Alkoholkonsum bei der Arbeit laut Umfrage weit verbreitet

Das Trinken von Alkohol bei der Arbeit ist offenbar weit verbreitet. Das signalisiert eine Umfrage des Instituts Forsa im Auftrag der DEKRA. Danach kennt jeder Dritte Kollegen, die während der Arbeitszeit Alkohol trinken. Jeder zweite Arbeitnehmer (49 Prozent) gibt an, dass er in seinem Betrieb keine Unterweisung oder Hinweise über die Gefahren von Alkohol und Drogen am Arbeitsplatz erhalten habe. „Alkohol bei der Arbeit und Sucht sind in den Firmen Tabuthemen“, sagte Karin Müller, Leiterin des Bereichs Mensch und Gesundheit bei DEKRA. Vorgesetzte scheuten sich meist, das Thema aktiv anzugehen, obwohl Sucht die Arbeitsleistung der Mitarbeiter mindere und die Gefahr von Arbeitsun­fällen erhöhe, so Müller.

Forsa hat im Vorfeld der Arbeitsschutzmesse A+A in Düsseldorf Anfang November repräsentativ 1.003 Beschäftigte – Angestellte, Arbeiter und Beamte – zum Thema Sucht am Arbeitsplatz befragt.

Mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Befragten gab an, dass es bei ihnen im Betrieb ihres Wissens Mitarbeiter gibt, die während der Arbeitszeit Alkohol trinken. Elf Prozent sagten, dass es Mitarbeiter gibt, die dies regelmäßig tun. 25 Prozent geben an, dass Kollegen gelegentlich während der Arbeitszeit Alkohol trinken, etwa zu bestimmten Anlässen. Dass in ihrem Betrieb ihres Wissens keiner der Kollegen während der Arbeitszeit Alkohol trinkt, geben 53 Prozent der Befragten an.

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Bei 55 Prozent der von Forsa Befragten ist der Genuss von Alkohol im Betrieb während der Arbeitszeit generell nicht gestattet. 36 Prozent sagen, der Alkoholgenuss sei nur zu bestimmten Anlässen wie Geburtstagsfeiern oder Jubiläen während der Arbeitszeit erlaubt. Eine Minderheit von drei Prozent der Befragten gab an, dass der Genuss von Alkohol bei ihnen im Betrieb während der Arbeitszeit generell erlaubt sei.

DEKRA rät Unternehmen, im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements Führungskräfte und Mitarbeiter präventiv für einen professionellen Umgang mit dem Problem Sucht zu schulen und zu sensibilisieren. Zudem könnten Betriebsärzte Hilfsangebote unterbreiten. 

Nabiximols kann Cannabiskonsum vermindern

Eine Substitution mit Nabiximols, einer Mischung aus Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), hat in einer randomisierten Placebo-kontrollierten Studie in JAMA Internal Medicine die Psychotherapie der Cannabis-Abhängigkeit unterstützt (2019; doi: 10.1001/jamainternmed.2019.1993).

In Australien konsumiert jeder 10. Erwachsene Cannabis. Von diesen wiederum zeigt jeder 10. Symptome einer Abhängigkeit, zu denen kognitive, psychiatrische und allgemeine körperliche Symptome gehören. Denn der tägliche hochdosierte Konsum der Cannabisdroge bleibt nicht ohne gesundheitliche Folgen. Entsprechend hoch ist die Nachfrage nach Behandlungen der Cannabis-Abhängigkeit.

Die Effektivität der derzeitigen Therapie ist nach Einschätzung von Nick Lintzeris gering. Die Rückfallquote liege bei 80 %, schreibt der Leiter der „Drug & Alcohol Services“ an der Universität Sydney. Die Ärzte haben deshalb ein Behandlungsprinzip erprobt, das bei Tabak- oder bei Heroinabhängigen angeboten wird. Sie kombinieren die Psychotherapie mit einer Substitution der Droge, die zur Abhängigkeit geführt hat.

An der Phase 3-Studie nahmen insgesamt 128 Erwachsene im Alter von durchschnittlich 35 Jahren teil. Sie hatten an 25,7 der letzten 28 Tage im Mittel täglich 2,3 Gramm Cannabis konsumiert. Alle litten unter den Folgen des Konsums und hatten sich freiwillig um eine Therapie beworben.Die Studie wurde von der Universität gesponsert, der Hersteller war nicht beteiligt.

Aufklärung allein verhilft häufig nicht zu einem drogenfreien Leben

Die Behandlung besteht aus 6 strukturierten Sitzungen einer kognitiven Verhaltenstherapie. Dort werden die Patienten zunächst über die Ursachen ihrer Abhängigkeit aufgeklärt. Anschließend werden ihnen Wege zu einem drogenfreien Leben aufgezeigt. Diese Behandlung allein führt häufig nicht zum Ziel, weshalb sie in der Studie um eine Substitution mit Nabiximols kombiniert wurde. Das Mittel enthält die beiden Cannabinoide THC und CBD. Es ist – auch in Deutschland – zur Symptomverbesserung bei schwerer Spastizität zugelassen.

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Alle Teilnehmer erhielten ein Spray, das sie bis zu 32 Mal am Tag anwenden sollten. Bei der Hälfte der Teilnehmer enthielt das Spray Nabiximols, bei der anderen Hälfte nur ein Placebo. Primärer Endpunkt der Studie war die Anzahl der Tage, an denen die Teilnehmer (nach eigener Aussage) die Cannabisdroge konsumierten.

Nabiximols verbessert Cannabiskonsum, aber nicht die Lebensqualität

Wie Lintzeris berichtet, konsumierten die Teilnehmer der Placebogruppe während der 12-wöchigen Studienphase an durchschnittlich 53,1 Tagen weiterhin Cannabis, in der Nabiximols-Gruppe dagegen nur an 35,0 Tagen. Die Differenz von 18,6 Tagen war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 3,5 bis 33,7 Tagen statistisch signifikant. Es kamen auch mehr Teilnehmer über eine ganze Woche ohne den privaten Cannabis-Konsum aus (26,5 versus 18,2 %). Der Anteil der Teilnehmer, die den Konsum um mehr als die Hälfte reduzierte war mit 54,1 % fast doppelt so hoch wie in der Placebogruppe (28,9 %).

Zu den Einschränkungen gehört, dass nur etwa die Hälfte der Teilnehmer bis zum Ende der Behandlung an der Studie teilnahm. Die Substitution hatte auch keinen nachweisbaren Einfluss auf die Entzugssymptome oder das „Craving“, und im Fragebogen SF36 zur Lebensqualität waren ebenfalls keine Vorteile zu erkennen. 

Forscher untersuchen Schach als ergänzendes Therapieangebot

Wissenschaftler um Sabine Vollstädt-Klein vom Zentralinstitut für Seeli­sche Gesundheit (ZI) in Mannheim untersuchen, ob sich Schach als ergänzendes Therapieangebot bei suchtkranken Patienten positiv auf die Behandlung auswirkt und zu messbaren Veränderungen im Gehirn führt.

„Das schachbasierte kognitive Training ist gerade für suchtabhängige Patienten inter­essant, da vermutlich genau die Gehirnbereiche gestärkt werden, die bei Abhängig­keits­erkrankungen stark beeinträchtigt sind“, erläutert die Wissenschaftlerin.

Das schachbasierte kognitive Training unterscheidet sich von einer klassischen Schachpartie: Es findet im Rahmen einer Gruppentherapie statt. Die Therapeuten arbeiten mit einem Demobrett, auf dem Schachpositionen zu sehen sind. Im Laufe einer Sitzung wird jeder Patient gebeten, eine Aufgabe am Demo-Brett zu lösen.

„Dazu müssen die Teilnehmenden keine guten Schachspieler sein. Sie lernen aber im Laufe des Trainings mehr über das Spiel und mögliche Spielzüge“, hieß es aus Mann­heim. Die Therapie soll bei Suchtkranken Gehirnregionen stärken, die für Entschei­dungsfindung und Kontrolle wichtig sind. Die Forscher hoffen, dass sich durch das Training die Rückfallquote bei Suchtpatienten vermindern lässt.

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Schachbasiertes kognitives Training hat laut Vollstädt-Klein zudem den Vorteil, dass es oft als weniger langweilig empfunden wird als andere kognitive Trainings. Zudem könnten Patienten nach einer Therapie das Spiel in ihrer Freizeit weiter betreiben, was soziale Kontakte fördern könne. 

Vollstädt-Klein ist aktive Schach-Turnierspielerin und Gründungsmitglied der Inter­nati­o­nal Society for Applied Chess (ISAC), welche die Anwendung von Schach zum Bei­spiel in der Psychotherapie, der Rehabilitation von Patienten und bei der Arbeit mit Flüchtlingen oder autistischen Kindern unterstützt. 

Wissenschaftler stellen Test für Computerspielsucht vor

Einen Test zur epidemiologischen Erfassung von Computerspielsucht, auch „Gaming Disorder“ genannt, haben Wissenschaftler der Universität Ulm um Christian Montag veröffentlicht. Parallel zu ihrer Veröffentlichung im Fachjournal International Journal of Mental Health and Addiction (2019; doi:10.1007/s11469-019-00088-z) machen die Forschenden den „Gaming Disorder Test“ im Internet auch in deutscher Sprache öffentlich zugänglich.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation WHO hat die Diagnose „Gaming Disorder“ in den neuen Krankheitskatalog ICD-11 aufgenommen, den die Weltgesundheitsver­samm­lung im Mai in Genf beschlossen hat. 

Wer sein Gamingverhalten nicht mehr kontrollieren kann, dem Computerspiel Priorität gegenüber anderen Aktivitäten einräumt und an diesem Verhalten trotz negativer Kon­sequenzen nichts ändert, könnte gemäß WHO-Definition unter Computerspiel­sucht lei­den. Laut der WHO kann jedoch erst von Computerspielsucht ausgegangen wer­den, wenn Betroffene dieses Verhaltensmuster über mindestens 12 Monate zeigen und es zu schweren Beeinträchtigungen des Familienlebens, der Ausbildung oder der Arbeitsleistung kommt. 

Der neue Onlinefragebogen orientiert sich an den Kriterien der WHO und erfasst Gamingaktivitäten der vergangenen 12 Monate bis zum Tag der Erhebung auf einer Skala von 1 bis 5. Ziel des psychometrischen Instruments ist laut den Forschern we­niger die Diagnose als die Erforschung von Auswirkungen des exzessiven Spielens. Studienteilteilnehmer erfahren daher lediglich, ob ihre Ergebnisse im Vergleich mit allen Probanden eine Tendenz zur „Gaming Disorder aufweisen.

„Exzessives Videospielen ist schon heute ein ernst zu nehmendes Gesundheitsrisiko in asiatischen Ländern und ein aufkommendes Problem in Europa. Um große, inter­nationale Studien durchführen zu können, haben wir das neue Instrument kulturüber­greifend konzipiert und in China sowie Großbritannien getestet“, erläuterte Christian Montag, Heisenberg-Professor sowie Leiter der Abteilung für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm.

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Die Stichprobe umfasste 236 junge Chinesen, die an einer Universität in Beijing stu­dierten, sowie 324 britische Studierende aus dem Großraum London und aus den East Midlands. Das Durchschnittsalter betrug 23 Jahre. Ausschlusskriterium für die Teilnahme an der Onlinebefragung war die Angabe, in den letzten 12 Monaten kein Videospiel gespielt zu haben.

Nach Abschluss der Erhebung haben die Forscher überprüft, ob sich das Instrument zur Messung der Computerspielsucht eignet („Validität“) und ob es das Konstrukt zu­verlässig misst („Reliabilität“). 

Zudem konnten sie erste Rückschlüsse auf das Gamingverhalten der untersuchten chinesischen und britischen Studierenden ziehen. So unterschied sich das Vorkomm­en der Computerspielsucht nach WHO-Kriterien zwischen beiden nationalen Gruppen nicht signifikant. Im Mittel gaben die Studierenden an, 12 Stunden in der Woche zu spielen.

Dabei verbringen sie fast die Hälfte dieser Zeit (46 %) am Wochenende alleine vor dem Computer oder sonstigen mobilen Endgeräten. 36 Teilnehmende (6,4 %) berichteten von großen Problemen im Alltag aufgrund ihres Spielverhaltens und könnten somit die Diagnosekriterien der WHO erfüllen. 

Videospielende Kinder und Jugendliche sind nicht dicker

Das Klischee vom übergewichtigen Computerspielenerd könnte der Realität entsprechen – aber nur im geringen Maß und auch nur bei Er­wachsenen und nicht bei Kindern und Jugendlichen. Das zeigen Forscher der Univer­sität Würzburg, der Universität Linz und dem Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg in einer Metastudie, die in Social Science and Medicine erschienen ist (2019; doi: 10.1016/j.socscimed.2019.05.030).

Insgesamt wurden 20 Studien mit mehr als 38.000 Teilnehmern ausgewertet. Der Zu­sammenhang zwischen Videospielen und Übergewicht beziehungsweise Körper­mas­se zeigt sich aber nur in geringem Umfang. Lediglich 1 % des individuellen Überge­wichts kann demnach durch die Zeit mit Videospielen erklärt werden.

Der Zusammenhang konnte auch nur bei Erwachsenen nachgewiesen werden. Die Studienlage bei Kindern und Jugendlichen widerspreche dem Stereotyp, erklärte Mar­kus Appel, Kommunikationspsychologe an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg.

„Es ist möglich, dass es sich um kumulierte Effekte handelt“, sagte Erstautorin Caro­line Marker. Mechanismen, die zu Gewichtszunahme führen, wirkten eher über länge­re Zeiträume. Eventuell hätten Erwachsene über die Jahre mehr Zeit mit Videospielen verbracht als Jugendliche, die sich oft nur vorübergehend intensiv mit Videospielen beschäftigten.

Über 34 Millionen Gamer gibt es laut Bundesverband Game in Deutschland. Sie zocken auf Smartphones und Tablets, PCs und Spielekonsolen. Gleichzeitig sind viele Bundesbürger übergewichtig – nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung 59 % der Männer und 37 % der Frauen.

Studien zeigen, dass Fernseh-Sofahocker durchaus ordentlich Gewicht zulegen können. Auf die Frage, warum das bei Gamern nicht so ist, liefert die neue Meta­analy­se keine eindeutige Antwort. Die Autoren haben mehrere mögliche Erklärungen: Zum einen verbrauche Spielen trotz des Sitzens mehr Energie als Fernsehen. Zum ande­ren sei Knabbern beim Fernsehen einfacher als beim Zocken. Außerdem könne TV-Werbung zu kalorienreichen Speisen verführen.

Zudem hatte kürzlich die MoMo-Studie (Motorik-Modul) in Deutschland ergeben, dass daddelnde Kinder sich nicht unbedingt weniger bewegen. Allerdings bewegen sich Kinder und Jugendliche demnach allgemein immer weniger. Die körperliche Alltags­aktivität in der Gruppe der 4- bis 17-Jährigen sank der Untersuchung zufolge in den vergangenen 12 Jahren um mehr als ein Drittel (37 %).

Weniger Zeit beim Sport

Eine weitere Korrelation könnte den beobachteten Zusammenhang erklären: „Wir haben einen signifikanten indirekten Effekt gefunden, der zeigt, dass Menschen, die mehr Zeit mit Videospielen verbringen auch weniger Zeit mit Sport verbringen und daher ein höheres Körpergewicht haben“, schreiben die Autoren. Andere Faktoren, wie zum Beispiel eine ungesunde Ernährung vor der Spielekonsole oder Schlafman­gel, konnten aufgrund zu weniger Studien nicht überprüft werden.

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Für die Studie betrachteten die Wissenschaftler nur Spiele, bei denen Menschen sit­zen und Knöpfe drücken. Aktive Spiele mit größeren Bewegungen, wie etwa Wii-Sports oder Pokémon Go, können anderen Untersuchungen zufolge sogar Überge­wicht vorbeugen. Laut einer Metaanalyse aus dem Jahr 2015 können sie für die Ge­sundheit von Kindern und Jugendlichen genauso förderlich sein wie Bewegung im Freien.

In der Vergangenheit haben sich schon einige Forscher mit der Frage beschäftigt, inwiefern Videospiele und Übergewicht zusammenhängen. „Übergewicht und Fett­lei­bigkeit werden meist mit Medienkonsum im Sitzen verbunden, wie Fernsehen oder nichtaktive Videospiele“, schreibt das Forscherteam. Doch die einzelnen Untersuchun­gen kamen bislang zu unterschiedlichen Ergebnissen. 

Fast zwei Millionen Menschen in Deutschland tablettensüchtig

In Deutschland sind fast zwei Millionen Menschen tablettensüchtig. Von den 1,96 Millionen Betroffenen seien allein 1,6 Millionen abhängig von Schmerzmitteln, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine FDP-Anfrage hervorgeht. Weitere 361.000 Menschen sind süchtig nach Schlafmitteln, andere wiederum nach Aufputsch­pillen, berichtet die Bild.

Wie die Daten zeigen, sind 4,9 Prozent der Männer über 60 Jahren und 3,4 Prozent der Frauen zwischen 18 und 20 Jahren abhängig von Schmerzmitteln. Unter Frauen zwischen 40 und 49 Jah­ren betrifft dies 4,5 Prozent.

Die durch Medikamentenmissbrauch entstehenden volks­wirt­schaftlichen Folgekosten schätzt die Bundesregierung unter Berufung auf die Bundes­ärzte­kammer auf rund 14 Milliarden Euro jährlich.

Die Opposition im Bundestag forderte mehr Engagement im Kampf gegen Medikamen­ten­abhängigkeit. „Die Regierung betreibt weder eine wirksame Aufklärungs- und Präven­tions-Strategie, noch greift sie gegen die illegale Produktion und den illegalen Handel mit Medikamenten durch“, kritisierte der drogen- und suchtpolitische Sprecher der FDP, Wieland Schinnenburg, in der Bild. Nötig sei eine klare Strategie gegen den Missbrauch von legalen und illegalen Medikamenten. 

Metaanalyse: Früher Cannabiskonsum erhöht Depressions- und Suizidrisiko im Erwachsenenalter

Während immer mehr Länder den Cannabiskonsum legalisieren und die THC-Droge zunehmend zu medizinischen Zwecken eingesetzt wird, warnen Epidemiologen vor den Folgen für die Gehirne jugendlicher Menschen. Eine Metaanalyse in JAMA Psychiatry (2019; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.4500) kommt zu dem Ergebnis, dass ein Cannabiskonsum vor dem 18. Lebensjahr das Risiko auf spätere Depressionen und Suizide erhöht.

Tetrahydrocannabinol (THC) und andere Bestandteile von Cannabis sativa oder indica wirken auf Cannabinoidrezeptoren in Hippocampus, Basalganglien und auch im Cortex. Dies mag für den Moment ein erhebendes Gefühl ergeben, das Sorgen und Schmerzen verdrängt und vielleicht auch kognitive Hemmungen beseitigt. Wie andere Pharmaka hat THC jedoch Risiken und Nebenwirkungen, zu denen möglicherweise Ängste und Depressionen gehören. Und da das Gehirn von Teenagern eine Entwicklungsphase durchläuft, könnten diese Risiken auch von Dauer sein. 

Da es kaum Ergebnisse aus randomisierten klinischen Studien gibt, in denen THC etwa mit anderen Schmerzmitteln verglichen würde, sind die Forscher bei ihrer Bewertung auf die Ergebnisse epidemiologischer Studien angewiesen. Diese sind prinzipiell fehleranfällig, da es natürlich sein kann, dass Menschen mit Depressionen und Ängsten eher dazu neigen könnten, sich durch den einen oder anderen „Joint“ zu entspannen. Eine Assoziation könnten dann Folge einer reversen Kausalität sein. 

Gabriella Gobbi von der McGill Universität in Montreal und Mitarbeiter nehmen jedoch für sich in Anspruch, von den zahlreichen seit 1993 publizierten Studien nur jene 11 ausgewählt zu haben, die den höchsten Qualitätsansprüchen an Metaanalysen genügen. Diese Studien hatten 23.317 Jugendliche im Alter von unter 18 Jahren nach ihrem Cannabiskonsum befragt und die Antworten dann mit späteren psychischen Erkrankungen in Beziehung gesetzt.

Für die Entwicklung einer späteren Depression fanden die Forscher eine Odds Ratio von 1,37, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,16 bis 1,62 signifikant war. Der Heterogenitätsindex I2 betrug 0 %. Das heißt: Die Zusammensetzung der Kohorten und die Messinstrumente waren ähnlich. Es wurden also nicht „Äpfel mit Birnen“ verglichen. Eine Odds Ratio von 1,37 bedeutet, dass das Risiko für den einzelnen Konsumenten relativ gering ist. Da der Cannabiskonsum weit verbreitet ist, kann aber auch ein geringer Anstieg des individuellen Risikos für eine größere Anzahl von Erkrankungen in einer Bevölkerung verantwortlich sein. Für die USA, wo jeder fünfte Jugendliche gelegentlich einen „Joint“ raucht, könnte der Anteil der Depressionen, der durch Cannabis verursacht wurde (attributables Risiko), 7,5 % betragen (für Deutschland wären die Zahlen deutlich niedriger).

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Für Angstzustände ließ sich keine eindeutige Assoziation nachweisen. Die Odds Ratio von 1,18 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,84 bis 1,67 nicht signifikant, was an der hohen Heterogenität (I2 = 42 %) zwischen den Studien gelegen haben könnte.

Eine Folge von Depressionen sind Suizide. Sowohl für Suizidgedanken (Odds Ratio 1,50; 1,11-2,03; I2 = 0 %) als auch für Suizidversuche (Odds Ratio 3,46; 1,53-7,84, I2 = 61,3 %) konnte Gobbi eine signifikante Assoziation nachweisen. Für einige Konsumenten könnte der leichtfertige Umgang mit der Droge deshalb tödliche Folgen haben – was den Ruf von Cannabis als eigentlich harmlose Droge infrage stellt – sofern den Assoziationen denn eine Kausalität zugrunde liegt.

Beweisen kann Gobbi dies nicht. Sie kann allerdings auf zahlreiche Tierversuche hinweisen, in denen die regelmäßige Exposition mit THC zu depressiven Verhaltensweisen geführt hat. Und in jüngster Zeit wurde in bildgebenden Verfahren (in der Regel Magnetresonanztomografie) ein Rückgang der grauen Substanz ausgerechnet in den Regionen (Hippocampus, Amygdala, präfrontaler Cortex) gefunden, in denen sich die meisten Endocannabinoid-Rezeptoren befinden). Ganz sicher können sich Jugendliche Cannabiskonsumenten deshalb nicht sein, dass die von der Forschung aufgetischten Daten für sie nicht relevant sind. 

Alkoholkonsum von Teenagern könnte emotionales Zentrum des Gehirns dauerhaft verändern

Menschen, die bereits als Jugendliche mit dem Alkoholkonsum begannen, wiesen bei ihrem Tod im Alter von Ende 50 Veränderungen in den Amygdalae auf, die nach Ansicht von Forschern in Translational Psychiatry (2019; 9: 34) die emotionalen Probleme und die erhöhte Suchtneigung erklären, die mit einem frühen und exzessiven Alkoholkonsum verbunden sind.

Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass Menschen, die als Jugendliche zu Alkoholexzessen neigen („Binge-Trinken“), später 4-mal häufiger alkoholabhängig werden als Menschen, die erst als Erwachsene regelmäßig Alkohol trinken. Hirnforscher vermuten deshalb, dass der Alkoholkonsum in einer Zeit, in der das Gehirn einem Umbauprozess unterworfen ist, nachhaltige Schäden anrichten könnte. Eine mögliche Folge, die ebenfalls in epidemiologischen Studien beobachtet wurde, ist eine emotionale Labilität.

Ein wichtiges Hirnzentrum für die Verarbeitung emotionaler Signale sind die beiden Corpora amygdaloideum (kurz Amygdalae). In diesen kleinen Hirnregionen werden eintreffende Informationen einer Gefahrenanalyse unterzogen. Bei einer Bedrohung wird ohne weitere Rückfrage in höheren kognitiven Zentren eine Angst- und Alarmreaktion ausgelöst. Menschen, bei denen die Amygdalae beidseitig geschädigt sind, kennen keine Angst. Selbst in lebensbedrohlichen Situationen machen sie keine Anstalten zu einem Rettungsversuch.

Ein Team um Subhash Pandey von der Universität von Chicago hat die Amygdalae von 44 Personen untersucht, die im Alter von Ende 50 gestorben waren und deren Lebensgeschichte bekannt war: 11 Personen hatten bereits als Jugendliche (vor dem 21. Lebensjahr) mit einem starken Alkoholkonsum begonnen. Weitere 11 Personen hatten erst im Erwachsenenalter zu trinken begonnen. Beide Gruppen waren bei ihrem Tod alkoholabhängig. Die dritte Gruppe von 22 Personen hatte keine Alkoholprobleme.

In den Amygdalae der Personen, die bereits als Jugendliche Alkohol getrunken hatten, wiesen die Forscher zu 30 % mehr BDNF-AS nach. Es handelt sich um ein Steuergen für den Wachstumsfaktor BDNF („brain-derived neurotrophic factor“). BDNF ist ein wichtiger Faktor für die Entwicklung des Gehirns, im Erwachsenenalter beeinflusst er die Plastizität des Gehirns. Da das Steuergen BDNF-AS die Produktion von BDNF hemmt, war die BDNF in dem Gehirn der „früheren Trinker“ vermindert. Ähnliche Veränderungen waren bei den „späten Trinkern“ und in der Kontrollgruppe nicht nachweisbar.

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Eine verminderte BDNF-Konzentration in den Amygdalae könnte auf eine verminderte emotionale Lernfähigkeit hindeuten, schreibt Pandey. Dies würde erklären, warum Menschen, die als Jugendliche exzessiv Alkohol trinken, im Erwachsenenalter häufiger emotionale Probleme haben und zum Alkoholabusus neigen.

Pandey führt die Langzeitwirkung auf epigenetische Störungen zurück. Dabei handelt es sich um Veränderungen in der DNA-Methylierung. Mit der Anheftung von Methylgruppen können Gene dauerhaft abgeschaltet werden. Im Fall BDNF-AS scheint bei frühen Trinkern eine notwendige DNA-Methylierung nicht zu erfolgen. 

Common alcoholic beverages
Von TrafficJan82
Eigenes Werk, Gemeinfrei,
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Drogenbeauftragte: Cannabiskonsum für Jugendliche nicht verharmlosen

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) hat erneut vor gesundheitlichen Gefahren des Cannabiskonsums gewarnt und sich für mehr Aufklärung an Schulen ausgesprochen. „Vor allem für Kinder und Jugendliche kann Kiffen zum Problem werden“, sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Eine Reihe von Studien zeige deutlich, wie sich der Cannabiskonsum auf die Gehirnentwicklung gerade bis Anfang 20 auswirken könne, so die Politikerin.

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„Die Folgen des Konsums von Cannabis werden in der öffentlichen Debatte häufig verharmlost“, kritisierte Mortler. Nur weil manche Erwachsenen meinten, mit Cannabis kein Problem zu haben, sei die Droge für andere noch lange nicht harmlos. Die Bundesregierung werde in den kommenden Jahren mehr Geld in die Präventionsarbeit stecken, kündigte sie an.

Laut einer neuen Studie eines internationalen Forscherverbundes kann Cannabis bei jungen Konsumenten schon in minimalen Mengen merkliche Veränderungen des Gehirns hervorrufen. Der im Dezember veröffentlichte Jahresbericht der deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht geht davon aus, dass knapp sieben Prozent der 12- bis 17-Jährigen Cannabis konsumiert. Mehr als doppelt so viele Jungen wie Mädchen würden die Droge nehmen. 

Von ashtonFlickr: When in Amsterdam…, CC BY 2.0, Link

Alkoholabhängigkeit hat ähnliche genetische Grundlagen wie psychiatrische Störungen

WissenschaftlerInnen unterBeteiligung von ZI-Forschern konnten aufzeigen, dass Alkoholabhängigkeit undeinige psychiatrische Störungen teilweise gemeinsame genetische Grundlagenhaben.


Die Anfälligkeit eines Menschen, alkoholabhängig zu werden, ist vererbbar. Obwohl dies schon länger bekannt ist, wissen wir wenig über die genetischen Grundlagen von Alkoholabhängigkeit und deren Verbindung zu anderen psychiatrischen Störungen. Unter Beteiligung von Forscherinnen und Forschern des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim hat eine Gruppe von internationalen Wissenschaftlern nun erstmals herausgefunden, dass deutliche genetische Zusammenhänge zwischen Alkoholabhängigkeit und 17 verschiedenen psychiatrischen Störungsbildern bestehen, darunter Schizophrenie,Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Depression und Konsum von Zigaretten und Cannabis.

Daten von fast 15.000 Alkoholabhängigen analysiert
Die Forscherinnen und Forscher haben dafür die bisher größte genomweite Studie in diesem Forschungsfeld durchgeführt. Sie analysierten genetische Daten von fast 15.000 Personen mit diagnostizierter Alkoholabhängigkeit und verglichen diese mit Daten von fast 38.000 gesunden Personen. Die Daten stammen von Menschen aus Europa und Afrika.

Widerstandskraft von Betroffenen stärken
Zudem fanden die Forscher heraus, dass sich die genetischen Ausprägungen von Alkoholabhängigkeit nur teilweise mit denen des Alkoholkonsums überschneiden.„Das unterstreicht die Unterscheidung zwischen pathologischem und nicht-pathologischem Trinkverhalten“, sagt Prof. Dr. Marcella Rietschel, Direktorin der Abteilung Genetische Epidemiologie in der Psychiatrie, die an der Studie beteiligt war. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass der genetische Ansatz erfolgreich ist, Zusammenhänge aufzuklären, die bislang nur vermutet werden konnten. „Nun sind vor allem detailliertere Untersuchungen von vielen Patienten von Nöten, um herauszufinden, wie genau die genetischen Faktoren dazu beitragen, dass jemand abhängig wird“, sagt Prof. Dr. Falk Kiefer, ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am ZI. Auf diese Weise hoffen die Forscher, bessere Wege zu finden, um die Widerstandskraft(Resilienz) von Betroffenen zu stärken.

Originalpublikation:
Transancestral GWAS of alcohol dependence reveals common genetic underpinnings with psychiatric disorders, Nature Neuroscience, DOI:10.1038/s41593-018-0275-1.
Weitere Informationen finden Sie unter
https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/alkoholabhaengigkeit-hat-aehnliche-genetische-grundlagen-wie-psychiatrische-stoerungen.html