von Arzt­briefen an. Patienten können ihre Befunde anonym auf dem Portal hochladen und er­halten kostenfrei eine leicht verständliche Version des Arztschreibens. Die Formulie­rung übernehmen Medizinstudierende höherer Semester sowie Ärzte. Seit dem Start der Webseite wurden 40.000 Befunde übersetzt.

KV Bayern moniert unzulässige Anrufe bei Patienten

Psychotherapeuten in Bayern verwahren sich gegen die Einmischung von Krankenkassen in laufende Behandlungen. Dies sei ein gravierender Eingriff in die Therapiefreiheit.

In Bayern gibt es gehäufte Beschwerden, dass Krankenkassen unaufgefordert bei Patienten anrufen, die sich in psychotherapeutischer Behandlung befinden. Ihnen werde von den Kassen die Teilnahme an einer Online-Psychotherapie empfohlen.

Darauf hat Claudia Ritter-Rupp, zweite stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KV Bayerns (KVB), kürzlich bei der Vertreterversammlung in München hingewiesen. Nach ihren Worten handelt es sich dabei um ein „wirklich ernstes Thema“, das auch über die Grenzen Bayerns hinausreiche.

Aus juristischer Sicht seien diese Einmischungen nicht zu rechtfertigen, so Ritter-Rupp. So würden die Beratungs- und Informationspflichten der Kassen nicht zum unaufgeforderten selektiven Anruf bei Patienten befugen.

Zudem handele es sich hierbei um einen Verstoß gegen datenschutzrechtliche Bestimmungen. Demnach sei die selektive Verwendung von Diagnosen zum Anbieten bestimmter Programme der Krankenkassen unzulässig.

„Gravierender Eingriff in die Therapiefreiheit“

Im Übrigen liege in diesen Fällen in der Regel nicht die schriftliche Information und Einwilligung der Patienten zur Datenverwendung vor. Schließlich finde hier eine unverschlüsselte Übermittlung von Sozialdaten durch Krankenkassen beziehungsweise deren Managementgesellschaften statt.

Die KVB-Vorstandsfrau wertet diese Praxis als gravierenden Eingriff in die Therapiefreiheit. Sie beeinträchtige die vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung und habe negative Auswirkungen auf den Behandlungsverlauf.

Um diese Einmischungen zu beenden, habe sich die KVB mit den Kassen auseinandergesetzt. Mit der DAK und deren verbundenem Versorgungsangebot Veovita Gesundheit habe man persönliche Gespräche geführt, die DAK wurde zudem schriftlich zur Unterlassung aufgefordert, was diese auch bestätigt habe.

Unabhängig vom Vorgehen der Krankenkassen sind Ritter-Rupp die zahlreichen Online-Psychotherapieangebote ein Dorn im Auge. Ihrer Ansicht nach gehe es dabei um kommerzielle Orientierung statt um Qualität. Es gebe keine einheitlichen Standards sowie erhebliche Sicherheitslecks und Qualitätsmängel bei entsprechenden Apps.

Im Übrigen finde nur eine Beratung und keine Therapie statt. Nicht selten werde nicht einmal eine ordentliche Diagnostik durchgeführt. Zudem würden die Portalbetreiber auch keine Haftung übernehmen. Ritter-Rupp fordert, dass für diese Angebote ethische und juristische Regeln aufgestellt werden.

Therapy conversation with the psychologist

Spahn stößt Verbot von „Therapien“ gegen Homosexualität an

Bis heute versuchen Ärzte, Therapeuten und Prediger, Homosexuelle von ihrer Sexualität abzubringen. Jens Spahn will noch dieses Jahr einen Gesetzesvorschlag vorlegen, der das untersagt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht gute Chancen, Konversionstherapien zur „Umpolung“ Homosexueller schnell zu verbieten. „Konversionstherapien machen krank und sind nicht gesund“, sagte Spahn in Berlin. Er strebe jetzt zügige Gespräche mit dem Bundesjustizministerium an.

Ziel sei, noch dieses Jahr ein Gesetzentwurf für ein Verbot auf den Weg zu bringen. Spahn hatte im Frühjahr eine 46-köpfige Expertenkommission zum Thema eingesetzt. Diese kommt gemeinsam mit zwei wissenschaftlichen Gutachten zum Schluss, dass ein Verbot aus medizinischer Sicht geboten und aus rechtlicher Sicht möglich sei.

„Die Kommission und die Gutachter haben gute Lösungsansätze aufgezeigt, wie wir ein Verbot dieser Therapien regeln können“, kommentierte Spahn den Zwischenstand. „Auf dieser Grundlage werden wir auf das Justizministerium zugehen, um zügig zu entscheiden, wie und was wir in Deutschland umsetzen.“

Negative Folgen bis hin zum Suizid

In einem der beiden Gutachten schreibt Sexualwissenschaftler Peer Briken vom UKE Hamburg, dass es weder soziologisch, noch psychologisch oder medizinisch Hinweise darauf gebe, dass Homosexualität eine Störung oder gar Krankheit sei. Aus diesem Grund gebe es auch keinen Anlass, sie zu therapieren.

Zusätzlich existieren nicht einmal Belege dafür, dass sich die sexuelle Orientierung durch die vermeintlichen Therapien überhaupt dauerhaft verändern lässt. Deutlich besser belegt sind die möglichen negativen Folgen der „Therapien“, sie reichen von Depressionen über Suizidalität bis hin zu sexuellen Problemen.

Auch andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass Konversionstherapien Leben zerstören können. „Statt den Patienten in seiner homosexuellen Identität zu stärken, zerstören sie sein Selbstbild“, sagte Lieselotte Mahler, Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité.

Deutschland: Tausende Fälle pro Jahr

In Deutschland müsse von Tausenden Fällen pro Jahr ausgegangen werden, in denen versucht werde, homosexuelle Menschen durch fragwürdige Methoden umzuerziehen, erklärte Jörg Litwinschuh-Barthel von der Magnus-Hirschfeld-Stiftung, die die Kommission fachlich begleitet. Die Versuche reichten vom familiären Umfeld, Coaches und Therapeuten über Gebete bis hin zu Exorzismus.

Bei einer Betroffenen etwa wurde die Veränderung ihrer Homosexualität im Verlauf einer Psychotherapie nach einem Jahr plötzlich zum Therapieziel. Die „Therapeutin“ versuchte laut einer Mitteilung des Bundesgesundheitsministeriums unter anderem mit Lichttherapie und indoktrinierenden Gesprächen, die sexuelle Orientierung der Frau zu beeinflussen. Als sie zusätzlich noch eine Elektroschockbehandlung vorschlug, endete die „Therapie“.

Vor Kurzem hatten sich auch die Bundesländer für ein Verbot der Konversionstherapien ausgesprochen. Der Bundesrat hatte Mitte Mai in einer Entschließung die Bundesregierung aufgefordert, die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu prüfen.

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Zwanghaftes Sexualverhalten und Videospielsucht als neue Krankheiten

Zwanghaftes Sexualverhalten und Video- oder Online-Spielsucht werden künftig als Diagnosen in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) aufgeführt. Diese verabschieden die Mitglieder der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) auf ihrer Jahresversammlung in Genf (20. bis 28. Mai). Der erstmals seit 30 Jahren neu gefasste Katalog listet rund 55.000 Krankheiten, Symptome und Verletzungsursachen auf. Neue Diagnosen sollen ab 2022 nach dem neuen WHO-Katalog erfasst werden.

Ärzte registrieren ihre Diagnosen künftig mit den neuen Codes. Für krankhaftes Video- oder Online-Spielen ist es „6C51“, für zwanghaftes Sexualverhalten „6C72“. Damit können präzisere Statistiken erstellt und Gesundheitstrends besser dokumentiert werden, wie Robert Jakob, Gruppenleiter Klassifikationen (ICD) bei der WHO, im Vorfeld sagte.

Ärzte könnten künftig zudem bei der Diagnose Lungenentzündung präzisieren, dass bei einem Patient antibiotikaresistente Keime entdeckt wurden. „So lässt sich fest­stellen, wo die Entwicklung neuer Antibiotika besonders dringend ist“, sagte Jakob. Nach Angaben des deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation werden nach dem für Deutschland leicht modifizierten Katalog auch Behandlungen abgerechnet und Statistiken zu Todesursachen geführt.

Neu ist auch, dass Ärzte bei einer Blutung im Gehirn präzisieren können, dass der Patient versehentlich ein Medikament überdosiert hatte. „Wenn sich herausstellt, dass bestimmte Mittel oft falsch eingenommen werden, kann man untersuchen, wie man dem vorbeugen kann“, sagt Jakob.

Zusatzhandbuch für die Diagnose neuer Süchte

Dass zwanghaftes Sexualverhalten und Video- oder Online-Spielsucht neu in den Katalog aufgenommen wird, ist umstritten, weil die Diagnosen schwierig sind. Was genau darunter zu verstehen ist, wird in einem Zusatzhandbuch erklärt. Unter zwang­haftem Sexualverhalten könne unter anderem übermäßiger Pornokonsum oder Tele­fonsex zählen, sagte Jakob.

Die Diagnose ist nach Definition von Fachleuten dann angebracht, wenn Betroffene intensive, wiederkehrende Sexualimpulse über längere Zeiträume nicht kontrollieren können und dies ihr Familien- oder Arbeitsleben oder das Sozialverhalten beeinflusst.

Gegen die Aufnahme von Video- und Onlinespielsucht hatte vor allem die Gaming-Industrie protestiert. Sie fürchtet, dass Menschen, die viel spielen, plötzlich als the­rapiebedürftig eingestuft werden.

Die Problematik beginnt für die WHO, wenn ein Mensch über mehr als zwölf Monate alle anderen Aspekte des Lebens dem Spielen unterordnet, oder wenn er seine Freunde verliert oder seine Körperhygiene vernachlässigt. Fachlich sei die Diagnose klar definiert, sagt Jakob.

„Es gibt keinen Grund, solches pathologisches Spielen aus dem Katalog zu nehmen. Andererseits darf auch niemand, der einfach viel auf dem Computer oder Handy spielt, als krank bezeichnet werden.“