Psychotherapeuten wehren sich gegen vorgeschaltete Instanz vor Behandlung

Ein Passus aus dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) war gestern Thema einer öffentlichen Anhörung im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages. Die Petition der Psychotherapeutin Ariadne Sartorius vom Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) richtete sich gegen die Vorgabe einer „gestuften und gesteuerten Versorgung im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung“ (Paragraf 92 Absatz 6a, Sozialgesetzbuch V) im TSVG, die der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) noch weiter ausgestalten soll. Die Petition unterstützten 217.000 Mitzeichner.

Nach Auffassung der Petentin und der unterstützenden Psychotherapeutenverbände gibt der Passus eine zusätzliche Prüfung vor, ob eine psychotherapeutische Behandlung notwendig ist oder nicht. „Eine vorgeschaltete Instanz würde Zugang zur Versorgung nur erschweren“, argumentierte Sartorius während der Anhörung.

Psychisch Kranken werde damit aufgebürdet, „hoch schambesetzte seelische Belastungen gegenüber Behandlern darzustellen, die sie danach in der Regel nicht wiedersehen werden und die sie nicht selbst nach Vertrauensgesichtspunkten gewählt haben“. Das stelle eine Diskriminierung von psychisch kranken Menschen dar.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) betonte in der Anhörung, dass ihm an einer besseren Versorgung gelegen sei. „Wir brauchen eine bessere Vernetzung der Leistungserbringer und eine Reduzierung der Wartezeiten in der Psychotherapie. Wir können gerne über eine andere Begrifflichkeit reden. Aber wir müssen die Probleme angehen.“ Ihm gehe es „nicht per se um eine zusätzliche Instanz“, betonte er.

Aber „Lotsen, Bezugsärzte- oder-psychotherapeuten“ sollten eventuell auch „neben der psychotherapeutischen Sprechstunde“ mithelfen, Patienten bedarfsgerecht zu versorgen. Genaueres müsse der G-BA in der Ausgestaltung der Richtlinien regeln.

Petentin Sartorius erläuterte, dass es bereits mit der im April 2017 eingeführten psychotherapeutischen Sprechstunde Steuerungsmöglichkeiten gebe. Patienten würden mithilfe der Sprechstunde nach Dringlichkeit und Schwere ihrer Erkrankung versorgt, oder auch in Beratung und Selbsthilfe weitergeleitet, wenn keine krankheitswertige Erkrankung vorliege.

Gleichzeitig wurden neben der Sprechstunde die Akutbehandlung für Patienten in psychischen Krisen, die Redizivprophylaxe sowie bessere Bedingungen für die Gruppenpsychotherapie eingeführt.  „Erfolge dieser Strukturreform zeichnen sich bereits ab“, sagte die Psychotherapeutin. Eine zusätzliche Prüfung des Behandlungsbedarfs, wie im TSVG vorgesehen, sei deshalb kontraproduktiv.

Sie betonte, dass eine bessere Vernetzung und Koordination in der Versorgung von Patienten mit komplexen psychischen Störungen notwendig sei. Der NPPV-(neurologisch-psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgungs-)Vertrag in der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein sei ein gutes Beispiel dafür, wie so etwas gelingen könne. Ein Bezugsarzt- oder -psychotherapeut betätigt sich dabei durchgängig als „Kümmerer“ und lotst die Patienten durch die Versorgung.

Jens Spahn verwies darüber hinaus auch auf den PNP-(Psychotherapie, Neurologie und Psychiatrie-)Facharztvertrag in Baden-Württemberg, bei dem der Hausarzt die Koordination übernimmt. „Es ist nicht richtig, wenn alle Patienten sofort zum Psychotherapeuten geschickt werden“, sagte er. Man brauche eine steuernde Instanz, die Ärzte als auch Psychotherapeuten übernehmen könnten. 

Psychotherapeutin Sartorius wehrte sich gegen den Vorwurf, „die falschen Patienten“ zu behandeln: „90 Prozent unserer Patienten sind mittelschwer bis schwer psychisch krank, das wurde bereits in diversen Studien festgestellt.“ Wenn der Psychotherapeut in der Sprechstunde keinen Behandlungsbedarf feststelle, verweise er natürlich auch beispielsweise in die Selbsthilfe oder an Beratungsstellen weiter.

Zusätzliches Nadelöhr vor der eigentlichen Behandlung

Zu bedenken gab Sartorius darüber hinaus, dass mit der Einführung einer zusätzlichen Instanz Behandlungskapazitäten gebunden werden. „Es entsteht nicht nur ein zweites Nadelöhr vor der eigentlichen Behandlung. Diagnose und Behandlungsindikation müssen von dem dann behandelnden ärztlichen oder Psychologischen Psycho­therapeuten obligat nochmal durchgeführt werden.“ Dies stelle zudem die Kompetenz der Behandler infrage.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn erklärte abschließend, dass mehr Psychothera­peuten im System das Problem der langen Wartezeiten nicht lösen würden. Denn: „Wo besonders viel Psychotherapie angeboten wird, ist auch besonders viel Nachfrage.“ Ihm sei an einer besseren Steuerung durch die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung gelegen, damit Menschen mit Behandlungsbedarf besser versorgt würden.

Auch die Bundes­ärzte­kammer und die Bundes­psycho­therapeuten­kammer haben sich gegen die Vorgabe einer „gestuften und gesteuerten Versorgung“ in der Psychotherapie ausgesprochen. 

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Weiterhin Kritik an Stufenmodell in der Psychotherapie

Kurz vor der öffentlichen Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestags zum Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) gibt es erneut Kritik an der geplanten „gestuften und gesteuerten Versorgung“ in der Psychotherapie. Das Modell aus dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) sieht vor, dass ausgewählte Ärzte und psychologische Psychotherapeuten in Voruntersuchungen festlegen, welches Hilfe- oder Therapieangebot Betroffene wahrnehmen dürfen.

„Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht“, sagte der Präsident der Bundes­ärztekammer (BÄK) Frank Ulrich Montgomery. Der Gesetzgeber beschränke mit dem Vorhaben nicht nur die Wahlfreiheit der Patienten. Eine solche Regelung speziell für Menschen mit psychischen Erkrankungen diskriminiere zudem die betroffenen Patientengruppen.

 Sprechende Medizin ausbauen

Montgomery sprach sich für die Streichung des entsprechenden Passus im TSVG aus. „Die meisten psychischen Erkrankungen sind gut behandelbar – aber sie müssen eben auch behandelt werden. Andernfalls drohen Chronifizierungen und schwere Verläufe. Deshalb sollten Politik und Kostenträger den Ausbau der sprechenden Medizin durch Haus- und Fachärzte nicht nur fordern, sondern auch fördern“, so Montgomery.

Er bemängelte auch, dass das TSVG neue Zugangsbarrieren für Patienten schaffe, statt Engpässe in der Versorgung zu beseitigen. „Viel sinnvoller wäre es, bei den Behandlungs­strukturen anzusetzen, sie zu stärken und die psychiatrisch-psycho­therapeutische Versorgung noch enger in den somatischen Behandlungskontext einzubinden“, sagte der BÄK-Präsident.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) verteidigte heute in einer öffentlichen Anhörung des Petitionsausschusses des Bundestags sein Vorhaben. Dabei hielt er an einer verbesserten gestuften Versorgungssteuerung fest. Wie diese allerdings genau aussehen soll, sagte Spahn nicht. Die genauen Regelungen solle die Selbstverwaltung entweder im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss oder über Manteltarifverträge regeln. „Wir geben den Rahmen vor. Das Ziel ist klar“, sagte Spahn. Er wolle eine bessere Steuerung für diejenigen, die einen akuten und dringenden Behandlungsbedarf haben.

Zugleich betonte der Minister, dass alleine mehr Sitze für Psychotherapeuten das Problem der zu langen Wartezeiten auf eine Behandlung nicht beheben würden. Nur das Angebot zu erhöhen, ohne die Steuerung zu verbessern, werde „nicht zu einer besseren Versorgungssituation führen“, sagte Spahn. Vorwürfe, er wolle über eine zusätzliche Hürde im System Geld sparen, wies er zurück. „Sparen steht hier nicht im Vordergrund“, sagte er.

Die Neuregelung nützt niemandem

Hintergrund der Debatte im Petitionsausschuss war die Eingabe der Psychotherapeutin Ariadne Sartorius für eine Streichung der im TSVG geplanten gestuften Versorgung in der Psychotherapie, die mehr als 200.000 Unterstützer gefunden hatte. Sartorius sagte im Petitionsausschuss, ihre falle niemand ein, dem die geplante Neuregelung nutzen würde.

Sie befürchtet, dass durch eine weitere Bezugsperson für Erkrankte die Hürden für den Zugang zur Psychotherapie noch größer werden als bisher. Darüber hinaus würden Patienten aus der Versorgung fallen, weil die zusätzliche Einstufung Ressourcen von Psychologen binden würden. Aus ihrer Sicht sind vor allem mehr Psychotherapeuten und eine bessere Vernetzung notwendig, um den Behandlungsbedarf zu decken. 

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Terminservice- und Versorgungsgesetz: Änderungen bei gestuftem Zugang zur Psychotherapie wahrscheinlich

Das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) von Bundesgesundheits­minister Jens Spahn (CDU) dürfte noch in zahlreichen Punkten im Laufe des Gesetzgebungs­verfahrens verändert werden. Ein Punkt darunter wird die umstrittene geplante zusätzliche „gestufte und gesteuerte Versorgung vor einer psychothera­peutischen Behandlung“ sein, wie heute die erste Lesung im Bundestag aufgezeigt hat. Das Gesetz soll voraussichtlich im Frühjahr 2019 in Kraft treten. Der Bundesrat muss nicht zustimmen.

Gegen die mögliche Neuregelung in der Psychotherapie wird seit Wochen protestiert. Zuletzt hatten Psychotherapeuten dem Petitionsausschuss des Bundestags heute Morgen mehr als 197.000 Unterschriften gegen eine vorgeschaltete Prüfung des Behandlungsbedarfes psychisch kranker Menschen übergeben. 28 psychothera­peutische Berufsverbände unterstützen den Protest.

„Das ist eine Diskriminierung psychisch kranker Menschen und ein erster Schritt zur Abschaffung der freien Arztwahl“, sagte die Petentin Adriadne Sartorius, Mitglied im Vorstand des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten, heute vor der Debatte im Bundestag bei einer Pressekonferenz in Berlin. „Das werden wir nicht hinnehmen.“

„Dieser Passus im TSVG setzt auf Rationalisierung und Priorisierung“, sagte auch Gebhard Hentschel, stellvertretender Bundesvorsitzender der Deutschen Psychothera­peutenvereinigung. Die im April 2017 eingeführte psychotherapeutische Sprechstunde ermögliche bereits eine diagnostische Abklärung und Indikationsstellung“, erläuterte er. Eine weitere Instanz sei deshalb völlig unnötig.

Weg mit der Regelung

Viele Abgeordnete sowohl von der SPD als auch der Oppositionsfraktionen sprachen sich in der Debatte im Parlament dafür aus, die Regelung zu streichen. Heute Morgen sei eine der erfolgreichsten Petitionen aller Zeiten beim Bundestag eingereicht worden, sagte Kirsten Kappert-Gonther (Grüne). Spahn habe es mit seinem Ansinnen geschafft, fast 200.000 Menschen „gegen sich aufzubringen“. „Kranken Menschen dürfen keine zusätzlichen Steine in den Weg gelegt werden“, sagte sie. Den Passus des zusätzlichen Zugangs zur Psychotherapie bezeichnete sie als „emotionale Zumutung“. Der Passus gehöre gestrichen.

Kristine Aschenberg-Dugnus (FDP) betonte, die gestufte Versorgung verfehle das Ziel der besseren Versorgung „komplett“. „Das ist doch eine zusätzliche Hürde von den Erkrankten. Was muten wir den Patienten damit zu?“, fragte sie. Psychisch Kranken falle es ohnehin schwer, sich Hilfe zu holen. Dann müssten sie sich auch noch an jemanden wenden, den sie sich nicht ausgesucht hätten, nicht kennen und nie wiedersehen würden. Patienten müssten sich gerade in so einem sensiblen Bereich wie der Psychotherapie ihren Therapeuten selbst aussuchen, betonte sie.

Große Reform in der Psychotherapie notwendig

„Das, was jetzt im Gesetzestext ist, ist nicht geeignet, Vertrauen zu schaffen“, sagte Karl Lauterbach (SPD) mit Blick auf die Regelung der gestuften Versorgung. Aus seiner Sicht müsse eine große Reform vorbereitet werden. Diese müsse sich mit der Frage von zu wenigen Zulassungen und der Frage der Honorierung beschäftigen. „Es ist so, dass sich die Vergütung zu wenig nach der Schwere der Erkrankung richtet“, sagte Lauterbach. Eine solche Reform brauche mehr Zeit und müsse mit Verbänden und Betroffenen diskutiert werden. „Wir werden zu einer gemeinsamen Lösung kommen und sie sind zu wichtig für einen Schnellschuss“, so der SPD-Gesundheitspolitiker, der viele andere Regelungen wie den Ausbau der Terminservicestellen im TSVG begrüßte. Das führe auch zu einer schnelleren Terminvermittlung für Psychotherapiepatienten.

Dirk Heidenblut, SPD-Berichterstatter für Psychiatrie und Psychotherapie, kündigte unterdessen per Mitteilung einen strukturierten Dialog mit allen beteiligten Fachverbänden an, um ein umfassendes, sektorenübergreifendes Konzept für die Versorgung psychisch Kranker zu entwickeln. Eine Expertengruppe der Friedrich-Ebert-Stiftung werde dazu Anfang des nächsten Jahres ein Positionspapier vorlegen, sagte er.

Spahn selbst verwahrte sich beim Thema gegen Unterstellungen, ihm sei die Versorgung psychisch kranker Menschen gleichgültig. „Aus persönlichem Erleben in der eigenen Familie weiß ich, was das für die Familie bedeutet“, sagte er heute bei der Debatte im Bundestag. Er wisse auch, was es bedeute, einen Termin nicht schnell zu bekommen. Er habe das Ziel, Patienten besser zu versorgen. Wenn das Ergebnis der Debatte sei, dass die vorgeschlagene Regelung „verbesserungsfähig“ sei, sei er „der erste, der für eine Verbesserung zu haben ist“, zeigte sich Spahn erneut kompromissbereit.

Spürbare Alltagsverbesserungen

Spahn (CDU) betonte heute auch, das TSVG solle „konkrete und im Alltag spürbare Verbesserungen“ für Patienten bringen. Dafür brauche es gute Rahmen­bedingungen für die tägliche Arbeit und eine angemessene Vergütung von Ärzten, Apothekern und Pflegekräften. So werde es in Zukunft für die Annahme neuer Patienten und eine schnellere Terminvergabe zusätzlich Geld geben, sagte Spahn weiter. Ebenso solle es eine zusätzliche Vergütung geben, wenn ein Hausarzt bei der Vermittlung eines Facharzttermins helfe. Letztlich solle die Terminservicestelle 116117 auf „24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche, online und als App“ ausgebaut werden.

Der Gesetzentwurf, der nun in den Fraktionen und Ausschüssen weiter beraten wird, sieht unter anderem auch vor, dass Vertragsärzte mindestens 25 statt 20 Stunden für gesetzlich Krankenversicherte anbieten müssen. Bestimmte Facharztgruppen wie Augenärzte, Frauenärzte oder HNO-Ärzte, die zur Grundversorgung gezählt werden, müssen mindestens fünf Stunden pro Woche als offene Sprechstunden anbieten, ohne vorherige Terminvereinbarung. Die Ärzte sollen die zusätzlichen Aufwendungen vergütet bekommen. Für die erfolgreiche Vermittlung eines dringenden Facharzt­termins durch einen Hausarzt ist ein Zuschlag von mindestens fünf Euro vorgesehen.

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Zuschläge sollen auch gezahlt werden für die Betreuung von Patienten, die von der Terminservicestelle vermittelt werden, für neue Patienten in der Praxis, für Leistungen, die in den offenen Sprechstundenzeiten erbracht werden und für Leistungen nach einer Terminvermittlung durch einen Hausarzt. Landärzte sollen ebenfalls einen Zuschlag erhalten. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) werden außerdem dazu verpflichtet, in unterversorgten Gebieten entweder Praxen zu eröffnen oder mobile und telemedizinische Alternativen anzubieten.

Leistungen für bestimmte Patientengruppen

Mit der Novelle soll auch die digitale Versorgung verbessert werden. So müssen die Krankenkassen ihren Versicherten spätestens ab 2021 eine elektronische Patientenakte (ePA) zur Verfügung stellen, die auch über das Smartphone oder Tablet genutzt werden kann. Der Gesetzentwurf beinhaltet schließlich einige neue Leistungsansprüche für bestimmte Patientengruppen.

Versicherte mit einem erhöhten HIV-Infektionsrisiko erhalten mit der Reform einen Anspruch auf die Präexpositionsprophylaxe (PrEP). Der Anspruch auf eine künstliche Befruchtung wird erweitert um die Kryokonservierung von Ei- und Samenzellen. So soll in Fällen einer keimzellschädigenden Behandlung wie etwa einer Krebstherapie die Möglichkeit der Fortpflanzung erhalten bleiben.

In der Pflege werden ambulante Betreuungsdienste für die Haushaltshilfe eingeführt. Für den Impfschutz sollen künftig die verfügbaren Impfstoffe aller Hersteller genutzt werden können, möglichst ohne vertraglichen Ausschluss einzelner Hersteller. Innovative Behandlungsmethoden sollen künftig leichter erprobt werden können. Die Festzuschüsse für Zahnersatz sollen ab 2021 von 50 auf 60 Prozent angehoben werden. Schließlich soll auch die Transparenz bei der Veröffentlichung der Vorstands­gehälter bei Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen verbessert werden.

Streit um Sinnhaftigkeit von Zuschlägen

Bei Ärzten und Verbänden, aber auch den Abgeordneten im Parlament stoßen viele der Regelungen auf Kritik. Der AfD-Abgeordnete Robby Schlund warf Spahn vor, er gehe davon aus, dass alle Ärzte faul seien. Dabei arbeiteten diese bereits 50 Stunden pro Woche. Er forderte die Abschaffung der Budgetierung.

Mit der Sprechstunden­regelung frustriere man die Ärzte, hieß es von der FDP-Abgeordneten Kristin Aschenberg-Dugnus, die sich ebenfalls für ein Ende der Budgetierung aussprach. Der Linken-Politiker Achim Kessler hingegen zeigte wenig Verständnis dafür, den Ärzten Geld für die Behandlung von zusätzliche Patienten zu bezahlen. Das sei deren originäre Aufgabe. Er forderte eine Bürgerversicherung, um die Ungleichbehandlungen im System abzuschaffen.

Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) monierte, das Gesetz sei in Bezug auf Zuschläge für Ärzte kontraproduktiv. Es profitierten diejenigen, die bisher weniger Sprechstunden hätten. Auch würden Kinder- und Hausärzte leer ausgehen. Bei den schnellen Terminvergaben über die Terminservicestellen fragte sie Spahn: „Wie stellen Sie sicher, dass diese Regelung nicht zulasten der chronisch Kranken geht? Gerade die brauchen eine bessere Versorgung.“

Unterstützung erhielt Spahn aus den eigenen Reihen. „Dort, wo wir Mehrleistung adressieren, wird Mehrleistung bezahlt“, sagte Karin Maag, gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag. Sie wende sich aber zugleich mit einem Appell an die Ärzte. „Ich bitte um Verständnis, dass es unsere Aufgabe ist, Zugangshürden abzuschaffen“, sagte sie.

Aus Sicht der Ärzte sei eine gestufte Inanspruchnahme sicherlich richtig. Aber genauso richtig sei es aus Sicht der Krankenkassen und Beitragszahler, den Grundsatz der Beitragsstabilität zu erhalten. „Wir müssen den Spagat gestalten. FDP und AfD fordern die Entbudgetierung. Offensichtlich halten Sie Beitragssatzstabilität für überflüssig“, sagte sie.

Kritik von Ärzten und Krankenhäusern

Kritische Töne am TSVG kommen heute erneut – wie schon seit der Entwurf auf dem Tisch liegt – aus der Ärzteschaft und von den Krankenhäusern. Leider sei beim TSVG schon die Grundannahme falsch, dass vermeintliche Versorgungsengpässe von unzureichenden Sprechstundenzeiten herrührten, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) Frank Ulrich Montgomery. Ärzte arbeiteten bereits am Limit und oftmals auch darüber hinaus.

„Wer spürbare Verbesserungen für die Patienten will, muss genau hier ansetzen und für Entlastung sorgen“, mahnte er. Notwendig seien mehr Medizinstudienplätze, attraktive Arbeitsbedingungen und nicht zuletzt wirksame Maßnahmen gegen Kommerzia­lisierung und Konzernbildung im deutschen Gesundheitswesen. Darauf sollte der Gesetzgeber abzielen, statt die Arbeit von Ärzten und Selbstverwaltung mit Reglementierung und Kontrollbürokratie weiter zu belasten.

Mit Blick auf die geplanten offenen Sprechstunden und die Ausweitung der Mindestsprechstundenzeiten warnte Montgomery: „Viele gute Ansätze in dem Gesetzentwurf werden teilweise durch massive Eingriffe in die Praxisabläufe und in die Arbeit der Selbstverwaltung konterkariert. Statt junge Ärztinnen und Ärzte mit starren staatlichen Vorgaben für ihre Berufsausübung zu vergraulen, brauchen wir flexible Lösungen, die sich sowohl an den Bedürfnissen der Patienten, als auch an denen der jungen Ärztegeneration orientieren.“ Solche praxisnahen Regelungen könnten nur von der Selbstverwaltung kommen. Dafür müsse ihr die Politik aber auch die notwendige Gestaltungsfreiheit geben.

Positiv hob Montgomery hervor, dass mit dem TSVG zusätzliche Leistungen auch zusätzlich vergütet werden sollen. „Damit nähern wir uns der Entbudgetierung zumindest etwas an.“ Richtig sei auch, dass der Gesetzgeber erste Weichenstellungen für ein sektorenübergreifendes Konzept der Notfall- und Akutversorgung vornimmt. Darauf könne und müsse man aufbauen. Zumindest punktuell gehe die Koalition auch das Problem der zunehmenden Konzernbildung im Gesundheitswesen an. Dort seien Verbesserungen notwendig. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hatte sich zuletzt auf ihrer Ver­tre­ter­ver­samm­lung ausführlich mit dem TSVG und seinen Mängeln befasst.

Der Deutsche Hausärzteverband betonte, der Gesetzentwurf gehe an der hausärztlichen Versorgungsrealität vorbei. Ein Zwang zum Angebot weiterer Sprechstunden löse keine Probleme. Schon heute böten die meisten Hausärzte deutlich mehr als 25 Sprechstunden in der Woche an. „Dass sie hierfür nun – im Gegensatz zu Fachärzten, die extrabudgetär und mit zusätzlichen Honoraren vergütet werden – keinerlei Vergütung erhalten sollen, ist schlicht und einfach ein falsches Signal“, sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt.

Der Bundesvorsitzende des NAV-Virchow-Bundes Dirk Heinrich übte unter anderem Kritik an den offenen Sprechstunden, die laut Gesetzentwurf verpflichtend eingeführt werden sollen. „Ich finde offene Sprechstunden gut – solange sie freiwillig angeboten werden. Die Gängelung durch die Politik widerspricht jedoch allem, was ich mit einem freien Beruf und freier Praxisführung verbinde“, so der NAV-Chef. Unter diesem Gesichtspunkt sei auch die Streichung des Überweisungsvorbehaltes für die offene Sprechstunde zwingend, denn nach den derzeitigen Plänen erhielten grundversor­gende Fachärzte nur dann einen Zuschlag von 15 Prozent auf die Grundpauschale, wenn Patienten mit Hausarztüberweisung in die offene Sprechstunde kommen.

Warnungen von Kinderärzten

Nach Ansicht des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) wird die Regelung, die Bedarfsplanungfür Kinderärzte in einigen Regionen aufzuheben, die Versorgung eher verschlechtern. Die zeitweilige Aussetzung der Niederlassungs­begrenzung werde einen Run auf attraktive Standorte auslösen, aber keine einzige dringend benötigte Kinder- und Jugendarztpraxis in unterversorgten ländlichen oder sozial schwierigen städtischen Regionen schaffen“, sagte BVKJ-Präsident Thomas Fischbach.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) warnte davor, Medizinische Versorgungs­zentren zu gefährden. Die geplante Regelung, dass Ärzte, die aus einem MVZ ausscheiden, nur noch nachbesetzt werden können, wenn nach der Bedarfsplanung freie Arztsitze vorhanden sind, bedeute für MVZ in Krankenhaus­trägerschaft fast das Aus, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

Die Neubesetzungen müssten jedes Mal durch eine Bedarfsprüfung bestätigt werden. Das bedeute einen großen bürokratischen Aufwand und gefährde die Planungs­sicherheit. Eine Verschärfung der Vorgaben, wie sie Bundesrat und Ärztevertreter begrüßen, die der Kommerzialisierung der Versorgung entgegenwirken wollen, sieht Baum als problematisch an. 

Spahn kompromissbereit bei umstrittener Neuregelung für Psychotherapien

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hat sich nach heftiger Kritik an seinen Plänen zur Neuregelung bei psychotherapeutischen Behandlungen kom­promissbereit gezeigt. „Ich schließe nicht aus, dass wir andere Regelungen finden“, sagte der Minister heute im ARD-Morgenmagazin.

Spahns Entwurf für das Terminservice- und Versorgungsgestez (TSVG) sieht eine „gestufte Steuerung“ von Hilfesuchenden vor. Ausgesuchte Ärzte und Therapeuten sollen in Voruntersuchungen entscheiden, welchem Hilfs- oder Therapieangebot die Betroffenen zugeführt werden sollen. Vertreter der Psychotherapeuten sehen darin eine zu große Hürde, die Patienten abschrecken könnte, eine Behandlung aufzunehmen.

Zugleich verteidigte Spahn heute in der ARD grundsätzlich seine Pläne. Es sei wichtig, dass Menschen mit Erkrankungen wie Schizophrenie oder Depression schnell eine Behandlung erhielten. Oft müssten die Betroffenen bislang aber darauf zu lange warten. Allerdings seien die Wartezeiten dort mit am längsten, wo es auch die meisten Therapeuten gebe.

Deshalb müsse die Terminvergabe besser koordiniert und gesteuert werden. Es reiche nicht aus, lediglich mehr Psychotherapeuten für die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung zuzulassen, sagte Spahn weiter. Er äußerte die Hoffnung, im Januar eine Lösung zu finden.

Das vom Bundeskabinett Ende September gebilligte TVSG soll die Wartezeiten auf einen Arzttermin verkürzen. Vorgesehen ist die Erhöhung der wöchentlichen Mindestsprechstundenzahl von derzeit 20 auf 25. Zudem sollen bestimmte Arztgruppen fünf Stunden anbieten, für die Versicherte keine Termine benötigen. 

Psychotherapeutische Sprechstunde steuert die Versorgung

Mit der psychotherapeutischen Sprechstunde wurde eine Möglichkeit geschaffen, die Versorgung von Menschen mit psychischen Beschwerden zu steuern. Dieses Fazit zieht die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) aufgrund einer Auswertung von rund 240.000 Abrechnungsdaten von Patientinnen und Patienten, die im zweiten Quartal 2017 erstmals in einer Sprechstunde waren.

„Die im April 2017 eingeführte psychotherapeutische Sprechstunde erfüllt ihren Zweck. Sie bietet flächendeckend eine diagnostische Abklärung und eine Beratung der Ratsuchenden, was notwendig ist – je nach Dringlichkeit und Schwere ihrer Beschwerden“, erklärte der Präsident der BPtK, Dietrich Munz, heute vor der Presse in Berlin.

Schnelle Hilfe bei psychischen Krisen durch Akutbehandlung

Eine psychotherapeutische Behandlung beginnen nach den Auswertungsdaten rund 58 Prozent der Ratsuchenden. 16,5 Prozent derjenigen befindet sich in einer so starken psychischen Krise, dass eine Akutbehandlung kurzfristig notwendig ist. 74 Prozent beginnen im Anschluss an die Sprechstunde eine Kurzzeittherapie; bei 9,5 Prozent ist eine Langzeittherapie indiziert.

„Die größte Verbesserung konnte für diejenigen erreicht werden, die besonders dringend Hilfe benötigen, etwa bei eskalierender Borderline-Symptomatik oder Suizidgefahr. Sie erhalten jetzt mit der neu eingeführten Akutbehandlung sehr kurzfristig professionelle Hilfe“, erläuterte Munz.

Monatelanges Warten auf einen Therapieplatz

Allerdings erhält jeder dritte Patient, der eine Richtlinien-Psychotherapie benötigt, diese nach Angaben der BPtK erst zwei bis drei Quartale später. „Das sind zu viele Patienten, die viel zu lange auf eine Behandlung warten müssen“, kritisierte Munz.

Die Sprechstunde habe zwar dazu geführt, dass psychisch Kranke schneller erfahren, dass sie krank sind. Auf einen freien Therapieplatz müssten sie trotzdem weiterhin monatelang warten. Die BPtK fordert deshalb „die sofortige Möglichkeit“ für 1.500 Psychotherapeuten, sich außerhalb von Großstädten niederzulassen.

42 Prozent haben keine Indikation für Psychotherapie

Bei rund 42 Prozent der Ratsuchenden ergibt die diagnostische Abklärung in der Sprechstunde, dass keine Richtlinienpsychotherapie notwendig ist, weil keine krankheitswertige Störung besteht. Psychotherapeuten empfehlen dann Angebote zur Prävention und Selbsthilfe oder verweisen an eine Beratungsstelle. Je nach Art und Schwere der Erkrankung werden auch eine Krankenhausbehandlung, medizinische Rehabilitation, eine fachärztliche Behandlung oder eine Soziotherapie veranlasst.

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„Die psychotherapeutische Sprechstunde wurde bereits direkt nach ihrer Einführung zum 1. April 2017 flächendeckend angeboten – die geforderten Mindestzeiten von zwei Stunden pro Woche wurden sogar deutlich übertroffen“, betonte der BPtK-Präsident. Erkennbar sei inzwischen auch, dass Patientengruppen, die aufgrund der langen Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz gar nicht erst versuchten, einen Termin zu bekommen, die Sprechstunden verstärkt aufsuchten. Dazu zählten arbeitsunfähige Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen und sozial Benachteiligte.

Psychotherapeuten lehnen zusätzliche Hürden vor Behandlung ab

„Angesichts der differenzierten Versorgung durch die psychotherapeutische Sprechstunde waren wir sehr überrascht, dass Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) eine zusätzliche‚ gestufte und gesteuerte Versorgung einführen will“, sagte Munz weiter.

Dieser Passus, der erst im Kabinettsentwurf für ein Terminservice- und Versorgungs­gesetz (TSVG) aufgenommen wurde, sei mit der BPtK nicht abgestimmt worden. Eine zusätzliche Hürde vor einer psychotherapeutischen Behandlung lehnt die Kammer grundweg ab. Sie sei überflüssig und diskriminierend. „Psychisch kranke Menschen haben das gleiche Recht der freien Wahl eines Behandlers wie körperlich Kranke“, betonte Munz.

Psychotherapeutenverbände haben einig eine Petition gegen den umstrittenen Passus im TSVG an den Deutschen Bundestag eingereicht. Sie wenden sich „gegen die Schaffung von neuen Hürden im Zugang zur Psychotherapie“ und fordern ein Einlenken der Politik. Die Petition hatte nach kurzer Zeit das erforderliche Quorum von 50.000 erreicht, um die Petition öffentlich beraten zu können und hat inzwischen 136.350 Mitzeichner (Stand 11. Dezember). Bis zum 13. Dezember, dem Tag an dem das TSVG in erster Lesung im Bundestag beraten wird, können weitere Voten abgegeben werden. 

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Milliardenkosten durch psychische Erkrankungen

Die ökonomischen Kosten psychischer Erkrankungen belaufen sich für alle 28  Staaten der Europäischen Union (EU) derzeit auf rund 600 Milliarden Euro pro Jahr. Das zeigt ein gemeinsamer Bericht der „Organisation for Economic Cooperation and Development“, (OECD) und der Europäischen Kommission.

Ein großer Teil dieser Kosten ist auf niedrigere Beschäftigungsquoten und eine geringere Produktivität von Menschen mit Problemen der psychischen Gesundheit zurückzuführen (1,6 Prozent des EU-BIP oder 260 Milliarden Euro), auf höhere Ausgaben für Sozialversicherungsprogramme (1,2 Prozent des EU-BIP oder 170 Milliarden Euro). Der Rest sind direkte Ausgaben für die Gesundheitsversorgung (1,3 Prozent des EU-BIP oder 190 Milliarden Euro). Deutschland muss laut dem Bericht rund 4,8 Prozent seines Bruttoinlandproduktes (BIP) dafür aufwenden.

Wie der Report weiter zeigt, leiden Deutsche im Vergleich etwas häufiger an psychischen Erkrankungen als andere Europäer. Mit einem Anteil von 18 Prozent Betroffenen lag Deutschland im Jahr 2016 über dem EU-Durchschnitt von 17,3 Prozent. Den größten Anteil davon machten Angststörungen aus, dicht gefolgt von Depressionen sowie Alkohol- und Drogenkonsumstörungen.

Insgesamt litten EU-weit fast 84 Millionen Menschen an psychischen Erkrankungen. Am häufigsten kommen diese der Untersuchung zufolge in Finnland und den Niederlanden vor, am seltensten in Rumänien, Bulgarien und Polen. Die Verfasser weisen jedoch darauf hin, dass international sehr unterschiedlich mit psychischen Problemen umgegangen werde. Dort, wo solche Krankheiten eher als Tabuthema gelten, könne die Dunkelziffer höher sein.

„Die schweren Belastungen durch psychische Erkrankungen für den Einzelnen und die Gesellschaft sind nicht unvermeidlich“, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría. Es könne „viel mehr getan werden, um die psychische Gesundheit zu fördern und besser zu verwalten“.

Laut dem für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit zuständigen EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis sind vor allem besser koordinierte Maßnahmen zur Förderung einer besseren psychischen Gesundheit in Schulen und am Arbeitsplatz nötig, aber auch bei schwächeren Gruppen wie Arbeitslosen und älteren Menschen.

Psychothera­peuten beschließen regelhafte Fernbehandlung mit Face-to-face-Diag­nostik

Der 33. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) hat entschieden, dass künftig eine Fernbehandlung ergänzend im Rahmen einer Psychotherapie grundsätzlich unter Beachtung besonderer Sorgfaltspflichten eingesetzt werden kann. Eine ausschließliche Fernbehandlung von unbekannten Patienten lehnten die Delegierten aber ab.

„Diagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung der Patienten erfordern aber weiterhin den persönlichen Kontakt“, heißt es nun im neu beschlossenen Paragrafen 5 Absatz 5 der Musterberufsordnung (MBO) für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Damit folgten die Delegierten einem Antrag des Vorstands der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK).

Die bisherige Regelung sah vor, dass eine Behandlung über Kommunikationsmedien nur in begründeten Ausnahmefällen durchgeführt werden darf. Die Mitwirkung an Forschungsprojekten, in denen Psychotherapie ausschließlich über das Internet durchgeführt wird, bedarf auch mit der geänderten MBO der Genehmigung durch die Landespsychotherapeutenkammern.

Große Entfernungen können überbrückt werden

Zuvor erläuterte Peter Lehndorfer, Mitglied im Vorstand der BPtK, die Chancen und Risiken der Psychotherapie über Videobehandlung: „Große Entfernungen zwischen Patienten und Psychotherapeut können so überbrückt werden. Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen werden erreicht, die keine Praxis aufsuchen können. Bei einem Umzug des Patienten kann eine Fernbehandlung den Therapeutenwechsel verhindern helfen.“

Die Evidenz rechtfertige inzwischen den Einsatz von Fernbehandlungen – „aber längst nicht für alle“. Auf der anderen Seite könne Onlinepsychotherapie nicht die Probleme der Bedarfsplanung lösen und bedeute auch keine Zeitersparnis für Psychotherapeuten.

Antrag zur ausschließlichen Fernbehandlung abgelehnt

Zur Abstimmung stand auch ein Antrag der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK), der eine ausschließliche Behandlung über Kommunikationsmedien „im Einzelfall“ erlauben wollte, wenn dies psychotherapeutisch vertretbar sei. Dem ablehnenden Votum der Delegierten war eine breite Debatte vorausgegangen.

„Wir wollen Psychotherapeuten zumuten, selbst zu entscheiden, ob sie den Patienten vor einer Fernbehandlung persönlich sehen wollen/müssen oder nicht“, sagte Andrea Mrazek, Präsidentin der OPK.

„Wir sollten uns der Möglichkeit der ausschließlichen Fernbehandlung nicht verschließen“, erklärte Cornelia Beeking, Delegierte aus Nordrhein-Westfalen (NRW). „Der Schaden für die Patienten ist größer, wenn wir sie gar nicht erreichen, dadurch, dass sie in die Praxis kommen müssen“, ergänzte die Berliner Delegierte Eva-Maria Schweitzer-Köhn.

„Zur Diagnostik gehört immer auch das persönliche Gespräch. Der klinische Eindruck ist wichtig, der sich auch im Geruch und im Händedruck zeigt“, sagte hingegen Petra Adler-Corman, NRW, beispielsweise für die Vertreter der Face-to-face-Diagnostik.

„Die Krankenkassen sind sehr erpicht auf die OnlinePsychotherapie ohne uns – wir können uns auch selbst abschaffen“, erklärte Rudi Bittner, Delegierter aus Bayern. „Wir müssen unsere Macht nutzen“, warb BPtK-Vizepräsident Nikolaus Melcop für den Antrag des Vorstands für die regelhafte Fernbehandlung, der schließlich mit großer Mehrheit angenommen wurde.

Psychotherapeutentag bemängelt weitere Zugangssteuerung zur Psychotherapie

Der 33. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) fordert den Gesetzgeber eindringlich auf, von der Regelung im Kabinettsentwurf für ein Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) Abstand zu nehmen, mit der eine vorgeschaltete Stelle, in der Indikation und Dringlichkeit der Behandlung psychisch kranker Menschen geprüft würde, eingeführt werden soll.

In einer Resolution forderten die Delegierten vorgestern in Berlin die „ersatzlose Streichung“ dieser in Paragraf 92 Absatz 6a Sozialgesetzbuch (SGB) V vorgesehenen Regelung, in der von einer „gestuften und gesteuerten Versorgung für die psychothera­peutische Behandlung“ die Rede ist, die der Gemeinsame Bundes­aus­schuss ausgestalten soll.

„Die beabsichtigte Regelung zielt tatsächlich auf Rationierung, Priorisierung und Selektion psychotherapeutischer Behandlungen“, heißt es in der Resolution. Sie könne weder einen zeitnahen Behandlungszugang gewährleisten, noch die Qualität und Wirtschaftlichkeit der Leistungen verbessern.

Darüber hinaus diskriminiere die Regelung in Paragraf 92 psychisch kranke Menschen, indem sie neue Hürden für psychisch kranke Menschen vor einer psychotherapeu­tischen Behandlung aufbaue. Deren Teilhabe an der Entscheidung über die Behandlungs­form wäre unzulässig beschränkt.

„Die Patienten müssten sich gleich mehreren Ärzten und Psychotherapeuten öffnen und unnötig lange Versorgungswege beschreiten“, kritisieren die Delegierten des 33. DPT. Das konterkariere auch das Bemühen um einen niedrigschwelligen Behand­lungszugang.

Versorgungssteuerung „längst Realität“

„Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn fordert etwas, was es längst gibt. Mit der Strukturreform der ambulanten Psychotherapie zum 1. April 2017 ist die Versorgungs­steuerung doch längst Realität: Die psychotherapeutische Sprechstunde und die Koordination der Versorgung funktionieren gut“, erklärte Dietrich Munz, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) beim DPT.

Die Evaluation der mit der Strukturreform geänderten Psychotherapierichtlinie solle erst einmal abgewartet werden. „Meiner Ansicht nach ist dieser Passus im TSVG eine politische Strategie von Herrn Spahn, um von Problemen in der Versorgung abzulenken“, sagte der BPtK-Präsident.

BPtK fordert 5.000 zusätzliche Psychotherapeutensitze

Grund für die Versorgungsprobleme, also die langen Wartezeiten auf einen Psycho­therapie­platz vor allem in ländlichen Gebieten, ist nach Ansicht der BPtK keine unzureichende Steuerung der Patienten, sondern ein Mangel an Psychotherapieplätzen. Nach der Wartezeitenstudie betragen die Wartezeiten auf einen Therapieplatz im Bundesdurchschnitt rund fünf Monate.

Die BPtK fordert deshalb sofort 5.000 zusätzliche Vertragspsychotherapeutensitze in ländlichen Regionen, um ein Niveau wie in den Städten zu erreichen. „Diese Soforthilfe für psychisch Kranke sollte vor der Reform der Bedarfsplanung greifen“, erklärte Munz. Notwendig sei darüber hinaus eine partielle Aufhebung der Zulassungs­beschrän­kungen in Großstädten sowie die generelle Reform der Bedarfsplanung.

Reform der Bedarfsplanung zeitnah umsetzen

In einer weiteren Resolution fordert der 33. Deutsche Psychotherapeutentag deshalb den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss auf, die Reform der Bedarfsplanung „zeitnah umzusetzen“. Die aktuellen Wartezeiten seien vielerorts nicht mehr hinnehmbar.

Obwohl sich der Erstzugang zum Psychotherapeuten durch die Etablierung von Sprechstunden deutlich verbessert habe, fehle es nach der Erstabklärung in vielen Regionen an ausreichenden Kapazitäten für eine anschließende Psychotherapie, heißt es in dieser Resolution.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer ist nicht allein mit ihrer Forderung, die geplante Regelung in Paragraf 92 Absatz 6a SGB V im Kabinettsentwurf für ein TSVG zu streichen. Vorgestern hatte sich auch die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Niedersachsen auf ihrer Herbsttagung in Hannover „auf das Schärfste“ gegen diese Regelung ausgesprochen.

„Eine vorgeschaltete Stelle, in der Indikation und Dringlichkeit der Behandlung psychisch kranker Menschen geprüft wird, würde eine neue Hürde vor einer ambulanten Psychotherapie einführen und so den Zugang nicht erleichtern, sondern erschweren“, heißt es in einer Resolution der KVN.

Am vergangenen Freitag hatten zudem drei Psychotherapeutenverbände eine neue Petition im Bundestag gestartet, mit der sie der Forderung, die umstrittene Regelung im Gesetzgebungsverfahren zu streichen, Nachdruck verleihen.

Zuvor hatten sich bereits die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundes­vereinigung, einige KVen, die Landespsychotherapeutenkammern sowie die Allianz fachärztlicher Berufsverbände gegen die Zugangsplanungen durch den Gesetzgeber ausgesprochen.

Psychotherapeuten starten Petition gegen Terminservicegesetz

Der Kabinettsentwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) sieht vor, dass besonders qualifizierte Ärzte und psychologische Psychotherapeuten künftig in Voruntersuchungen festlegen, zu welchem Hilfe- oder Therapieangebot Betroffene gehen dürfen. Das hat bereits zu heftiger Kritik von Psychotherapeuten und Ärzten geführt. Ihrer Forderung, die Regelung im Gesetzgebungsverfahren zu streichen, verhelfen drei Psychotherapeutenverbände nun mit einer neuen Petition an den Bundestag Nachdruck.

Aus Sicht des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten (bvvp), der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) und der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (VAKJP) werden psychisch kranke Menschen mit der geplanten „gestuften Steuerung“ diskriminiert.

Eine derartige, vorgeschaltete Selektion hebe den freien Zugang der Patienten zum ärztlichen, psychologischen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten auf und verlängere unnötig das Leiden der Betroffenen, hieß es. Die freie Auswahl des Behand­lers nach eigenem Vertrauen werde Patienten damit genommen oder zumindest massiv eingeschränkt. Kritik üben sie auch daran, dass Psychotherapeuten nach der neuen Regelung nicht mehr entscheiden dürften, ob und wie der betroffene Patient behandelt wird.

„Die beabsichtigte Neuregelung kann nur als der unangemessene Versuch einer Rationierung von Behandlungsleistungen aufgefasst werden, der die Nöte psychisch erkrankter Menschen nicht nachvollzieht“, resümieren die Verbände.

Weiterentwicklung der Versorgung psychisch Kranker hin zu personenzentrierten Ansätzen

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) will zusammen mit der Aktion Psychisch Kranke (APK) die Hilfen für psychisch kranke Menschen weiterentwickeln. Eine Auftaktveranstaltung in diesem auf zwei Jahre angelegten Prozess, der als „Verbändedialog” konzipiert ist, fand am Dienstag in Berlin statt. „Die zunehmende Akzeptanz psychischer Erkrankungen und die verbesserte Diagnostik haben zu einer Verdichtung des Behandlungsgeschehens geführt mit langen Wartezeiten und nicht optimaler Koordination in der Folge – wir brauchen eine bessere Verzahnung der Versorgung und noch mehr Bemühen in Richtung sektorenübergreifender Ansätze”, sagte Heiko Rottmann-Großner vom BMG. Ziel sei ein personenzentrierter Ansatz. „Wir wollen herausfinden, welche Maßnahmen wirken und wo es noch Handlungsbedarf gibt.”

„Am Ende dieser Legislaturperiode wird die Psychiatrie-Enquete 40 Jahre alt – wir haben viel erreicht, aber noch nicht genug”, betonte Jörg M. Fegert, stellvertretender Vorsitzender der APK. Das Konzept der personenzentrierten Hilfen, bei denen vom Patienten aus gedacht wird und nicht von der Einrichtung  oder vom Leistungs­erbringer aus, sei bereits mit der Enquete 1971 entwickelt worden. Damals ging es auch darum, die Betroffenen im Sinne von Partizipation in die Behandlung mit einzubeziehen. Die Selbsthilfe organisiere sich seit 1985 und habe vielfältige Erfolge vorzuweisen.

Flächendeckende Etablierung sektorenübergreifender Hilfen

„Die flächendeckende Etablierung sektorenübergreifender Hilfen – auch eine Forderung der Psychiatrie-Enquete – ist aber immer noch nicht gelungen”, erklärte Fegert. Verbesserungsbedarf gebe es auch hinsichtlich der Stärkung der Patienten­rechte. Ebenso optimierungsbedürftig seien die Übergänge in der Versorgung psychisch kranker Jugendlicher bis ins junge Erwachsenenalter (Transition). Gestärkt werden müsse auch die gerontopsychiatrische Versorgung.

„Die Wartezeiten auf Therapieplätze sind mit fünf Monaten im Durchschnitt viel zu lang”, kritisierte Wolfgang Greiner, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutach­tung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR). Die meisten Gebiete in Deutschland würden in der Bedarfsplanung als überversorgt ausgewiesen. Grund dafür sei der Anstieg von Psych-Fachärzten und Psychotherapeuten zwischen 2002 und 2017 und insbesondere der Anstieg von ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten seit 2013.

Auslastung der Kassenarztsitze überprüfen

„Der Sachverständigenrat empfiehlt daher unter anderem, die Bedarfsplanung genauer anzuschauen und insbesondere die Auslastung der Kassenarztsitze zu überprüfen”, sagte Greiner. Weiter habe das jüngste Gutachten des SVR empfohlen, intensive ambulante Angebote zu schaffen, die die Lücke zwischen psychiatrisch/psycho­therapeutischer Behandlung und teilstationären Angeboten abdecken. Die Koordinationsverantwortung in der Versorgung psychisch Kranker sollte klar verortet werden. Darüber hinaus sollten die Chancen digitaler Angebote verstärkt genutzt werden, forderte der SVR-Vertreter.

Sektorenübergreifende Versorgung psychisch Kranker: Gefragt ist der Gesetzgeber

Der Sachverständigenrat kritisiert, dass sich die Sektorengrenzen bei der Versorgung psychisch Kranker besonders negativ bemerkbar machen. Es mangelt an Koordination und Kooperation. Die langen Wartezeiten im ambulanten Bereich treiben die Betroffenen in die Kliniken. Die Koordination der Versorgung psychisch kranker Menschen ist nicht einfach, zumal das System sehr komplex und fragmentiert ist.

Fokus auf die ambulante psychiatrische Versorgung

„Die Weiterentwicklung der Psychotherapie hat in den letzten Jahren viel Energie gebunden – das System der ambulanten psychiatrischen Versorgung braucht jetzt wieder mehr Aufmerksamkeit”, forderte Frank Bergmann, Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bei der Veranstaltung. Psychotherapeutisches Handeln sei von der psychiatrischen Tätigkeit nicht abzukoppeln. „Aber wir haben versäumt, die Strukturen anzupassen, Psychiater werden behandelt wie alle anderen Fachärzte auch, trotz anderer Bedingungen.“ Das müsse sich ändern, forderte der Psychiater und Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KV-NO).

Den Ausbau einer koordinierten sektorenübergreifenden Behandlung für psychisch Kranke hält auch Bergmann für essenziell. „Wir üben mit dem NPPV-Modellprojekt in Nordrhein gerade, wie man mit einem Bezugsarzt oder –psychotherapeuten die Versorgung koordiniert.” Auch der Anschluss an die gemeindepsychiatrische Versorgung und an die Kliniken sei in dem Modell geregelt. Das NPPV-(Neurologisch-psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung-)Projekt erprobt eine gestufte, koordinierte Versorgung im Gebiet der KV-NO. Das Projekt wird seit Oktober 2017 vom Innovationsfonds gefördert und läuft über vier Jahre.

„Wir brauchen keine zentrale Stelle, die alle Patienten durch das System schleust“

Die Ergebnisse des Modellprojekts ebenso wie eine Evaluation der im April 2017 initiierten Strukturreform der ambulanten Psychotherapie sollten nach Ansicht des KBV-Vertreters erst einmal abgewartet werden, bevor neue Gesetzesänderungen beschlossen werden. „Eine zentrale Stelle, die alle Patienten durch das psychiatrische/psychotherapeutische Versorgungssystem schleust, brauchen wir nicht – die psychotherapeutischen Sprechstunden und die Akutbehandlung funktionieren gut“, sagte Bergmann mit Bezug auf einen Passus im Kabinettsentwurf für ein Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG).

Im TSVG wird gefordert, dass die psychotherapeutische Behandlung „im Rahmen einer gestuften und gesteuerten Versorgung“ erfolgen solle. Die Kritik an diesem Passus (Paragraf 92 Absatz 6a Sozialgesetzbuch V) von Seiten vieler Berufsverbände und der Bundes­psycho­therapeuten­kammer reißt nicht ab.

Kritik vom GKV-Spitzenverband

Der Vertreter des GKV-Spitzenverbands Thomas Uhlemann äußerte sich überwiegend kritisch insbesondere über die ambulante psychotherapeutische Versorgung. „Die Psychotherapeutensitze in Deutschland sind ungleich verteilt, die Wartezeiten für die Patienten zu lang, es gibt keine Qualitätssicherung und keine Transparenz.“ Zudem müssten Patienten mit schweren psychotischen Störungen oder Essstörungen deutlich länger auf einen Therapieplatz warten, als Patienten mit „leichten“ Beschwerden. „Die Psychotherapeuten können sich die Patienten aussuchen, sie verteilen die Plätze nach Indikation“, glaubt Uhlemann. Dagegen wandte sich explizit KBV-Vertreter Bergmann: „Diese Dichotomie aufrechtzuerhalten, bringt gar nichts.“